„Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung“ – Stefanie Rösch, 2013

Ihr Suchbegriff Gefühle

Verhalten ändern – Gewohnheiten bestimmen unsere Gefühle

13.04.2020 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Zusammenfassung eines Interviews mit Joe Dispenza

Ich habe die Inhalte des Video hier zusammengefasst. Die ausführlichere Übersetzung/ Zusammenfassung können Sie als pfd downloaden. Es sind knapp sechs Seiten, das wollte ich Ihnen hier nicht zumuten. Im Folgenden das Video (leider geht das nur mit einer Weiterleitung zu YouTube, also bei Interesse am englischen ORiginal einfach auf das Bild klicken) und darunter die wichtigsten Aussagen.

Eine Gewohnheit ist eine Abfolge von automatisch ablaufenden, unbewussten Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die durch Wiederholungen entstand. Gefühle sind das Ergebnis von Erfahrungen. Das Gehirn ist ein Archiv der Vergangenheit. In dem Moment, in dem wir uns erinnern, fühlen wir uns plötzlich so wie zum Zeitpunkt der Erinnerung.

Wenn wir den Tag damit beginnen, was wir gestern erlebt haben, wird unser Gemütszustand am Morgen durch die Vergangenheit bestimmt.

Jeden Tag absolvieren Sie eine Routine von Verhaltensweisen. Sie stehen immer auf der gleichen Seite des Bettes auf, gehen aufs Klo und holen sich eine Tasse Tee. Wir tun immer die gleichen Dinge und sehen immer die gleichen Menschen. Wir drücken gegenseitig immer wieder die gleichen emotionalen Knöpfe. Das ist wie ein Programm. Wenn das Programm läuft, haben Sie ihren freien Willen verloren und es ist niemand anderes, der ihnen das antut. Sie machen es selbst.

Im Alter von 35 bestehen 95% von dem, wer wir sind, aus einem Muster von gelernten emotionalen und Verhaltensreaktionen, unbewussten Gewohnheiten, stabilen Einstellungen, Überzeugungen und Wahrnehmungen. Das heißt, die Person kann mit den 5% ihres Bewusstseins sagen, was sie will, aber der Körper läuft nach einem völlig anderen Programm.

Da stellt sich die Frage, wie man Veränderung beginnen kann. Für viele Menschen braucht es dafür eine schwere Krise durch Verletzung, Krankheit oder eine andere Tragöde. Plötzlich wird es möglich, alte Gewohnheiten drastisch zu verändern.

Wie kann man seine 5% freien Willen, sein Bewusst sein für Veränderung einsetzen?

Veränderung ist immer erstmal unangenehm, weil es bedeutet, etwas zu tun, was wir noch nie vorher getan haben. Unser Körper mag Veränderungen nicht. Das bedeutet, er wird alles machen, um uns in der (sicheren, funktionierenden, weil vorhersehbaren) alten Gewohnheit zu halten. Unser Körper arbeitet gegen Veränderungen. Er macht Spannung. Er schickt uns all die Überzeugungen, die uns an einer Veränderung hindern: Du schaffst das sowieso nicht. Das ist gefährlich. Das macht Dir Angst. Das wiederum macht negative Gefühle, die dann darin münden, dass wir das alte Verhalten wieder zeigen.

Der Körper kann nicht zwischen den Gefühlen aufgrund einer Erfahrung und den Gefühlen, die wir allein durch unsere Gedanken auslösen unterscheiden. Das bedeutet, negative Gedanken führen zu negativen Gefühlen, die altes verhalten verstärken. Dieses Verhalten wird deswegen verstärkt, weil wir in der Vergangenheit gelernt haben, dass das Verhalten uns ein besseres Gefühl gemacht hat. Zumindest kurzfristig.

Das schwierigste an Veränderung ist, nicht immer wieder die gleichen Entscheidungen zu fällen.

Aber in dem Moment, wo man sich anders entscheidet als bisher, muss man sich darauf einstellen, dass es unangenehm wird. Der beste Weg die Zukunft vorherzusagen ist, sie zu schaffen. Welche Gedanken und Gefühle willst Du haben? Welche Verhaltensweisen möchtest Du irgendwann mal nutzen können? Das heißt, wenn wir die Augen schließen und uns vorstellen, wie wir uns verhalten wollen und das immer wieder im Kopf üben und uns vorstellen, werden wir uns am Ende so verhalten, weil das Gehirn den Unterschied zwischen Vorstellung und Erinnerung nicht kennt.

Auf diese Weise installiert man die neurologischen Verbindungen, die so aussehen als hätte man diese Vorstellung schon erlebt, also als wäre diese Vorstellung eine Erinnerung. Auf diese Weise ist das Gehirn nicht länger ein Archiv für die Vergangenheit, sondern eine Karte für die Zukunft. Dadurch wird man sich irgendwann so verhalten, wie man es sich vorgestellt hat. Es wird die neue Gewohnheit.

Dadurch gestalten wir unsere Zukunft.

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Hier gehts zum Download der mehrseitigen Zusammenfassung.

Leserfrage: Schuldgefühle, Hilflosigkeit und unser beider Trauma

10.06.2017 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Der Ex-Freund meiner Freundin verübte im Februar dieses Jahr einen Mordversuch auf mich, während meine Freundin morgens kurz mit ihrem Hund draußen war. Der Täter hatte sich illegal einen Schlüssel zu ihrer Wohnung beschafft und besaß ein Gewehr.

Als meine Freundin vom Gassi gehen zurückkam, sah sie ihn noch im Treppenhaus. Er versuchte meine Freundin mit dem Gewehrkolben niederzuschlagen. Sie wich dem Schlag aus und im Hinauslaufen, rief er ihr noch zu, jetzt Selbstmord zu begehen, was er auch tat. Als sie bei mir war, rief sie: „Was hat er Dir angetan.“

Wenn ich Ihre Seite so lese, habe ich eine PTBS, glaube aber noch, sie selbst in den Griff zu bekommen, da mir weder Krankenhausseelsorger noch Traumaambulanz weitergeholfen haben, auch wenn die Vermeidungsstrategie in bestimmten Belangen bei mir vorherrschend ist. Meine Freundin leidet unter einer größeren Posttraumatischen Belastungsstörung, was mir sehr zu schaffen macht.

Weiterhin gibt sie sich eine Mitschuld, was natürlich rational nicht stimmt, ich hingegen spreche von einer Verantwortung von mir für mich und eine Mitverantwortung für sie, was die Zukunft anbelangt. Ich möchte verstehen, was in ihr vorgegangen sein kann, als sie diese Hilflosigkeit verspürte und möchte vermeiden, dass wir uns gegenseitig triggern, was natürlich als Gefahr vorhanden ist. Können Sie mir dazu Literatur empfehlen? Mir selbst reichen ihre Artikel über die PTBS, um an mir weiter zu arbeiten.

Lieber Leser,

jeder Mensch reagiert anders auf hilflose Momente. Der eine kann vielleicht ganz gut ertragen, dass er wenig oder nichts tun kann, wenn er angegriffen wird. Einen geliebten Menschen fast zu verlieren, ist eine ganz andere Herausforderung an unsere Bewältigungsfähigkeiten. Vor allem, wenn man sich verantwortlich fühlt, was Sie ja beide auf Ihre Art tun. Ihre Freundin fühlt sich für das Verhalten des Täters verantwortlich und Sie für das Befinden/ die Lebenszufriedenheit/ die Sicherheit ihrer Freundin in der Zukunft. Beides ist wie Sie schon richtig festgestellt haben so nicht richtig und nicht hilfreich, wenn die schwierigen Dinge im Leben passieren.

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, warum wir uns verantwortlich und damit überhaupt erst schuldig fühlen: Wir können uns nur schuldig fühlen oder schuldig sein, wenn wir uns auch verantwortlich fühlen oder verantwortlich sind. Verantwortlich können wir nur für etwas sein, das wir auch kontrollieren können, auf das wir also nahezu 100% Einfluss haben.

Was der Täter macht, darauf hat Ihre Freundin 0% Einfluss und damit auch keine Schuld. Das gleiche gilt für die Sicherheit/Lebenszufriedenheit oder das Befinden Ihrer Freundin. Wie es ihr geht, dass hängt zu 100% von Ihrer Freundin ab. Es hängt davon ab, wie Sie eine Situation erlebt und interpretiert. Das bestimmt, wie es ihr geht. Ihre Sicherheit hängt davon ab, ob irgendjemand entscheidet, ihr Böses zu wollen, oder aber von unglücklichen Umständen wie bei einem Unfall.

Wofür wir tatsächlich verantwortlich sind, ist unser Verhalten, unser Befinden und teilweise sicher auch unsere Gesundheit. Nur wir können uns heilen. Unser Körper kann das und unser Verstand/ unsere Seele können das. Niemand sonst.

Wir fühlen uns schuldig, weil es uns die Illusion ermöglicht, wir hätten mehr Einfluss auf das Leben als wir rein rational haben. Wir wollen unsere positive Kontrollüberzeugung (wie Psychologen das nennen) aufrechterhalten. Ohnmachtserfahrungen passen da nicht so recht dazu. Im Grunde müssten wir davon überzeugt sein, dass ich zu 99% Einfluss auf mein Leben habe und es gleichzeitig Dinge gibt, die passieren, ohne dass ich einen Einfluss darauf habe. Dann wäre es leichter mit solchen Erfahrungen umzugehen, wie Sie beide es erleben mussten.

Schuldgefühle sind gefährlich, weil Sie uns dazu verleiten, zu oft in die Vergangenheit zu schauen. Das macht uns unweigerlich immer wieder ohnmächtig, weil wir die Vergangenheit nicht ändern können. Ein zweiter Grund, warum ich Schuldgefühle für gefährlich halte ist, dass Sie uns etwas vormachen. Sie bestärken uns in der Phantasie, mehr Einfluss zu haben, als wir tatsächlich haben. Damit berauben sie uns der Möglichkeit, tatsächlich neue und hilfreichere Strategien zu lernen. Neue Strategien lernen wir nur, wenn wir akzeptieren, dass die bisherigen nicht ausgereicht haben. Ich weiß, ich kann das Risiko mit neuen Strategien weiter minimieren, auch wenn ich nicht für 100%ige Sicherheit sorgen kann. Schuldgefühle können uns von diesem gesunden Wachstumsprozess abhalten und dazu auch noch krankmachen. Deswegen ist es gesund, sich der Realität zu stellen, auch wenn es uns unangenehm ist oder zuerst Angst macht.

Wie Ihre Freundin sich gefühlt hat, müssen Sie Ihre Freundin fragen. Da diese Erfahrungen einzigartig sind und die Menschen auch, kann Ihnen außer Ihrer Freundin niemand sagen, wie es ihr ging.

Es wird auch nicht möglich sein, sich nicht gegenseitig zu erinnern und damit Fehlalarme (Erinnerungsattacken) auszulösen. Mal abgesehen davon, dass das auch nicht hilfreich ist. Im Gegenteil. Über die gemeinsame Erfahrung zu sprechen und darüber, wie Sie sie überlebt und bewältigt haben, ist hilfreich. Sich zu sagen, wie es einem damit gegangen ist und die Gefühle nochmal zu spüren und auszudrücken, hilft dem Gehirn auszusortieren, welche Erinnerungsreize gute Warnreize sind und welche nicht (Zum Thema Warnreiz gibt es hier ausführliche Informationen: PTBS 2 – PTBS 5). In Ihrem Fall wird es so gut wie keine wirklich hilfreichen Warnreize geben, weil der Täter sich selbst gerichtet hat und damit keine Gefahr mehr darstellt.

Der einzige echte und hilfreiche Warnreiz, den ich mir aus Ihrer Schilderung vorstellen kann ist: „Mann mit Gewehr“ oder „Mann mit Waffe“. Wenn Ihr Gehirn wieder einen Mann mit Gewehr sieht, dann ist es gut, wenn es Alarm schlägt, damit Sie sich frühzeitig in Sicherheit bringen können. Alles andere, was eine Erinnerungsattacke (= Fehlalarm) auslöst, macht sehr wahrscheinlich keinen Sinn als Warnreiz (z.B. die Wohnung, das Treppenhaus oder etwas anderes) und wird deswegen über die Zeit hinweg mit neuen Erfahrungen und der bewussten Auseinandersetzung mit der Erfahrung verschwinden. Vermeidungsverhalten verzögert oder verhindert diesen Heilungsprozess, der im Grunde nur ein Sortier-Prozess ist: Das Gehirn sortiert gute und nutzlose Warnreize aus.

Insofern möchte ich Sie dazu ermutigen, über das Erlebte zu reden oder es aufzuschreiben, vielleicht nach den „Spielregeln“ von James Pennebaker (Schreiben hilft), der wissenschaftlich nachgewiesen hat, dass das Schreiben mit Gefühlen und Bedeutungen des Erlebten zu mehr Gesundheit und Lebenszufriedenheit führt.

Helfen Sie Ihrem Gehirn, die Erfahrung in Ihr Leben einzusortieren und zwischen guten und nutzlosen Warnreizen wieder unterscheiden zu lernen.

Ich wünsche Ihnen beiden viel Kraft für Ihren Weg.

Psychologie und Film: Batman Begins, 9 – Der Preis der Schuldgefühle

13.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Einige Monate später taucht Ra´s Al Ghul in Gotham City auf, um die Stadt mit einer Überdosis Halluzinogen sich selbst zerstören zu lassen. In der letzten Konfrontation zwischen den Gegenspielern hat Bruce einen Weg dafür gefunden, Ra´s Al Ghul zu besiegen: „Ich werde Dich nicht töten, aber ich muss Dich auch nicht retten.“ Mit diesen Worten rettet er sich selbst aus dem abstürzenden und explodierenden Zug.

Ra´s Al Ghul gibt sich Bruce schließlich zu erkennen. Er ist gekommen, um Gotham zu zerstören und als erstes Bruce zu töten, damit der ihn nicht daran hindern kann.

Bruce benutzt seine Maske „Verwöhntes Millionärssöhnchen“, um die Gäste seiner Geburtstagsparty rauszuschmeißen und damit zu retten. Damit manövriert er sich jedoch noch weiter in die Isolation. Ra´s Al Ghul zeigt kein Mitgefühl mit ihm und lässt Bruce sterbend in seinem brennenden Haus zurück.

Mithilfe der gleichen Droge, mit der Bruce seinen Ängsten begegnen und sie besiegen konnte, überflutet Ra´s Al Ghul nun die Stadt. Die Menschen attackieren sich gegenseitig in ihren angsteinflößenden Halluzinationen.

Bruce kann das Schlimmste verhindern, indem er den Zug, den sein Vater der Stadt stiftete, in die Luft jagt, bevor es Ra´s Al Ghul gelingt, seine Droge in der ganzen Stadt zu verteilen. In der letzten Konfrontation bleibt Bruce sich insoweit treu, dass er seinen ehemaligen Mentor nicht „von Hand“ tötet, sondern mit dem Zug in die Tiefe stürzen lässt, im Grunde eine Form der Nothilfe für die Stadt und der Notwehr für sich selbst.

Auf den Trümmern seines Hauses gibt er Rachel recht: „Gerechtigkeit ist mehr als Rache.“

Rachel gesteht ihm, dass sie gerne mit ihm zusammen wäre, aber dass der Bruce, den sie sehr mag, nicht mehr da sei. Erst wenn die Stadt Batman nicht mehr brauche, würde sie diesen Bruce vielleicht wieder finden.

Nachdem Ra´s Al Ghul nun beseitigt ist, kann Bruce sich vorstellen, mit Rachel zusammen zu kommen. Doch Rachel will keine Geheimnisse. Sie sieht, was Bruce sich antut, indem er sich selbst verleugnet, um Batman sein zu können. Sie sieht, dass es einen Teil von Bruce gibt, der in Batman eingeschlossen ist. Sie spürt, dass Bruce die Stadt an oberster Stelle stehen hat, weil die Schuld noch nicht beglichen ist: das Gefühl, schuld am Tod seiner Eltern zu sein. Er wird die Stadt über eine Beziehung stellen und Rachel will offensichtlich keinen Partner, für den eine Stadt / die Eltern wichtiger sind als seine Partnerin und der dafür die Hälfte seines Lebens im Verborgenen leben will.

Es ist klar, dass Bruce erst einen Teil seines Weges zurückgelegt hat. Um sich von seiner Vergangenheit, seinen Ängsten und dem Tod seiner Eltern zu befreien, muss er noch ein paar Dinge lernen.

… to be continued … Fortsetzung folgt.

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Link zum Film auf IMDB.com, der meist englischsprachigen größten Filmdatenbank.
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Von Christopher Nolan und David S. Goyer auf IMDB.com

Her mit der Ohnmacht! – Über den Sinn und Unsinn von Schuldgefühlen

25.01.2014 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle 0 Kommentare

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wozu Schuldgefühle gut sind? Für Sie sind diese Gedanken und Gefühle lästig und störend, aus psychologischer Sicht sind sie eine Überlebensstrategie und erfüllen eine wichtige Funktion. Sie geben uns Sicherheit.

Sicherheit, werden Sie fragen? Ja, Sicherheit. Wenn Sie Sich für etwas schuldig fühlen, dann glauben Sie doch, dass Sie etwas Negatives zu verantworten haben. Oder? Wenn Sie Sich schuldig fühlen, dann glauben Sie doch, etwas Negatives bewirkt zu haben, es ausgelöst, es irgendwie gemacht zu haben.

Wenn Sie etwas gemacht haben, dann haben Sie doch entschieden, es zu machen, oder nicht? Wenn Sie es entschieden haben, können Sie auch entscheiden, es nicht mehr zu tun. Das bedeutet, wenn Sie etwas Negatives verursacht haben, für das Sie Sich dann schuldig fühlen, dann können Sie in Zukunft entscheiden, es nicht mehr zu tun.

Und das bedeutet, wenn Sie Sich entscheiden, etwas nicht mehr zu tun, dass dann das Negative auch nicht mehr passieren kann.

Alles logisch soweit, oder?

Ein Beispiel: Wenn Sie in einer Bank arbeiten und zum Geburtstag eines Familienmitglieds wollen, werden Sie einen Kollegen fragen, ob er Ihre Schicht an der Kasse übernehmen kann. Der Kollege sagt zu und einen Tag später erfahren Sie, dass die Bank überfallen und Ihr Kollege dabei schwer verletzt wurde.

Viele Betroffene in ähnlichen Situationen glauben, dass Sie am Unglück des Kollegen schuld sind. Sie fühlen Sich, als hätten Sie ihn selbst und eigenhändig verletzt. Sie glauben, wenn Sie nicht gefragt hätten, die Schicht zu tauschen, dass dann nichts passiert wäre.

Der Denkfehler besteht nur darin, dass all das nicht passiert wäre, wenn der Bankräuber entschieden hätte, den Banküberfall nicht zu machen. Das allein ist die Ursache dafür, dass der Kollege verletzt wurde. Dass es den Kollegen erwischt hat, war Zufall, wären Sie dagewesen, hätte es Sie erwischt oder vielleicht eine andere Person. Allein der Bankräuber hätte verhindern können, dass niemand zu Schaden kommt, indem er den Raub gar nicht erst unternommen hätte.

Es gibt viele Beispiele, in denen wir glauben – man kann schon fast sagen, uns einbilden – etwas bewirkt zu haben, auf das wir keinerlei Einfluss hatten. Immer dann, wenn Sie Sich schuldig fühlen, sollten Sie gut prüfen, ob Sie es tatsächlich hätten verhindern können und wer die echte, unmittelbare Ursache für etwas gesetzt hat.

Wenn es kein Unfall ist, dann ist es immer der Täter, der die volle Verantwortung für die Folgen seines Tuns hat.

Aber unser Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle (Grundbedürfnisse) ist so groß, dass wir uns lieber schlecht, schuldig fühlen, weil wir uns einbilden, etwas verursacht zu haben, auf das wir keinen Einfluss hatten, als zu akzeptieren, dass es Dinge im Leben gibt, denen wir ohnmächtig ausgeliefert sind.

Üben Sie Sich darin zu akzeptieren, dass Ohnmacht zum Leben dazu gehört. Ja, wir haben Einfluss auf unser Leben. Ich stelle mir immer vor, dass ich in 80% meiner Lebenssituationen beeinflussen kann, wie diese Situationen verlaufen. Wahrscheinlich ist auch diese Annahme noch ziemlich „größenwahnsinnig“.

Aber bei 80% Kontrolle, gibt es eben auch 20% Ohnmacht. Und immer, wenn mir eine Situation begegnet, die schlecht läuft, prüfe ich gut, ob ich es wirklich hätte beeinflussen können oder aber diesmal eine 20%-Ohnmacht-Situation erlebe. So muss ich mich nicht dauerhaft schuldig fühlen für etwas, auf dass ich nie Einfluss hatte, sondern muss für die Dauer der Situation aushalten, dass ich keinen Einfluss habe. Das ist auch unangenehm, aber weniger größenwahnsinnig und dauert deutlich kürzer. Denn wenn die Ohnmachts-Situation vorbei ist, kann ich wieder Einfluss nehmen. Dann kann ich wieder für meine Sicherheit sorgen und mich gut dabei fühlen.

Alte Ich-Zustände, das innere Kind, eingefrorene Gefühle und wie Sie erwachsen werden können

01.11.2013 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle, Strategien 0 Kommentare

Vielleicht haben Sie Sich schon einmal gefragt, warum Sie in bestimmten Situationen immer wieder „überreagieren“. Möglichweise fühlt es sich ganz fremd an oder irgendwie alt oder irgendwie als wenn es da noch jemanden in Ihnen gibt. Manchmal bekommt man auch gesagt „So kenne ich Dich gar nicht“ oder „Sei nicht so kindisch“ oder „Werd endlich erwachsen“ oder „Du bist wie Dein Vater“ oder ähnlich seltsame Rückmeldungen. Wollen Sie wissen, was der Grund dafür sein kann?

Es geht um eingefrorene Erfahrungen, Ihre Überlebensstrategien und die Art, wie wir uns dadurch selbst erleben. Die meisten Menschen haben ein Gefühl dafür, dass sie sie sind. Wenn ich etwas von mir erzähle, dann tue ich das mit der Vorstellung, dass ich ich bin. Eine Einheit. Ich eben. Ich käme nicht auf die Idee von mir als „wir“ zu sprechen.

Trotzdem ist es möglich, dass meine Supervisorin fragt: „Frau Rösch, wie alt sind Sie gerade?“ und wenn ich in mich hineinspüre, dann ist schnell klar, dass die Gefühle, die ich in dem Moment empfinde, alt sind und im Grunde zu einem Teil von mir gehören, der nur acht Jahre alt ist. Dieser Teil, von manchen als inneres Kind bezeichnet, mischt sich dann in mein Leben ein, obwohl ich mich erwachsen verhalten will. Aber weil ich im Alter von acht Jahren eine für mich verletzende Situation erlebt habe, reagiere ich in der Gegenwart auf eine ähnliche Verletzung so wie ich als Achtjährige reagiert habe. Das ist damals meine Überlebenstrategie gewesen.
Wenn ich mir erlaube, das aus einer inneren Distanz heraus zu betrachten, dann kann ich mich an die alte Verletzung erinnern und spüre, dass meine Gefühle zu dieser Erinnerung gehören. Ich weiß, dass ich mich so „klein“ oder „verletzt“ fühle, weil ich mich damals sehr verletzt gefühlt habe. ABER: Heute habe ich mehr Möglichkeiten, die gegenwärtige Situation zu bewältigen als damals mit acht Jahren.

Wir alle haben verschiedene Ich-Zustände (IZ). Wir fühlen uns als „Ich“, als Einheit, aber wir verhalten uns in verschiedenen Situationen sehr unterschiedlich.

Als Ehefrau (Ich-Zustand) reagieren Sie auf einen Vorwurf vielleicht anders als im Beruf (anderer Ich-Zustand). Als Freundin (noch ein IZ) können Sie mit einer Abwertung anders umgehen als wenn sie von Ihrem Vater kommt (Tochter-IZ). Als Vater (IZ) können Sie mit Unterstellungen leichter umgehen, als wenn sie von Ihrem Chef kommen (Angestellten-IZ). Vielleicht reagieren Sie mit Angst auf Abwertungen und Drohungen (IZ „Abwertung“) oder erleben Panik, wenn Sie ignoriert werden (IZ „ignoriert werden“), oder sind verzweifelt, wenn andere nicht tun, was Sie wollen (IZ). Es gibt viele Dinge, die starke Gefühlsreaktionen auslösen, für die Sie selbst, wenn Sie Sich betrachten, keine gute Erklärung haben. Sie können spüren, dass Sie „zu“ emotional auf die aktuelle Situation reagieren. Trotzdem können Sie es nicht verhindern.

Diese Gefühlsreaktionen, die an bestimmte wiederkehrende Situationen gebunden sind, nennt man Ich-Zustände (IZ).

Die Erklärung dafür ist, dass Ihre alten Verletzungen mit allem, was dazu gehört, wie eingefroren in Ihnen liegen und darauf warten, aufgerufen zu werden. Das ist ein Ergebnis der Warnreaktion des Limbischen Systems. Sie fühlen sich „wie damals“ und reagieren auch „wie damals“, obwohl die Situation heute kaum mehr mit der alten Verletzungssituation zu vergleichen ist. Sie sind heute anders als damals. Sie sind erwachsen und haben andere Möglichkeiten für Sich zu sorgen. Aber Sie verhalten Sich als hätte sich nichts geändert.

Sie verhalten Sich wie damals, weil Ihr Gehirn, namentlich Ihr Limbisches System nicht begriffen hat, dass Sie größer und älter geworden sind mit mehr Lebenserfahrungen und Wissen und deswegen mit mehr Möglichkeiten auf Situationen zu reagieren. Ihr Gehirn kann an dieser Stelle noch nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden. Für Ihr Gehirn sind Sie immer noch acht oder zehn oder x Jahre alt, aber nicht so alt wie Sie tatsächlich sind. Deswegen müssen Sich in der heutigen Situation immer noch so „jung“ verhalten.

Genau das können Sie Ihrem Gehirn beibringen. Sie können Ihrem Gehirn den Unterschied zwischen Damals und Heute zeigen. Sie können erwachsen werden und damit die eigene Kraft spüren und einsetzen.

Der erste Schritt dazu ist, die Situationen aufzuspüren und sich zu notieren, in denen Sie das Gefühl haben, nicht ganz Sie selbst zu sein, irgendwie „über“ zu reagieren, als gäbe es da noch jemand anderen in Ihnen. Manchmal kann es auch helfen, sich diese Reaktion von einer vertrauten Person beschreiben zu lassen.

Nur im Zustand der bewussten Auseinandersetzung lassen sich die Verbindungen zwischen Nervenzellen im Gehirn verändern, die für diese Reaktionen verantwortlich sind (siehe auch –> Giftige Gedanken). Wenn Sie also diese Situationen aufgespürt und ins Licht Ihres Bewusstseins gezerrt haben, dann können Sie Sich fragen:

  • Woher kenne ich diese Situation?
  • Woher kenne ich dieses Gefühl/diese Gefühle?
  • Habe ich das in meinem Leben schon einmal erlebt?
  • Wann genau?
  • Was genau ist in dieser anderen Situation gewesen?
  • Wie alt war ich da?
  • Welche Möglichkeiten hatte ich damals mit der Situation umzugehen und was könnte ich heute als erwachsener Mensch machen?
  • Wie will ich heute mit der Situation umgehen, wenn die aktuelle Situation wieder auftaucht?
  • Was ist mein konkreter Plan?
  • Was will ich denken?
  • Wie will ich handeln?
  • Was will ich sagen?
  • Wie will ich reagieren?

Schreiben Sie sich die Antworten auf! (siehe auch –> Erinnerungen in die richtige Form bringen). Stellen Sie sich immer wieder vor, wie Sie in der heutigen Situation anders reagieren könnten. Wenn Sie es sich oft genug vorgestellt haben, werden Sie trotz Stressreaktion entsprechend anders handeln. Nicht mehr als kleines, hilfloses Kind, sondern als erwachsene Person mit all ihren Stärken.

Jeder Mensch ist eine Stadt: Dissoziative Identitätsstörung in Bildern erklärt. (Teil 8)

07.08.2021 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle 0 Kommentare
Foto von Elina Sazonova von Pexels

Verliere ich die Kontrolle?

Wie kann man damit denn irgendwie umgehen? Ich habe das Gefühl, ich verliere die Kontrolle über mich und mein Leben und alles stürzt ein.

Eine Leserin

Das glaube ich, dass es sich so anfühlt, aber im Grunde ist es genau andersherum. All diese Beschwerden zeigen, dass Sie auf dem Weg Richtung Gesundheit sind. Je mehr Beschwerden Sie erstmal haben, desto mehr erfahren Sie über Ihre Stadt und Ihr Bürger-Team und über deren Berufe und Namen und was sonst noch so los ist in Ihrer Stadt. Das ist sozusagen das Traumatherapie-Paradox. Es wird Ihnen schlechter gehen bevor es spürbar besser wird. Eigentlich ist es kein Paradox. Im Grunde ist es logisch.

Eine Traumafolgestörung ist wie ein seelisches Humpeln.

Wenn Sie sich das Bein gebrochen haben (= Trauma) und es schief zusammenwächst, weil sie keine Hilfe bekommen haben, dann fangen Sie an zu Humpeln (= Beschwerden durch die Vernarbung und fehlende Heilbehandlung = Traumasymptome). Wenn Sie später zu einem Arzt gehen, wird der Ihnen sagen, dass eine Operation notwendig ist (= Therapie), bei der der Knochen wieder gebrochen wird (= Erinnerungen anschauen), um dann anschließend begradigt zu werden (= Erinnerungen verändern), damit der Knochen wieder heil werden kann (= Erinnerungen lösen keinen Fehlalarm mehr aus und machen keine unerträglichen Gefühle mehr). Das wird erstmal unangenehm. Eine Operation am Bein geht mit Schmerz einher. Eine Traumatherapie führt immer erstmal zu einer kurzfristigen Verschlechterung der Beschwerden und vor allem zu starken Gefühlen.

Das heißt, auch bei einem unbehandelten und krumm zusammengewachsenen Knochenbruch, haben Sie erstmal Schmerzen, bevor Sie wieder gesund werden. Bei einer Traumatherapie ist das genauso.

Eine traumatische Erfahrung wird in der Regel nicht sofort begleitet

Wenn es zu so schwerwiegenden Symptomen wie bei Ihnen kommt, dann gab es sehr wahrscheinlich nicht nur eine traumatische Erfahrung, sondern mehrere. Das ist so, wie wenn ein Kind mehrere Knochenbrüche hatte, die nicht behandelt wurden. Dann läuft es krumm und schief und hat immer mehr Beschwerden.

Wenn man die Folgen dieser Knochenbrüche im Erwachsenenalter dann irgendwann noch behandeln kann, dauert das auch seine Zeit und wird erstmal schlimm werden. Genau das gleiche gilt für psychische Verletzungen. Je mehr es sind, desto länger dauert der Heilungsweg. Es wird Ihnen immer erstmal schlechter gehen, bevor Sie gesund werden. Das ist die Wahrheit.

Wenn Sie dranbleiben, werden Sie gesund

Sie werden dann ein Bürger-Team haben, das Ihnen wieder die Regierungsgeschäfte überlässt. Das können Sie sich so vorstellen, dass die Bürgerinnen und Bürger aus Ihrem Bürger-Team, die besonders mit der Sicherheit der Bürgermeisterin zu tun hatten, endlich in Rente gehen dürfen. Die Bürgermeisterin hat gelernt, die jeweilige Aufgabe selbst zu übernehmen. Wenn sie für Sicherheit sorgen kann, wird die Bürgermeisterin auch gelernt haben, das Leben zu genießen, das heißt Freude zu empfinden.

Es wird keine Spione mehr geben, die Ihnen das Leben schwer machen. Ihre Feinde werden Sie besiegt haben und sich erfolgreich wehren können, so wie alle anderen Menschen.

Versuchen Sie die Beschwerden also als das Heilungsjucken einer Schnittverletzung zu sehen. Dass Sie den Schwarzes-Loch-Zustand wahrnehmen und all die anderen „komischen“ Dinge bemerken, ist ein Zeichen, dass Sie das Humpeln bemerkt haben. Das ist der erste Schritt zur Heilung. Erst wenn Sie merken, wie es wirklich ist und wie es anders als bei anderen ist, können Sie gesund werden. Dabei geht es nicht um eine Diagnose, sondern darum, diese einzelnen Beschwerden wahrzunehmen und sorgsam anzuschauen. Da wo es geht nehmen Sie kleine Veränderungen vor, um Ihrem Bürger-Team zu beweisen, dass Sie die Regierungsgeschäfte wieder übernehmen möchten. Mit der Zeit wird Ihnen das immer besser gelingen und Sie werden ein wirkungsvollen Sicherheitskonzept einführen.

Nächste Woche …

… steht die Frage im Raum, wie oder ob man andere Menschen um Hilfe bitten oder einweihen kann. Wenn Sie den ganzen 15-seitigen Artikel zusammen mit weiteren Artikeln zum Thema, sowie exklusiven Arbeitsmaterialien im Umfang von insgesamt 40 Seiten Information lesen wollen, können Sie den Artikel für 3 Euro in unserem Shop kaufen.

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Ihre Stefanie Rösch

Jeder Mensch ist eine Stadt: Dissoziative Identitätsstörung in Bildern erklärt. (Teil 3)

03.07.2021 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle 0 Kommentare
Photo by Johannes Plenio from Pexels

Die Stadt zurückerobern: Symptome erklärt

Ich hatte mit der Therapeutin besprochen, mich an eines der Traumata wagen zu wollen, um zu konfrontieren. Ich war soweit es ging stabil und habe ja meinen Hund an meiner Seite, der mir viel hilft.

Eine Leserin

Sich daran zu erinnern, was passiert ist, löst im Körper immer einen Alarm aus. Es wird immer unangenehm sein, weil die Bürgermeisterin verstehen will, was ihr Bürger-Team erlitten hat. Sie will verstehen, wie schlimm es für das Bürger-Team war. Denn das Bürger-Team hat ihr diese Aufgabe abgenommen, weil sie selbst es nicht mehr ertragen konnte. Weil sie als Bürgermeisterin nicht ertragen konnte, was der Feind ihr und ihrer Stadt angetan hat, hat das Bürger-Team die Bürgermeisterin in einen Panikraum in Sicherheit gebracht (= dissoziiert).

Wenn die Bürgermeisterin sich jetzt erinnern will, dann gefällt das weder den inneren Spitzeln und Spionen (= Täterintrojekte/ Groupis oder Bewältigungsverhalten, das bei näherer Betrachtung den Feind beschützt, wie zum Beispiel „sich nicht erinnern können“), noch dem Feind (= Täter/Täterinnen im Außen).

Deswegen kommt es zu mehr und stärkeren Beschwerden. Vor allem dann, wenn es im Außen noch Kontakt zu dem Täter oder den Tätern gibt. Feinde = Täter können natürlich auch weiblich sein, aber in der Mehrzahl sind es Männer.

Flashback und Schreckstarre

Vor der Konfrontation waren meine Dissoziationen teilweise anders. Sonst war ich einfach wie abwesend hab alles durch Nebel wahrgenommen oder an ganz anderen Orten im Kopf und zeitgleich bin ich stillgestanden.

Eine Leserin

Das klingt für mich nach einem Flashback mit einer Schreckstarre. Eine Form der Dissoziation. Schreckstarre, weil es so klingt als hätten sie sich im Außen nicht mehr bewegen können. Flashback, weil ich vermute, dass der andere Ort im Kopf ein Ort war, an dem Ihnen etwas Schlimmes passiert ist. Dass es sich wie durch einen Nebel anfühlt schützt Sie vor der Macht der Todesangst und der Hilflosigkeit, die in bedrohlichen Situationen erfahren werden. Diese Gefühle sind so überwältigend, dass unser Gehirn sie nicht aushalten kann und deswegen auf die Berufe von Bürgern zurückgreift, die dann mit einer Dissoziation aushelfen. Eine Dissoziation kann sich wie ein Nebel anfühlen, aber auch wie der Schwarze-Loch-Zustand. Das ist ein sehr abstrakter psychologischer Begriff, der viele verschiedene Bürger-Strategien zusammenfasst. Auf diese Weise kommen die Bürgerinnen und Bürger ihrer Bürgermeisterin zu Hilfe.

Was ist eine Dissoziation?

Der Begriff fasst verschiedene Beschreibungen von Beschwerden zusammen, bei denen die Person den Eindruck hat, die Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Welt oder des Ich in der Welt passen nicht recht zusammen. Für diese unangenehmen Empfindungen gibt es viele verschiedene Beschreibungen wie zum Beispiel: im Kopf an einem anderen Ort sein als der Körper im Außen ist, hinter der Wand sein, im Nebel sein, zu-sein, weg sein, es fühlt sich an wie im Film, unwirklich, fremd, wie ein Geist, nicht dazugehörig, nicht richtig da, weggesperrt, eingesperrt, Schwarzes Loch, in der Wolke.

Als Psychologinnen haben wir ebenfalls verschiedene, vor allem komplizierte Worte dafür. Ohne weiter alles ganz genau zu erklären, hier ein paar: Depersonalisation, Derealisation, Flashback, dissoziative Amnesie, Dissoziative Identitätsstörung. Wir benutzen diese Worte, um Untergruppen von Beschreibungen zu bilden. Je nachdem was Betroffene uns erzählen. Flashbacks sind Schilderungen, die sich auf belastende Erinnerungen beziehen. Amnesie bezieht sich auf Lücken in den Erinnerungen. Dissoziative Identität beschreibt das Erleben, dass es mehrere Persönlichkeiten innerhalb eines Körpers gibt. Derealisation beschreibt, dass die Umgebung oder Gegenstände als fremd oder komisch erlebt werden. Depersonalisation bringt zum Ausdruck, dass die Person sich selbst oder Teile ihres Körpers als fremd oder nicht dazugehörig empfindet. Dissoziation bedeutet grunsätzlich, es fällt etwas auseinander. Was dann fehlt, ist der Eindruck von Einheit oder Verbundenheit mit der Welt, sich selbst und anderen Menschen.

Nächste Woche …

… geht es um Schwarze Löcher, dissoziatives Erleben und selbstverletzendes Verhalten. Wenn Sie den ganzen 15-seitigen Artikel zusammen mit weiteren Artikeln zum Thema, sowie exklusiven Arbeitsmaterialien im Umfang von insgesamt 40 Seiten Information lesen wollen, können Sie den Artikel für 3 Euro in unserem Shop kaufen.

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Ihre Stefanie Rösch

Leserfrage: Ist es eigentlich egal ob die nächste Therapeutin tiefenpsychologisch arbeitet oder verhaltenstherapeutisch?

30.06.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare
Trauma-Informations-Zentrum

Liebe Leserin,

ich selbst arbeite kognitiv-verhaltenstherapeutisch. Als Verhaltenstherapeutin sehe ich die Welt und den Menschen aus einer bestimmten Perspektive oder durch eine bestimmte Brille. Tiefenpsychologisch fundiert arbeitende Therapeutinnen oder Ärzte schauen in ihrer Ausbildung durch andere Brillen. Welche Brille für Sie die passende, sprich hilfreiche Brille ist, können Sie nur selbst herausfinden.

Meine Brille, meine Sichtweise

Ich gehe davon aus, dass wir einen Körper mit einem Gehirn haben und eine Seele. Die Seele ist der Teil, der uns ausmacht. Das glaube ich einfach so.

Als Psychologin habe ich gelernt, dass unser Körper und unsere Seele Bedürfnisse haben. Bedürfnisse sind unangenehme Zustände im Körper, die dazu führen, dass wir etwas brauchen oder wollen. Also Durst bewirkt, dass wir trinken wollen. Hunger macht, dass wir Essen wollen. Schmerz machtzeigt uns, dass wir weg vom Schmerz wollen, Frieren lässt uns Wärme suchen. Das sind körperliche Bedürfnisse.

Natürlich gibt es auch seelische = psychische Bedürfnisse. Wir wollen uns sicher fühlen. Wir wollen geliebt werden. Wir wollen geschätzt werden und wir wollen Freude haben. Das ist die einfachste Einteilung. Ich mag es einfach.

Bedürfnisse beeinflussen unser Verhalten

Bedürfnisse führen also dazu, dass wir etwas suchen, was unser Bedürfnis befriedigt. Entscheidend ist für mich, dass wir LERNEN, wie wir unsere Bedürfnisse befriedigen.

Dabei gibt es hilfreiche Strategien, für sich zu sorgen = seine Bedürfnisse zu befriedigen, und weniger hilfreiche Strategien.

Menschen, die traumatisiert sind, konnten oder können vor allem ihr Bedürfnis nach Sicherheit nicht befriedigen. Ein Täter hat etwas Bedrohliches gegen den Willen der Person getan. Wenn solche ausweglosen Situationen einmal oder im schlimmsten Fall öfter geschehen, dann gibt es zum einen biologische Mechanismen (eine Stressreaktion), die dann die Symptome hervorruft, die Sie kennen (Flashbacks und andere dissoziative Beschwerden, dazu Herzrasen, Schlafprobleme, Posttraumatische Belastungsstörung oder auch eine DIS).

Nicht nur der Gehirn, sondern auch unser Selbst- und Weltbild verändern sich

Foto von Luis Quintero von Pexels

Dazu kommt, dass solche Erfahrungen uns dazu bringen zu überdenken, woran wir glauben (Selbst- und Weltbild wird in Frage gestellt). Oft entstehen ungesunde oder hinderliche Überzeugungen dabei wie „Ich darf andere nicht belasten“, „Ich bin für die Gefühle von anderen verantwortlich, deswegen muss ich dafür sorgen, dass es denen gut geht“, „Mir glaubt sowieso keiner“ und noch ganz viele andere Dinge.

Als Verhaltenstherapeutin geht es für mich darum, herauszufinden, welche Beschwerden die Stressreaktion ausgelöst hat und welche Überzeugungen Ihnen das Leben schwer machen. Anschließend möchte ich Sie dabei unterstützen, diese Dinge zu ändern. Und zwar durch Trainieren, sprich Übungen. Ich gehe davon aus, dass Sie ihre Überzeugungen und ihre Bewältigungsstrategien gelernt haben, beziehungsweise, lernen MUSSTEN, um zu überleben.

Psychotherapie ist wie eine neue Sportart zu lernen: Soziales Verhalten

In einer Psychotherapie geht es immer darum, wie sie besser mit sich selbst oder anderen umgehen können, also soziales Verhalten. Das Ziel ist, dass Sie selbst dafür sorgen können, dass es ihnen mit sich selbst und in Beziehungen gut geht. Das kann man lernen. So wie eine neue Sportart, deren Spielregeln man noch nicht kennt. Aber ein Trainer wird einem das beibringen, angefangen von den Spielregeln bis hin zu den notwendigen Bewegungsabläufen und komplexeren Spielzügen. Man muss es halt lernen wollen.

Meine persönliche Vorliebe

Foto von Jess Vide von Pexels

Für mich war die Sichtweise, dass wir Verhalten lernen immer die nachvollziehbarste Perspektive. Mich selbst so zu sehen, motiviert mich, mein Leben und damit meine psychische Gesundheit und Zufriedenheit in die Hand zu nehmen. Durch diese Sichtweise kann ich mein Leben beeinflussen, auch wenn ich keine volle Kontrolle darüber haben. Da es bei Traumafolgestörungen immer auch um den Verlust von Kontrolle geht, liebe ich diese verhaltenstherapeutische Brille.

Was wirklich wichtig ist

Letztendlich ist es wichtig, dass Sie sich ernst genommen fühlen und sagen können, was Sie lernen wollen. Sagen Sie, was Sie wissen wollen oder wobei Sie Hilfe benötigen. Dafür ist es egal, welche Brille man aufhat. Ich persönlich erwarte von jemandem, der mich ernst nimmt, dass er mir eine ernstzunehmende und ehrliche Antwort gibt. Ob das der Fall ist, können nur Sie im direkten Kontakt mit der Person feststellen.

Ich habe vor kurzem einen Artikel dazu veröffentlicht, was ich glaube, was eine gute Traumatherapeutin ausmacht. Lesen Sie doch einfach noch ein bisschen weiter.

Vertrauen Sie ihrem Bauchgefühl. Sie spüren, ob Ihnen jemand guttut oder nicht. Vielleicht braucht es ein paar Versuche, einen neuen Menschen, sprich eine Therapeutin kennenzulernen, aber letztendlich können Sie es nur selbst entscheiden. Niemand außer Ihnen ist dafür verantwortlich, wie es Ihnen geht.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

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Sind psychische Störungen vererbbar? (5)

12.06.2021 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Depression und Suizidalität lernen

Ist ein Elternteil oder beide Eltern davon überzeugt, keinen Einfluss auf das eigene Schicksal zu haben, dann äußert sich das auf ganz unterschiedliche Weise. Ein Kind könnte folgende Verhaltensweise immer wieder miterleben:

  • Die Eltern wehren sich nicht gegen Ungerechtigkeiten oder Unrecht.
  • „Da kann man sowieso nichts machen.“
  • „Der Staat interessiert sich nicht für mich.“
  • „Du solltest eine Lehre machen. Das wäre das Beste für Dich.“ Obwohl das Kind intelligent ist und Abitur machen könnte.
  • „Das wird doch nie was.“
  • „Der hat mich provoziert.“, „Wegen dem habe ich jetzt den Salat.“
  • Bei Problemen verfällt ein Elternteil in einen Zustand von Bewegungslosigkeit und kriegt nicht mal den Alltag geregelt.
  • „Am besten ist, man versucht es erst gar nicht“ „Das bringt sowieso nichts“
  • Das Kind erfährt, dass der Onkel Karl sich im Wald aufgehängt hat. „Der hat es gut. Der muss sich mit nichts mehr rumschlagen.“

Es gibt viele mögliche Verhaltensweisen, die Ausdruck einer depressiven Weltsicht sind, also die Überzeugung ausdrücken, dass man dem Leben und anderen Menschen ausgeliefert ist.

Wenn ein Kind dieser Sichtweise ständig ausgesetzt ist, dann fängt es irgendwann an, die Welt mit den Augen der Eltern zu sehen. Das Gute ist, dass Kinder heutzutage noch andere Menschen haben, von denen sie lernen können. Insofern besteht trotz depressiver Sicht der Eltern eine gute Chance, von anderen Menschen eine gesunde Haltung zu lernen.

Eine andere Möglichkeit wäre, dass das Kind in einer Familie aufwächst, in der seine Bedürfnisse aus irgendwelchen Umständen nicht erfüllt werden können. Das kann ein krankes oder fehlendes Elternteil sein oder ein behindertes Geschwisterkind. Solche familiären Umstände können bewirken, dass das Kind versucht, gute Stimmung zu machen. Einfach, weil es die Erfahrung macht, dass es ab und zu dafür gelobt wird, weil es so brav ist. Oder es gesagt bekommt, es muss Verständnis haben, weil es ja Mama oder Papa oder Bruder oder Schwester gerade schlecht geht. Es kommt zu dem Schluss, dass es für das emotionale Gleichgewicht in der Familie verantwortlich ist. Solange die Umstände anhalten, hat es den Eindruck, die Gefühle der anderen tatsächlich beeinflussen zu können. Es lernt zu helfen oder einfach nur brav zu sein oder Leistung zu erbringen. Was bewirkt, dass das Kind Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommt. Wenigstens hin und wieder.

Später dann funktionieren diese Bewältigungsstrategien nicht mehr. Egal wie sehr es sich um das Wohlbefinden anderer bemüht, die eigenen Bedürfnisse werden trotzdem nicht erfüllt. Dahinter könnte eine Überzeugung stecken wie „Wenn ich nur brav genug bin, dann werde ich auch geliebt“ oder „wenn ich dafür sorge, dass es dem anderen gut geht, dann kann er sich auch um mich kümmern“. Leider funktioniert das in den meisten Fällen nicht. Wenn man aber lange genug versucht, es anderen recht zu machen, erschöpft man sich irgendwann. Das nennt man dann Depression mit all den Beschwerden, die dann entstehen. Dazu gehören ungesunde Haltungen wie „ich bin selbst schuld an meinem Leid“, „ich bin wertlos“ oder „ich schaff das nicht“. Dieser Zustand kann einem den Schlaf rauben oder aber ist so anstrengend, dass man ständig schlafen könnte, aber keine Ruhe findet. Manche Menschen essen dann mehr, andere fast nicht. Und wenn das Leben einfach zu traurig ist, dann will ein Teil so nicht weiterleben. Diese Menschen denken dann darüber nach sich umzubringen, schmieden Pläne und ein Teil der Betroffenen bringt sich auch um.

Depression bedeutet in vielen Fällen der festen Überzeugung zu sein, das eigene Leben nicht gestalten zu können, sondern von anderen bestimmt zu werden. Das kann der Arbeitgeber sein oder der Staat oder manipulative Familienangehörige oder jeder Mensch, mit dem man zu tun hat. So eine Überzeugung ist schnell mit großer Wut verbunden, von der man glaubt, sie nicht ausdrücken zu dürfen. Wenn man die Wut schon nicht ausdrücken darf, dann sollen die andern sehen wie sie ohne mich zurechtkommen. Dann wird diese Wut manchmal gegen die eigene Person gerichtet und das kann tödlich sein.

Gerade bei Depressionen sind erlernte Überzeugungen eine zentrale Ursache für die Beschwerden, die man beobachten kann und unter denen Betroffene so sehr leiden.

Ein Wort zum Schluss

Veranlagung (Genetik) und erlernte Überzeugungen sind beides Versuche, die Ursachen von über Generationen hinweg wiederkehrenden psychischen Störungen innerhalb einer Familie zu erklären. Dass Überzeugungen eine zentrale Rolle spielen, kann man mit großer Sicherheit sagen. Inwiefern es eine genetische Komponente gibt, muss noch erforscht werden. Der beste Erklärungsansatz ist in dem Zusammenhang das Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Ausschließen kann man körperliche und damit genetisch festgelegte Einflussfaktoren bisher nicht. Dazu fehlen die passenden Forschungsmethoden zu dieser Frage. Meines Wissens können psychische Prozesse bisher nicht im menschlichen Genom (= Erbanlagen) aufgezeigt werden.

Insofern glaube ich weiterhin, dass der Einfluss von Lebenserfahrungen und wie wir damit umgehen die entscheidende Größe für die Entstehung der meisten psychischen Störungen ist. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Autismus, Verletzungen durch Unfälle oder psychische Beeinträchtigungen durch eine Minderbegabung, die ebenfalls psychische Beschwerden bewirken.

Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass der größte Teil aller psychischen Störungen durch die (Fehl-)Verarbeitung von ungünstigen Lebensumständen entstehen. Das gibt mir Hoffnung auf Heilung.

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Sind psychische Störungen vererbbar? (3)

29.05.2021 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Was ist eine Überzeugung?

Unter einer Überzeugung oder einem Glaubenssatz verstehe ich eine Grundhaltung gegenüber sich selbst oder gegenüber der Welt. Weil das sehr abstrakt klingt, kommen hier ein paar Beispiele für gesunde Überzeugungen:

  • Ich kann mein Leben gestalten, indem ich Entscheidungen treffe.
  • Ich habe Einfluss darauf, wie es mir geht.
  • Die Welt ist ein sicherer und guter Ort.
  • Ich kann für meine Sicherheit in der Welt sorgen.
  • Ich bin es wert, ein zufriedenes Leben zu führen.
  • Ich bin wertvoll und liebenswert.

Ungesunde Überzeugungen sind dagegen:

  • Die Welt ist ein durch und durch gefährlicher Ort.
  • Ich bin anderen Menschen und deren Entscheidungen ausgeliefert.
  • Ich bin wertlos. Ich bin nicht gut genug.
  • Ich bin ungeliebt und unwillkommen.
  • Der oder die ist schuld, dass ich …..
  • Andere bestimmen, wie es mir geht und ich habe darauf keinen Einfluss.
  • Ich bin für die Gefühle von anderen verantwortlich.
  • Niemand glaubt mir.
  • Ich bin eine Last für andere.

Überzeugungen sind also Gedanken, die man in einem Satz zusammenfassen kann. Ein einzelner Mensch hat sehr viele Überzeugungen. Manche Überzeugungen haben wir mit anderen Menschen gemeinsam und manche Überzeugungen unterscheiden uns von anderen Menschen. Das nennt man dann auch „Meinung“.

Überzeugungen beeinflussen unser Erleben, unsere Gefühle und unser Verhalten

Überzeugungen filtern, oder sieben, unsere Wahrnehmungen. Wenn ich die Überzeugung „Ich bin wertvoll“ habe, so verstehe ich das Lächeln der Nachbarin als freundlichen Gruß. Wenn ich die Überzeugung „ich bin wertlos“ habe, so verstehe ich das Lächeln der Nachbarin möglicherweise als spöttisches Grinsen.

So können Überzeugungen das Erleben desselben Ereignisses (Lächeln der Nachbarin) in verschiedene Richtungen lenken, wodurch unsere Stimmung und Sicht auf die Welt beeinflusst werden. Das macht Überzeugungen so mächtig. Umso wichtiger ist es, dass wir uns unserer Überzeugungen bewusst werden, sie überprüfen und entscheiden, welche wir behalten und welche wir durch andere Überzeugungen ersetzen wollen. Wie Sie das machen können, habe ich in der Artikelreihe „Giftige Gedanken“ beschrieben.

Überzeugungen haben eine selbstbestätigende Wirkung

Das ist die Filterfunktion von Überzeugungen: selbstbestätigende Informationen. Filter oder Siebe lassen nur bestimmte Dinge durch. Das kennen Sie vom Abgießen der Nudeln oder von der Maske, die Sie beim Einkaufen oder im Bus tragen müssen. Jeder Filter, jedes Sieb ist so geschaffen, dass es bestimmte Stoffe oder Größen von Teilchen durchlässt und den Rest auffängt oder behält.

Foto von Anna Shvets von Pexels

Wenn ich also aufgrund meiner Überzeugung „Ich bin wertlos“ das Lächeln der Nachbarin als spöttischen Blick verstehe, dann bestätigt der spöttische Blick die Überzeugung „ich bin wertlos“. Ich bin überzeugt davon, dass die Nachbarin deswegen so spöttisch grinst, weil sie mich nicht mag, weil ich ja wertlos bin. Damit wird die Überzeugung immer stärker.

Foto von Maria Orlova von Pexels

Aber dass die Nachbarin spöttisch grinst, ist meine Interpretation. Die Nachbarin würde das vielleicht ganz anders sehen, wenn man sie fragen würde, warum sie lächelt.

Wie entstehen diese Überzeugungen?

Überzeugungen sind grundsätzlich erlernt. Alles, was wir gelernt haben, können wir auch wieder verändern, verlernen, neu lernen oder umlernen. Das macht Überzeugungen und die Filter veränderbar.

Können uns Überzeugungen in die Wiege gelegt werden?

Ja, weil auch ein Kind im Mutterleib schon seine Umgebung wahrnimmt und Eindrücke sammelt, die zu Filtern werden können. Das hat mit Genetik erstmal nichts zu tun. Auch die Überzeugungen, die aus diesen frühen Eindrücken entstehen, sind veränderbar. Sie sind oft besonders hartnäckig und schwer zu fassen, aber letztendlich greifbar und veränderbar. Diese frühen Überzeugungen findet man vor allem im Zusammenhang mit sogenannten Entwicklungstraumata oder der komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung.

Überzeugungen können während der gesamten Entwicklung eines Menschen gelernt werden. Je früher im Leben sie entstehen, desto tiefer sind sie in uns verankert. Wenn wir eine Überzeugung von früher Kindheit an haben, dann kann sie als Filter auf unsere ganze Entwicklung Einfluss nehmen. Das macht sie besonders stark, da sie sich über lange Zeit immer wieder selbst bestätigen kann.

Wenn wir glauben, wertlos zu sein, dann macht uns das unglücklich. Jede Bestätigung wird als seelische Verletzung erlebt, weil wir geliebt und geschätzt werden wollen. Wer mehr wissen will, kann meine Artikelreihe „Grundbedürfnisse“ lesen.

Wenn ich über meine gesamte Entwicklung hinweg glaube, ich sei wertlos, verbringe ich eine vollkommen andere Kindheit, als wenn ich glaube, ich sei wertvoll. Wenn ich glaube wertlos zu sein, ist mein Risiko für eine psychische Störung größer als wenn ich glaube, wertvoll zu sein.

Wenn Sie wissen möchten, wie Überzeugungen entstehen und ob sie uns in die Wiege gelegt werden können, dann schauen Sie nächste Woche wieder vorbei. Sie können den vollständigen Artikel auch für 3 Euro hier vorab erstehen und damit diesen Blog unterstützen. Vielen Dank!

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Sind psychische Störungen vererbbar? (2)

22.05.2021 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare
Foto von cottonbro von Pexels

Das Vulnerabilität-Stress-Modell: Depression

Für die Entstehung einer Depression werden unter anderem eine Fehlsteuerung von Botenstoffen im Hirn angenommen oder auch eine Fehlsteuerung von Stresshormonen. Allerdings ist das nach wie vor eine Henne-Ei-Frage. Man beobachtet bei Menschen mit Depression veränderte Stoffwechselvorgänge. Inwieweit diese Veränderung aber Ursache oder aber Folge der Depression sind, bleibt nach wie vor ungewiss. Dass diese Botenstoffe etwas mit der Störung zu tun haben, dafür spricht die Wirksamkeit von entsprechenden Medikamenten. Die Wirksamkeit von psychotherapeutischen Methoden spricht für psychische Ursachen der Depression.

Wobei psychotherapeutische Methoden durchaus das Gehirn in seiner Arbeitsweise verändern. Psychotherapie führt auf körperlicher Ebene dazu, dass bestimmte Nervenverbindungen gestärkt und andere gelöst werden. Das ist so als würde man einen Muskel trainieren. Häufige Benutzung baut den Muskel oder die Nervenverbindung auf. Wird der Muskel oder die Nervenverbindung nicht mehr benutzt, werden die Muskelzellen abgebaut und die Nervenverbindungen gelöst.

Bei der Depression geht es häufig um langjährige Überforderungssituationen im familiären Umfeld. Überforderung führt zur Anpassung von Überzeugungen, die in der Folge krankmachen können. Dann redet man von Ausbrennen (Burnout), also Erschöpfung. Kraftlosigkeit, Antriebslosigkeit und der Verlust von Freude im Leben breiten sich aus. Egal, wie sehr man sich anstrengt, man erreicht nie, was man sucht. Was immer das ist. Schließlich hat man keine Kraft mehr zu kämpfen. Das ist der Moment, in dem man zusammenbricht und aufgibt. Man hat gelernt, hilflos zu sein. Man hat allen Antrieb, etwas im Leben bewirken zu wollen, verloren. Das nennen wir dann Depression.

Es gibt also die Vermutung, dass die Depression durch eine genetisch bedingte Schwäche im Bereich der Botenstoffe (Serotonin), bzw. eine Schwäche bei den körperlichen Anteilen der Stressreaktion (Noradrenalin) zusammen mit überfordernden Lebensumständen entsteht.

Vererbbar ist das nicht.

Wenn man eine psychische Störung nicht erbt, wie kriegt man sie dann?

Man lernt sie. Nicht, dass man sie lernen wollte, das ist klar. Aber der Mechanismus, über den die meisten psychischen Störungen, vor allem die häufigen, entstehen, ist meiner Meinung nach das Lernen.

Man könnte auch sagen, Anpassung. Anpassung ist ein anderes Wort für Lernen. Lernen verbinden wir damit, dass wir es aktiv tun, vor allem zum Wissenserwerb oder um einen Beruf zu lernen. Anpassung wird eher damit verbunden, dass es Umstände gibt, die wir nicht ändern können und deswegen müssen wir uns anpassen. Ungewollt.

Letztendlich, um es einfacher zu machen, geht es darum, dass ein Mensch sein Verhalten ändert, mehr oder weniger freiwillig oder aber aus einer Notwendigkeit heraus. Das meine ich mit Lernen. Lernen bedeutet hier, dass jemand sein Verhalten ändert. Dazu gehören auch die automatischen Denkprozesse (besonders Filter = Überzeugungen), die uns das Leben schwer machen. Wenn wir aufgrund von unseren Lebensumständen lernen auf eine bestimmte Art zu denken, dann verursacht das Leid. Die Art und Weise wie wir denken beeinflusst wie wir uns fühlen. Wenn ich beispielsweise die ganze Zeit denke, dass ich in meinem Leben sowieso nichts bewirken kann (wie bei der Depression), dann fühle ich mich ständig hilflos und ohnmächtig. Wir leiden unter den Gefühlen, die durch unsere Überzeugungen entstehen.

Das ist er Zeitpunkt, ab dem wir von einer psychischen Störung sprechen.

Was heißt Denken?

Als Denkprozess bezeichne ich alles, was wir in die Form von Gedanken, also in Worte fassen können. Ich unterscheide für meine Erklärungen in Denken, Gefühle und Handeln.

Handeln ist das, was man von außen beobachten kann.

Gefühle sind automatische Körperreaktionen, denen wir einen Namen gegeben haben und die sich in einem typischen Gesichts- und Körperausdruck zeigen. Im Wesentlichen gibt es fünf Gefühle: Freude, Trauer, Wut, Angst und Ekel. Allesamt wichtig zum Überleben und wichtige Triebfedern, wenn es um Anpassung und Lernen geht. Natürlich gibt es auch sowas wie Scham und Schuldgefühle, die gerne als soziale Gefühle bezeichnet werden. Das werde ich an dieser Stelle jedoch nicht weiter ausführen.

Als Denken bezeichne ich alles, was man in Worte fassen kann und im Innern eines Kopfes stattfindet. Egal ob ein Gedanke automatisch von unserem Hirn ausgeführt wird oder von unserem Bewusstsein oder unserer Seele bewusst gesteuert wird. Ob Sie diesen Teil Bewusstsein oder Seele nennen, hängt davon ab, woran sie glauben.

Dazu gehören vor allem unsere Filter, die allen Reizen, die wir über unsere Sinnesorgane wahrnehmen, Bedeutung geben. Diese Filter sind notwendig, um mit den vielen Reizen dieser Welt klarzukommen und überleben zu können.

Sie entstehen in der Regel automatisch, sind aber veränderbar. Einen Teil dieser Filter bezeichnen wir auch als Überzeugungen = Glaubenssätze = Affirmationen.

Wenn Sie wissen möchten, was eine Überzeugung ist und welchen Einfluss Überzeugungen auf unser Leben und die Entstehung von psychischen Störungen haben, dann schauen Sie nächste Woche wieder vorbei. Sie können den vollständigen Artikel auch für 3 Euro hier vorab erstehen und damit diesen Blog unterstützen. Vielen Dank!

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Sind psychische Störungen vererbbar? (1)

15.05.2021 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare
Foto von Joey Kyber von Pexels

Neulich bekam ich eine Anfrage mit dem Satz: „In der Familie meines Mannes gibt es seit drei Generationen Depression und Suizid.“ Das hat mich dazu veranlasst, mit diesem Artikel meine Meinung zum Thema „Vererbung von psychischen Krankheiten“ kund zu tun.

Wenn etwas seit drei Generationen in einer Familie existiert, dann sind wir schnell mit einer Vererbungserklärung bei der Hand. Hinter der Vorstellung, dass etwas vererbt wird, steckt die Annahme, dass man es nicht ändern kann.

Hat jemand von Geburt an eine bestimmte Blutgruppe, kann man das nicht ändern. Gibt es eine angeborene Missbildung, lässt sich das oft nur mit langen, aufwendigen Operationen korrigieren. Das geht bei psychischen Störungen nicht. Die kann man nicht operieren. Bliebe nur, im besten Fall, eine lebenslange Medikamenteneinnahme, wenn man das Glück hat, ein hilfreiches Medikament zu finden.

Die Genetik oder auch die Epigenetik zu bemühen ist sicher eine Möglichkeit, die familiären Häufungen für bestimmte psychische Störungen zu erklären. Aber genauso gut und so viel hoffnungsvoller ist eine psychologische Erklärung.

Weil sie hoffnungsvoller ist, glaube ich fest daran. So einfach ist das. Erstmal. Mit meinem Wissens- und Erfahrungsstand von heute.

Wenn Vererbung nicht die Erklärung ist. Was dann?

Ein Kind, das bei depressiven Eltern aufwächst, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, selbst an Depression zu erkranken. Das ist zuerst einmal eine Beobachtung. Diese Art der Beobachtung, dass psychische Störungen in einigen Familien gehäuft auftreten, gibt es auch für andere Störungen. Alkoholismus oder andere Drogenabhängigkeiten gehören genauso dazu, wie psychotische Erkrankungen.

Soweit ich weiß, hat weder die Wissenschaft ganz allgemein noch die Psychologie bisher ein Depressions-Gen oder ein Alkoholismus-Gen oder ein Psychose-Gen gefunden. Ganz so einfach ist es nicht. Allerdings gibt es eine Theorie, die den Zusammenhang zwischen körperlichen und damit genetisch beeinflussten Faktoren und psychologischen Faktoren bei der Entstehung psychischer Störungen erklärt. Die Erklärung mit diesem Modell ist für mich und hoffentlich auch für Sie nachvollziehbar.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Alkoholismus

Dieses Modell besagt, dass es körperliche Prozesse gibt (Vulnerabilität = Verletzlichkeit), die das Entstehen einer psychischen Störung unter bestimmten psychologischen Faktoren – in der Regel stressvollen Lebensumständen – begünstigen.

Zum Beispiel kann man sich vorstellen, dass jemand, bei dem der Alkoholabbau (ein angeborener, körperlicher Faktor) schnell und schmerzfrei verläuft, seine Probleme eher mal in einer Flasche Schnaps ertränkt als jemand, der danach drei Tage krank ist. Auf der anderen Seite kann man sich auch vorstellen, dass jemand Alkohol sehr schlecht verträgt, also einen schlimmen Kater kriegt. Wenn so eine Person sich wegen irgendwelcher Schuldgefühle selbst bestrafen und gleichzeitig auch mal abschalten will, dann hätte auch diese Person ein erhöhtes Risiko, vermehrt zu trinken.

Wenn zu diesen körperlichen Voraussetzungen dazu kommt, dass jemand schon früh mit Alkohol in Kontakt kommt und es in der Familie normal ist, seine Probleme mit Alkohol zu bekämpfen, dann steigt das Risiko, innerhalb der gleichen Familie ebenfalls alkoholkrank zu werden.

Genauso gut kann der familiäre Umgang mit Alkohol auch dazu führen, dass jemand gar nicht trinkt. Einfach weil es bestimmte Einstellungen und Überzeugungen innerhalb der Familie gibt, die Alkohol als Problemlöser ausschließen.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Psychose

Auf ähnliche Weise gibt es ein Modell für die Entstehung einer Psychose wie der Schizophrenie. Hier wäre die körperliche Besonderheit, dass das Filtersystem der Person Reize nicht so gut differenzieren kann wie das Filtersystem anderer Menschen.

Das Filtersystem ist wichtig, um sich auf einzelne Reize konzentrieren zu können. Stellen Sie sich vor, Sie wären in einem Konzert mit 10.000 anderen Personen in einer großen Arena. Menschen eng bei eng, laute Musik, Lichteffekte und jetzt versuchen Sie, sich zu unterhalten. Sie werden sich kaum verstehen. Einfach weil es schwierig ist, die Stimme einer einzelnen Person von all den anderen Geräuschen zu unterscheiden. Dafür sind die Filter wichtig.

Wenn jemand nun von Natur aus ein Filtersystem hat, welches nicht so gut zwischen Reizen unterscheiden kann, dann kommt es leichter zu Verwechslungen und Missverständnissen. Das stresst so ziemlich jeden Menschen.

Wenn das Nervensystem von Natur leichter erregbar ist, dann kann man noch so viel schneller und leichter in einen Zustand von Übererregung und Unruhe kommen, in dem man nicht mehr schlafen kann und alles völlig aus dem Ruder läuft. Diesen Zustand von hoher Erregung (Stress) zusammen mit einem Haufen Fehlinterpretationen und Fehlwahrnehmungen bezeichnen wir dann als Psychose.

Dass die meisten Psychosen zu einer Zeit im Leben von Betroffenen auftreten, die allgemein herausfordernd ist, spricht in meinen Augen nur das Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Wobei Vulnerabilität der körperliche, genetisch festgelegte Anteil an der Erklärung für die psychische Störung ist und Lebensstress der andere Teil. Ich bin davon überzeugt, dass der Lebensstress der größere Anteil ist und damit beeinflussbar, bewältigbar, veränderbar.

Wenn Sie wissen möchten, wie man die Entstehung einer Depression mit diesem Modell erklären kann, dann schauen Sie nächste Woche wieder vorbei. Sie können den vollständigen Artikel auch für 3 Euro hier vorab erstehen und damit diesen Blog unterstützen. Vielen Dank!

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Leserfrage: Wie gehe ich mit dem Hin und Her in der Beziehung zu meiner Freundin mit komplexer PTBS um?

01.04.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Guten Tag,

meine Freundin ist seit sechs Wochen wegen ihrer komplexen PTBS in einer Klinik.

Am Anfang der Therapie suchte sie zu mir den Kontakt und brauchte ihn sehr. Gleichzeitig versuchte sie immer wieder Abstand zu haben. Wir telefonierten viel und schickten uns Nachrichten. Nach zwei Wochen trennte sie sich von mir. Sie begründete diesen Schritt damit, sie bräuchte eine Pause. Sie könne gerade nicht damit umgehen, dass jemand sie liebt und sie deswegen braucht. Sie könne keine Verantwortung für die Beziehung übernehmen.

Ich weiß, wie schwer ihr das gefallen ist und wie überfordert sie mit dieser Situation war. Sie hat sehr viele Gefühle für mich. Nach mehreren Jahren hin und her mit ihrem letzten Freund, trennte sie sich und kam mit mir zusammen.

Seitdem ging es ihr immer schlechter und schließlich wurde die PTBS diagnostiziert. Zwischen uns lief es gut, allerdings konnte sie nur noch mit mir Kontakt haben. Sie zog sich von ihren Freunden zurück. Ende letzten Jahres wurde sie krankgeschrieben und ist seitdem arbeitsunfähig.

Ich habe mich vor dem Klinik-Aufenthalt intensiv um sie gekümmert und war immer für sie da. Sie brauchte mich sehr. Wir hatten einen liebevollen und vertrauten Umgang. Wir sprachen auch über Zukunftspläne.

Die Trennung sprach sie in einer kühlen, sachlichen Mail aus. Wir telefonierten anschließend per Video. Sie bekräftigte die Trennung mehrfach, nahm sie aber auch mehrfach zurück als sie merkte, wie sehr mich das überforderte.

Sie brach das Telefonat ab und ging ins Stationszimmer, weil es ihr sehr schlecht ging. Später an dem Tag schrieb sie, dass sie „kurz Pause“ brauche.

Seitdem ist so eine Art Schwebezustand eingetreten. Ich bin ratlos. Ich habe seit zwei Wochen keinen Kontakt zu ihr, bis auf eine kurze Nachricht, dass in ihrer Wohnung alles ok ist. Sie bedankte sich. Dann wieder nichts mehr.

Soll ich sie unterstützen? Und wie kann ich das tun? Soll ich sie weiter in Ruhe lassen. Ist es ratsam, mit der Klinik Kontakt aufzunehmen?

Ich beschäftige mich seit Wochen sehr mit komplexer PTBS, finde auch vieles dazu an Lektüre, aber nirgends finde ich Rat, wie ich mich in so einer Situation als Partner verhalten soll.

Ich schwanke hin und her zwischen „Beziehung aufgeben“ und „auf sie warten“. Ich muss auch schauen, was für mich gesünder ist, egal wie sehr ich sie liebe. Ich weiß nicht, wann sie wieder zurückkommt. Ich weiß nicht, wie ich mich in den nächsten Wochen verhalten soll und kann.

Trauma-Informations-Zentrum

Lieber Leser,

Ihre Schilderung macht sehr deutlich, wie schwierig die Situation für Sie ist und wie Sie versuchen, mit dieser Herausforderung umzugehen. Bevor ich ihre Fragen konkret beantworte, möchte ich ein paar Worte zum Thema komplexe PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) schreiben.

Was ist eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung?

Belastende Lebenserfahrungen wirken auf zwei Ebenen. Die Wirkung auf den Körper/Hirn bewirkt die Beschwerden der Posttraumatischen Belastungsstörung mit Erinnerungsattacken, häufig dissoziativem Erleben (Notabschaltung), erhöhter Erregung und vor allem Vermeidungsverhalten, weil die Erinnerungsattacken so unangenehm sind.

Belastende Erfahrungen, vor allem wenn sie häufig geschehen und früh im Leben ertragen werden müssen, bewirken, dass wir die Welt und uns selbst auf eine bestimmte Weise sehen. Es ist als wenn man die Welt und sich selbst durch Filter sieht, die nur bestimmte Informationen durchlassen. Das macht es oft schwer, gesunde Beziehungen zu leben. Misstrauen in den anderen oder ein übersteigertes Verantwortungsgefühl sind zwei sehr häufige Filter, die Beziehungen erschweren. Ein Filter ist eine Überzeugung, die bewirkt, dass wir Informationen durch diese Überzeugung wahrnehmen und bewerten. Diese Filter oder Überzeugungen werden auch als Glaubenssatz oder Affirmation bezeichnet.

Filter bestimmen, wie wir Informationen verstehen

Foto von Susanne Jutzeler von Pexels

Ich könnte zum Beispiel davon überzeugt sein, dass ich dafür verantwortlich bin, dass es dem anderen gut geht. Wenn ich das glaube, dann werde ich besonders darauf achten, wie es dem anderen geht. Bemerke ich, dass es dem anderen nicht gut geht, neige ich dazu zu glauben, dass es an mir liegt. Ich werde versuchen, den anderen aufzumuntern. Wenn ich Glück habe, dann gelingt mir das. Wenn nicht, dann werde ich mich schlecht, hilflos und womöglich noch schuldig fühlen.
Wenn mein Partner ebenfalls davon überzeugt ist, für meine Gefühle verantwortlich zu sein, könnte es ja sein, dass er bereits gemerkt hat, wie anstrengend und erschöpfend das ist und wie oft er sich deswegen hilflos fühlt. Wenn er für sich sorgen will, weil er einfach nicht mehr kann, würde er sich erstmal zurückziehen.

Einfach, um etwas anderes auszuprobieren, anstatt so wie immer zu reagieren. Bisher hat er immer versucht, mich aufzumuntern oder es mir Recht zu machen. Jetzt zieht er sich zurück, um in Ruhe zu spüren, wie es ihm damit geht, dass es mir nicht gut geht. Vielleicht kommt er dann zu dem Schluss, dass er gar nicht für meine Gefühle verantwortlich ist. Alleine dieser Gedanke könnte ein Gefühl von Erleichterung bewirken. Und er könnte sich überlegen, wie er anders damit umgehen kann, wenn es mir schlecht geht.

Filter schicken uns in Hamsterräder

Foto von ROMAN ODINTSOV von Pexels

Wenn beide Partner glauben, für die Gefühle des anderen verantwortlich zu sein, kann das im Alltag zu unglücklichen Situationen führen. Zum Beispiel:

Der eine fühlt sich schlecht, weil er eine PTBS hat. Der andere versucht zu helfen. Aber weil es eine PTBS ist, greift die Hilfe nicht. Er kann nur ohnmächtig zuschauen, wie es dem anderen immer schlechter geht. Das bewirkt, dass die Person ohne PTBS, aber mit der gleichen Überzeugung (Filter) sich überfordert fühlt. Sie möchte, dass es dem anderen besser geht, kann aber nichts tun. Die Person mit PTBS möchte ebenfalls, dass es dem Partner gut geht, kann aber nichts tun, weil sie PTBS hat. Sie fühlt sich zusätzlich schlecht, weil sie glaubt, dass der andere sich wegen ihr schlecht fühlt.

Jetzt sind beide in einem Hamsterrad. Jeder sieht die Situation aufgrund seines Filters, kann aber nichts tun, weil die Überzeugung verhindert, andere Lösungen zu finden.

Noch ein Beispiel:

EIn Beispiel, Hamsterrad, Filter: Ich bin verantwortlich für die Gefühle anderer
(c) Stefanie Rösch, 2021

Wie kommt man aus einem Hamsterrad wieder raus?

Foto von Johannes Plenio von Pexels

Jetzt kommen wir zur Beantwortung ihrer Frage: Sie wollen wissen, was Sie tun können? Sie wissen schon, dass sie für sich sorgen müssen. Das ist unser aller Pflicht: Zuerst für uns zu sorgen, damit wir gut für die da sein können, die wir lieben.

Liebe ist selbstlos. Das heißt, die Liebe sieht nur, was der andere zum Glücklichsein braucht. Sie respektiert den anderen bedingungslos und erträgt auch den Schmerz, wenn der andere für sein Glück vorübergehend oder dauerhaft allein weiterleben möchte. Das ist die schwerste Form: Den anderen in Liebe gehen lassen. Aber das wissen Sie ja schon.

Zum Hamsterrad gehören immer zwei

Aus dem Hamsterrad kommt man am besten raus, wenn man akzeptiert, dass immer zwei dazu gehören. Wir alle haben Filter, sprich Überzeugungen, die unsere Wahrnehmungen filtern. Wir alle haben gelernt, auf bestimmte Reize mit bestimmten Gedanken, Gefühlen und Handlungen zu reagieren. Wir alle haben die Möglichkeit, unser Verhalten, unsere Gefühle und unsere Gedanken zu hinterfragen.

Als Menschen können wir uns selbst hinterfragen. Welche Lebenserfahrungen haben dazu geführt, dass wir zum Beispiel davon überzeugt sind, für die Gefühle von anderen verantwortlich zu sein? Andere häufige Überzeugungen sind: Ich bin wertlos, ich bin nicht liebenswert, niemand glaubt mir, niemand interessiert sich für mich, ich werde nur geliebt, wenn ich es dem anderen Recht mache und so weiter.

Überzeugungen sind schwer zu entdecken. Manchmal geht das nur mit einem Therapeuten oder in einer Klinik. Ganz besonders wenn die Überzeugungen zusammen mit einer PTBS auftreten. Manchmal kann man das nur über Abstand herausfinden.

Ist es ratsam, mit der Klinik Kontakt aufzunehmen?

Die Klinik sollte Ihnen aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht (§ 203 StGB und Verschwiegenheit) keine Auskunft geben. Insofern können Sie es lassen.

Soll ich sie weiter in Ruhe lassen?

Im Moment ja. Sie können ihr einen Brief schreiben. Darin können Sie sagen, wie Sie die Situation gerade erleben. Was Sie brauchen. Zum Beispiel einmal die Woche ein Lebenszeichen. Übernehmen Sie volle Verantwortung für Ihre Gedanken, Ihre Gefühle und Ihr Handeln. Das klingt einfacher, als es ist. Sie könnten ihrer Freundin sagen, dass sie nicht dafür verantwortlich ist und auch keine Schuld daran hat, wenn Sie überfordert sind. Versuchen Sie herauszufinden, welche Überzeugungen für Sie zentral sind. Es ist gut, das zu wissen. Situationen, in denen wir sehr emotional reagieren sind ein guter Hinweis dafür, dass gerade ein alter Filter aktiv ist. Übermäßig starke Gefühle sind sozusagen ein Indiz für einen aktiven Filter. Wenn wir wissen, warum wir uns fühlen, wie wir uns fühlen, können wir leichter Verantwortung dafür übernehmen.

Soll ich sie unterstützen? Und wie kann ich das tun?

Ja, sie können Ihre Freundin unterstützen – wenn sie es will und wenn Sie keine Gegenleistung erwarten. Die beste Unterstützung für ihre Freundin ist, wenn Sie selbstlos handeln können.

Lassen Sie ihre Freundin bestimmen – so lange es Ihnen damit gut geht. Fragen Sie, was sie von Ihnen braucht, was ihr guttut. Geben Sie ihr die Freiheit herauszufinden, was sie will und braucht. Erwarten Sie, dass der Heilungsweg bei einer komplexen PTBS oft Jahre dauert. Selten ist es mit einem Klinikaufenthalt getan.

Deswegen ist es immer auch gut, selbst Unterstützung zu haben. Gehen Sie diesen Weg nicht alleine. Freunde und Freundinnen sind gute Begleiter.

Für Ihren Weg wünsche ich Ihnen viel Kraft,

Ihre Stefanie Rösch

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Ihre Stefanie Rösch

Leserfrage: Warum provoziere ich meinen Mann so mit meinem Ton?

22.03.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Sehr geehrte Frau Rösch,
Mein Ehemann wurde vor 4,5 Jahren auf seiner Arbeit von einem Mann mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Es wurde PTBS diagnostiziert. Er machte eine Traumatherapie.
Nach ein paar Wochen bemerkte er, dass er auf mich und auch seine Freunde zum Teil sehr gereizt reagierte. Seine Therapeutin erklärte ihm, das liege an dem generellen Vertrauensverlust durch den Messerangriff. Sie schlug uns eine Strategie vor, wie wir damit umgehen können. Nach wenigen Monaten hatte ich den Eindruck, dass es „erledigt“ war.
Wir hatten eine wundervolle Zeit, heirateten, kauften einen Bauernhof, waren unfassbar verliebt und verbrachten jede freie Minute miteinander.
Seit 2 Jahren fühlte er sich zunehmend durch die kleinsten Kleinigkeiten von mir angegriffen und kritisiert. Er wurde laut und machte mir Vorwürfe ich würde ihn wie ein kleines Kind behandeln. Die Wutausbrüche wurden heftiger, immer mehr ging kaputt. Irgendwann bekam ich richtig Angst vor ihm.
Ich entschuldigte mich oft bei ihm, dachte ich würde ihn in die Wut treiben und versuchte, mich durch Yoga und Therapie so zu verhalten, dass er sich nicht mehr provoziert fühlen musste. Ich dachte alles fünfmal durch, bevor ich etwas sagte. Aber nichts half. Ich gab mir die Schuld an unseren Problemen und daran, dass er sich schlecht fühlte.

Er blieb der Ansicht, dass es an meinem „Ton“ liege. Er versprach mir, dass er mich nie verletzen würde. Seine Wut habe sich immer nur gegen Sachen gerichtet. Das sei auch in seiner Jugend schon so gewesen. Wenn er einen Ausraster hatte, brach er hinterher weinend zusammen und beschuldigte sich selbst. Sagte, ich könne ihn gar nicht lieben, so wie er sei.
Dann sagte er mir eines Tages er wüsste zwar noch, dass er mich liebt, aber er könne es nicht mehr spüren. Als ich daraufhin einen Nervenzusammenbruch hatte, legte er mir seine Hand auf die Schulter und sagte „mehr Empathie kann ich für dich leider nicht mehr aufbringen“. Es war so unglaublich schrecklich. Ich dachte, ich bin nicht liebenswert und man kann es mit mir nicht aushalten.
Er sprach die Trennung aus.

Wir unternahmen dann noch einen zweiten Versuch, obwohl ich kein gutes Bauchgefühl hatte. Ich bekam immer häufiger Schübe, in denen mich die Zweifel und Hoffnungslosigkeit übermannten. Ich sagte ihm, dass es mir leidtue und es mir nicht gut ginge und bat ihn, für mich da zu sein und jetzt nicht auch noch wütend zu werden.
Daraufhin machte er mir Vorwürfe, schlug vor, ich solle in eine Klinik gehen oder Medikamente nehmen. Und schließlich flippte er wieder aus. Ich war entsetzt. Wir trennten uns das zweite Mal.

Wenn wir mal telefonieren ist er völlig emotionslos. Er liebt mich nicht mehr. Er sei erwachsen geworden und wolle nicht mehr, dass man so mit ihm spricht. Er werde sich nicht mehr zurück entwickeln und ich könne mich eh nicht ändern, der Ton wäre in mir drin und „ich hätte ja bis zum Schluss nicht anerkannt, dass mein Ton das Problem ist“.
Warum löse ich das bei meinem Mann aus? Warum fühlt er sich nur von mir oder meinem Ton so kritisiert und angegriffen und warum flippt er nur bei mir so aus? Es muss doch alles irgendwie mit mir zusammenhängen!?

Es tut mir leid, dass ich Ihnen jetzt so viel Zeit weggenommen habe.

Trauma-Informations-Zentrum

Liebe Leserin,

ja, das ist eine lange Geschichte. Ich habe sie sehr stark zusammengefasst und hoffe, dass meine Antwort für die Leser*innen meines Blogs trotzdem nachvollziehbar ist.

Ich kann Ihnen keine Lösung vorschlagen. Aber ich kann Ihnen erklären, wie ich mir die Verhaltensweisen erkläre, die Sie schildern:

So wie ich es verstehe, stecken Sie gemeinsam in einem Hamsterrad fest, an dem jeder mit seinen alten Verletzungen und eingefahrenen Reaktionen beteiligt ist.

Die Seite ihres Mannes am Hamsterrad

Foto von Adrianna Calvo von Pexels

Ihr Mann sagt er will seine Wutausbrüche nicht. Gleichzeitig besteht er darauf, dass seine Wutausbrüche vollkommen von ihrem Verhalten abhängen. Das ist die Argumentation, die Sie beschreiben. Er übernimmt keine Verantwortung für seine Gefühle und sein Handeln hinsichtlich seiner Wut.

In meiner Einschätzung, verwechselt er Sie mit einer anderen wichtigen, nahestehenden Person in seinem Leben, der er einmal sehr ausgeliefert war. Daher die Vorstellung, seine Wut selbst nicht steuern zu können und nicht verantwortlich dafür zu sein. Häufig treten diese Verwechslungen mit Eltern, sorgeberechtigen oder anderen wichtigen Personen auf. Diese müssen nicht notwendigerweise vom gleichen Geschlecht sein. Aber wenn man Betroffene fragt: Woher kennen Sie dieses Gefühl (hier die Wut), dann erinnern sich Betroffene oft an die Situation, mit der die Verwechslung stattfindet.

Diese Verwechslung, bewirkt, dass er Ihre Worte nicht „hört“ sondern auf eine festgefahrene Art und Weise interpretiert als könne er hellsehen. Dabei reicht es, dass etwas an dem was oder wie Sie es sagen „ähnlich“ ist zu dem, was er damals erlebt hat.

Was ihm komplett fehlt, ist die Erkenntnis, dass er für seine Gefühle, seine Gedanken und sein Verhalten verantwortlich ist. Er hat jeder Zeit die Möglichkeit, zu lernen, wie er sein Verhalten ändern kann. Es hat ihm nur niemand beigebracht. Dabei geht es nicht um Schuld, sondern darum, dass die Strategien, die er gelernt hat im Umgang mit seiner Wut, heute nicht mehr angemessen sind und er deswegen andere Strategien lernen kann.

Ihre Seite am Hamsterrad

Foto von Luis Quintero von Pexels

Sie auf der anderen Seite befinden sich in einem Zustand von „Kindlichem Größenwahnsinn“ (hier ein ausführlicher Artikel aus meinem Blog). Kurzfassung: Sie glauben, Sie wären dafür verantwortlich wie er Reize interpretiert und wie er sich dadurch fühlt. Das ist natürlich – in meinen Augen – Blödsinn. Niemand kann für die Gefühle eines anderen verantwortlich sein. Das zeigen ja ihre ganzen Bemühungen, „es richtig zu machen“. Nichts davon funktioniert. Selbst wenn Sie es ganz genau so machen, wie er es will, funktioniert es nicht. Das ist der Beweis dafür, dass Sie da ohnmächtig sind und es ganz alleine seine Verantwortung ist, wie er sich fühlt und wie er mit seinen Gefühlen umgeht.

Auch Sie haben durch Situationen in ihrem Leben Situationen gelernt, so mit den Gefühlen anderer umzugehen. Woher kennen Sie solche Situationen?

Ihre Verantwortung ist, ihm die Verantwortung für seine Gefühle zu lassen. Wenn er schlecht drauf ist, dann ist er das eben: Nicht ihr Problem, sondern sein Problem!

Ihre Aufgabe ist, für sich selbst zu sorgen. Das können Sie tun, in dem Sie sich zurückziehen, wenn er zornt. So sorgen Sie für Ihre Sicherheit. Oder Sie überlegen sich in einer ruhigen Minute eine andere Strategie. Wichtig ist, nicht immer gleich zu reagieren, sondern Ihr Verhalten zu ändern. Damit das möglich wird, ist es nötig, zuerst Ihr Denken zu ändern.

Dass Sie sich ständig für alles entschuldigen, zeigt, wie ausgeprägt dieser „kindliche Größenwahnsinn“ ist. Dahinter steckt die irrationale Überzeugung, Sie könnten andere kontrollieren.

Wenn Sie sich bei mir entschuldigen,

… weil Sie mir so viel Zeit „wegnehmen“, dann könnte ich Ihnen jetzt beweisen, dass Sie diese Macht nicht haben, in dem ich Ihnen sage, dass ich Ihre Mail nicht beantworte, ja nicht mal gelesen habe.

Wer entscheidet denn darüber, ob ich Ihre Mail lese und mir die Zeit dafür „nehme“. Sie oder ich????

Wenn Sie jetzt Gedanken haben, die sich darum drehen, dass Sie das entscheiden, dann haben Sie ein echtes Problem. Wenn Sie sehen können, dass allein ich entscheide, womit ich meine Zeit verbringe, dann besteht Hoffnung auf Veränderung 🙂 Bleiben Sie dran!!

Wutausbrüche und Messerangriff?

Foto von Mushtaq Hussain von Pexels

Ich sehe die Ursache für die Wutausbrüche Ihres Mannes in erster Linie in alten Erfahrungen begründet, die VOR dem Tötungsversuch mit dem Messer liegen. Einfach weil die Wutausbrüche schon vorher da waren. Die Traumareaktion bewirkt, dass man ständig Stress hat. Das führt dazu, dass man leichter und schneller wütend wird. Das heißt, die Folgen des Messerangriffs KÖNNEN zu einer Verschlimmerung des Problems mit der Wut geführt haben – müssen sie aber nicht. Um Ihnen dazu meine Meinung zu geben, habe ich nicht ausreichend Informationen.

Und was können Sie jetzt tun?

Foto von Lukas Rodriguez von Pexels

Wenn Sie eine Chance haben wollen, dann ist es meiner Meinung nach notwendig, dass Sie beide lernen Verantwortung für sich zu übernehmen und zwar ausschließlich für sich. Sie sind zu 100% verantwortlich für Ihr Denken, Ihre Gefühle und Ihr Handeln.

Diese Überzeugung ist die Voraussetzung dafür, dass es auf beiden Seiten zu persönlichem Wachstum (nicht Rückschritt) kommt. Nur dann können Sie Ihre Beziehung retten. Es ist aber keine Garantie. Persönliches Wachstum kann auch dazu führen, dass man anschließend getrennte Wege geht. Das kann vor allem dann geschehen, wenn nur einer sich um persönliches Wachstum bemüht.

Insofern kann ich Ihnen nur dazu Mut machen, sich mit ihrem eigenen Anteil am Hamsterrad zu beschäftigen und zu verändern. Wenn Sie sich verändern, besteht eine gute Chance, dass sich die Situation an sich mitverändert.

Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Kraft für ihren Weg.

Ihre Stefanie Rösch

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Ihre Stefanie Rösch

Leserfrage: Einbruch und PTBS

14.03.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Kann ein Hauseinbruch, bei dem der Bewohner selbst nicht im Haus war, bei diesem eine PTBS verursachen? Obwohl somit nicht lebensbedrohlich?

Foto von Visually Us von Pexels

Liebe Leserin,

Ihre Frage wirft verschiedene weitere Fragen auf.

  1. Ihre Frage wirft die Frage nach dem Traumakriterium auf. Eine Posttraumatische Belastungsstörung gehört zu den wenigen psychischen Störungen, für deren Diagnose ein auslösendes Ereignis notwendig ist. Wie lautet dieses Kriterium und fällt ein Hauseinbruch, bei dem der Bewohner nicht daheim ist, darunter?
  2. Eine zweite Frage betrifft das Thema von psychischer Belastung durch Einbrüchen.
  3. Und eine dritte Frage ist, warum brauchen wir überhaupt Diagnosen?

Warum brauchen wir Diagnosen?

Grundsätzlich gibt es zwei Systeme, nach denen wir psychische Störungen diagnostizieren. Das eine heißt Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD = International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Das ICD wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben.

Und das andere heißt Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen (DSM). Das DSM wird von der Amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft (APA) herausgegeben.

In Deutschland ist für das Gesundheitssystem das ICD das entscheidende Klassifikationssystem. Wann immer die Krankenkassen eine Leistung übernehmen, hat irgendeine Fachperson einen ICD Code vergeben. Das ist ein Grund für eine Diagnose.

Wir brauchen Diagnosen auch, um uns als Fachleute schnell über komplexe Sachverhalte unterhalten zu können. So können wir viele Informationen austauschen, die sich alle hinter einer Störungsbezeichnung verbergen. Zum einen über die Entstehung einer Störung, über deren häufige Beschwerden, deren Verlauf und auch über deren Behandlungsmöglichkeiten.

Diese Klassifikationssysteme werden laufend anhand aktueller Erkenntnisse weiter ausgearbeitet und angepasst. Im Abstand von mehreren Jahren kommen Revisionen heraus. Insofern gibt es aktuell das DSM in seiner fünften Überarbeitung und beim ICD steht die elfte Überarbeitung vor der Tür. In beiden Versionen wurde das Traumakriterium für die Neufassung geändert.

Posttraumatische Belastungsstörung: Das Traumakriterium

Foto von Caleb Kwok von Pexels

Um eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren zu können, müssen verschiedene Beschwerden (Symptome) erfüllt sein. Darunter auch das Erleben eines auslösenden Ereignisses. Das ist das Traumakriterium.

Schauen wir uns die beiden Klassifikationen für das Traumakriterium im Vergleich an.

Das Traumakriterium im ICD

ICD 10: Posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)ICD 11: Posttraumatische Belastungsstörung (F 6B40)  
Die PTBS entsteht als eine verzögerte oder über einen längeren Zeitraum andauernde Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß,

die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.  
Die PTBS entsteht als Reaktion auf ein extrem bedrohliches oder katastrophales Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen.





Tabelle 1: Das Traumakriterium im ICD, alte Fassung gegenüber neuer Fassung

Im ICD-10 wurde noch berücksichtigt, dass Menschen ganz unterschiedlich auf belastende und bedrohliche Ereignisse reagieren. In der Neufassung wurde das subjektive Erleben herausgelassen. Hier geht es nur noch um ein „objektives“ Kriterium. Denn wer legt fest, was extrem bedrohlich oder katastrophal ist? Hier maßen sich Fachpersonen an, sie wüssten wie jemand ein bestimmtes Ereignis erlebt. Die Anmaßung liegt natürlich bei den Fachleuten, welche diese Kriterien festlegen. Aber auch bei denen, die im Alltag Menschen unterstützen wollen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen machen mussten. Diese Fachleute müssen sich an die Diagnose-Kriterien halten und deswegen eine Einschätzung festlegen.

Das Traumakriterium im DSM

DSM-IV: Posttraumatische BelastungsstörungDSM-V: Posttraumatische Belastungsstörung
Die Person wurde mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert, bei dem die beiden folgenden Kriterien vorhanden waren: Konfrontation mit tatsächlichem oder drohendem Tod oder ernsthafter Verletzung oder Gefahr der körperlichen Unversehrtheit durch ein oder mehrere Ereignisse
(1) Selbst erlebtes Ereignis: der eigenen Person oder
(2) Beobachtetes Ereignis: anderer Personen

Die Reaktion der Person umfasste intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen.  



Konfrontation mit tatsächlichem oder drohenden Tod, ernsthafter Verletzung oder sexueller Gewalt auf eine (oder mehrere) der folgenden Arten
(1) Direktes Erleben eines oder mehrerer traumatischer Ereignisse
(2) Persönliches Erleben eines oder mehrerer traumatischer Ereignisse bei anderen Personen
(3) Erfahren, dass einem nahen Familienmitglied oder einem engen Freund ein oder mehrere traumatische Ereignisse zugestoßen sind (Unfall / Gewalt)
(4) Erfahrung wiederholter/ extremer Konfrontation mit aversiven Details von einem oder mehreren traumatischen Ereignissen. Beachte: Konfrontation durch TV und Medien erfüllen das Kriterium 4 nicht, es sei denn es ist berufsbedingt.  
Tabelle 2: Das Traumakriterium im DSM, alte Fassung gegenüber neuer Fassung

Im DSM hat man in der Neufassung ebenfalls das subjektive Erleben der belastenden Erfahrung weggelassen. Auch hier entscheiden letztendlich Fachpersonen darüber, ob etwas traumatisch war oder nicht. Unabhängig vom subjektiven Erleben.

Ich bin der Meinung, dass diese Veränderungen in den Diagnosekriterien das fehlende Störungsmodell für die PTBS wiederspiegelt. Die Kriterien werden anhand von klinischen Beobachtungen oder wissenschaftlichen Befragungen zusammengestellt. So versuchen wir als Fachleute, Gruppen von Beschwerden zusammenzufassen, um anhand von Diagnosen entsprechend wirkungsvolle Therapieangebote machen zu können. So der Plan.

Mein Stressmodell (Video in meinem YouTube-Kanal) erklärt, wie es zu einem Erleben kommt, dass in der Folge zu PTBS-Symptomen führen kann. Aus meiner Erfahrung ist das Kriterium für das erhöhte Risiko einer PTBS nach einer belastenden oder bedrohlichen Lebenserfahrung die subjektive Begegnung mit dem Tod. Ich nenne das, dem Tod ins Gesicht sehen. Dieser Moment entscheidet darüber, ob das Gehirn in einen Ausnahmezustand (Notabschaltung) gerät, in dem die Erinnerungen an das Ereignis so abgespeichert und verarbeitet werden, wie PTBS-Betroffene es dann erleben: Als Warnreaktion mit belastenden Fehlalarmen in Form von sich aufdrängenden Erinnerungen als der Beschwerde, die am meisten belastet.

Folgen von Einbrüchen in Wohnungen und Häuser

Foto von Kendall Hoopes von Pexels

Gerade Wohnungseinbrüche stellen eine Gruppe von Ereignissen dar, die subjektiv sehr unterschiedlich erlebt werden können.

Natürlich würde man erstmal davon ausgehen, dass wenn der Einbruch in Abwesenheit der Bewohner stattgefunden hat und damit keine direkte, lebensbedrohliche Situation entstanden ist, keine PTBS-Symptomatik entstehen sollte. Andere Beschwerden mit Bezug auf den Einbruch kann es trotzdem geben, aber eben keine Posttraumatische Belastungsstörung. Sehr wohl können Ängste entstehen, auch Ängste die man als psychische Störung diagnostizieren kann (Anpassungsstörung oder Phobie als Beispiel).

Wenn es eine PTBS-Symptomatik gibt, also sich aufdrängende Erinnerungen, dann würde ich das erstmal als Hinweis sehen, dass die betroffene Person durchaus eine subjektiv lebensbedrohliche Erfahrung gemacht hat. Ich würde mich dafür interessieren und versuchen herauszufinden, worin die Lebensbedrohung bestand, durch die es zu den sich aufdrängenden Erinnerungen kommt. Dabei sind die Erinnerungen das zentrale Symptom. Alle anderen Beschwerden leiten sich daraus ab. (–> Meine PTBS-Reihe mit ausführlichen Erklärungen finden Sie hier.)

Das heißt, wenn es sich aufdrängende Erinnerungen gibt, dann ist das das zentrale Symptom der PTBS. Dann geht es im Grunde darum zu verstehen, was genau die betroffene Person als lebensbedrohlich erlebt hat. Denn aus meiner Erfahrung heraus, entstehen Erinnerungsattacken nur dann, wenn die Person dem Tod ins Gesicht gesehen hat. Es geht also nicht in erster Linie um das Ereignis, sondern um die Erinnerungsattacken in der Folge.

Andere, belastende Folgen von Wohnungseinbrüchen

Sieht man von der PTBS als Folge von Wohnungseinbrüchen ab, dann wird schnell deutlich, dass ein Wohnungseinbruch ein sehr belastendes Ereignis sein kann. Wollinger und andere (2014) befragten für das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN) knapp 1400 Personen aus fünf Großstädten. Die Ergebnisse können Sie im Bericht Wohnungseinbruch: Tat und Folgen / Ergebnisse einer Betroffenenbefragung in fünf Großstädten nachlesen. Der Bericht enthält spannende Informationen über typische Tatabläufe von Wohnungseinbrüchen. In nur 20% der Einbrüche war überhaupt ein Bewohner im Haus . Einbrecher wollen also lieber einbrechen, wenn niemand da ist.

Die Untersuchung befragte ihre teilnehmenden Personen auch, welche psychischen Folgen der Einbruch hatte. Betroffene schildern unter anderem folgende Beschwerden, die auch noch Monate nach dem Einbruch bestehen können:

„Dreiviertel der Befragten (75,3 %) fühlten sich aufgrund der Tat in ihrer gewohnten Umgebung unsicher. Bei fast der Hälfte(46,5 %) hielt dies längere Zeit an. Gefühle der Macht- und Hilflosigkeit wurden ebenfalls von über der Hälfte der Betroffenen berichtet, wobei diese ebenfalls recht häufig langfristig bestanden. Weiterhin wurden häufig Stress und Anspannung als Folge des Erlebten angegeben. Der Wohnungseinbruch löste daneben bei zwei von fünf Befragten starke Angstgefühle aus. Auch Schlafstörungen wurden in vergleichbarer Häufigkeit berichtet. Des Weiteren wurde angegeben, sich aufgrund des Erlebten geekelt und erniedrigt gefühlt zuhaben. Versuche, nicht über die Tat nachzudenken, berichtete ein Viertel der Betroffenen. Ein ähnlicher Anteil der Befragten gab das Erleben von Albträumen an. Seltener wurde berichtet, im Umgang mit anderen Menschen unsicher geworden zu sein. […] Die Ergebnisse zu den emotionalen Folgen zeigen zum einen, dass ein (versuchter) Wohnungseinbruch weitreichende Folgen wie Gefühle der Hilflosigkeit, starke Angstgefühle und Anspannung auslösen kann. Andererseits gibt ein nicht unerheblicher Teil der Befragten an, nicht bzw. nicht langandauernd unter den jeweiligen Folgen gelitten zu haben. Insgesamt gaben 10,0 % aller Betroffenen an, keiner der […] aufgeführten emotionalen Folgen erlebt zu haben.“

Wollinger und andere, 2014 / S. 53 ff

Die Beantwortung Ihrer Frage

Foto von Sindre Strøm von Pexels

Es ist denkbar, wenn auch unwahrscheinlich, dass unter den genannten Umständen eine PTBS entsteht. Ein erster Hinweis sind sich aufdrängende Erinnerungen an den Einbruch. Erinnerungen zeigen an, was als bedrohlich erlebt wurde. Nur ein Ereignis, das von der betroffenen Person als lebensbedrohlich erlebt wurde, kann meiner Meinung nach eine PTBS verursachen.

Unabhängig von einer PTBS kann ein Wohnungseinbruch ein sehr belastendes und auch krankmachendes Ereignis sein.

Für Ihren Weg wünsche ich Ihnen viel Kraft,

Stefanie Rösch

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Ihre Stefanie Rösch

Trauma-Informations-Zentrum

Leserfrage: Ist Emotionslosigkeit typisch für die Posttraumatische Belastungsstörung?

03.03.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare
Foto von Melanie Wupperman von Pexels

Guten Tag,
Meine Frau ist von PTBS Betroffene. Auslöser sind Misshandlungen in ihrer Jugend. Wir sind nun seit mehreren Jahren ein Paar. Wir haben gemeinsam so vieles geschafft und überwunden. Es wird für mich immer schwerer, trotz ständiger Bemühungen und Geduld, einen Tag ohne Streitereien zu gestalten.
Ich möchte gerne wissen, ob es für PTBS ein typisches Symptom ist, sich zurückhaltend und emotionslos zu verhalten?! Ich bin mittlerweile verzweifelt. Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Lieber Leser,

ja, es ist ein typisches Symptom der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), emotional abgeschaltet oder entfernt zu wirken. Es ist typisch für eine Posttraumatische Belastungsstörung, dass Betroffene nicht mehr angemessen emotional auf ihre Mitmenschen reagieren zu können. Allerdings geht das nicht allen PTBS-Betroffenen so.

Das was Sie als zurückhaltend und emotionslos erleben ist sehr wahrscheinlich das, was Sie sehen, wenn Ihre Frau dissoziiert, wie wir das in Psychologinnensprache ausdrücken.

Dissoziation beschreibt einen Schutzmechanismus von Seele und Gehirn/Körper gegen überwältigende in erster Linie negative Gefühle.
Foto von Philippe Donn von Pexels / Graphic designed with FotoJet

Dissoziation beschreibt einen Schutzmechanismus von Seele und Gehirn/Körper gegen überwältigende in erster Linie negative Gefühle.

Wenn sich jemand bedroht fühlt, wird er zuerst wütend, solange das Hirn „der Meinung ist“, dass man noch Handlungsmöglichkeiten (Kampfstrategien) hat. Fühlt man sich bedroht, sieht aber keine Handlungsmöglichkeiten mehr, dann sagt einem die Angst: „Nix wie weg hier“. Bleibt man in der als lebensbedrohlich empfundenen Situation gefangen, dann kann aus der Angst Todesangst werden und man erkennt, dass man absolut hilflos ist. Menschen erkennen in solchen Momenten, dass das eigene Überleben von der Situation abhängt oder aber vom Willen ihres Angreifers.

Tritt dazu noch ein Moment ein, in dem die betroffene Person den Eindruck gewinnt, dass Ihr Leben jetzt zu Ende ist (ich nenne das „dem Tod ins Gesicht sehen“), dann sind die Gefühle und Reize so überwältigend, dass das Hirn/Körper und die Seele sich vor dem weiteren Empfinden dieser Todesangst und ggf. auch körperlicher Schmerzen schützen. Was dann passiert, nenne ich Notabschaltung. Die Notabschaltung kann sich auf unterschiedliche Weise auswirken.

Eine Reaktion ist, das Hirn schaltet alle Gefühle ab (emotionsloser Typ).

Die betroffene Person empfindet dann keine Todesangst mehr. Sie kann sich weiterhin bewegen und sie kann auch auf Denkprozesse zurückgreifen und Wissen. Allerdings alles nur automatisiert und damit ohne willentliche Kontrolle.

Verläuft die Bewältigung der Bedrohungssituation gesund, dann hört dieser Zustand wieder auf, wenn das Hirn erkennt, dass die Lebensbedrohung nicht mehr besteht, sondern Seele und Körper wieder sicher sind. Sobald der Mensch erkennt „Es ist vorbei, ich bin sicher“, entlädt sich der Körper mit Zittern und Weinen und anderen heftigen Körper- und emotionalen Reaktionen. Der Körper baut auf diese Weise die Stresshormone und die ganze Energie ab, die er für den Überlebenskampf bereitgestellt hat.

Eine andere Reaktion auf die Begegnung mit dem Tod ist die Schreckstarre.

Wie der Name schon sagt, lähmt sich der Körper und erstarrt. Gleichzeitig erlebt die Person bei vollem Bewusstsein, was mit ihr geschieht und dass sie absolut ausgeliefert und hilflos ist. Dazu hat sie natürlich weiterhin Todesangst. Weil dieser Zustand absolut unerträglich ist, nutzt das Hirn Denkstrategien oder Denkprozesse, um sich zu beschäftigen und damit von den überwältigenden Gefühlen „abzulenken“.

Eine Strategie, die es dafür nutzen kann, ist zählen. Es gibt immer etwas zu zählen. Schauen Sie sich um! Sie werden etwas finden. Heizkörper, Tapetenmuster, Kacheln, Blätter an einer Pflanze, Tassen im Regal oder Bücher. Selbst Schneeflocken oder die Huppel in einer Raufasertapete lassen sich zählen.

Eine weitere Möglichkeit ist es, sich wegzudenken. In die Wand hineinzudenken. Also eine Phantasie darüber zu entwickeln, nicht im eigenen Körper zu sein, sondern außerhalb zum Beispiel in der Deckenleuchte oder im Teppichboden oder draußen im Baum vor dem Fenster.

Eine dritte Möglichkeit, sich wegzudenken ist, sich vorzustellen, wie das Geschehen nicht aus dem Blickwinkel meiner Augen aussieht, sondern wie es zum Beispiel aussehen würde, wenn ich an einer anderen Stelle im Raum bin. Diese Fähigkeit, sich etwas aus einer anderen Perspektive vorzustellen haben wir alle. Wenn das Gehirn diese Strategie wählt, dann entsteht der Eindruck, die Person habe ihren Körper verlassen. Weil sie die Gefühle nicht mehr bewusst wahrnehmen kann, weil die Denkprozesse alles Bewusstsein verbrauchen oder füllen, entsteht der Eindruck von Getrenntsein vom Körper. Betroffene schildern das als „neben sich stehen“ oder „wie im Film“, weil die Gefühle fehlen. Die werden in diesem Zustand nicht mehr wahrgenommen.

Es gibt Menschen, die bleiben in einem dissoziativen Zustand stecken.

Wenn das Gehirn nicht erkennen kann, dass die Gefahr vorbei ist, dann kann es sein, dass Menschen in so einem abgeschalteten Zustand wie hängen bleiben. Sie leben dann in einem ständigen Alarmzustand, der auf Dauer sehr anstrengend ist.

Eine andere variante kann sein, dass jemand so oft in einem lebensbedrohlichen Zustand war, dass das Gehirn/der Körper sich beim ersten Anzeichen von Gefahr „wegbeamt“, also „wegdenkt“ anstatt andere Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Neues zu lernen macht vielen Menschen Angst. Es ist leichter auf Strategien zurückzugreifen, die automatisch ablaufen, weil sie gut geübt sind. Da es um Überlebensmechanismen geht, sind diese Prozesse im Körper und im Hirn so verankert, dass sie automatisch ablaufen und deswegen viel Anstrengung brauchen, weil sie nur durch bewusste Entscheidungen zu verändern sind. Das wiederum setzt voraus, dass man diese automatischen Prozesse lernen muss, bewusst wahrzunehmen, um dann überhaupt eingreifen zu können. Das ist der Grund, warum gerade der Umgang mit dissoziativen Zuständen so zeitaufwendig ist und Therapien lange dauern.

Eine PTBS entsteht aus einem gesunden Überlebensmechanismus, der ein Update bräuchte.
Foto von Matheus Potsclam Barro von Pexels / Graphic designed with FotoJet

Eine PTBS entsteht aus einem gesunden Überlebensmechanismus, der ein Update bräuchte.

Eine PTBS nennen wir eine Gruppe von Beschwerden, die im Grunde der Versuch unseres Gehirns ist, uns vor weiteren Gefahren zu schützen.

Erinnerungsattacken sind der Versuch unseres Gehirns, uns vor einer drohenden Gefahr zu warnen, indem es sagt: Schau, das war doch gefährlich, das passiert gleich wieder! Achtung! Aufgepasst! In den meisten Fällen handelt es sich um einen Fehlalarm, weil es keine Gefahr gibt. Während das Gehirn diese Warnung durch die Erinnerung „ausspricht“, bereitet es den Körper durch Stresshormone auf den Kampf oder die Flucht vor. Wenn das ständig passiert, dann entstehen dadurch alle anderen Beschwerden der PTBS: Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Anspannung, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Wutausbrüche. Das ist so unangenehm, dass Betroffene versuchen, die Erinnerungsattacken (sich aufdrängende Erinnerungen, Intrusionen, Flashbacks) zu vermeiden.

Keine Gefühle spüren zu können ist für die meisten Menschen sehr unangenehm.

Auf der anderen Seite fühlt es sich kurzfristig besser an, große und starke Gefühle nicht zu spüren. Das ist wie eine Sicherung, die vor Überspannung im Haus sorgt. Wenn die Spannung zu groß wird, schaltet die Sicherung ab. Im Grunde macht das Gehirn das gleiche. Zum Schutz.

Als Angehöriger ist es erstmal wichtig, diese Dinge zu verstehen. Es ist wichtig, dass Sie wissen und sich immer wieder bewusst machen, emotionslose Reaktionen auf der Seite Ihrer Frau sind kein böser Wille und haben nichts mit Ihnen zu tun. Auf der anderen Seite ist verständlich, dass es Sie schmerzt und dass Sie ja auch das Bedürfnis nach emotionalem Austausch haben. Das ist in der Tat eine schwere Zeit. Jetzt kommt es darauf an, gut für sich selbst zu sorgen und sich in echter, bedingungsloser Liebe zu üben. Bedingungslose Liebe bedeutet für mich, dem anderen die volle Verantwortung für sein Denken, Fühlen und Handeln zu überlassen und gleichzeitig eine helfende Hand anzubieten, egal was der andere tut. Das ist schwerer als man im ersten Moment denkt.

Ich wünsche Ihnen, dass sie diese bedingungslose Liebe in sich finden.

Ich wünsche Ihnen alle übernatürliche Kraft, um diese Zeit zu überstehen.

Stefanie Rösch

Graphic designed with FotoJet

Somatic-Experiencing (SE) nach Peter Levine

17.02.2021 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

von Sabine Güls

Somatic Experiencing, eine hilfreiche Traumatherapieform
Photo by Laura Link from Pexels

Ein Trauma verletzt nicht nur die Seele, sondern wird auch im Körper gespeichert und löst verschiedene körperliche Symptome aus. Aus dieser Beobachtung heraus entwickelte Peter Levine eine Traumatherapie, die den Körper miteinbezieht. Dadurch kann ganzheitliche Heilung stattfinden. Somatic Experiencing (Übersetzung: Körperliches Erleben) arbeitet hauptsächlich mit diesem ganzheitlichen inneren Empfinden (Fachbergriff: Felt Sense)

Somatic Experiencing ist eine Therapiemethode, die helfen kann, traumatische Energie im Körper zu lösen und wieder ins Fließen zu bringen. Heilung geschieht durch die schrittweise Entladung der immensen Überlebensenergie, die im Körper gebunden ist. Dadurch werden natürliche und gesunde Reaktionen und Verhaltensweisen auf die Umgebung und Mitmenschen wieder möglich.

Die Therapeutin ermutigt den Klienten wahrzunehmen, was während der Sitzung im Körper passiert, welche Körperempfindungen spürbar sind, aber auch welche Gefühle, Bilder und Gedanken auftauchen, die mit dem einschneidenden Ereignis verbunden sind. Die Therapeutin begleitet die Klientin achtsam und sorgt dafür, dass deren Stresspegel sich während der Sitzung im sogenannten „window of tolerance“ (Übersetzung: Toleranzfenster) bewegt.

Ziel ist die nachträgliche, korrekte Einordnung der Wahrnehmungen

Dieses oder jenes Gefühl gehört zu diesem oder jenem Ereignis in der Vergangenheit und hat mit der heutigen Realität nichts mehr zu tun.

Somatic Experiencing hilft Betroffenen innere, äußere und fehlende Ressourcen zu erkennen und zu erweitern. Diese Kraftquellen können bei der Heilung hilfreich sein. So sind z.B. Stabilisierungs- und Distanzierungsübungen wichtig für die Wahrnehmung der eigenen Körpergrenzen. Weitere Elemente der Therapie sind Übungen, die helfen, den Boden zu spüren (Erdung), sich selbst und den eigenen Körper wahrzunehmen (Zentrierung), sowie die eigenen Grenzen zu spüren und zu achten. Atemübungen gehören ebenso zu den Methoden wie das Nachspüren (Fachbergriff: Tracking).

Somatic Experiencing arbeitet im Hier und Jetzt und konzentriert sich ganz auf die Ermächtigung und Ausweitung der Wahlmöglichkeiten der KlientInnen in der Gegenwart. Damit wird die Selbstbestimmtheit gefördert.

Somatic Experiencing, eine hilfreiche Traumatherapieform
Photo by Nico Becker from Pexels


Sabine Güls arbeitet in den Räumen des Trauma-Informations-Zentrums. Wer mehr über sie erfahren möchte, den darf ich mit Freude auf Ihre Internetseite verweisen: Hier geht es zu Sabine Güls.


Weitere Informationen über SE finden Sie hier:
Wikipedia-Eintrag –> Weiterlesen
Somativ Experiencing Deutschland e.V. –> Weiterlesen


Leserfrage: Lohnt es sich, ihn während der Traumatherapie zu begleiten und Anstrengung in die Beziehung zu investieren?

14.01.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare
Lohnt es sich ihn in der Traumatherapie zu begleiten?
Foto von Lina Kivaka von Pexels

Hallo,
Ich habe vor einigen Wochen jemanden kennengelernt. Diese Person hat mir davon berichtet, dass sie seit ein paar Monaten wegen PTBS in Behandlung ist. Wir verstehen uns sehr gut und sind uns sehr nah gekommen. Da wir von vornherein sehr offen miteinander gesprochen haben, erzählte ich ihm, dass ich anfange Gefühle für ihn zu entwickeln. Wir haben uns schon vorher des Öfteren gesagt, dass wir uns gernhaben. Aber als es um diese konkreten Gefühle meinerseits ging, hat er gesagt, dass er zu seinen Gefühlen schon fast zwei Jahre keinen Zugang mehr hat. Manchmal empfindet er das auch so wie ich, aber es gehe auch immer wieder weg. Er macht sich große Sorgen mir zur Last zu fallen, da er davon ausgeht, dass das kommende Jahr sehr schwer für ihn wird: Er will sich seinem Trauma stellen.

Nun frage ich mich, ob es sich lohnt, ihn auf diesem Weg zu begleiten, oder ob ich mich distanzieren sollte. Es würde sicherlich belastend für mich werden, aber ich habe auch das Gefühl, dass er was Besonderes ist und dass das zwischen uns etwas Besonderes werden könnte. Aber es wäre vermutlich mit vielen schweren Phasen verbunden, gerade in der ersten Zeit. Auch weil er eben sagt, dass er dieses völlige Verliebtheitsgefühl gerade nicht empfinden kann.

Vielleicht haben sie ja Tipps für mich oder können die Situation aus einer anderen Perspektive beleuchten.

Vielen Dank und liebe Grüße

Wer ist verantwortlich für die Gefühle?
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Liebe Leserin,

im Grunde höre ich die Frage, ob es sich lohnt, die Arbeit in diese Beziehung zu investieren.

Meine klare Antwort darauf: Ja.

Ich kann das so klar beantworten, weil sich die Arbeit in eine Beziehung immer lohnt. Sie lässt uns wachsen.

Was die Zukunft bringt, wissen Sie nicht. Wie die Traumatherapie in seinem speziellen Fall verläuft, wissen Sie nicht. Es kann auch alles viel leichter als erwartet verlaufen.

Ich vertrete durchaus die Meinung, dass Traumatherapie anstrengend ist. Aber das ist ja sein Job. Nicht Ihrer.

Wenn Sie eine offene Kommunikation haben, dann könnten Sie das nutzen, um klare Absprachen für ihre Beziehung zu treffen.

  • Er allein ist dafür verantwortlich wie es ihm geht.
  • Sie allein sind dafür verantwortlich wie es Ihnen geht. Damit ist ausgeschlossen, dass er Sie belastet.
  • Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie sich belastet fühlen, sorgen Sie für sich. Das ist Ihre Aufgabe. Wenn er etwas dazu beitragen kann, sagen Sie es ihm. Er kann dann entscheiden, ob er das gerade geben kann.
  • Anders herum genauso. Wenn es ihm nicht gut geht, dann sagt er das einfach. Wenn er den Eindruck hat, dass Sie ihn unterstützen können, dann sagt er Ihnen das und auch was genau Sie tun können, um ihn zu unterstützen. Sie können dann entscheiden, ob Sie das gerade geben können.
  • Jeder akzeptiert die Entscheidungen des anderen.
  • Jeder weiß, dass der andere wohlwollend ist, unterstützen will, aber immer zuerst nach sich selbst schauen muss und akzeptiert diese Haltung.

Wenn Sie das umgesetzt bekommen, haben Sie ein gutes Fundament, um mit der Situation umzugehen und Ihre Beziehung gemeinsam auf eine gute Art zu gestalten und wachsen zu lassen. Das größte Problem entsteht dann, wenn man in eine „Opferhaltung“ gerät. Und die ist verbreiteter als man so denkt.

Die Opferhaltung ist eher ein kulturelles Phänomen, eine Art psychologische Pandemie als eine Ausnahme.

Die Opferhaltung ist eine psychologische Pandemie.
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Mit „Opferhaltung“ meine ich die Haltung, dass „immer die anderen“ schuld sind. Eine Haltung, die uns immer wieder zum Opfer und damit ohnmächtig macht.

Ein paar Beispiele für diese Opferhaltung

  • Der Staat beschränkt dieser Tage meine Freiheit. Ich fühle mich eingeschränkt. Der Staat muss es anders machen.
  • Immer werden die anderen befördert.
  • Die Lehrerin mich nicht mag. Die benotet mich schlecht.
  • Der Müller ist schuld, dass ich mich so aufregen muss.

Merken Sie es? Das ist eine Frage der Ursachenzuschreibung. Ich könnte auch sagen:

  • Okay, ich nehme die Unannehmlichkeiten für die Sicherheit und Gesundheit anderer in Kauf. Ich kann auch andere Lösungen finden und habe alles was ich brauche zum Leben: Essen, trinken, ein Dach über dem Kopf und warm. Ich habe Strom und kann unendlich viele Dinge tun, um mich sinnvoll zu beschäftigen.
  • Was machen die anderen, dass sie befördert werden? Was kann ich da lernen?
  • Vielleicht habe ich nicht genug gelernt. Vielleicht bin ich auch einfach nicht so gut in Deutsch. Aber ich könnte schauen, was ich machen kann, um besser zu werden. Ich frage die Lehrerin mal, warum sie mir die schlechte Note gegeben hat.
  • Warum rege ich mich jetzt eigentlich so auf? Ach so, der Typ redet genau wie mein Sportlehrer damals. Blödes Geschwätz. Das hält mich nicht auf. Der ist es gar nicht wert, dass ich mich so aufrege. Und im Grunde hat er Recht. Auch wenn er an seinen Ausdrucksformen feilen könnte.

Und dabei geht es nicht um die konkrete Situation, sondern um eine Haltung.

Die gesunde Haltung ist: Ich bin verantwortlich für mich. Vollumfänglich.

Die gesunde Haltung: Ich bin vollumfänglich verantworltich für mich.
Foto von Valiphotos von Pexels

Ja, es ist nicht immer alles rosig. Aber ich kann immer etwas lernen und dann den nächsten Schritt in meinem Leben machen. Ich muss nicht an der Vergangenheit festkleben. Es sind nur Erfahrungen, die ich gemacht habe. Das bin nicht ich, nur meine Erinnerungen. Das bestimmt weder meine Zukunft noch mich als Person. Ich allein bin der Chef in meinem Leben. Oder die Chefin natürlich.

Das hat nichts damit zu tun, dass man Opfer einer Gewalttat werden kann.

Täter tragen die Schuld, aber Opfer sind verantwortlich für Ihr Befinden. Egal, was der Täter tut, das Befinden wird sich nur ändern, wenn die betroffene Person etwas tut.

Ein Schritt, der zeigt, dass Ihr neuer Freund Verantwortung übernommen hat ist, dass er Therapie macht. Das ist doch sehr positiv.

Für eine Beziehung geht es darum zu wissen, wer für was verantwortlich ist. Für meine Gedanken, mein Fühlen und Handeln kann nur ich verantwortlich sein. Das ist in meinen Augen die zentrale Erkenntnis für ein glückliches Leben.

Um diese Beziehung unter den gegebenen Umständen zu erkunden, braucht es in erster Linie eine Haltung.

Gefühle sind überlebensnotwendig

Gefühle sind überlebensnotwendig.
Foto von Johannes Plenio von Pexels

Noch ein paar Worte zum Thema Gefühle. Sie sind Teil unseres täglichen Überlebens aber auch Teil einer menschlichen Entwicklung über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg. Hier also eine kurze Zusammenfassung.

  • Wut: Zeigt uns eine Bedrohung an, auf die wir noch reagieren können, weil wir noch „Kampfstrategien“ zur Verfügung haben.
  • Angst: Zeigt uns eine Bedrohung an, auf die wir nicht mehr reagieren können, weil uns keine Strategien mehr zur Verfügung stehen. Weiterlesen?
  • Ekel: Zeigt uns an, dass etwas giftig oder verdorben ist.
  • Trauer: Zeigt an, dass wir Hilfe brauchen, in der Regel Trost, und ist Teil der Steuerung von Beziehungen.
  • Freude: Zeigt uns an, was uns guttut. Das ist ebenfalls vorwiegend Teil der Steuerung von Beziehungen.

Liebe oder Verliebtsein sind aus meiner Sicht keine Gefühle. Meine Definitionen dafür lauten:

Liebe ist das Empfinden von tiefer Verbundenheit mit einer anderen Person oder einem Tier. Liebe hat das Wohl des anderen im Blick. Sie ist selbstlos.

Verliebtsein beschreibt für mich einen Zustand der freudvollen Unsicherheit. Das sind die Zeiten, in denen wir aufgeregt sind, weil wir uns auf den anderen freuen, aber noch unsicher darüber sind, ob der andere uns genauso mag wie wir ihn.

Im Grunde ist es das, was Sie beschreiben: Ein Zustand der Unsicherheit.

Verliebtsein ist ein Zustand von Unsicherheit.
Foto von Pixabay auf Pexels

Ihr Freund ist gerade mehr mit seiner Vergangenheit (Erinnerungen) und mit den körperlichen Folgen (Stressreaktion / PTBS) seiner belastenden Lebenserfahrungen beschäftigt. Da kann es schonmal sein, dass das im Vordergrund steht. Das wird sich ändern, wenn er lernt, was er in der Therapie lernen will.

Gefühle spüren wir, wenn wir präsent im Leben sind. Als Menschen haben wir die Möglichkeit, Gefühle auf ganz unterschiedliche Weise nicht zu spüren. Wir können sie ignorieren/wegdrücken oder unser Hirn schützt und vor zu viel Gefühl, sprich Erregung. Letzteres kommt bei traumatischen Erfahrungen öfter mal vor. Letztendlich geht es aber nur darum zu lernen, mit diesen Gefühlen und mit den Erinnerungsreaktionen umzugehen. Dafür ist die Therapie da. Oder zumindest ist das mein Ansatz für eine Traumatherapie. Das heißt nicht, dass es schnell geht. Aber es sollte für die betroffene Person wahrnehmbar sein, dass sie etwas lernt, um besser mit den Folgen der traumatischen Erfahrung umzugehen.

Ihr neuer Freund hat den Vorteil, dass Sie ihre Gefühle offenbart haben. Da gibt es keine Ungewissheit darüber. Sie haben gesagt, wie Sie sich gerade fühlen. Er kann Ihnen diese Auskunft nicht so klar geben. Das heißt, für Sie bleibt die Unsicherheit bestehen.

Mein Vorschlag, also… Tipps??

Haltung ist entscheidend und Wissen über Traumareaktionen.
Foto von João Jesus von Pexels

Machen Sie sich ihre Haltung bewusst und treffen Sie die Absprachen mit ihrem Freund. Lernen Sie etwas über traumatische Erfahrungen, die Posttraumatische Belastungsstörung und was in einer Traumatherapie passiert. Hier im Blog finden Sie dazu eine Menge Informationen, zum Beispiel meine PTBS-Reihe.

Lernen Sie jeden Tag ein bisschen darüber, wie wir als Menschen in den unterschiedlichsten Situationen funktionieren. Das wird dazu führen, dass Sie neue Situationen zu ihrem Vorteil wahrnehmen können und sich keine Sorgen machen müssen. Sie werden erwarten, dass es gut läuft, weil Sie wissen, dass es für alles eine gute Lösung gibt. Auch wenn es mal schwer oder schmerzhaft ist. Das Leben will gespürt, gelebt und bewältigt werden. Jeden Tag.

Dazu wünsche ich Ihnen in diesem neuen Jahr alle notwendige Kraft

Ihre Stefanien Rösch

Leserfrage: Wie kann ich „meine“ Mutter Gothel loswerden? Wie geht vertrauen?

06.01.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo,
ich habe vor kurzem mit meiner Tochter den Märchenfilm Rapunzel gesehen und er hat mich sehr berührt. Jetzt lese ich auf Ihrem Blog über den Film Rapunzel – neu verföhnt. Ich habe genau das erlebt, was Sie Weiße Folter nennen. Viele Jahre habe ich gebraucht, um mich von meiner Mutter zu lösen und ihr „Spiel“ zu durchschauen. Ich bin durch Rapunzels „Wüste“ gegangen, als mir bewusstwurde, dass ich eigentlich keine Mutter habe. Seit meiner Kindheit leide ich an Angstzuständen und Depressionen. Laut verschiedener Therapeuten habe ich aber kein „richtiges“ Trauma erlebt, weil es eben „weiß“ war. Ich denke, deswegen haben auch verschiedene Therapien bei mir nicht funktioniert. Ich fühle mich sehr traumatisiert und habe auch viele Symptome. Es tut gut bei Ihnen zu lesen, dass meine Gefühle eine Berechtigung haben. Ich habe genau das, was Sie beschreiben: Ich kann mich nicht auf menschliche Beziehungen verlassen. Ich bin immer verschlossen. Auch bei Therapeuten ist es für mich kaum möglich, ihnen zu vertrauen. Ich habe mich sozusagen von Frau Gothel gelöst und sitze jetzt in meinem Turm und traue mich nicht raus. Haben Sie einen Vorschlag, was ich tun kann? Herzlichen Dank für Ihre Seite!

Wie geht Vertrauen in einer feindlichen Welt?
Foto von Amine M’Siouri von Pexels

Liebe Leserin,

ich glaube, Rapunzel berührt Sie und andere Menschen, weil sie trotz ihres Schicksals soviel Lebensfreude und Lebensmut behalten hat. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem Sie überlegt, wieder zurück zu gehen. Doch dann hält sie nichts mehr auf. Auch nicht der Versuch von Ryder, sie ins Hässliche Entlein zu bringen, wo sämtliche Verbrecher von einem besseren Leben träumen.

Was erstaunlich ist, und eben Film, dass Rapunzel trotz all der schlechten Behandlung durch ihre Entführerin einen positiven Blick auf das Leben behalten hat.

Wie das möglich ist?

Rapunzel akzeptiert ihre Umwelt so wie sie ist

Sie macht das Beste daraus. Sie lebt in der Gegenwart. Sie verschwendet keinen Gedanken an die Vergangenheit. Das macht sie zu einer Comicfigur.

Rapunzel akzeptiert die Umwelt so wie sie ist. Sie lebt in der Gegenwart und schaut nicht zurück.
Danke Pixaby auf Pexels für das Foto

Was diese Entführerin 17 Jahre lang mit Rapunzel gemacht hat, geht an einem echten Menschen nicht so spurlos vorbei. Ein echter Mensch hat keine andere Möglichkeit als die Sichtweisen der Mutter Gothel ungeprüft zu übernehmen. Mutter Gothel bringt Rapunzel nicht bei, ihre Behauptungen an der Realität zu prüfen. Ist die Welt wirklich so gefährlich? Hockt wirklich hinter jedem Strauch ein Bösewicht? Rapunzel durfte den Turm gar nicht verlassen. Sie ist nie an einem Strauch vorbeigegangen, um zu schauen, ob dahinter ein böser Bube sitzt.

Sie, liebe Leserin, mussten andere Strategien entwickeln, um in der Welt ihrer „Mutter Gothel“ überleben zu können.

Was ist ein „echtes“ Trauma?

Es gibt dazu unterschiedliche Definitionen. Der Begriff Trauma bedeutet erst mal nur „Verletzung“. Und so wie es sich anhört, haben Sie einige Verletzungen erfahren. Die Verletzungen sind durch bedrohliche Situationen oder bedrohliches Verhalten von anderen entstanden, in ihrem Fall von Ihrer „Mutter Gothel“.

Es gibt aber auch die Definition, dass Trauma eine „objektiv“ lebensbedrohliche Erfahrung sein muss. „Objektiv“ meint dann so Erfahrungen wie Opfer von Kriegshandlungen zu sein, sexueller oder körperlicher Gewalt, Folter, schweren Verkehrs- und anderen Unfällen, sowie diese Erfahrungen beobachten zu müssen. Einzige Ausnahme bildet die Arbeit von polizeilichen Ermittlern, die entsprechend belastendes Videomaterial (Kinderpornografie) anschauen müssen. Denen wird auch zugestanden, traumatisiert zu werden, obwohl es keine „objektive“ Bedrohung für den Ermittler gibt.

Aus meiner Erfahrung spielt allein das subjektive Erleben von Lebensbedrohung eine Rolle, ob jemand traumatisiert wird. Jedenfalls definiere ich Trauma so: Es sind die Folgen, die entstehen, wenn man dem Tod ins Gesicht sieht. Ob man traumatisiert ist oder nicht, kann man aber frühestens 4 Wochen nach dem Ereignis sagen, manchmal auch erst sehr viel später. Letztendlich kann man nur anhand der Beschwerden sagen, ob jemand traumatisiert ist oder nicht. Die typischste Folge einer traumatischen Erfahrung ist die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Aber das bedeutet nicht, dass wenn man keine PTBS hat, man nicht schlimme Verletzungen erlebt hat. Ich glaube, es spielt am Ende keine Rolle, wie wir es nennen. Wichtig ist, die Folgen zu erkennen und etwas dagegen zu unternehmen, um sich davon zu befreien.

Psychische Beschwerden sind Ausdruck des Versuchs in einer lebensfeindlichen Umgebung zu überleben
Foto von Nacho Juárez von Pexels

Psychische Beschwerden sind Ausdruck des Versuchs in einer lebensfeindlichen Umgebung zu überleben

Depression ist häufig Ausdruck der Überzeugung, dass man keinen Einfluss im Leben hat. Betroffene haben den Eindruck, sie können nichts bewirken, sich nicht wehren und sind für alles verantwortlich, vor allem für Dinge, über die sie keine Kontrolle haben, wie zum Beispiel die Gefühle von anderen. Diese dauernde Überforderung macht müde und lässt einen irgendwann resignieren. „Ich kann ja sowieso nichts ändern“, ist dann eine fast unausweichliche Überzeugung.

Ängste zeigen an, dass man keine Handlungsmöglichkeiten mehr hat und das Hirn die Situation als lebensgefährlich einschätzt. Aber auch erwarteter Schmerz, vorweggenommenes Versagen oder die Vorstellung von Einsamkeit können zu Angst führen. Unser Hirn macht da keinen großen Unterschied zwischen Vorstellung und Gegenwart. Die Vorstellung von eine Angstsituation reicht aus, um auch eine Angstreaktion im Körper zu verursachen, die wir als unangenehm, eben als Angst oder Panik bezeichnen. Je nachdem, was wir gelernt haben.

Angst macht vorsichtig und deswegen einsam

Wenn ich wiederholt von jemandem bedroht oder abgewertet werde. Wenn ich immer wieder Lebenserfahrungen aufgezwungen bekomme, die mir Angst machen, dann werde ich vorsichtig. Das ist mal grundsätzlich eine natürliche und gesunde Reaktion. Wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass ein Säbelzahntiger gefährlich ist, dann ist es gut vorsichtig zu sein, wenn ich einem Säbelzahntiger begegne. Bei einem Zebra macht das erstmal keinen Sinn. Aber so ist unser Hirn.

Wenn wir von unserer Mutter schlecht behandelt wurden, dann geht unser Hirn davon aus, dass auch andere Menschen gefährlich sind. Wir werden vorsichtig, was andere Menschen angeht. Und wenn es sehr vorsichtig ist, nennen wir das misstrauisch. Vorsichtig zu sein, ermöglicht uns, Kontakt mit anderen zu haben, auch wenn wir nicht wissen, was wir vom anderen erwarten sollen. Wenn wir misstrauisch sind, unterstellen wir dem anderen „negative Absichten“, wir erwarten, wieder verletzt zu werden, obwohl wir den anderen gar nicht kennen. Diese Haltung behindert den Kontakt zu anderen. Vorsicht ist okay, Misstrauen hindert am Leben und macht einsam.

Mutige Entscheidungen zu vertrauen sind die Lösung
Foto von James Wheeler von Pexels

Mutige Entscheidungen zu vertrauen sind die Lösung

Eine Klientin fragte mich neulich: Was ist kühnes Vertrauen? Was für ein tolle Frage.

Und genau die Antwort für Sie, liebe Leserin. Um gesund zu werden und sich von den Auswirkungen einer „Mutter Gothel“ zu befreien braucht es das kühne Vertrauen einer „Rapunzel“. Kühnes Vertrauen meint mutiges Vertrauen. Mutig zu vertrauen ist eine Entscheidung.

Vertrauen ist kein Gefühl, keine Empfindung, sondern eine Entscheidung, die wir die meiste Zeit unbewusst, sprich ohne darüber nachzudenken fällen. Wenn man wie Sie viele Enttäuschungen und Verletzungen erlebt hat, bleibt einem nur die bewusste Entscheidung übrig. Es bedeutet, wie diese Klientin immer wieder sagt: „Alles auf eine Karte zu setzen“ und trotz Misstrauen zu vertrauen, gerade zum Trotz gegen die innere Stimme, die einem Angst machen will. Nur so kann man nach und nach Erfahrungen und damit Erinnerungen sammeln, die der Überzeugung „Menschen sind hinterhältig oder böse“ entgegenstehen. Nur so kann man die liebevollen und zugewandten Erfahrungen machen, die notwendig sind, um diese Tiefen Gräben zwischen sich und der Welt zu überwinden.

Es ist ein anstrengender Weg und nur für mutige Menschen gemacht. Dass Sie mir geschrieben haben, ist für mich der Beweis, dass ich es mit einer mutigen Person zu tun habe. Sie haben immer wieder Hilfe in der Therapie gesucht. Das ist auch ein Beweis dafür, dass Sie ein mutiger Mensch sind. Ihr Wille zur Heilung und zur Freiheit zeigt sich mir darin, dass Sie sich von Ihrer „Mutter Gothel“ gelöst haben.

Mein Vorschlag

Bleiben Sie dran. Schauen Sie, was Sie nicht können und suchen Sie sich jemanden (Therapeutin), die Ihnen hilft, diese Dinge zu lernen. Vertrauen kann man lernen. Beziehungen zu führen kann man lernen. Man kann lernen, sich zu schützen und zu wehren. Alles was es braucht, sind mutige Entscheidungen und den Willen durchzuhalten. Ich bin davon überzeugt, dass Sie beides haben.

Für Ihren Weg wünsche ich Ihnen viel Kraft.

Ihre Stefanie Rösch

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Nur Sie sind die Heldin in Ihrem Leben 🙂

Du bist die Heldin in Deinem Leben
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Ohnmacht überwinden? Ja, mit dem Blick auf das Mögliche

19.12.2020 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Ein neuer Lockdown hat uns alle fest im Griff. Vielleicht gehören Sie auch zu den Menschen, die das als belastend und einschränkend. Vielleicht kennen Sie auch jemandem, dem es so geht.

Gerade traumatisierte Menschen können sich besonders ohnmächtig fühlen. Eine Übung, die dabei helfen kann, diese Ohnmachtsgefühle zu regulieren, möchte ich Ihnen im Folgenden vorstellen.

Sich ohnmächtig zu fühlen bedeutet, einem Problem oder einer Bedrohung gegenüber zu stehen und erstmal keine Lösung oder keinen Ausweg zu haben. Wir sind gefangen in der Situation und sehen nur, dass es nichts gibt, was wir tun können, um unsere Situation zu verbessern.

Besonders schlimm ist dieser Zustand, wenn uns Leid und Gewalt droht.

Wenn wir den Eindruck haben, dass wir keinen Einfluss mehr auf unser Leben haben, wie in diesen Zeiten, dann neigt unser Hirn dazu, sich genau auf das zu konzentrieren, was nicht geht. Damit verstärken wir den Eindruck von Einschränkung. Dabei gibt es noch so viele Dinge, die wir beeinflussen und sogar kontrollieren können.

Danke an Josh Sorenson von Pexels

Folgende Übung kann Ihnen dabei helfen, den Blick wieder auf die beeinflussbaren Momente zu richten.

Schreiben Sie eine Liste: Ich entscheide, …

Nehmen sie einen Zettel und einen Stift und schreiben sie einfach drauf los. Sie wollen sich auf das Mögliche konzentrieren. Welche Entscheidungen haben Sie heute schon getroffen? Um einen Anfang zu finden, bietet es sich an, mit ganz einfachen Entscheidungen anzufangen. Beispielsweise kann ich morgens entscheiden, ob ich aus dem Bett aufstehe oder nicht. Ich kann entscheiden, ob ich duschen gehe oder nicht. Ich kann entscheiden, mir einen Kaffee oder Tee zu machen. Ich kann entscheiden, ob ich Müsli oder Marmeladenbrot essen möchte oder ob ich jetzt oder später etwas esse.

Ich finde es hilfreich, im flüssigen Schreiben zu bleiben. Daher kann es auch mal zu Wiederholungen kommen oder die Punkte variieren nur leicht in der Formulierung. Das macht überhaupt nichts. Falls Sie nicht wissen, wo Sie anfangen sollen, dann entscheiden Sie JETZT, dass Sie diese Übung probieren wollen

  1. Ich entscheide, diese Übung zu machen.
  2. Ich hole mir ein Blatt Papier.
  3. Ich entscheide, mir einen Stift zu holen.
  4. Ich entscheide, jetzt weiterzulesen.

Oder Sie denken an Ihren letzten Morgen und beobachten, was Sie da gemacht haben-

  1. Ich habe entschieden aufzustehen.
  2. Ich kann entscheiden zu duschen.
  3. Ich entscheide, Zähne zu putzen.
  4. ???

Es gibt viele Handgriffe, bei denen Sie nicht den Eindruck haben, dass Sie sich aktiv dazu entschieden haben, diese zu tun. Das sind dann möglicherweise Gewohnheiten, die Sie im Autopiloten machen. Bei mir ist es beispielsweise der Knopfdruck, mit dem ich den Wasserkocher einschalte, direkt nachdem ich aufgestanden bin. Das habe ich schon so oft gemacht, dass es keine bewusste Entscheidung mehr erfordert. Dennoch habe ich vor einiger Zeit, als ich diese Routine entwickelt habe, die Entscheidung selbst getroffen. Deshalb darf es auch auf die Liste.

Danke an Simon Matzinger von Pexels

Schreiben Sie eine Liste: Strategien, um die Stimmung zu stabilisieren

Vielleicht gibt es Strategien, die Sie bereits eingeübt haben. Sie sind frei in der Entscheidung, diese Strategien anzuwenden. Sie können frei auswählen, was gerade für Sie funktioniert.

  1. Ich kann entscheiden, einen Spaziergang zu machen.
  2. Ich kann entscheiden, Yogaübungen zu machen.
  3. Ich kann Musik hören oder Fernsehen.
  4. Ich kann mich in meiner Wohnung frei bewegen.
  5. Ich kann ein Bad nehmen oder mir eine Wärmflasche machen.
  6. Ich kann etwas basteln. Ich finde ganz viele Anregungen auf YouTube, z.B. Weihnachtskarten mit aufklappbaren Weihnachtsbäumen
  7. Ich kann entscheiden, neue Themen zu erkunden, z.B. Bahnreisen auf YouTube verfolgen oder ein neues Rezept auszuprobieren oder eben auch nicht
  8. Ich kann entscheiden, mit einer Freundin oder einem Freund zu telefonieren oder auch nicht.
  9. Ich kann entscheiden, Schlüsselanhänger zu stricken und damit etwas Sinnvolles zu tun, oder frustriert darüber nachdenken, wann ich wieder mal ein Seminar mit echten Menschen machen darf, anstatt auf einen Bildschirm zu starren.
  10. Ich kann entscheiden, einen Blogartikel zu schreiben.
  11. Ich kann entscheiden ….

Ich entscheide, dass ich mich an allgemeine Regeln halte

Natürlich gibt es auch Dinge, die gegeben sind. Gesetze und allgemeine Regeln des Anstands. Unsere Gesetze sind der Gesellschaftsvertrag, der größtmögliche Freiheit für maximal viele Menschen ermöglicht. Ich entscheide mich, jeden Tag wieder neu, mich an diese Regeln zu halten, zum Wohle aller. Und Sie?

  1. Ich entscheide, das unangenehme Gefühl zu ertragen, das sich habe, wenn ich eine Maske trage.
  2. Ich entscheide, wenn ich keine Maske tragen will, zu Fuß zu gehen und nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.
  3. Ich entscheide, Abstand zu andere zu halten, auch wenn ich fest davon überzeugt bin, selbst gesund zu sein.
  4. Ich entscheide, es zu respektieren, dass es Menschen gibt, die aus medizinischen oder traumatischen Gründen keine Mund-Nase-Bedeckung tragen können.
  5. Ich entscheide, mich an Regeln und Gesetze zu halten, die mir nachvollziehbar und sinnvoll erscheinen.
  6. Ich entscheide, ohne Meckern die Konsequenzen zu tragen, wenn ich mich gegen eine Regel entschieden habe, erwischt werde und deswegen eine Strafe zahlen muss oder sonstigen Ärger bekomme.
  7. Ich entscheide …. Ärger aus dem Weg zu gehen.

Auch wenn Sie eine Regel nicht einhalten oder in abgewandelter Form anwenden, ist das eine Entscheidung, die Sie für sich treffen. Von QuerdenkerIn bis VirologIn kann man jede Variation der Regelanwendung bei anderen Menschen beobachten. Das ist so, weil diese Menschen für sich eine Entscheidung getroffen haben.

Der Moment der Entscheidung ist der Moment der Kontrolle in unserem Leben. Danach ist alles nur Illusion von Kontrolle.

Zuflucht.Vision

Egal was Sie tun, es ist Ihre Entscheidung

Jeder Tag ist voller Entscheidungen, ob Sie diese Entscheidungen Ihren Eltern nachgemacht und nie bewusst gefällt haben oder vor langer Zeit getroffen haben und heute gewohnheitsmäßig wiederholen. Dazu kommen all die bewussten Entscheidungen entsprechend Ihrer Vorlieben und Vorurteile, Ihrer Persönlichkeiten und Bedürfnisse. Vom Aufstehen und den Tag gestalten, über Essen und Trinken und Körperhygiene, bis hin zu Freizeitaktivitäten und Abendritualen. Es ist so viel möglich, auch wenn viele Dinge im Moment nicht gehen.

Persönlich schaue ich mir die Verordnungen an und überlege, ob mich der einzelne Punkt wirklich betrifft. Restaurants geschlossen – betrifft mich nicht. Natürlich betrifft es den Restaurantbesitzer, für den der Lebensunterhalt in Frage steht. Keine Veranstaltungen mit mehr als zwei Haushalten – das betrifft mich und meinen Lebensunterhalt. Nicht ins Kino gehen können – betrifft mich zwar, weil ich gerne Filme schaue, aber der Fernseher ist ein akzeptabler Ersatz.

Auf diese Weise mache ich mir bewusst, wo ich Einfluss habe und übe diesen Einfluss so oft es geht aus. Damit geht es mir dann besser und ich bleibe handlungsfähig und werde nicht traurig oder verzweifelt.

Die Liste ist für jeden Menschen ganz individuell

Schreiben Sie die Liste nur für sich selbst, Sie müssen sie keinem anderen Menschen zeigen. Jede und jeder trifft jeden Tag individuelle Entscheidungen, weil für verschiedene Menschen unterschiedliche Strategien funktionieren. Jeder Mensch hat andere Gewohnheiten.

Wenn die Ohnmachtsgefühle häufiger auftreten, ist es empfehlenswert, die Übung regelmäßig zu wiederholen. Man kann sie in den Alltag integrieren, indem man zum Beispiel jeden Morgen 10 Minuten lang eine Liste schreibt. Oder jeden Morgen 20 Entscheidungen auflistet, die man am Vortag getroffen hat. Hier wollen Sie ein Maß finden, das sich gut in Ihrem Alltag umsetzen lässt.

Danke an James Wheeler von Pexels

Warum funktioniert die Übung?

Machen Sie die Übung regelmäßig, bahnen Sie in Ihrem Gehirn Wege für die Gedanken, die zeigen, dass Sie frei entscheiden können. Diese Übung lenkt die Gedanken auf Ihren Entscheidungsfreiraum. Sie macht sichtbar, an wie vielen Stellen Sie im Alltag freie Entscheidungen treffen.

Wenn Sie sich ohnmächtig fühlen, entsteht der Eindruck, dass Sie keine freien Entscheidungen treffen können. Vielleicht gibt es automatische Gedanken wie „Ich kann an meiner Situation eh nichts ändern“ oder „Ich kann das nicht“ oder „Ich schaff das nicht“ oder „Ich bekomme sowieso keine Hilfe“.

Es lohnt sich, diesen Gedanken zu prüfen. Stimmt das wirklich? Schauen Sie auf Ihre Liste und prüfen Sie, ob diese Annahme noch haltbar ist. Eine Liste voller Entscheidungen lässt sich mit dem Gefühl von Ohnmacht schwer vereinbaren. Sie zeigt genau das Gegenteil auf: Sie treffen Entscheidungen. Sie sind nicht machtlos.

Sie haben die Möglichkeit und die Verantwortung, Ihr Leben zu gestalten. Sogar während einer Pandemie.

Ich wünsche Ihnen viele gute Entscheidungen für die kommenden Tage und einen guten Blick für das Beeinflussbare in Ihrem Leben.

Ihre Stefanie Rösch

p.s. Vielen Dank für die Idee und Vorarbeit zu diesem Artikel an Clara B.

Danke an Tobias Bjorkli auf Pexels

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