„Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung“ – Stefanie Rösch, 2013

Ihr Suchbegriff Gefühle

Verhalten ändern – Gewohnheiten bestimmen unsere Gefühle

13.04.2020 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Zusammenfassung eines Interviews mit Joe Dispenza

Ich habe die Inhalte des Video hier zusammengefasst. Die ausführlichere Übersetzung/ Zusammenfassung können Sie als pfd downloaden. Es sind knapp sechs Seiten, das wollte ich Ihnen hier nicht zumuten. Im Folgenden das Video (leider geht das nur mit einer Weiterleitung zu YouTube, also bei Interesse am englischen ORiginal einfach auf das Bild klicken) und darunter die wichtigsten Aussagen.

Eine Gewohnheit ist eine Abfolge von automatisch ablaufenden, unbewussten Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die durch Wiederholungen entstand. Gefühle sind das Ergebnis von Erfahrungen. Das Gehirn ist ein Archiv der Vergangenheit. In dem Moment, in dem wir uns erinnern, fühlen wir uns plötzlich so wie zum Zeitpunkt der Erinnerung.

Wenn wir den Tag damit beginnen, was wir gestern erlebt haben, wird unser Gemütszustand am Morgen durch die Vergangenheit bestimmt.

Jeden Tag absolvieren Sie eine Routine von Verhaltensweisen. Sie stehen immer auf der gleichen Seite des Bettes auf, gehen aufs Klo und holen sich eine Tasse Tee. Wir tun immer die gleichen Dinge und sehen immer die gleichen Menschen. Wir drücken gegenseitig immer wieder die gleichen emotionalen Knöpfe. Das ist wie ein Programm. Wenn das Programm läuft, haben Sie ihren freien Willen verloren und es ist niemand anderes, der ihnen das antut. Sie machen es selbst.

Im Alter von 35 bestehen 95% von dem, wer wir sind, aus einem Muster von gelernten emotionalen und Verhaltensreaktionen, unbewussten Gewohnheiten, stabilen Einstellungen, Überzeugungen und Wahrnehmungen. Das heißt, die Person kann mit den 5% ihres Bewusstseins sagen, was sie will, aber der Körper läuft nach einem völlig anderen Programm.

Da stellt sich die Frage, wie man Veränderung beginnen kann. Für viele Menschen braucht es dafür eine schwere Krise durch Verletzung, Krankheit oder eine andere Tragöde. Plötzlich wird es möglich, alte Gewohnheiten drastisch zu verändern.

Wie kann man seine 5% freien Willen, sein Bewusst sein für Veränderung einsetzen?

Veränderung ist immer erstmal unangenehm, weil es bedeutet, etwas zu tun, was wir noch nie vorher getan haben. Unser Körper mag Veränderungen nicht. Das bedeutet, er wird alles machen, um uns in der (sicheren, funktionierenden, weil vorhersehbaren) alten Gewohnheit zu halten. Unser Körper arbeitet gegen Veränderungen. Er macht Spannung. Er schickt uns all die Überzeugungen, die uns an einer Veränderung hindern: Du schaffst das sowieso nicht. Das ist gefährlich. Das macht Dir Angst. Das wiederum macht negative Gefühle, die dann darin münden, dass wir das alte Verhalten wieder zeigen.

Der Körper kann nicht zwischen den Gefühlen aufgrund einer Erfahrung und den Gefühlen, die wir allein durch unsere Gedanken auslösen unterscheiden. Das bedeutet, negative Gedanken führen zu negativen Gefühlen, die altes verhalten verstärken. Dieses Verhalten wird deswegen verstärkt, weil wir in der Vergangenheit gelernt haben, dass das Verhalten uns ein besseres Gefühl gemacht hat. Zumindest kurzfristig.

Das schwierigste an Veränderung ist, nicht immer wieder die gleichen Entscheidungen zu fällen.

Aber in dem Moment, wo man sich anders entscheidet als bisher, muss man sich darauf einstellen, dass es unangenehm wird. Der beste Weg die Zukunft vorherzusagen ist, sie zu schaffen. Welche Gedanken und Gefühle willst Du haben? Welche Verhaltensweisen möchtest Du irgendwann mal nutzen können? Das heißt, wenn wir die Augen schließen und uns vorstellen, wie wir uns verhalten wollen und das immer wieder im Kopf üben und uns vorstellen, werden wir uns am Ende so verhalten, weil das Gehirn den Unterschied zwischen Vorstellung und Erinnerung nicht kennt.

Auf diese Weise installiert man die neurologischen Verbindungen, die so aussehen als hätte man diese Vorstellung schon erlebt, also als wäre diese Vorstellung eine Erinnerung. Auf diese Weise ist das Gehirn nicht länger ein Archiv für die Vergangenheit, sondern eine Karte für die Zukunft. Dadurch wird man sich irgendwann so verhalten, wie man es sich vorgestellt hat. Es wird die neue Gewohnheit.

Dadurch gestalten wir unsere Zukunft.

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Hier gehts zum Download der mehrseitigen Zusammenfassung.

Leserfrage: Schuldgefühle, Hilflosigkeit und unser beider Trauma

10.06.2017 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Der Ex-Freund meiner Freundin verübte im Februar dieses Jahr einen Mordversuch auf mich, während meine Freundin morgens kurz mit ihrem Hund draußen war. Der Täter hatte sich illegal einen Schlüssel zu ihrer Wohnung beschafft und besaß ein Gewehr.

Als meine Freundin vom Gassi gehen zurückkam, sah sie ihn noch im Treppenhaus. Er versuchte meine Freundin mit dem Gewehrkolben niederzuschlagen. Sie wich dem Schlag aus und im Hinauslaufen, rief er ihr noch zu, jetzt Selbstmord zu begehen, was er auch tat. Als sie bei mir war, rief sie: „Was hat er Dir angetan.“

Wenn ich Ihre Seite so lese, habe ich eine PTBS, glaube aber noch, sie selbst in den Griff zu bekommen, da mir weder Krankenhausseelsorger noch Traumaambulanz weitergeholfen haben, auch wenn die Vermeidungsstrategie in bestimmten Belangen bei mir vorherrschend ist. Meine Freundin leidet unter einer größeren Posttraumatischen Belastungsstörung, was mir sehr zu schaffen macht.

Weiterhin gibt sie sich eine Mitschuld, was natürlich rational nicht stimmt, ich hingegen spreche von einer Verantwortung von mir für mich und eine Mitverantwortung für sie, was die Zukunft anbelangt. Ich möchte verstehen, was in ihr vorgegangen sein kann, als sie diese Hilflosigkeit verspürte und möchte vermeiden, dass wir uns gegenseitig triggern, was natürlich als Gefahr vorhanden ist. Können Sie mir dazu Literatur empfehlen? Mir selbst reichen ihre Artikel über die PTBS, um an mir weiter zu arbeiten.

Lieber Leser,

jeder Mensch reagiert anders auf hilflose Momente. Der eine kann vielleicht ganz gut ertragen, dass er wenig oder nichts tun kann, wenn er angegriffen wird. Einen geliebten Menschen fast zu verlieren, ist eine ganz andere Herausforderung an unsere Bewältigungsfähigkeiten. Vor allem, wenn man sich verantwortlich fühlt, was Sie ja beide auf Ihre Art tun. Ihre Freundin fühlt sich für das Verhalten des Täters verantwortlich und Sie für das Befinden/ die Lebenszufriedenheit/ die Sicherheit ihrer Freundin in der Zukunft. Beides ist wie Sie schon richtig festgestellt haben so nicht richtig und nicht hilfreich, wenn die schwierigen Dinge im Leben passieren.

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, warum wir uns verantwortlich und damit überhaupt erst schuldig fühlen: Wir können uns nur schuldig fühlen oder schuldig sein, wenn wir uns auch verantwortlich fühlen oder verantwortlich sind. Verantwortlich können wir nur für etwas sein, das wir auch kontrollieren können, auf das wir also nahezu 100% Einfluss haben.

Was der Täter macht, darauf hat Ihre Freundin 0% Einfluss und damit auch keine Schuld. Das gleiche gilt für die Sicherheit/Lebenszufriedenheit oder das Befinden Ihrer Freundin. Wie es ihr geht, dass hängt zu 100% von Ihrer Freundin ab. Es hängt davon ab, wie Sie eine Situation erlebt und interpretiert. Das bestimmt, wie es ihr geht. Ihre Sicherheit hängt davon ab, ob irgendjemand entscheidet, ihr Böses zu wollen, oder aber von unglücklichen Umständen wie bei einem Unfall.

Wofür wir tatsächlich verantwortlich sind, ist unser Verhalten, unser Befinden und teilweise sicher auch unsere Gesundheit. Nur wir können uns heilen. Unser Körper kann das und unser Verstand/ unsere Seele können das. Niemand sonst.

Wir fühlen uns schuldig, weil es uns die Illusion ermöglicht, wir hätten mehr Einfluss auf das Leben als wir rein rational haben. Wir wollen unsere positive Kontrollüberzeugung (wie Psychologen das nennen) aufrechterhalten. Ohnmachtserfahrungen passen da nicht so recht dazu. Im Grunde müssten wir davon überzeugt sein, dass ich zu 99% Einfluss auf mein Leben habe und es gleichzeitig Dinge gibt, die passieren, ohne dass ich einen Einfluss darauf habe. Dann wäre es leichter mit solchen Erfahrungen umzugehen, wie Sie beide es erleben mussten.

Schuldgefühle sind gefährlich, weil Sie uns dazu verleiten, zu oft in die Vergangenheit zu schauen. Das macht uns unweigerlich immer wieder ohnmächtig, weil wir die Vergangenheit nicht ändern können. Ein zweiter Grund, warum ich Schuldgefühle für gefährlich halte ist, dass Sie uns etwas vormachen. Sie bestärken uns in der Phantasie, mehr Einfluss zu haben, als wir tatsächlich haben. Damit berauben sie uns der Möglichkeit, tatsächlich neue und hilfreichere Strategien zu lernen. Neue Strategien lernen wir nur, wenn wir akzeptieren, dass die bisherigen nicht ausgereicht haben. Ich weiß, ich kann das Risiko mit neuen Strategien weiter minimieren, auch wenn ich nicht für 100%ige Sicherheit sorgen kann. Schuldgefühle können uns von diesem gesunden Wachstumsprozess abhalten und dazu auch noch krankmachen. Deswegen ist es gesund, sich der Realität zu stellen, auch wenn es uns unangenehm ist oder zuerst Angst macht.

Wie Ihre Freundin sich gefühlt hat, müssen Sie Ihre Freundin fragen. Da diese Erfahrungen einzigartig sind und die Menschen auch, kann Ihnen außer Ihrer Freundin niemand sagen, wie es ihr ging.

Es wird auch nicht möglich sein, sich nicht gegenseitig zu erinnern und damit Fehlalarme (Erinnerungsattacken) auszulösen. Mal abgesehen davon, dass das auch nicht hilfreich ist. Im Gegenteil. Über die gemeinsame Erfahrung zu sprechen und darüber, wie Sie sie überlebt und bewältigt haben, ist hilfreich. Sich zu sagen, wie es einem damit gegangen ist und die Gefühle nochmal zu spüren und auszudrücken, hilft dem Gehirn auszusortieren, welche Erinnerungsreize gute Warnreize sind und welche nicht (Zum Thema Warnreiz gibt es hier ausführliche Informationen: PTBS 2 – PTBS 5). In Ihrem Fall wird es so gut wie keine wirklich hilfreichen Warnreize geben, weil der Täter sich selbst gerichtet hat und damit keine Gefahr mehr darstellt.

Der einzige echte und hilfreiche Warnreiz, den ich mir aus Ihrer Schilderung vorstellen kann ist: „Mann mit Gewehr“ oder „Mann mit Waffe“. Wenn Ihr Gehirn wieder einen Mann mit Gewehr sieht, dann ist es gut, wenn es Alarm schlägt, damit Sie sich frühzeitig in Sicherheit bringen können. Alles andere, was eine Erinnerungsattacke (= Fehlalarm) auslöst, macht sehr wahrscheinlich keinen Sinn als Warnreiz (z.B. die Wohnung, das Treppenhaus oder etwas anderes) und wird deswegen über die Zeit hinweg mit neuen Erfahrungen und der bewussten Auseinandersetzung mit der Erfahrung verschwinden. Vermeidungsverhalten verzögert oder verhindert diesen Heilungsprozess, der im Grunde nur ein Sortier-Prozess ist: Das Gehirn sortiert gute und nutzlose Warnreize aus.

Insofern möchte ich Sie dazu ermutigen, über das Erlebte zu reden oder es aufzuschreiben, vielleicht nach den „Spielregeln“ von James Pennebaker (Schreiben hilft), der wissenschaftlich nachgewiesen hat, dass das Schreiben mit Gefühlen und Bedeutungen des Erlebten zu mehr Gesundheit und Lebenszufriedenheit führt.

Helfen Sie Ihrem Gehirn, die Erfahrung in Ihr Leben einzusortieren und zwischen guten und nutzlosen Warnreizen wieder unterscheiden zu lernen.

Ich wünsche Ihnen beiden viel Kraft für Ihren Weg.

Psychologie und Film: Batman Begins, 9 – Der Preis der Schuldgefühle

13.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Einige Monate später taucht Ra´s Al Ghul in Gotham City auf, um die Stadt mit einer Überdosis Halluzinogen sich selbst zerstören zu lassen. In der letzten Konfrontation zwischen den Gegenspielern hat Bruce einen Weg dafür gefunden, Ra´s Al Ghul zu besiegen: „Ich werde Dich nicht töten, aber ich muss Dich auch nicht retten.“ Mit diesen Worten rettet er sich selbst aus dem abstürzenden und explodierenden Zug.

Ra´s Al Ghul gibt sich Bruce schließlich zu erkennen. Er ist gekommen, um Gotham zu zerstören und als erstes Bruce zu töten, damit der ihn nicht daran hindern kann.

Bruce benutzt seine Maske „Verwöhntes Millionärssöhnchen“, um die Gäste seiner Geburtstagsparty rauszuschmeißen und damit zu retten. Damit manövriert er sich jedoch noch weiter in die Isolation. Ra´s Al Ghul zeigt kein Mitgefühl mit ihm und lässt Bruce sterbend in seinem brennenden Haus zurück.

Mithilfe der gleichen Droge, mit der Bruce seinen Ängsten begegnen und sie besiegen konnte, überflutet Ra´s Al Ghul nun die Stadt. Die Menschen attackieren sich gegenseitig in ihren angsteinflößenden Halluzinationen.

Bruce kann das Schlimmste verhindern, indem er den Zug, den sein Vater der Stadt stiftete, in die Luft jagt, bevor es Ra´s Al Ghul gelingt, seine Droge in der ganzen Stadt zu verteilen. In der letzten Konfrontation bleibt Bruce sich insoweit treu, dass er seinen ehemaligen Mentor nicht „von Hand“ tötet, sondern mit dem Zug in die Tiefe stürzen lässt, im Grunde eine Form der Nothilfe für die Stadt und der Notwehr für sich selbst.

Auf den Trümmern seines Hauses gibt er Rachel recht: „Gerechtigkeit ist mehr als Rache.“

Rachel gesteht ihm, dass sie gerne mit ihm zusammen wäre, aber dass der Bruce, den sie sehr mag, nicht mehr da sei. Erst wenn die Stadt Batman nicht mehr brauche, würde sie diesen Bruce vielleicht wieder finden.

Nachdem Ra´s Al Ghul nun beseitigt ist, kann Bruce sich vorstellen, mit Rachel zusammen zu kommen. Doch Rachel will keine Geheimnisse. Sie sieht, was Bruce sich antut, indem er sich selbst verleugnet, um Batman sein zu können. Sie sieht, dass es einen Teil von Bruce gibt, der in Batman eingeschlossen ist. Sie spürt, dass Bruce die Stadt an oberster Stelle stehen hat, weil die Schuld noch nicht beglichen ist: das Gefühl, schuld am Tod seiner Eltern zu sein. Er wird die Stadt über eine Beziehung stellen und Rachel will offensichtlich keinen Partner, für den eine Stadt / die Eltern wichtiger sind als seine Partnerin und der dafür die Hälfte seines Lebens im Verborgenen leben will.

Es ist klar, dass Bruce erst einen Teil seines Weges zurückgelegt hat. Um sich von seiner Vergangenheit, seinen Ängsten und dem Tod seiner Eltern zu befreien, muss er noch ein paar Dinge lernen.

… to be continued … Fortsetzung folgt.

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Link zum Film auf IMDB.com, der meist englischsprachigen größten Filmdatenbank.
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Von Christopher Nolan und David S. Goyer auf IMDB.com

Her mit der Ohnmacht! – Über den Sinn und Unsinn von Schuldgefühlen

25.01.2014 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle 0 Kommentare

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wozu Schuldgefühle gut sind? Für Sie sind diese Gedanken und Gefühle lästig und störend, aus psychologischer Sicht sind sie eine Überlebensstrategie und erfüllen eine wichtige Funktion. Sie geben uns Sicherheit.

Sicherheit, werden Sie fragen? Ja, Sicherheit. Wenn Sie Sich für etwas schuldig fühlen, dann glauben Sie doch, dass Sie etwas Negatives zu verantworten haben. Oder? Wenn Sie Sich schuldig fühlen, dann glauben Sie doch, etwas Negatives bewirkt zu haben, es ausgelöst, es irgendwie gemacht zu haben.

Wenn Sie etwas gemacht haben, dann haben Sie doch entschieden, es zu machen, oder nicht? Wenn Sie es entschieden haben, können Sie auch entscheiden, es nicht mehr zu tun. Das bedeutet, wenn Sie etwas Negatives verursacht haben, für das Sie Sich dann schuldig fühlen, dann können Sie in Zukunft entscheiden, es nicht mehr zu tun.

Und das bedeutet, wenn Sie Sich entscheiden, etwas nicht mehr zu tun, dass dann das Negative auch nicht mehr passieren kann.

Alles logisch soweit, oder?

Ein Beispiel: Wenn Sie in einer Bank arbeiten und zum Geburtstag eines Familienmitglieds wollen, werden Sie einen Kollegen fragen, ob er Ihre Schicht an der Kasse übernehmen kann. Der Kollege sagt zu und einen Tag später erfahren Sie, dass die Bank überfallen und Ihr Kollege dabei schwer verletzt wurde.

Viele Betroffene in ähnlichen Situationen glauben, dass Sie am Unglück des Kollegen schuld sind. Sie fühlen Sich, als hätten Sie ihn selbst und eigenhändig verletzt. Sie glauben, wenn Sie nicht gefragt hätten, die Schicht zu tauschen, dass dann nichts passiert wäre.

Der Denkfehler besteht nur darin, dass all das nicht passiert wäre, wenn der Bankräuber entschieden hätte, den Banküberfall nicht zu machen. Das allein ist die Ursache dafür, dass der Kollege verletzt wurde. Dass es den Kollegen erwischt hat, war Zufall, wären Sie dagewesen, hätte es Sie erwischt oder vielleicht eine andere Person. Allein der Bankräuber hätte verhindern können, dass niemand zu Schaden kommt, indem er den Raub gar nicht erst unternommen hätte.

Es gibt viele Beispiele, in denen wir glauben – man kann schon fast sagen, uns einbilden – etwas bewirkt zu haben, auf das wir keinerlei Einfluss hatten. Immer dann, wenn Sie Sich schuldig fühlen, sollten Sie gut prüfen, ob Sie es tatsächlich hätten verhindern können und wer die echte, unmittelbare Ursache für etwas gesetzt hat.

Wenn es kein Unfall ist, dann ist es immer der Täter, der die volle Verantwortung für die Folgen seines Tuns hat.

Aber unser Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle (Grundbedürfnisse) ist so groß, dass wir uns lieber schlecht, schuldig fühlen, weil wir uns einbilden, etwas verursacht zu haben, auf das wir keinen Einfluss hatten, als zu akzeptieren, dass es Dinge im Leben gibt, denen wir ohnmächtig ausgeliefert sind.

Üben Sie Sich darin zu akzeptieren, dass Ohnmacht zum Leben dazu gehört. Ja, wir haben Einfluss auf unser Leben. Ich stelle mir immer vor, dass ich in 80% meiner Lebenssituationen beeinflussen kann, wie diese Situationen verlaufen. Wahrscheinlich ist auch diese Annahme noch ziemlich „größenwahnsinnig“.

Aber bei 80% Kontrolle, gibt es eben auch 20% Ohnmacht. Und immer, wenn mir eine Situation begegnet, die schlecht läuft, prüfe ich gut, ob ich es wirklich hätte beeinflussen können oder aber diesmal eine 20%-Ohnmacht-Situation erlebe. So muss ich mich nicht dauerhaft schuldig fühlen für etwas, auf dass ich nie Einfluss hatte, sondern muss für die Dauer der Situation aushalten, dass ich keinen Einfluss habe. Das ist auch unangenehm, aber weniger größenwahnsinnig und dauert deutlich kürzer. Denn wenn die Ohnmachts-Situation vorbei ist, kann ich wieder Einfluss nehmen. Dann kann ich wieder für meine Sicherheit sorgen und mich gut dabei fühlen.

Alte Ich-Zustände, das innere Kind, eingefrorene Gefühle und wie Sie erwachsen werden können

01.11.2013 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle, Strategien 0 Kommentare

Vielleicht haben Sie Sich schon einmal gefragt, warum Sie in bestimmten Situationen immer wieder „überreagieren“. Möglichweise fühlt es sich ganz fremd an oder irgendwie alt oder irgendwie als wenn es da noch jemanden in Ihnen gibt. Manchmal bekommt man auch gesagt „So kenne ich Dich gar nicht“ oder „Sei nicht so kindisch“ oder „Werd endlich erwachsen“ oder „Du bist wie Dein Vater“ oder ähnlich seltsame Rückmeldungen. Wollen Sie wissen, was der Grund dafür sein kann?

Es geht um eingefrorene Erfahrungen, Ihre Überlebensstrategien und die Art, wie wir uns dadurch selbst erleben. Die meisten Menschen haben ein Gefühl dafür, dass sie sie sind. Wenn ich etwas von mir erzähle, dann tue ich das mit der Vorstellung, dass ich ich bin. Eine Einheit. Ich eben. Ich käme nicht auf die Idee von mir als „wir“ zu sprechen.

Trotzdem ist es möglich, dass meine Supervisorin fragt: „Frau Rösch, wie alt sind Sie gerade?“ und wenn ich in mich hineinspüre, dann ist schnell klar, dass die Gefühle, die ich in dem Moment empfinde, alt sind und im Grunde zu einem Teil von mir gehören, der nur acht Jahre alt ist. Dieser Teil, von manchen als inneres Kind bezeichnet, mischt sich dann in mein Leben ein, obwohl ich mich erwachsen verhalten will. Aber weil ich im Alter von acht Jahren eine für mich verletzende Situation erlebt habe, reagiere ich in der Gegenwart auf eine ähnliche Verletzung so wie ich als Achtjährige reagiert habe. Das ist damals meine Überlebenstrategie gewesen.
Wenn ich mir erlaube, das aus einer inneren Distanz heraus zu betrachten, dann kann ich mich an die alte Verletzung erinnern und spüre, dass meine Gefühle zu dieser Erinnerung gehören. Ich weiß, dass ich mich so „klein“ oder „verletzt“ fühle, weil ich mich damals sehr verletzt gefühlt habe. ABER: Heute habe ich mehr Möglichkeiten, die gegenwärtige Situation zu bewältigen als damals mit acht Jahren.

Wir alle haben verschiedene Ich-Zustände (IZ). Wir fühlen uns als „Ich“, als Einheit, aber wir verhalten uns in verschiedenen Situationen sehr unterschiedlich.

Als Ehefrau (Ich-Zustand) reagieren Sie auf einen Vorwurf vielleicht anders als im Beruf (anderer Ich-Zustand). Als Freundin (noch ein IZ) können Sie mit einer Abwertung anders umgehen als wenn sie von Ihrem Vater kommt (Tochter-IZ). Als Vater (IZ) können Sie mit Unterstellungen leichter umgehen, als wenn sie von Ihrem Chef kommen (Angestellten-IZ). Vielleicht reagieren Sie mit Angst auf Abwertungen und Drohungen (IZ „Abwertung“) oder erleben Panik, wenn Sie ignoriert werden (IZ „ignoriert werden“), oder sind verzweifelt, wenn andere nicht tun, was Sie wollen (IZ). Es gibt viele Dinge, die starke Gefühlsreaktionen auslösen, für die Sie selbst, wenn Sie Sich betrachten, keine gute Erklärung haben. Sie können spüren, dass Sie „zu“ emotional auf die aktuelle Situation reagieren. Trotzdem können Sie es nicht verhindern.

Diese Gefühlsreaktionen, die an bestimmte wiederkehrende Situationen gebunden sind, nennt man Ich-Zustände (IZ).

Die Erklärung dafür ist, dass Ihre alten Verletzungen mit allem, was dazu gehört, wie eingefroren in Ihnen liegen und darauf warten, aufgerufen zu werden. Das ist ein Ergebnis der Warnreaktion des Limbischen Systems. Sie fühlen sich „wie damals“ und reagieren auch „wie damals“, obwohl die Situation heute kaum mehr mit der alten Verletzungssituation zu vergleichen ist. Sie sind heute anders als damals. Sie sind erwachsen und haben andere Möglichkeiten für Sich zu sorgen. Aber Sie verhalten Sich als hätte sich nichts geändert.

Sie verhalten Sich wie damals, weil Ihr Gehirn, namentlich Ihr Limbisches System nicht begriffen hat, dass Sie größer und älter geworden sind mit mehr Lebenserfahrungen und Wissen und deswegen mit mehr Möglichkeiten auf Situationen zu reagieren. Ihr Gehirn kann an dieser Stelle noch nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden. Für Ihr Gehirn sind Sie immer noch acht oder zehn oder x Jahre alt, aber nicht so alt wie Sie tatsächlich sind. Deswegen müssen Sich in der heutigen Situation immer noch so „jung“ verhalten.

Genau das können Sie Ihrem Gehirn beibringen. Sie können Ihrem Gehirn den Unterschied zwischen Damals und Heute zeigen. Sie können erwachsen werden und damit die eigene Kraft spüren und einsetzen.

Der erste Schritt dazu ist, die Situationen aufzuspüren und sich zu notieren, in denen Sie das Gefühl haben, nicht ganz Sie selbst zu sein, irgendwie „über“ zu reagieren, als gäbe es da noch jemand anderen in Ihnen. Manchmal kann es auch helfen, sich diese Reaktion von einer vertrauten Person beschreiben zu lassen.

Nur im Zustand der bewussten Auseinandersetzung lassen sich die Verbindungen zwischen Nervenzellen im Gehirn verändern, die für diese Reaktionen verantwortlich sind (siehe auch –> Giftige Gedanken). Wenn Sie also diese Situationen aufgespürt und ins Licht Ihres Bewusstseins gezerrt haben, dann können Sie Sich fragen:

  • Woher kenne ich diese Situation?
  • Woher kenne ich dieses Gefühl/diese Gefühle?
  • Habe ich das in meinem Leben schon einmal erlebt?
  • Wann genau?
  • Was genau ist in dieser anderen Situation gewesen?
  • Wie alt war ich da?
  • Welche Möglichkeiten hatte ich damals mit der Situation umzugehen und was könnte ich heute als erwachsener Mensch machen?
  • Wie will ich heute mit der Situation umgehen, wenn die aktuelle Situation wieder auftaucht?
  • Was ist mein konkreter Plan?
  • Was will ich denken?
  • Wie will ich handeln?
  • Was will ich sagen?
  • Wie will ich reagieren?

Schreiben Sie sich die Antworten auf! (siehe auch –> Erinnerungen in die richtige Form bringen). Stellen Sie sich immer wieder vor, wie Sie in der heutigen Situation anders reagieren könnten. Wenn Sie es sich oft genug vorgestellt haben, werden Sie trotz Stressreaktion entsprechend anders handeln. Nicht mehr als kleines, hilfloses Kind, sondern als erwachsene Person mit all ihren Stärken.

Leserfrage: Immer, wenn ich wütend bin, bekomme ich Kopfschmerzen, was kann ich tun?

07.05.2020 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Liebe Frau Rösch,

schon seit einiger Zeit trage ich die Frage mit mir herum, ob Sie vielleicht etwas zum Umgang mit Wut schreiben könnten.
Ich kämpfe sehr mit angestauten Gefühlen, die durch ein Trauma ausgelöst wurden. Wenn ich mich heute ohnmächtig fühle, puscht das mit einem Mal die Gefühle hoch. Wenn ich eine Situation nicht ändern kann, fühle ich mich ohnmächtig und ausgeliefert. Es spielt keine Rolle in welcher Hinsicht ich mich ohnmächtig fühle. Ich gerate so sehr in innere Not, dass ich das Gefühl habe, dass Wut, Hass und Aggression sich überschlagen.
Diese Gefühle kommen selten zum Ausdruck. Die Migräne ist mein einziges Ventil, diesen Druck wieder abzubauen. Darunter leide ich so sehr, dass ich gerne einen anderen Weg finden würde.
Einerseits versuche ich mich für etwas einzusetzen, wenn ich erkenne, dass mir etwas zusteht oder ich im Recht bin. Das ist nicht leicht, weil ich das bisher nie getan habe. Dadurch, dass ich mich mit dem Thema beschäftige und es nicht sofort wegdrücke, verstärkt sich der Druck noch.
Andererseits habe ich versucht, der Wut einen Ausdruck zu geben. Da es mir nicht möglich ist, zu schreien oder irgendwie laut und ausdrucksstark zu werden, habe ich es zumindest einmal im Geiste versucht. Aber selbst das hat eine heftige Migräne zur Folge. Es gibt also keine Veränderung, wenn ich versuche mit der Wut irgendeinen Umgang zu finden. Im Gegenteil habe ich das Gefühl, dass mein Kopf zu zerspringen droht.
Es hilft dann nur, mich völlig von dem Thema zu distanzieren und meditativ für Ruhe zu sorgen. Aber ich fühle mich wie eine tickende Zeitbombe, die jederzeit wieder angestoßen werden kann und dann geht die Spirale von vorne los.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir dafür einen Rat geben könnten.

Photo by Tobi from Pexels

Wut ist unsere erste Reaktion auf eine Bedrohung

Wenn wir eine Bedrohung wahrnehmen, löst unser Limbisches System Alarm aus und stellt über die Stressreaktion Handlungsbereitschaft her. Wut ist die gesunde Reaktion auf Bedrohung. Es ist unsere erste Reaktion auf Bedrohung.

Haben wir noch Handlungsstrategien, spüren wir Wut, nähern uns der Gefahr und „kämpfen“. Diese Handlungsmöglichkeiten bezeichne ich als Kampfstrategien. Man würde diese Strategien wohl auch als Beeinflussungsstrategien bezeichnen oder als „sich wehren“.

Aber als Kind ist alles anders

Wenn man nun als Kind in eine Situation kommt, in der man sich bedroht fühlt, und der Angreifer ein Erwachsener ist, hat man keine Chance. Vielleicht schreit man oder strampelt, aber ein Kind ist immer schwächer als ein Erwachsener.

Der Erwachsene wird mit seinem Verhalten dafür sorgen, dass das Kind sich nicht wehren kann. Wenn das nicht geht und die Bedrohung fortdauert, wird das Kind Angst bekommen und flüchten wollen. Aber auch das geht nicht. Und so ist es der Gewalt des Erwachsenen ausgeliefert. Bekommt Todesangst, fühlt sich ohnmächtig und dann schaltet das Gehirn um in die Notabschaltung. Das Kind kommt in einen von drei Zuständen. Entweder es reagiert panisch, schreit und weint bis zur Bewusstlosigkeit, oder kommt in die Schreckstarre und kann sich nicht mehr rühren. Im dritten Zustand werden alle Gefühle abgeschaltet. Als Erwachsener kann einem dann noch etwas einfallen, was einem hilft. Als Kind geht das nicht, weil es keine funktionierende Strategie gibt.

Wiederholung kann zu Kopfschmerzen führen

Wenn die Gewalt sich wiederholt, kommt der Körper immer wieder in einen Ausnahmezustand, der mit großer Muskelspannung einhergeht. Außerdem ist es eine häufige Strategie, Gefühle durch Anspannung zu unterdrücken. Kopfschmerzen können eine Folge sein. Wenn der Körper aufgrund wiederkehrender Gewalterfahrungen in einem Zustand von Alarmbereitschaft bleibt und Wut immer wieder unterdrückt wird kann es zu dauerhafter Anspannung kommen und damit ist es vorstellbar, dass vermehrt Kopfschmerzen oder auch Migräne auftreten.

Wenn die Migräne dazu führt, dass das Kind hin und wieder keine Gewalt erfährt, dann kann es sein, dass das Hirn lernt, dass Kopfschmerzen ein Schutz sind. Es würde reichen, wenn das Gehirn diesen Zusammenhang herstellt, auch wenn er nicht durch das Verhalten des Angreifers begründet ist.

Wie Wut und Kopfschmerz zusammenkommen

Wenn Wut Gefahr anzeigt, Kopfschmerzen aber Schutz, dann kann es sein, dass das Hirn diese Verbindung zusammenbringt und auf Wut mit Kopfschmerzen reagiert. Das Risiko für Kopfschmerzen und Migräne steigt, wenn Wut immer wieder unterdrückt wird und damit die Spannung im Körper hoch ist.

Folgende Dinge gilt es zu lernen, wenn man dieses Entstehungsmodell voraussetzt: Wut ist eine gesunde, gute und wünschenswerte Reaktion auf Bedrohung. Es gibt keinen Grund Wut zu unterdrücken. Wut in Verbindung mit geeigneten Verhaltensweisen stellt einen guten Schutz vor Gewalt dar. Kopfschmerzen sind kein Schutz vor Gewalt.

Wenn die Wiederholungen oft genug stattgefunden haben, dann ist der Kreislauf und jede Reaktion sehr gut gelernt und läuft entsprechend automatisch ab. Das macht es schwer, diese Verbindung wieder zu trennen.

Sie können es lernen

Liebe Leserin,

Nachdem Sie geschildert haben, dass Sie schon Kopfschmerzen bekommen, wenn Sie sich nur vorstellen sich zu wehren, würde ich Ihnen empfehlen mal mit folgenden Gedanken anzufangen: „Ich bin erwachsen. Ich bin wertvoll. Ich darf mich wehren. Ich brauche keine Kopfschmerzen mehr zu meinem Schutz. Ich kann andere Strategien lernen.“

Schreiben Sie sich das ab und hängen es irgendwo auf. Lesen Sie es immer wieder und denken darüber nach. Suchen Sie Argumente dafür, warum das die Wahrheit für Sie ist. Das ist ein Anfang. Ganz sanft sich die Erlaubnis geben, diese positiven und gesunden Gedanken zu denken und davon zutiefst überzeugt zu sein. Was das mit einer Traumatherapie zu tun hat, können Sie hier weiterlesen.

Außerdem mache ich Ihnen Mut, weiter alle Strategien zu üben, die für Sie funktionieren, also zum Beispiel Meditation und alles, was Ihnen hilft wieder zur Ruhe zu kommen.

Wenn Sie in Gefahr sind, bringen Sie sich in Sicherheit

Ich gehe davon aus, dass es in Ihrem Leben in der Gegenwart keine lebensbedrohlichen Situationen mehr gibt. Wenn doch, dann lassen Sie sich bitte von einem Rechtanwalt oder in einer Beratungsstelle beraten und schalten ggf die Polizei ein, um sich zuerst in Sicherheit zu bringen.

Was es so schwierig macht ist, dass Ihr Gehirn gegenwärtige Situationen mit der Vergangenheit verwechselt (hier wird Verwechslung ausführlich erklärt). Wenn es in der Gegenwart keine Gewalt mehr gibt, dann gibt es keine Lebensbedrohung mehr, sondern nur noch Situationen, für die es hilfreiche Strategien und Denkweisen gibt, die Sie lernen können.

Das geht nur, indem man sich eine Situation nach der anderen anschaut. Insofern, fangen Sie mit den gesunden Gedanken an.

Viel Erfolg damit und viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

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Was passiert in einer Traumatherapie?

01.05.2020 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Die drei wichtigsten Aufgabenbereiche in einer Traumatherapie.

Aus meiner Erfahrung gibt es drei Bereiche, denen eine erfolgreiche Traumatherapie sich widmet. (1) Eine bedrohliche Situation bewirkt eine Stressreaktion, die typische Beschwerden macht. (2) Diese Erfahrung kann unser Selbst- und Weltbild verändern. (3) Außerdem zeigt sie manchmal, dass wir zusätzliche Strategien lernen wollen, um noch besser für unsere Sicherheit zu sorgen.

Diese drei Themen sind Inhalt einer erfolgreichen Traumatherapie. Im Folgenden habe ich das noch ein wenig für Sie aufgeschlüsselt:

Wie werde ich die Erinnerungstacken los?

Das ist die Frage nach den typischen Symptomen, die durch eine traumatische Erfahrung entstehen können. Durch Erinnerungsattacken entstehen alle weiteren Beschwerden von Traumafolgestörungen, insbesondere der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Der Link führt Sie an den Beginn meiner Artikelreihe zum Thema PTBS.

Um Erinnerungsattacken loszuwerden, muss das Gehirn den Unterschied zwischen hilfreichen und ungeeigneten Warnreizen kennen. Wenn das Hirn diesen Unterschied gerlent hat, gibt es immer weniger Fehlalarme, sprich Erinnerungsattacken, sprich Flashbacks. Dadurch entsteht Freiheit.

Wie kann ich für meine Sicherheit sorgen?

Als Menschen haben wir verschiedene Grundbedürfnisse. Eines davon ist Sicherheit. Eine traumatische Erfahrung zeigt uns, dass wir nicht für unsere Sicherheit sorgen konnten. Deswegen ist es wichtig, zusätzliches Sicherheitsverhalten zu lernen. Zum einen geht es darum, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und dann Verhaltensstrategien zur Verfügung zu haben, die man anwenden kann.

Wenn man eine Gefahr rechtzeitig erkennt, kann man auch rechtzeitig darauf reagieren. Damit reduziert man das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden. Unser bester Schutz ist unser Bauchgefühl oder unsere Intuition. In beruflichen oder anderen Situationen, in denen Menschen auf Menschen treffen, ist das rechtzeitige Erkennen der Stressreaktion beim anderen unser bester Schutz.

Angemessene Verhaltensstrategien zu lernen kann sehr schwer sein. Je mehr Gewalterfahrungen jemand gemacht hat, desto mehr neue Strategien sind zu lernen. Das braucht oft einen langen Atem. Jahre von Therapie sind keine Seltenheit. Aber es gibt immer Hoffnung. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass für jeden und jede Heilung möglich ist. Die Frage ist nur, ob Sie bereit sind, den Preis in Anstrengung, Schmerz, Mut und Durchhaltevermögen zu investieren.

Strategien, die das Risiko minimieren, Opfer von Gewalt zu werden sind zum Beispiel: Seinem Bauchgefühl vertrauen / sich selbst vertrauen / rechtzeitig weggehen / sich bekannten Tätern nicht nähern / nein sagen, wenn ich etwas nicht möchte / Hilfe bei anderen holen / die Polizei rufen / an belebte Orte flüchten / laut werden und so weiter.

Wie denke ich über die Welt?

Traumatische Erfahrungen, vor allem wiederholte, können das Selbst- und Weltbild von Betroffenen zu deren Nachteil verändern (giftige Gedanken). Hier ein paar Beispiele für hilfreiche Gedanken: (1) Wenn ich glaube, dass Gefahren zum Leben dazu gehören, tue ich mir leichter damit, mich darauf vorzubereiten. (2) Wenn ich glaube, dass ich nicht alles unter Kontrolle habe, aber das meiste in meinem Leben beeinflussen kann, dann kann ich mich auf alles vorbereiten, worauf man sich vorbereiten kann. Ich kann dann auch akzeptieren, wenn Dinge geschehen, die nicht zu verhindern waren. (3) Wenn ich davon überzeugt bin, dass ich immer die bestmögliche Entscheidung treffe, dann kann ich aus der Vergangenheit lernen, ohne in Schuldgefühlen gefangen zu sein. (4) Wenn ich weiß, dass ich allein dafür verantwortlich bin, wie ich mich fühle, was ich denke und wie ich mich verhalte, dann brauche ich keine Schuldzuweisungen mehr und bin frei. (5) Wenn ich weiß, dass ich wertvoll bin, fällt es mir leichter Hilfe zu holen und anzunehmen. (6) Wenn ich weiß, dass die meisten Menschen wohlwollend sind, dann ist es leichter einen Vertrauensvorschuss zu geben.

Es gibt viele positive Überzeugungen, die es leichter machen, auch mit negativen oder belastenden Erfahrungen umzugehen.

Eine Traumatherapie wird sich all diesen Themen widmen. Die Kunst in der Zusammenarbeit zwischen Klientin und Therapeutin besteht darin, herauszufinden, welches Thema gerade Vorrang hat. Jeder Mensch ist einzigartig und so ist auch jede Traumatherapie einzigartig.

Viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

Leserfrage: Warum provoziere ich meinen Mann so mit meinem Ton?

26.03.2020 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Sehr geehrte Frau Rösch,

Vielen Dank zunächst für diese wunderbare, informative und umfangreiche Seite!

Mein Ehemann wurde vor 4,5 Jahren auf seiner Arbeit von einem Mann mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Es wurde PTBS diagnostiziert. Er machte eine Traumatherapie.

Nach ein paar Wochen bemerkte er, dass er auf mich und auch seine Freunde zum Teil sehr gereizt reagierte. Seine Therapeutin erklärte ihm das liege an dem generellen Vertrauensverlust durch den Messerangriff. Sie schlug uns eine Strategie vor, wie wir damit umgehen können. Nach wenigen Monaten hatte ich den Eindruck, dass es „erledigt“ war.

Wir hatten eine wundervolle Zeit, heirateten, kauften einen Bauernhof, waren unfassbar verliebt und verbrachten jede freie Minute miteinander.

Seit 2 Jahren fühlte er sich zunehmend durch die kleinsten Kleinigkeiten von mir angegriffen und kritisiert. Er wurde laut und machte mir Vorwürfe ich würde ihn wie ein kleines Kind behandeln. Die Wutausbrüche wurden heftiger, immer mehr ging kaputt. Irgendwann bekam ich richtig Angst vor ihm.

Ich entschuldigte mich oft bei ihm, dachte ich würde ihn in die Wut treiben und versuchte, mich durch Yoga und Therapie so zu verhalten, dass er sich nicht mehr provoziert fühlen musste. Ich dachte alles fünfmal durch, bevor ich etwas sagte. Aber nichts half. Ich gab mir die Schuld an unseren Problemen und daran, dass er sich schlecht fühlte.

Er blieb der Ansicht, dass es an meinem „Ton“ liege und versprach, dass er mich nie verletzen würde. Seine Wut habe sich immer nur gegen Sachen gerichtet. Das sei auch in seiner Jugend schon so gewesen. Wenn er einen Ausraster hatte, brach er hinterher weinend zusammen und beschuldigte sich selbst. Sagte, ich könne ihn gar nicht lieben, so wie er sei.

Dann sagte er mir eines Tages er wüsste zwar noch, dass er mich liebt, aber er könne es nicht mehr spüren. Als ich daraufhin einen Nervenzusammenbruch hatte, legte er mir seine Hand auf die Schulter und sagte „mehr Empathie kann ich für dich leider nicht mehr aufbringen“. Es war so unglaublich schrecklich. Ich dachte, ich bin nicht liebenswert und man kann es mit mir nicht aushalten.

Er sprach die Trennung aus.

Wir unternahmen dann noch einen zweiten Versuch, obwohl ich kein gutes Bauchgefühl hatte. Ich bekam immer häufiger Schübe, in denen mich die Zweifel und Hoffnungslosigkeit übermannten. Ich sagte ihm, dass es mir leidtue und es mir nicht gut ginge und bat ihn, für mich da zu sein und jetzt nicht auch noch wütend zu werden.

Daraufhin machte er mir Vorwürfe, schlug vor, ich solle in eine Klinik gehen oder Medikamente nehmen. Und schließlich flippte er wieder aus.

Ich war entsetzt. Wir trennten uns das zweite Mal.

Wenn wir mal telefonieren ist er völlig emotionslos. Er liebe mich nicht mehr und wäre erwachsen geworden. Dass ich so mit ihm spreche, wolle er nicht mehr. Er werde sich nicht mehr zurück entwickeln und ich könne mich eh nicht ändern, der Ton wäre in mir drin und „ich hätte ja bis zum Schluss nicht anerkannt, dass mein Ton das Problem ist“.

Warum löse ich das bei meinem Mann aus? Warum fühlt er sich nur von mir oder meinem Ton so kritisiert und angegriffen und warum flippt er nur bei mir so aus? Es muss doch alles irgendwie mit mir zusammenhängen!?

Es tut mir leid, dass ich Ihnen jetzt so viel Zeit weggenommen habe.

Liebe Grüße, G

Danke für das Foto an Pixabay auf Pexels

Liebe Leserin,

ja, das ist eine lange Geschichte. Ich habe sie sehr stark zusammengefasst und hoffe, dass meine Antwort für die Leser*innen meines Blogs trotzdem nachvollziehbar ist.

Ich kann Ihnen keine Lösung geben. Aber ich kann Ihnen erklären, wie ich mir die Verhaltensweisen erkläre, die Sie da so schildern: So wie ich es verstehe, stecken Sie gemeinsam in einem Teufelskreis fest, an dem jeder mit seinen alten Verletzungen und eingefahrenen Reaktionen beteiligt ist.

Die Seite ihres Mannes am Teufelskreis

Ihr Mann sagt, er will seine Wutausbrüche nicht. Gleichzeitig besteht er darauf, dass seine Wutausbrüche vollkommen von Ihrem Verhalten abhängen. Das ist die Argumentation, die Sie beschreiben. Er übernimmt keine Verantwortung für seine Gefühle und sein Handeln hinsichtlich seiner Wut.

In meiner Einschätzung, verwechselt er Sie mit einer anderen wichtigen, nahestehenden Person in seinem Leben, der er einmal sehr ausgeliefert war. Daher die Vorstellung, seine Wut selbst nicht steuern zu können und nicht verantwortlich dafür zu sein. Häufig treten diese Verwechslungen mit Eltern, sorgeberechtigen Personen oder anderen wichtigen Personen auf. Diese sind nicht notwendigerweise vom gleichen Geschlecht. Aber wenn man Betroffene fragt: Woher kennen Sie dieses Gefühl (hier die Wut), dann erinnern sich Betroffene oft an die Situation, mit der die Verwechslung stattfindet.

Diese Verwechslung, bewirkt, dass er Ihre Worte nicht „hört“ sondern auf eine festgefahrene, automatisierte Art und Weise interpretiert als könne er „hellsehen“. Dabei reicht es, dass etwas an dem was oder wie Sie es sagen „ähnlich“ zu dem ist, was er vor langer Zeit erlebt hat.

Was ihm komplett fehlt, ist die Erkenntnis, dass er für seine Gefühle, seine Gedanken und sein Verhalten vollumfänglich und allein verantwortlich ist. Er hat jeder Zeit die Möglichkeit zu lernen, wie er sein Verhalten ändern kann. Es hat ihm nur niemand beigebracht. Dabei geht es nicht um Schuld, sondern darum, dass die Strategien, die er gelernt hat im Umgang mit seiner Wut, heute nicht mehr angemessen sind und er deswegen andere Strategien lernen kann.

Ihre Seite am Teufelskreis

Sie auf der anderen Seite befinden sich in einem Zustand von „Kindlichem Größenwahnsinn“ (hier ein ausführlicher Artikel aus meinem Blog dazu). Kurzfassung: Sie glauben, Sie wären dafür verantwortlich wie er Reize interpretiert und wie er sich dadurch fühlt. Dahinter steckt die Vorstellung, die Gefühle des anderen steuern (kontrollieren) zu können. Das ist natürlich – in meinen Augen – Blödsinn. Niemand kann für die Gefühle eines anderen verantwortlich sein, weil er keine Kontrolle darüber hat, wie der anderen Verhalten interpretiert und wie er sich in der Folge fühlt. Das zeigen ja Ihre ganzen Bemühungen, „es richtig zu machen“. Nichts davon funktioniert. Selbst wenn Sie es ganz genau so machen, wie er es will, funktioniert es nicht. Das ist der Beweis dafür, dass Sie da ohnmächtig sind und es ganz alleine seine Verantwortung ist, wie er sich fühlt und wie er mit seinen Gefühlen umgeht.

Auch Sie haben in ihrem Leben Situationen gehabt, die dazu geführt haben, dass Sie gelernt haben, so mit den Gefühlen anderer umzugehen. Woher kennen Sie solche Situationen?

Ihre Verantwortung ist, ihm die Verantwortung für seine Gefühle zu lassen. Wenn er schlecht drauf ist, dann ist er das eben: Nicht ihr Problem, sondern sein Problem!

Ihre Aufgabe ist, für sich selbst zu sorgen. Das kann sein, in dem Sie sich zurückziehen, wenn er zornt, und so für Ihre Sicherheit sorgen. Oder eine andere Strategie, die Sie sich in einer ruhigen Stunde überlegen können. Wichtig ist, nicht immer wieder gleich zu reagieren, sondern ihr Verhalten zu ändern und davor, ihr Denken zu verändern.

Dass Sie sich ständig für alles entschuldigen, zeigt, wie ausgeprägt dieser kindliche Größenwahnsinn ist. Dahinter steckt die irrationale Überzeugung, Sie könnten andere kontrollieren.

Wenn Sie sich bei mir entschuldigen, weil Sie mir so viel Zeit „wegnehmen“, dann könnte ich Ihnen jetzt beweisen, dass Sie diese Macht nicht haben, indem ich ihnen sage, dass ich ihre Mail nicht beantworte, ja nicht einmal gelesen habe.

Wer entscheidet denn darüber, ob ich Ihre Mail lese und mir die Zeit dafür „nehme“. Sie oder ich????

Wenn Sie jetzt Gedanken haben, die sich darum drehen, dass Sie das entscheiden, dann haben Sie ein echtes Problem. Wenn Sie sehen können, dass allein ich entscheide, womit ich meine Zeit verbringe, dann besteht Hoffnung auf Veränderung 🙂 Bleiben Sie dran!!

Wutausbrüche und Messerangriff?

Ich sehe die Ursache für die Wutausbrüche Ihres Mannes in erster Linie in alten Erfahrungen begründet, die VOR dem Tötungsversuch mit dem Messer liegen. Einfach weil die Wutausbrüche schon vorher da waren. Die Traumareaktion macht, dass man ständig Stress hat, was dazu führt, dass man einfach leichter und schneller wütend wird. Das heißt, die Folgen des Messerangriffs KÖNNEN zu einer Verschlimmerung des Problems mit der Wut geführt haben, muss aber nicht. Um ihnen dazu meine Meinung zu geben, habe ich nicht ausreichend Informationen.

Und was können Sie jetzt tun?

Wenn Sie eine Chance haben wollen, dann ist es meiner Meinung nach notwendig, dass Sie beide lernen Verantwortung für sich zu übernehmen und zwar ausschließlich für sich. Sie beide sind zu 100% verantwortlich für ihr Denken, ihre Gefühle und ihr Handeln.

Diese Überzeugung ist die Voraussetzung dafür, dass es auf beiden Seiten zu persönlichem Wachstum (nicht Rückschritt) kommt. Nur dann können Sie ihre Beziehung retten. Es ist aber keine Garantie. Persönliches Wachstum kann auch dazu führen, dass man anschließend getrennte Wege geht. Das kann vor allem dann geschehen, wenn nur einer sich um persönliches Wachstum bemüht.

Insofern kann ich Ihnen nur dazu Mut machen, sich mit ihrem eigenen Anteil am Teufelskreis zu beschäftigen und zu verändern. Wenn Sie sich verändern, besteht eine gute Chance, dass sich die Situation mitverändert.

Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Kraft für ihren Weg.

Ihre Stefanie Rösch

Leserfrage: Ich habe zu viel Mitleid mit meiner traumatisierten Freundin, was tun?

19.09.2019 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo,
meine Freundin leidet unter einer PTBS nach zwei Vergewaltigungen und hat schwere Depressionen. Sie befindet sich leider noch nicht in professioneller Hilfe. Irgendwie scheint sie nicht bereit zu sein, sich in intensive Traumatherapie zu begeben, obwohl sie zu wissen scheint, welche Therapie ihr guttun würde und dass sie keine Kraft mehr hat, so zu leiden.
Ich verstehe nicht, warum sie nicht in eine gute Klinik geht und versucht Hilfe zu bekommen. Ich merke, dass ich nicht mehr kann, weil es ihr so schlecht geht, dauernd hat sie Alpträume, Panikattacken und Angst.
Das Problem ist, dass ich mich von ihren Themen nicht abgrenzen kann. Ich leide oft mit und bin einfach erschöpft. Meine Hoffnung war immer, dass sie bald in guten Händen sein wird und es mir dadurch auch bessergehen wird. Jedoch kann ich nicht mehr auf irgendwas warten. Mein Kopf und meine Emotionen sind total durcheinander. Ich habe Gewaltfantasien gegen ihren Vergewaltiger. Ich stelle mir die Vergewaltigung immer wieder vor, das ist so ekelig. Ich kann das nicht kontrollieren, es passiert einfach.
Ich will lernen nicht mitzuleiden, mich abzugrenzen, ohne dass ich emotional komplett zu mache. Ich will da drunter nicht leiden, nicht mitleiden. Ich fühle mich so hilflos. Ich kann ihr nicht helfen und drängen ist gar nicht gesund, ich kann nur was für mich tun. Wissen sie wo ich vielleicht Unterstützung bekommen kann?
Ich wünsche mir einfach so sehr, dass wir beide Leichtigkeit bekommen. Ich liebe sie von Herzen. Sie ist so liebevoll und zärtlich, so witzig und auch so mutig. Aber ich habe Angst, dass ich Sie verliere.
Liebe Grüße und Danke für ihre Hilfe!!!

Lieber Herr Santer,

warum Ihre Freundin sich bisher keine Hilfe in einer Therapie geholt hat, kann nur ihre Freundin wissen. Meine Vermutung ist, dass die eine Vorstellung davon hat, was in einer Therapie geschieht, die ihr zum einen Angst macht und zum anderen wahrscheinlich nicht dem entspricht, wie es tatsächlich ist. Das kann dann dazu führen, dass sie aus Angst einen Bogen um eine Traumatherapie macht. Das ist zumindest einer der häufigsten Gründe, warum Menschen sich keine Hilfe holen.

Den wesentlichen Schritt haben Sie jedoch schon gemacht: Die Erkenntnis, dass Sie nur für sich selbst sorgen können. Niemand kann jemand anderen retten.

Sie können sich bewusstmachen, dass es eine Form von Respektlosigkeit ihrer Freundin gegenüber ist, wenn Sie für etwas leiden, dass Sie nicht einmal selbst erlebt haben. So wie es sich anhört, leiden Sie fast genauso stark unter ihren Phantasien wie Ihre Freundin unter dem tatsächlich Erlebten. Das ist keine Hilfe. Gut, dass Sie das erkannt haben! Übernehmen Sie dafür Verantwortung, das zu ändern.

Wir sind nicht verantwortlich für das Leid eines anderen. Wir sind auch nicht dafür verantwortlich, dass es einem anderen gut geht. Wir sind grundsätzlich nicht für die Gefühle von anderen zuständig.

Insofern ist es in meinen Augen Ausdruck von Respekt vor den freien Entscheidungen des anderen, ihm sein Leid zu lassen und auch die Freiheit zu entscheiden, ob man wieder gesundwerden will. Ja es ist unglaublich anstrengend und es ist eine gruselige Sache, mit den Folgen traumatischer Erfahrungen umzugehen. Aber es kann einem das niemand abnehmen. Jede betroffene Person muss es selbst machen. Wir anderen können nur fragen, wie wir unterstützen können. In meinem Fall bedeutet das, die Erinnerungen zusammen mit meinen Klienten zu sortieren. In Ihrem Fall bedeutet das, sich gut zu informieren, ein paar Techniken zu lernen (s.u.) und Mut zur Traumatherapie zu machen.

Der Rest liegt in der Entscheidung desjenigen, der etwas erlebt hat.

Hier die notwendigen ersten Informationen für Sie:

Erster Schritt für Sie: Suchen Sie für sich einen Psychotherapeuten, um die Rache- und Gewaltphantasien wieder loszuwerden. Sie können sehr wohl beeinflussen, was Sie denken und was nicht, auch wenn es sich im ersten Moment nicht so anfühlt.

Zweiter Schritt: Informieren Sie sich über Traumareaktionen, zum Beispiel in unserem Blog (PTBS1 bis 12). In der PTBS-Reihe finden Sie unter anderem auch Strategien zum Umgang mit Erinnerungsattacken und Angstattacken. Lernen Sie alles, was Sie finden können über die PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung), um ihrer Freundin weiterhin Mut machen zu können, eine Traumatherapie zu machen. Eine geeignete Therapeutin zu finden, wird möglicherweise nicht leicht werden. Aber da können Sie mit diesem Link unterstützen.

Dritter Schritt: Lernen Sie Strategien, welche Ihrer Freundin kurzfristig helfen können: zum Beispiel haben wir eine Übung, die heißt „Hier und Jetzt“ und diese hilft den meisten Menschen Erinnerungs- und Panikattacken abzubrechen. Hier ein Artikel zu Schlafstörungen: und ein sicherer Ort kann auch helfen. Hier ein Artikel, wie man mit Alpträumen umgehen kann.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg und den Mut, für sich selbst zu sorgen.

Herzliche Grüße, Stefanie Rösch

Leserfrage: Ist ein Täterintrojekt eine Dissoziation?

24.05.2019 Veröffentlicht von Definitionen, Leserfragen 0 Kommentare

Hallo,
Ich habe eine Frage. Meine Therapeutin glaubt, dass ich eine dissoziative Störung habe. Ich verstehe aber nicht genau was sie meint. Dazu habe ich starke Täterintrojekte. Durch Ihren Beitrag hier konnte ich mich besser verstehen. Oder glauben Sie, dass meine Therapeutin meint, dass die Introjekte die Dissoziation sind?
Lg Thomas

Lieber Thomas,

Dissoziation, wie ich den Begriff verstehe, meint einen psychologischen Zustand, in dem Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse von gegenwärtigen Reizen nicht als Einheit wahrgenommen werden. Also zum Beispiel, wenn man aufgrund von einer Erinnerungsattacke das „Gefühl“ hat, in der Vergangenheit zu sein, obwohl man bei dem Blick auf den Kalender sieht, dass es „heute“ ist. Das Erleben von Gegenwart und Vergangenheit ist verändert. Das kann man als Dissoziation bezeichnen.

Oder wenn man zwar sieht, wo man ist, aber es sich innerlich so anfühlt, als wäre man ganz weit weg. Als wenn alles durch Watte gepuffert ist oder durch eine Glasscheibe beobachtet wird. Auch das wären Beispiele für dissoziatives Erleben.

Und wenn man den Eindruck hat, dass da jemand anderes für einen oder an meiner Stelle handelt oder mich innerlich voll labert, als ob es da „andere“ im eigenen Kopf gibt, die manchmal so stark sind, oder so „vorne“ sind, dass man sich selbst nur noch zuschauen kann, dann nennt man diesen dissoziierten Zustand auch „Introjekt“. Betroffene haben in extremen Fällen den Eindruck, dass es wie eine komplett andere Person ist.

Aber die meisten Menschen kennen dissoziative Zustände, wenn sich die Gegenwart irgendwie „anders“ anfühlt und meistens ist das unangenehm. Zum Beispiel geht es vielen Menschen so, dass Sie sich in bestimmten Situationen „klein“ fühlen oder sich verhalten „wie ein Kind“. Auch das kann man als dissoziativen Zustand beschreiben. Grundsätzlich gehört Dissoziation zum Menschen dazu. Aber manchmal sind diese Zustände so unangenehm (voller Angst oder komplett ohne Gefühle) oder führen dazu, dass sich jemand selbst schadet. Wir sagen dann, das macht denjenigen krank. Dann ist es gut, dass es Menschen wie Ihre Therapeutin gibt, die Ihnen zeigt, wie Sie diese Zustände wieder so verändern können, dass es Ihnen besser geht.

Insofern glaube ich, dass Ihre Therapeutin diese Worte tatsächlich so verwendet, wie Sie es verstanden haben: Ein Introjekt ist eine Form der Dissoziation. Aber fragen Sie Ihre Therapeutin doch einfach, wenn Sie Worte benutzt, die Ihnen nicht ganz klar sind. Das sind alles sehr abstrakte Worte, die oft gar nicht so eindeutig definiert sind, also eine eindeutige Bedeutung haben J

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

Leserfrage: PTBS mit mehreren Traumata

15.05.2019 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo, ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich leide seit fast 10 Jahren unter Dauerangst. Die PTBS wurde erst vor kurzem erkannt. Dazu habe ich eine Fluchtwegphobie mit Sozialkomponente und eine Depression. Die Depression habe ich, weil bei meiner Mutter während der Schwangerschaft Krebs im Endstadium festgestellt wurde. In der Schulzeit wurde ich gemobbt, deswegen habe ich die Phobien. Als mein Vater mich in einem Wutanfall versucht hat zu erwürgen, konnte ich mich dadurch retten, dass ich Kampfsporterfahrung hatte. Aber das Bild meines Vaters bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf. Ich weiß, dass ich eine Therapie machen muss und stehe auch schon auf einer Warteliste. Aber ich verliere langsam den Mut? Wie kann ich den wiederfinden? Jürgen

Lieber Jürgen,

das glaube ich, dass Zehn-Jahre-Angst-haben anstrengend sind. Angst ist deswegen so anstrengend, weil wir ständig auf der Hut sein müssen. Ständig den Drang haben, wegzulaufen. Ständig in Alarmbereitschaft sind. Angst als Gefühl beinhaltet einen Bewegungsimpuls weg von der wahrgenommenen Gefahr. Der Körper stellt eine Handlungsbereitschaft her (Stress), denn Gefahr macht schnelles Handeln notwendig. Das ist grundsätzlich eine gesunde und lebenserhaltende Reaktion.

Wenn es aber keine gegenwärtige Gefahr gibt, sondern die Gefahr durch Sorgen im Kopf entsteht, dann ist die ganze Stressreaktion umsonst. Sorgen sind Gedanken, die mit möglichen Gefahren spielen: Was wäre wenn ein Feuer ausbricht und ich flüchten muss, aber die Fluchttüre verschlossen ist? Was wäre, wenn …. und dann werde ich verletzt. Was wäre, wenn …. und ich komme nicht weg? Was wäre, wenn … und ich sterben muss? Solche Gedanken bewirken, dass der Körper Alarmbereitschaft herstellt (Stress). Das ist über die Zeit hinweg extrem anstrengend und macht uns krank. Und alles völlig unnötig.

Eine erste Maßnahme kann sein, diese Sorgen oder katastrophisierenden Gedanken immer wieder positiv zu Ende zu denken: Was wäre, wenn ein Feuer ausbricht und ich zur Fluchttüre renne und merke, dass die verschlossen ist? Dann drehe ich mich um und sehe, dass 5 Meter daneben ein Feuerlöscher steht und eine Löschdecke hängt. Ich nehme die Löschdecke, knote sie über meine Schultern fest und schnappe mir den Feuerlöscher. Mit dem Feuerlöscher sprühe ich mir den Weg frei, bis ich draußen an der frischen Luft stehe. Ich fühle mich gut, weil ich mir selbst geholfen und selbst für meine Sicherheit gesorgt habe.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Vorstellung realistisch oder umsetzbar ist. Es geht allein darum, dass ich mir vorstelle, wie ich der Gefahr entkomme. Die Vorstellung endet damit, dass ich in Sicherheit bin. Der Körper wird dann den zur Sicherheit passenden Zustand herstellen: Entspannung. Entspannung und Angst können gleichzeitig nicht sein. Das ist der Grund, warum es auch hilfreich sein kann, ein Entspannungsverfahren wie zum Beispiel die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson zu lernen.

Depression ist auch anstrengend. Depression ist unter anderem so anstrengend, weil man glaubt, man sei für Dinge verantwortlich, auf die man keinen Einfluss hat. Zum Beispiel glauben viele Menschen mit Depression, sie wären dafür verantwortlich, dass es anderen gut geht. Aber jeder kann nur selbst dafür sorgen, dass es ihm oder ihr gut geht. Dinge erreichen zu wollen, die wir nicht zuverlässig bewirken können, gibt uns das Gefühl von Ohnmacht. Zuviel Ohnmacht führt zu Depression. Erschöpfung.

Und jetzt zum Mut und zum Durchhalten. Es lohnt sich durchzuhalten, weil all diese Probleme verändert werden können. Sie können Ihre Art zu denken verändern.

Sie werden lernen, auf gesunde Art zu denken, so dass das Leben leichter und immer leichter und freier wird. Gesunde Gedanken sind zum Beispiel: „Ich bin nur für mich selbst verantwortlich.“ „Jeder ist für seine Gefühle und sein Befinden selbst verantwortlich.“ „Ich bin unschuldig am Tod meiner Mutter.“ „Ich darf meine Gefühle ausdrücken.“ „Ich bin frei.“ „Ich bin wertvoll.“ Und noch viele andere gesunde Gedanken. Giftige Gedanken, die uns krankmachen, kann man durch gesunde Gedanken ersetzen.

Sie werden es schaffen. Da bin ich sicher. Solange Sie es versuchen, solange Sie dranbleiben, werden Sie es schaffen. Der Therapieplatz kommt. In der Zwischenzeit fangen Sie einfach mit den Übungen an oder lesen hier die verlinkten Texte weiter nach. Es gibt immer etwas, was man schon jetzt tun kann, um anzufangen. Vor allem, sich weiter zu informieren und etwas zu lernen. Wenn Sie etwas über giftige Gedanken lernen wollen, dann können Sie hier im Blog nachlesen oder aber das Buch von Dr. Caroline Leaf lesen. Den Link dazu finden Sie am Ende dieses Artikels. Oder Sie lesen zum Thema Depression weiter. Auch dazu eine Leseempfehlung am Ende. Sie müssen nicht warten. Sie können heute anfangen, Ihr Leben zu ändern. Schreiben Sie sich ein paar gesunde Gedanken auf und lesen Sie sie jeden Tag durch. Suchen Sie sich inspirierende Filme oder Bücher oder lassen Sie sich von Freunden Mut zu sprechen, aber vor allem anderen FANGEN SIE AN! Heute! Jetzt!

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

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Leserfrage: PTBS und Partnerschaft? Wie kann das gehen?

10.03.2019 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo Frau Rösch,
ich führe seit knapp einem Jahr eine Beziehung mit einem Mann, der an einer PTBS erkrankt ist. Die PTBS hat er bereits seit mehreren Jahren, Ursache war ein Bundeswehr-Einsatz im Ausland. Er hat mir zu Beginn der Beziehung zwar erzählt, dass er eine PTBS hat und wegen dieser auch in Therapie war, allerdings hat er mir wenig über seine „Probleme“ im Alltag erzählt und diese in den ersten Monaten vor mir versucht zu „verstecken“.
Inzwischen weiß ich, dass er innerlich unruhig ist, wenn sein Haushalt nicht nach einem bestimmten System gemacht ist. Er vermeidet öffentliche Plätze, geht nicht ins Kino und Bus- und Bahnfahrten bedeuten für ihn Stress. Er hat sich am Anfang der Beziehung durch all solche Situationen durchgekämpft, ohne dass ich davon wusste.
Nach knapp einem Jahr weiß ich nicht mehr weiter. Er ist seit einiger Zeit wieder in Psychotherapie und hat nun aber auch eingesehen, dass eine weitere Therapie in der Tagesklinik hilfreich sein kann. Unsere Beziehung leidet sehr unter der derzeitigen Situation.
Mein Freund zieht sich oft zurück. Gemeinsame Aktivitäten sind schwer, weil für ihn nahezu alles mit Stress verbunden ist. Ich kann nicht zu Besuch kommen, weil ich aufgrund meines Hundes für mehr Haushalt bei ihm sorge. Er vermeidet es, sich um „Probleme“ zu kümmern, seien es finanzielle oder welche, die in der Beziehung auftauchen. Er versucht ständig es mir recht zu machen ohne auf seine eigenen Bedürfnisse einzugehen.
Ich stoße an meine Grenzen. Ich ärgere mich oft über sein Verhalten. Vor allem, wenn er sich nicht um Dinge kümmert und es mich dann mitbetrifft, z.B. weil wir uns dann nicht sehen können. Wenn er mir dann noch erklärt, dass er aufgrund seiner Krankheit nicht in der Lage ist, sich um diese Sachen zu kümmern, dann fühle ich mich schlecht. Was mir momentan am meisten Sorge bereitet ist, dass er angefangen hat zu trinken, wenn er weiß, dass er in Situationen kommen wird, die er sonst vermeiden würde. Darüber hinaus gibt es in unserer Beziehung keine Nähe mehr. Wenn er mich berührt, fühlt es sich distanziert an. Als ob er mir Nähe schenkt, weil es sich so gehört in einer Beziehung. Er meint, er liebt mich und er möchte die Beziehung mit mir. Aber seine Distanziertheit und diese steifen Annäherungsversuche, wenn er es überhaupt versucht, die tun sehr weh. Wenn ich auf ihn zugehe und ihn umarme, dann kommt nichts zurück. Wenn ich ihn küsse, kommt nichts zurück. Ich weiß einfach nicht mehr, wie ich damit umgehen soll. Er meint, dass er innerlich zu unruhig ist, um sich fallen zu lassen. Vielleicht können Sie mir auch ein paar Ratschläge geben, um die Beziehung aufrecht halten zu können und richtig reagieren zu können … Lieben Gruß Maya

Liebe Maya,

es gibt kein „richtig“. Den Anspruch können wir nicht haben, wenn wir mit traumatisierten Menschen arbeiten. Dass Ihr Freund traumatisiert ist, haben Sie an seinen Beschwerden und Problemen gut beschrieben. Allerdings frage ich mich bei manchen Beschwerden, wie sie mit einem militärischen Einsatz zu erklären sind.

Schwierigkeiten, die ich mir gut in diesem Zusammenhang vorstellen kann, sind Öffentliche Plätze, Bus, Bahn und Kino als Problemsituationen. Grundsätzlich mal Ordnung zu halten, kann der Versuch sein, ein Gefühl von Kontrolle wiederherzustellen. Zwanghaftes Verhalten hat Angst als Ursache. In dem Fall wäre es die Angst vor den Erinnerungen und davor, die Kontrolle zu verlieren. Dass vor allem Männer versuchen, Traumareaktionen mit Alkohol zu bekämpfen ist weithin bekannt. Es liegt nahe Alkohol zu trinken, um entspannt genug zu sein, dass man Situationen bewältigen kann, vor denen man Angst hat.

Allgemein ist Vermeidungsverhalten ein Teil der Posttraumatischen Belastungsstörung, allerdings der Teil, der dazu führt, dass es nicht besser werden kann.

Probleme mit körperlicher Nähe und Sexualität sind für mich auf den ersten Blick nicht mit einem Einsatzgeschehen zu erklären. Auf den zweiten Blick könnten diese Probleme durch die fortgesetzte Stressreaktion entstehen (inneren Unruhe), die sexuelles Verlangen und sexuelle Aktivität unterdrückt. Schließlich geht es in Bedrohungssituationen (Trauma) ums Überleben und nicht um die Fortpflanzung (Stressreaktion).

Finanziellen Probleme wären bei weitem nicht das erste, was mir einfällt, wenn ich an Belastungssituationen in Krisengebieten denke. Das klingt für mich erstmal nach etwas, dass schon länger und in einem anderen Zusammenhang besteht.

Traumareaktionen sind sehr spezifisch. Sie haben in der Regel einen unmittelbar nachvollziehbaren Zusammenhang zur Belastungssituation. Schließlich handelt es sich bei Traumareaktionen um Fehlalarme des Gehirns. Das Hirn will uns warnen. Leider haben sich die Gefahren in der Welt geändert und das Hirn hat das noch nicht verstanden. Also warnt es uns, was wir als einschießende Erinnerungen, Flashbacks oder Erinnerungsattacken bezeichnen. Aber im Grunde ist es nur ein Fehlalarm. Die Traumasituation ist meist sehr einzigartig. Ganz besonders bei Kriegserfahrungen. Wir leben hier in Deutschland nicht im Krieg. Die Gefahren, die wir hier haben, sind andere als in einem Krisengebiet. Das Gehirn kann das erstmal nicht unterscheiden. Aber es kann lernen, ungeeignete Warnreize (Trigger) auszusortieren und dann auch keinen Alarm (Erinnerungsattacke) mehr auszulösen. Dabei hilft eine Traumatherapie.

Insofern bin ich mir jetzt erstmal nicht sicher, ob wirklich alle Reaktionen und Probleme durch den Bundeswehreinsatz erklärt werden können. Zuverlässig einschätzen kann ich es nicht, weil ich zu wenig weiß. Dafür braucht es die angestrebte und hoffentlich begonnene Therapie und Zeit. Es ist gut, dass Ihr Freund Hilfe sucht.

Was diese Situation mit Ihnen macht, kann ich gut nachvollziehen. Menschen, die traumatisiert sind, bringen ihr Umfeld immer wieder in den Zustand der Hilflosigkeit. So hört es sich an, was Sie beschreiben. Sie möchten eine gesunde, gleichberechtigte und führsorgliche Beziehung und das Leben Ihres Freundes wird von Angst bestimmt. Das ist auf Dauer anspruchsvoll.

Leider ist es so, dass außer ihrem Freund, niemand für seinen Heilungsweg verantwortlich ist. Wenn er nicht hart daran arbeitet, gesund zu werden, wird er traumatisiert bleiben. Wenn er in der Angst und damit im Vermeidungsverhalten bleibt, dann kann das Gehirn nicht lernen, dass die Welt weniger gefährlich ist, als das Gehirn denkt. Es kann auch nicht lernen, dass Ihr Freund besser für seine Sicherheit sorgen kann, als sein Gehirn denkt.

Was Sie machen können? Sie können auf sich selbst aufpassen und ihm die Verantwortung für seine Beschwerden lassen. Nur er kann lernen, auf eine gesunde Art damit umzugehen. Sie dürfen die Forderung stellen, dass er sich darum bemüht. Solange er sich bemüht, übt, trainiert und zur Therapie geht, seien Sie geduldig und fragen Sie, wie Sie ihn unterstützen können. Das geht durchaus. Man kann sich langsam an die schöne Seite von körperlicher Nähe herantasten. Das können Sie gemeinsam tun. Sie können ihm auch mit den Erinnerungsattacken helfen.

Aber wenn er für sich entscheidet, in der Angst zu bleiben, dann ist es umso wichtiger, dass Sie gut für sich sorgen, indem Sie klare Grenzen setzen, was Sie mittragen können und was nicht.

„Wenn er mir dann noch erklärt, dass er aufgrund seiner Krankheit nicht in der Lage ist, sich um diese Sachen zu kümmern, dann fühle ich mich schlecht.“

Das hier klingt für mich, als wären sie verärgert darüber, dass er die PTBS als Erklärung/Ausrede für sein Vermeidungsverhalten benutzt. So meine Vermutung. Wenn dem so ist, dann ist es eine sehr gesunde Reaktion, sich schlecht dabei zu fühlen. Es würde bedeuten, dass Sie wissen, dass es sich um eine Ausrede handelt. Gleichzeitig haben Sie Mitgefühl, weil er nichts dafürkann, was er bei diesem Einsatz erlebt hat. Da entsteht Spannung. Ärger auf die Ausrede und Mitgefühl für das Leid.

An der Stelle mache ich Ihnen Mut dazu, diese widerstreitenden Gefühle anzusprechen und zu schauen, wie er darauf reagiert. Kämpft er oder bleibt er in der Angst? Will er den Konflikt lösen? Macht er Sie verantwortlich? Oder appelliert er an ihr Mitgefühl?

Schauen Sie gut nach sich selbst. Welcher Kompromiss ist noch ein Kompromiss und wo wird er zur Selbstaufgabe? Letzteres wird Sie früher oder später krankmachen. Das wäre nicht gut und kann nicht das sein, was Sie wollen. Wenn Sie merken, dass Sie da an eine Grenze kommen, und das haben Sie geschrieben, dann holen Sie sich ebenfalls professionelle Hilfe. Es ist leichter mit einem menschlichen Gegenüber zu schauen, wie Sie gut für sich sorgen können. Dazu möchte ich Sie ermutigen!

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg.

Ihre Stefanie Rösch

Leserfrage: Ich möchte, dass meine Klientin sich sicher fühlt bei mir. Wie schaffe ich das?

25.02.2018 Veröffentlicht von Leserfragen, Strategien 0 Kommentare

Ich möchte demnächst eine Frau begleiten. Sie braucht jemanden, der mit ihr die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt. Es ängstigt sie, allein zu fahren, ihre Vergangenheit kenne ich allerdings nicht. Ich habe keinerlei Erfahrung mit Menschen, die PTBS haben.
Ich möchte der Frau so angenehm wie möglich sein. Ich möchte ihr helfen und sie unterstützen, sodass sie sich bei mir sicher und wohl fühlt. Ich bin eine Studentin ohne derlei Erfahrung, (1) möchte aber nichts falsch machen. Gibt es irgendwelche speziellen Tipps, die Sie mir geben könnten?
Was mache ich, wenn sie von einem „Trigger“ plötzlich in einen Anfall (2) gedrängt wird, wie muss ich reagieren, damit es ihr schnell besser geht oder wie kann ich sie unterstützen, damit sie sich nicht in dem Anfall verliert, sondern entweder es selbst schafft, da rauszukommen oder dass ich ihr mit dem Gefühl von Sicherheit zur Hilfe komme?
Außerdem möchte ich ihr das Gefühl vermitteln, dass ich sie und die PTBS ernst nehme, ohne direkt so taktlos darüber zu sprechen (3) – ich empfinde es als taktlos von mir, sie direkt darauf anzusprechen. Ich habe gehört, dass man vor allem bei PTBS-Patienten, wie auch bei depressiven Menschen, sehr auf seine Wortwahl achten muss, weil diese Menschen die Worte meist (4) negativ interpretieren. Ich überlege deshalb schon die ganze Zeit, wie ich ihr diese Ernsthaftigkeit vermitteln kann. Haben Sie Tipps für mich? Hätten Sie generell Hinweise für mich, wie ich mich am Besten (5) verhalten soll? Mein Ziel ist nicht, sie zu therapieren, dafür hat sie ihre Therapeutin, sondern für sie ein Fels in der Brandung zu sein, während sie mit mir durch die Gegend fährt. Eine Vertrauensperson (6), eine Sicherheit, jemand, bei dem sie sich wohlfühlt, sich sicher fühlt.

Liebe Leserin,

das sind viele Fragen und es gäbe wirklich viel zu sagen. Ich habe die Fragen durchnummeriert, auf die ich antworten kann.

Zu (1) Sie können nichts falsch machen. Es liegt nicht in Ihrer Hand, wie der andere reagiert. Das ist auch nicht Ihre Verantwortung. Jeder ist nur für sich selbst verantwortlich. Für sein Verhalten, seine Gefühle und seine Gedanken. Selbst wenn Sie in der besten Absicht versuchen, Gutes zu tun, kann es beim anderen genau das Gegenteil bewirken. Wenn Sie anderen helfen wollen, dann geht es immer darum, herauszufinden, was das Beste für den anderen ist. Um das herauszufinden, muss man fragen und offen darüber reden. Es bedeutet auch, dem anderen nicht alles abzunehmen, um es einfacher zu machen. Manchmal heißt es nur Mut machen, damit der andere es selbst tut, auch wenn es ihm schwer fällt.

Zu (2) Trigger sind Reize, die eine Warnreaktion auslösen, einen Fehlalarm. Keinen Anfall. Ein Flashback ist kein Anfall, sondern ein Flashback oder eine Erinnerungsattacke oder eben ein Fehlalarm. Einen Fehlalarm beendet man am schnellsten mit der Hier und Jetzt Übung. Gut ist es, wenn Betroffene lernen, diese Übung selbst zu machen.

Zu (3) Es ist nicht taktlos, über eine psychische Störung zu sprechen. Es sollte normal sein. Wenn die betroffene Frau nicht akzeptiert und sieht, dass sie ein Handicap hat, dann kann sich nichts ändern. Zu akzeptieren, dass es so ist, ist ein wichtiger Schritt Richtung Gesundheit. Also lernen Sie zu fragen, was Sie wissen wollen oder wissen müssen. Die meisten Betroffenen wissen, was Ihnen hilft. Vor allem, wenn Sie schon länger mit ihrem Problem leben. Also kann man sie fragen. Offenheit und Ehrlichkeit sind die besten Berater. Außerdem gibt es in der Textreihe zur PTBS viele Hinweise und Strategien, die man eine nach der anderen Ausprobiert, bis man findet, was hilft.

Zu (4) Dass traumatisierte Menschen dazu neigen, Reize und vor allem auch Worte negativ zu interpretieren, ist eine Beobachtung, die oft zutrifft und einen guten Grund hat. Wer viel Gewalt erlebt, dessen Gehirn verallgemeinert die negativen Erfahrungen: Eine Person verletzt mich, alle Menschen sind gefährlich (Einmal immer Fluch). Vor allem, wenn es nicht bei einer Gewalterfahrung blieb, sondern wiederholt Verletzungen ertragen werden mussten, kommt es zu stabilen, negativen Verallgemeinerungen. Dazu kommen all die negativen Sätze, die jemand mit Gewalterfahrungen von seinem Täter oder seinen Tätern gesagt bekam: Dir glaubt sowieso niemand, wir finden Dich überall, Du bist nichts wert, Dich will sowieso niemand und so weiter.

Zu (5) Am besten ist man ehrlich und offen und transparent. Nicht um den heißen Brei reden, sondern die Dinge beim Namen nennen. Darüber reden, was Auslösereize = Trigger = Warnreize sind und wie man mit ihnen umgehen kann. Und niemals über den Kopf hinweg entscheiden, sondern immer entscheiden lassen, selbst in kleinen Dingen und selbst wenn es wiederholte Entscheidungen sind. Zum Bespiel frage ich meine Klienten jedes Mal neu, ob Sie etwas zu trinken möchten und wenn ja, ob es Wasser oder Tee sein soll. Selbst wenn die Person jedes Mal den gleichen Tee wollte, bekommt sie den von mir auch beim 13 Besuch nicht automatisch, sondern muss sich wieder und wieder bewusst dafür entscheiden. Das ist es, was jemandem mit Gewalterfahrung zeigt, dass er Dinge in seinem Leben mitbestimmen kann.

Zu (6) Vertrauen bedeutet, sich sicher fühlen können, weil man sich dafür entscheidet, dass der andere es wohlwollend meint. Sicherheit entsteht durch Vorhersehbarkeit. Vorhersehbarkeit entsteht durch Ankündigungen, Einhalten von Absprachen und Versprechen sowie durch eigene Entscheidungen. Eine große Aufgabe, wenn Ihr Gegenüber viel Gewalt erlebt hat.

Darüber hinaus braucht es Menschen wie Sie, die sich interessieren und sich nicht davon abschrecken lassen, wenn keine Veränderungen wahrnehmbar sind. Ein Heilungsweg kann lange dauern und ist von vielen Tiefen und kleinen Fortschritten geprägt. Es braucht also Menschen, die durchhalten.

Das wünsche ich Ihnen, dass Sie die Kraft haben, durchzuhalten.

Leserfrage: Was tun bei chronischen Schmerzen?

11.02.2018 Veröffentlicht von Leserfragen, Strategien 0 Kommentare

Ich bin komplex traumatisiert und habe sehr viele Therapien hinter mir. Seit 3 Jahren leide ich an höllischen Nervenschmerschmerzen von den Sitzhöckern bis runter in die Füße. Die Schmerzen treten sofort nach dem Aufwachen auf und verschwinden auch durch Akupunktur, KG etc. nicht. An Medikamenten habe ich Tavor, Opium etc. genommen, was keine Dauerlösung ist.

Liebe Leserin,

Nervenschmerzen sind eine üble Sache. Sie machen ohnmächtig. Sie zermürben. Sie rauben alle Kraft, die wir für anderen Dinge sinnvoller einsetzen könnten.

Schmerzen können unterschiedliche Ursachen haben. Wenn medizinische Gründe ausgeschlossen sind, dann ist die spannende Frage, ob gängige Schmerzmittel (Ibuprofen, Paracetamol oder Acetylsalicylsäure) anschlagen. Wenn ja, wäre das für mich immer erstmal ein Hinweis auf eine aktuelle körperliche Komponente des Schmerzes, also zum Beispiel Spannungs(kopf)schmerzen, Wirbel verschoben.

Aber ich erlebe auch immer wieder Fälle, in denen Schmerzmittel nicht anschlagen. Das ist für mich ein Hinweis auf einen Flashback, einen Fehlalarm, eine Erinnerungsattacke.

Wenn es eine Körpererinnerung (Flashback) ist, dann kann es hilfreich sein, sich in den Schmerz hinein zu spüren und ihn ganz genau wahrzunehmen. Das bringt manchmal die dazugehörigen restlichen Erinnerungsteile zurück.

Eine hilfreiche Frage ist: Was, lieber Körper, was lieber Schmerz willst Du mir sagen? Wenn wir hinspüren, kann so manchmal eine Antwort kommen.

Bei mir selbst ist es manchmal so, dass ich Kopfschmerzen bekomme, wenn Klienten mit einem geistlichen Thema kommen, wenn es darum geht, dass Gott Großes mit ihnen vorhat. Dann bekomme ich als Ausdruck des geistlichen Angriffs Kopfschmerzen. Mein Glaube an die Wirkung von Schmerzmitteln ist allerdings so groß, dass sie helfen, obwohl es erstmal keine körperliche Ursache gibt. Anspannung vielleicht, ja, das mag sein. Manchmal ist der Schmerz allerdings nicht so stark oder taucht schlagartig während einer Sitzung auf, wenn das Thema von Psychologie hin zu Glaube wechselt. Und wenn die Person geht, ist der Schmerz, die Müdigkeit und andere Beschwerden schlagartig wieder weg.

Man könnte jetzt sagen, das kommt von der Entspannung, sozusagen der Erleichterung, weil das „schwierige“ Gespräch vorbei ist und ich froh bin, dass der andere weg ist. Mag sein. Ich erlebe es anders. Es sind oft die besonders berührenden und heilsamen Gespräche, die durch solche Kopfschmerzattacken „behindert / attackiert“ werden.

Wenn es um Entspannung gehen würde, müsste eine Entspannungstechnik helfen. Tut sie aber nicht. Allein mein Glaube – an die Medikamente und an Gott, in Form eines Gebets hilft. Manchmal auch ein gemeinsames Gebet.

Ich weiß nicht, welche Ursache, Ihre Nervenschmerzen haben könnten. Aber ein Entspannungsverfahren sehr gut zu lernen kann hilfreich sein, wenn sie mit Stress (Flashback-Schmerzen = Körpererinnerung) verknüpft sind. Alle Strategien, die gegen Erinnerungsattacken helfen, können Entlastung bringen (Hier und Jetzt, der Sichere Ort) oder aber genau das Gegenteil: Sich in den Schmerz hineinspüren und ihn fragen, was er mir sagen will. Allen Mut zusammen zu nehmen und den Körper nach dem Rest der Erinnerung fragen. Was nur funktionieren kann, wenn die Schmerzen Teil einer Erinnerung sind.

Frei nach Louise Hay könnte folgende Interpretation eine Hilfe sein:

Schmerz, Dauerschmerz verweist auf Schuldgefühle, die im Schmerz ihre Bestrafung finden. Dem kann ich mit einem neuen Gedankenmuster (Giftige Gedanken) entgegenwirken: „Liebevoll lasse ich die Vergangenheit los. Die anderen sind frei und ich bin frei. Alles ist jetzt gut in meinem Herzen.“

Komplexe Traumafolgestörungen gehen oft damit einher, dass Täter einen zwingen, Täterverhalten zu zeigen. Sie wollen, dass sich ihre Opfer genauso schuldig fühlen wie die Täter selbst sich schuldig machen. Sie reden ihren Opfern Schuld ein. Aber ein Opfer hat keine Wahl und damit auch keine Schuld. Schuldgefühle, wenn sie die Ursache der Schmerzen sein könnten, sind ein wichtiger und komplexer Schutzmechanismus gegen Ohnmacht (Schuldgefühle). Sollte das ein Thema sein, so geht es darum zu sehen, dass Sie keine Wahl hatten und deswegen ohne Schuld sind. Sie hatten in der Gewaltsituation keine Wahl, auch wenn das von heute aus betrachtet anders aussehen mag.

Ich bin tief und fest davon überzeugt, dass niemand sich schuldig machen würde, wenn er eine echte, freie Wahl sehen würde. Aber oft haben wir sie nicht oder sehen sie nicht. Als Opfer von Gewalt reden wir uns ein, wir hätten eine Wahl, wo es nie eine gab, um die Ohnmacht nicht mit aller Macht spüren zu müssen und so die Illusion von Einfluss auf die Situation und damit das eigene Wohlbefinden aufrecht erhalten zu können.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie die Ursache der Schmerzen entdecken und ans Licht bringen und sich so davon befreien können.

Herzliche Grüße und viel Kraft für diesen Weg

Stefanie Rösch

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StefanieRösch

23.01.2018 Veröffentlicht von 0 Kommentare

Stefanie Rösch.

Dipl.-Psych. (Jhg. 1970)

Was begeistert Dich?

Wenn ich sehe, dass jemand einen wichtigen Schritt Richtung Freiheit macht. Zum Beispiel sagte eine Klientin nach vielen Stunden Therapie und mit langjähriger Gewalterfahrung irgendwann in einem Gespräch plötzlich: „Ich bin doch ein freier Mensch. Das geht so doch nicht!“ oder jemand anderes sagte: „Ich bin nicht mehr ohnmächtig. Ich kann mich jetzt wehren. Weil ich verstanden habe, dass das Gesetz mich schützt und meine Rechte genauso wichtig sind wie die von anderen.“ Das sind Aussagen oder Momente, die mich begeistern. Da empfinde ich eine tiefe Freude darüber, dass jemand sich befreit hat von seiner Vergangenheit. Ich freue mich über den Sieg des einzelnen Menschen und seines freien Willens über die Überlebensmechanismen unseres Hirns, bzw. unseres Körpers.

Du bist als Notfallpsychologin und Traumatherapeutin in eigener Praxis tätig? Warum hast du dich auf die Behandlung von Traumata spezialisiert?

Anfangs, weil ich dachte, da dauern die Therapien nicht so lang. Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Anfangs dachte ich auch, dass es ein Bereich ist, in dem ich das Gefühl habe, tatsächlich helfen zu können.

Heute ist mir klar, dass ich es tue, weil es meine Berufung ist. Es hat mich zu diesem Thema gezogen, weil ich die Ohnmacht kenne, um die es da geht. Ich kenne diesen Mechanismus, dass Gedanken und Bilder auftauchen und man den Eindruck hat, diesen Empfindungen ausgeliefert zu sein. Ich kenne auch die Verzweiflung, die Ohnmacht auslösen kann. Ich glaube, deswegen kann ich viele Situationen gut nachvollziehen und spüre sozusagen, wo „der Knoten“ ist. Ich habe festgestellt, dass ich eine große Liebe für die Menschen habe und Zeit mit ihnen zu verbringen ist meine Art zu lieben. Das Gespür für die Ohnmacht und meine Nächstenliebe, gepaart mit psychologischem Wissen und therapeutischer Erfahrung machen mich zu der Traumatherapeutin, die ich bin. Zu anderen Problemen fehlt mir oft der Zugang. Dann unterstütze ich Menschen dabei, jemanden zu finden, der da besser Bescheid weiß als ich.

Gibt es etwas, das du von deiner Arbeit mit traumatisierten Menschen gelernt hast? Hat sich deine Sicht auf die Welt verändert? Falls ja, inwiefern?

Wahrscheinlich könnte man ein Buch über meine persönliche Reise und Entwicklung mit meinen Klienten schreiben. Hier nur ein paar Beispiele: Ich habe gelernt, dass Aufgeben keine Option ist. Wenn ich sehe, wie meine Klienten jeden Tag wieder aufstehen und ringen und kämpfen, dann inspiriert mich das, das gleiche zu tun. Ich habe gelernt, dass es immer Hoffnung gibt und wir uns dem Bösen in der Welt stellen dürfen. Ich habe auch akzeptiert, dass es das Böse gibt. Was nicht bedeutet, dass der Mensch böse ist, nur sein Verhalten kann es sein, wenn es das Leid eines anderen zum Ziel hat. Ich habe gelernt, dass die Liebe am Leben erhält, wenn jemand keinen Willen mehr zu leben hat. Ich habe gelernt, dass wir für andere durchhalten können. Und ich darf immer wieder erleben wie groß Gott in alledem ist. Mein Glaube hat sich mit meinen Klienten und durch meine Klienten vertieft.

Neben der Praxistätigkeit bietest du Fortbildungen zu den Themen Trauma, traumasensibles Arbeiten und Stress an. Außerdem unterstützt Du gemeinsam mit einem Kollegen im Rahmen von Deeskalationsseminaren Mitarbeitende von Städte und Gemeinden einen kompetenten Umgang mit schwierigen Kunden zu erlernen. Warum machst Du die Jobs, die Du heute machst?

Weil es mir Spaß macht und weil ich es kann. Weil ich tolle Leute kennenlernen darf. Weil ich Stress und die Stressreaktion spannend finde. Weil ich die Kreativität von Menschen beeindruckend finde und nie genug davon bekommen kann, wie jeder seinen Weg findet und wie unterschiedlich und einzigartig wir sind. Und auch weil ich damit meinen Lebensunterhalt verdiene.

Was macht Dir an deiner Arbeit am meisten Spaß?

Dass ich so viel lachen darf und auch noch dafür bezahlt werde.

Du sagst „Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung“. Was bedeutet Freiheit für Dich? Was bedeutet Verantwortung?

Freiheit bedeutet für mich, dass ich meinen freien Willen dazu benutze, mich von den schmerzlichen Altlasten und Gewohnheiten meines bisherigen Lebens zu befreien und inneren Frieden zu suchen. Verantwortung bedeutet für mich, vollumfänglich für mich und mein Leben verantwortlich zu sein, für meine Gedanken, meine Gefühle und mein Handeln. Ich allein verursache sie und ich allein kann sie beeinflussen und damit auch verändern. Wenn ich frei werden will, ist es in meinen Augen notwendig, für mich Verantwortung zu übernehmen; nicht nur für die guten Dinge, sondern oder gerade auch für die Automatismen/Gewohnheiten und unbewussten Abläufe in meinem Hirn und Körper und alles, was ich nicht an mir mag. Ich muss erstmal akzeptieren, wie ich bin. Und dann mache ich mich daran, das zu ändern, was ich ändern will. Im Idealfall mit Unterstützung und in kleinen, machbaren Schritten. Für den Rest meines Lebens.

Was wird Dein nächstes Projekt?

Mein aktuelles Projekt ist, mich noch mehr auf die Dinge zu konzentrieren, die mir wirklich wichtig sind und angefangene Projekte erstmal abzuschließen, wie zum Beispiel diese Homepage zu erneuern. Ein nächstes Projekt wird dann vielleicht endlich ein Buch zu meiner Seminarreihe Traumasensibles Arbeiten sein oder ein Einblick in meine therapeutische Arbeit. Mal sehen. Es gibt noch so viele Dinge zu tun.

Was würdest Du sagen, wenn die ganze Welt zuhören würde?

Wahrscheinlich würde ich versuchen alles zu wiederholen, was die Leute, die ich bewundere, gesagt haben: Vorbei ist vorbei. Fühle, was es zu fühlen gibt für 5 Minuten, oder auch 10, und dann schaue nach vorne und entscheide Dich dafür, Dich auf das zu konzentrieren, was Du beeinflussen kannst. Denke an die Menschen, denen Du begegnest, allen Menschen, und versuche freundlich und fürsorglich zu sein, ohne Dich selbst zu überfordern oder aufzuopfern. Lasse den anderen wie er ist und unterstütze ihn dabei so zu werden wie er werden möchte. Sei ganz du selbst und sei Dir bewusst wie wundervoll und einzigartig Du bist. Sei wer Du sein willst, ohne andere in ihrem Wohlbefinden zu beschränken. Liebe deinen Nächsten – wie Dich selbst – und deswegen sei besonders liebevoll zu Dir selbst.

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14.02.2017 Veröffentlicht von 0 Kommentare

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Achtung Gott: Leserfrage: Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern? (1)

13.08.2016 Veröffentlicht von Achtung Gott!, Leserfragen 2 Kommentare

Ich bin Opfer von Missbrauch und Vernachlässigung und arbeite mit einer sehr guten Traumatherapeutin. Leider ist sie keine Christin. Ich aber schon. Mein Problem ist, ich bete das Vaterunser. Bei dem Wort „Vater“ denke ich „himmlischer Vater“. Das hat geholfen. Die Trennung zwischen den zwei unterschiedlichen Vätern.

Aber dann kommt „vergib unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern..“ Ja, da ist das Problem. Ich spreche das aus, kann aber nicht vergeben – zumindest nicht umfassend. Wie soll ich etwas (umfassend) vergeben, was ich nicht weiß? Letztens wurde mir eine CD mit einer Predigt gegeben. Sie enthielt die Geschichte von dem Knecht dem von seinem Herrn ein riesiger Schaden vergeben worden ist und der kurz danach seinem Mitknecht eine kleine Sünde nicht vergab (Matthäus 18, 23 -25). Es tut weh, denn ich nehme meinen Glauben ernst. Ich würde mich freuen, Ihre Sicht zu lesen. Vielen Dank

Liebe Leserin,

Danke für Ihr Vertrauen und Ihre Frage. Vergebung ist tatsächlich ein Thema, das uns Christen immer wieder sehr beschäftigt und bei dem ich als Therapeutin immer wieder erlebe, dass man von Betroffenen erwartet, den zweiten Schritt vor dem ersten zu gehen.
Aus meiner Erfahrung heraus, ist Vergebung der letzte Schritt in einem oft langen Heilungsprozess. Nicht der erste. Folgende Überlegungen dazu:

1.    Die Unschuldsvermutung
Ich kann nur eine Schuld vergeben, wenn ich sicher weiß, ob etwas geschehen ist, das Schuld für den Verursacher bedeutet. Wenn ich es nicht sicher weiß, dann gehe ich persönlich erstmal von der Unschuldsvermutung aus: Was ich nicht erinnere, ist erstmal nicht geschehen. Wenn es in meiner Erinnerung oder in meinen Symptomen keinen Hinweis auf einen Schuldigen oder schuldhaftes Verhalten gibt, dann gehe ich davon aus, dass nichts geschehen ist. Ich muss nicht annehmen, dass mehr geschehen ist als ich erinnere. Das ist meine Entscheidung und diese Entscheidung fälle ich zu meinen und als Christin auch zu Gunsten des Täters. Die geschieht indem ich davon ausgehe: Wenn ich nichts erinnere, dann ist auch nichts geschehen, was mein Leben negativ beeinflusst. Im Grunde halte ich mich damit auch an unser Deutsches Recht.
Wenn ich mich dann irgendwann erinnere, dann setze ich mich damit auseinander. Wenn ich Beschwerden habe, dann habe ich Erinnerungen, egal auf welcher Ebene: Bilder, Geräusche oder Gesagtes, Gerüche, einen Geschmack oder auch eine Körpererinnerung. Dann muss ich mich damit auseinandersetzen.

2.    Anerkennen
Wenn ich erfahre, weil ich mich erinnere, dass ich zum Opfer gemacht wurde, dann ist der erste notwendige Schritt in der Heilung in meinen Augen die Anerkennung der Erfahrung: Es ist wirklich passiert. Das ist oft nicht einfach, weil der Mensch nicht möchte, dass schlimme Dinge passieren. Wir wollen nicht ohnmächtig sein und möchten am liebsten leugnen, was uns zugestoßen ist. Aber es ist wichtig sich selbst einzugestehen: Ja, das ist mir passiert.

3.    Verantwortung übernehmen
Der nächste Schritt ist für mich zu beobachten, welche Auswirkungen das Erlebte auf mich hat und welche Gefühle damit verbunden sind. Es gibt immer Ohnmacht, Wut und Angst. Manchmal gibt es auch verwirrendere Gefühle wie Erleichterung, Scham, Erregung. Es ist wichtig, alle Gefühle zu spüren und anzuerkennen, zu würdigen und auszudrücken. Dazu gehört für mich auch, die Verantwortung für diese Reaktionen und die Beschwerden zu übernehmen. Ich kann nicht schlafen, ich bin gereizt, ich falle immer wieder zurück in alte Verhaltensweisen, ich trinke, ich nehme Medikamente, ich habe die Erinnerungen, ich habe die Schmerzen, ich empfinde all das, also sind all diese Beschwerden allein meine Verantwortung. Das macht keine Aussage über die Schuld. Nur darüber, wer die Macht hat, Veränderung zu bewirken.

4.    Heilung: Beschwerden besiegen
Niemand außer uns selbst kann die psychischen und körperlichen Folgen jeglicher Verletzung heilen– mit Gottes Hilfe. Gott hat uns die Macht zur Heilung mitgegeben: Der Körper heilt sich selbst. Behandler können nur die Bedingungen verbessern, manchmal bis zu dem Punkt, dass Heilung überhaupt erst möglich wird. So hat Gott uns auch die Fähigkeit zu einem gesunden und vernunftbegabten Geist gegeben (2. Timotheus 1,7), der es uns erlaubt, Macht über uns selbst zu haben. Wir sind zur (inneren) Freiheit berufen (Galather 5, 13 ff). Die Methoden der körperlichen Heilung hat unser Körper bereits mitbekommen. Für die psychologische Seite gibt es Psychotherapeuten, die einem heilsame Strategien beibringen.

5.    Vergebung: Erkennen, dass der Täter keine Macht hatte
Wenn es mir dann besser geht und ich die Folgen und Symptome bereits am Besiegen bin, dann kann ich mich nochmal der Ursache, dem Täter zuwenden. Dann aber hat er nicht mehr die Macht, weil ich mir die Macht über meine Gesundheit bereits erobert habe. Dann gibt es zwar noch eine Schuld, da der Täter die Ursache für mein Leid gesetzt hat, aber ich habe entschieden, was ich daraus mache. Jeden Tag wieder neu.
Was immer er bewirkt hat, darüber hatte er nie Macht, sondern immer nur ich. So gibt es nichts mehr, was der Täter tun kann, um seine Schuld zu begleichen. Denn die Symptome hätte er sowieso nie wegnehmen können. Das war immer mein Job und meine Freiheit als Betroffene oder Betroffnener.
Das ist der Zeitpunkt im Heilungsprozess, an dem ich vielleicht und hoffentlich erkennen kann, dass auch der Täter nur aus seiner Vergangenheit heraus gehandelt hat, sich vom Bösen hat zur Angst verführen lassen und aus der Angst heraus anderen Angst und Leid zugefügt hat. Wenn ich das erkenne, dann kann ich, das ist meine (Rösch) ganz, persönliche Erfahrung, anfangen zu vergeben. Dem Täter die Schuld zu erlassen, weil ich sehe, dass alles, was ich jetzt noch tue, ist mich selbst an den Täter zu binden, wenn ich weiter auf die Schuld schaue, die nicht beglichen werden kann. Ich mache mich selbst ohnmächtig. Ich unterstelle mich dem Täter und seinem Handeln, anstatt die Freiheit in Anspruch zu nehmen, die Gott mir zugesagt hat.
Ich stelle mir das so vor als wenn der Täter insolvent geworden ist. Da ist nichts mehr (Gerechtigkeit / Wiedergutmachung / Begleichung der Schuld) zu holen, weil der Täter (emotional, spirituell) bankrott ist. Also erlasse ich ihm seine Schuld und gebe die Schuld an Gott ab (bei der irdischen Insolvenz schalte ich die Behörden ein). Dadurch löse ich mich vom Täter. Ich kann weitergehen und jemand anderes kümmert sich um die Schuld. In unserem Fall Gott.

Ich vertraue – inzwischen – tief darauf, dass Gott für Gerechtigkeit sorgt, wo es uns nicht möglich ist. „In meinem Himmel“ ist ein Film, der mit dieser Gerechtigkeit endet, auch wenn das vielleicht nicht das Erzählziel des Filmemachers war. Aber es ist das, wie ich dieses Ende verstehe. Gott sorgt für Gerechtigkeit. Weitere Filme, die mir mit dem Thema Vergebung geholfen haben sind Grace Card (Filmbesprechung) und Philomena (Filmbesprechung).

Ich glaube auch, dass es einfach wichtig ist, genau das zu tun, was Sie getan haben: Andere zu fragen, wie sie mit diesem Thema umgehen um Gott auch auf diese Weise eine Möglichkeit zu geben, zu uns zu sprechen. Mal abgesehen davon, dass ich tief und fest glaube, dass Gott uns vor allem dann weiterhilft, wenn wir nicht mehr weiterwissen. Solange wir es selbst lösen können, traut er uns zu, es auch selbst hinzukriegen. Er glaubt ja an uns. Er weiß, was wir können. Er hat uns geschaffen. Er hat seine ganz eigene Art, uns dann zu überraschen und zu ermutigen, wenn wir schon fast nicht mehr glauben wollen, dass er da ist.

Ich wünsche Ihnen und allen, die auch mit dem Thema Vergebung ringen, heilsame Begegnungen und Gottes Segen.

Ihre Stefanie Rösch

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Achtung Gott: Noch mehr Sinn: Wahrheitssinn

17.04.2016 Veröffentlicht von Achtung Gott! 0 Kommentare

Dann, nachdem er (Jesus) sich mit ihnen zum Essen niedergelassen hatte, nahm er das Brot und sprach das Dankgebet. Er brach das Brot in Stücke und gab es ihnen. Da fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen und sie erkannten ihn. Im selben Augenblick verschwand er vor ihnen. Sie sagten zueinander: »War unser Herz nicht Feuer und Flamme, als er unterwegs mit uns redete und uns die Heiligen Schriften erklärte?« (Lukas 24, 30–32)

Genau so erlebe ich es, wenn ich spüre, dass Gott zu mir spricht oder etwas die Wahrheit ist. Das ist unser Wahrheitssinn für Gottes Wahrheit. So wie wir in unserem Alltag spüren, ob wir angelogen werden oder nicht, so spüren wir, wenn Gott uns eine Wahrheit mitteilt.

Auch im Glaubensleben ist Wahrheit etwas, dass wir prüfen können und sollten. Es geht nicht darum, unkritisch alles zu glauben. Jeder ist eingeladen zu hinterfragen, denn als Ebenbilder Gottes können wir wissen, wenn wir es mit der Wahrheit zu tun haben. Die Wahrheit, Gottes Wahrheit kann uns helfen uns zu entwickeln. Das geht nur über die Auseinandersetzung und das geht nur über Fragen und Diskussion.

Wir können Lügen entlarven, wenn wir uns trauen, eine Behauptung zu Ende zu denken. An dieser Stelle fallen mir all die Täterlügen ein. „Du bist selbst schuld“, „Dir glaubt sowieso keiner“ und wie sie alle heißen. Aber wenn man sich traut, diese Aussagen zu überprüfen, indem man sich klar macht, dass man nur Schuld für etwas haben kann, dass man auch kontrollieren kann (Warum dann Schuldgefühle?), wozu Tätergewalt sicher nicht gehört – dann ist klar, dass „Du bist selbst schuld“ eine glatte Lüge ist. Das gleiche gilt für „Dir glaubt sowieso keiner“. Wenn man diese Behauptung überprüft, indem man mehreren Menschen erzählt, was man erlebt hat, dann wird man feststellen, dass es in dieser absoluten Formulierung eine Lüge ist.

Allerdings gibt es eine ganze Reihe psychologischer Gründe, eine unbequeme Wahrheit zu überhören, sie nicht hören zu wollen oder sich der Erkenntnis zu entziehen. Zum Beispiel, weil wir nicht glauben wollen, dass Gewalt in unserer Nachbarschaft oder in unserer Stadt stattfindet, weil wir – würden wir die Wahrheit glauben, aufgefordert wären, uns entsprechend zu verhalten und Unrecht aufzudecken, was uns Angst machen kann, also ist es besser, so zu tun, als würde es die Gewalt nicht geben. Ein nachvollziehbarer, menschlicher Grund, die Wahrheit nicht sehen zu wollen.

Genauso können wir uns einer Wahrheit von Gott verweigern, aus Angst. Gerade heute bekam ich von einem jungen Mann einen spannenden Gedanken dazu: Wieso müssen manche Menschen so sehr darum kämpfen, um anderen zu beweisen, dass es Gott nicht gibt? Es könnte ihnen doch einfach egal sein. Aber das ist es nicht. Sie kämpfen und versuchen sich selbst und andere davon zu überzeugen, dass … ja was? Dass es Gott nicht gibt? Aber kann ich denn gegen etwas ankämpfen, das nicht existiert?

Wir können Wahrheit erkennen, vor allem im persönlichen Gespräch mit Gott. Wir können auch entscheiden, nicht hinzuhören. Wir haben eine Wahl. Es ist nicht so, dass Gott uns die Wahrheit ins Gesicht schreit, auch wenn er das könnte, sondern manchmal ist es nur ein Flüstern, ein Ahnen. Doch dann wieder ist es so deutlich wie es für die Jünger nach der Auferstehung war: Deutlich sichtbar, ein Brennen im Herzen, Flammen der Wahrheit in den Eingeweiden, die man nicht ignorieren kann.

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“
(2. Mose 20, 16)

Nicht nur, dass wir Wahrheit erkennen können, wir sind auch aufgerufen, ehrlich zu sein und die Wahrheit zu sagen. Das ist im Alltag nicht immer so leicht. Und gerade in Situationen, in denen wir keine Macht haben, kann der einzige Weg, sich nicht ununterbrochen ohnmächtig zu fühlen sein, sich mit einer Lüge ein bisschen Vorhersehbarkeit zu erkaufen. Wieder ist die Rede von einem Umfeld voller Gewalt und nicht von dem Leben der meisten Menschen. Ich bin sicher, dass Gott dafür großes Verständnis hat. Er sieht jeden Einzelnen in seiner Not und weiß genau, warum wir uns so verhalten.

Die wir in Sicherheit leben, sind zur Wahrheit aufgerufen und trotzdem ist klar, dass uns das nicht immer gelingt, wir uns nicht immer trauen oder einfach keine Lust auf die Konsequenzen haben, die es haben kann, wenn wir unserem Chef sagen, dass wir seinen Führungsstil unangemessen finden oder das Outfit einer Freundin bedenklich.

Gut, dass wir einen barmherzigen Gott haben, der lächelnd zuschaut, uns mit einem schlechten Gewissen ermahnt, um uns dazu aufzumuntern, es jeden Tag wieder aufs Neue zu versuchen. Wie wir das hinkriegen können?

Ich erinnere mich dann daran:

„Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.“ (Epheser 6, 13–17)

Und daran:

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
(Johannes 8, 30–36)

Das macht mir immer wieder Mut, meinen Wahrheitssinn zu schärfen und für die Wahrheit einzutreten. Was ist Ihre Methode?

Das Heilungsspiel: wie man Symptome als Spiel sehen kann

20.03.2016 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Jane McGonigal ist Spieleentwicklerin für Computerspiele. Sie hatte einen schweren Unfall, der ihr schlimme Kopfschmerzen für über ein Jahr bescherte. Um sich nicht umzubringen, überlegte sie, wie sie mit den Schmerzen und anderen Beschwerden umgehen könnte und entwickelte daraus die Idee des Heilungsspiels, wie ich es nenne. Sie nennt es Super-Better, also Super-Besser 🙂

Ein wesentlicher Punkt ist, dass es ihr damit gelang, die Kopfschmerzen, die sie nicht ändern konnte, mit Humor in eine Herausforderung zu verwandeln, mit der sie umgehen konnte: Ein Spiel.

Die meisten Menschen spielen gerne. Wie alle spielen als Kindern. Spiel ist Lernen, Ablenkung, Unterhaltung und meist mit positiven Gefühlen wie Spaß verbunden. Das machte sie sich zu nutzen. Hier die Spielregeln:

In Rollenspielen haben die Spieler einen Avatar, eine geheime Identität, mit einem aussagekräftigen Namen, z.B. Stefanie, die Panik-Killerin. Spieler entwickeln sich weiter, entwickeln besondere Fähigkeiten, haben schon von vorneherein etwas, das größer ist als der Alltag, Superheldenqualitäten. Yeah!!

In den meisten Rollenspielen gibt es Mitspieler. Eine Gruppe erobert das Schloss gemeinsam, besiegt gemeinsam übermächtige Gegner und rettet so gemeinsam die Welt im Spiel. Im Heilungsspiel sucht man sich ebenfalls Mitspieler unter seinen Freunden. Es ist leichter, jemanden zu fragen, ob er mitspielt als ständig um Hilfe bitten zu müssen. Spielst Du mit mir?

Natürlich gibt es auch Gegner: Die Beschwerden, den Schmerz, die Angst, suizidale Gedanken, die bösen Jungs halt, welche die Welt bedrohen und in den Abgrund stürzen wollen. In der Welt des Heilungsspiels sind diese Bösen Jungs alles, was dazu führt, dass die Beschwerden sich verschlechtern. Aufgabe der Mitspieler ist es, die Spielleiterin (die mit den Beschwerden) dabei zu unterstützen, diese Faktoren zu erkennen und zu entlarven. Zum Beispiel:

Stefanie die Panik-Killerin bekommt es mit der Angst zu tun, wenn sie daran denkt, jemandem die Meinung sagen zu müssen, oder vor einer Gruppe sprechen zu müssen. Oder die Angst beginnt, wenn Sie sich vorstellt, wie wohl die nächste Angstattacke sich anfühlen wird. Oder, oder, oder. Die Mitspieler helfen, diese Augenblicke zu entdecken und zu benennen.

An der Stelle kommen die Power-ups ins Spiel. In jedem Rollenspiel gibt es Zaubertränke oder Krafttränke, die man nehmen kann, um sich vom Kampf mit den Gegnern zu erholen. Auch hier sind die Mitstreiter gefragt: Was hilft die Beschwerden zu verbessern, selbst wenn es nur für Sekunden ist? Zum Beispiel: Stefanie, die Panik-Killerin fühlt sich für einen Moment besser, wenn sie mit einer Freundin quatschen kann. Oder die Angst macht sich nicht so breit, wenn sie die Technik „Sicherer Ort“ anwendet bei den ersten Anzeichen von Angst. Oder wenn sie zu ihrer Angst sagt: „Hallo, da bist Du ja wieder.“

Die Spielleiterin und ihre Mitstreiter können so zusammen herausfinden, was genau die Gegner sind und was gegen den jeweiligen Gegner helfen kann. Außerdem können sie die Spielleiterin daran erinnern, Power-Ups zu benutzen, wenn die Spielleiterin so damit beschäftigt ist, mit den Gegnern zu kämpfen, dass sie schon ganz erschöpft ist. Dann braucht es Mitstreiter, die den Gegner für einen Weile beschäftigen, damit man einen Krafttrank einwerfen kann.

Versuchen Sie es. Spielen Sie sich gesund. Fragen beantworte ich gerne und hier noch das Originalvideo. Leider mal wieder in Englisch. Aber ich fand die Idee so gut, deswegen hier die Erläuterung des Spiels.

Natürlich enthält das Video noch weitere interessante Informationen für alle, die Englisch gut genug verstehen. Aber das schien mir erstmal das wichtigste zu sein.

Achtung Gott: Unser Gottessinn?

18.01.2016 Veröffentlicht von Achtung Gott! 0 Kommentare

Ich habe mich im letzten Jahr intensiv mit dem Thema Sinne auseinandergesetzt und kam zu dem Schluss, dass wir noch andere Sinne haben als unsere Sinnesorgane. Dass wir noch andere Dinge wahrnehmen können wie Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit etc (Übersicht).

Am 8. Januar 2016 las ich auf der Suche nach einem Einstieg in einen Achtung Gott-Artikel zu diesem Thema in den Losungen folgenden Vers:

Römer 12, 2 (Luther): „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Es war mir sofort klar, dass hier ein weiterer Hinweis steht, der für mich zu all den anderen passt, die ich im vergangenen Jahr fand. Ich schaute mir noch die eine oder andere Übersetzung an, unter anderem auch diese:

Römer 12,2 (Basisbibel): „Und passt euch nicht dieser Zeit an. Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was der Wille Gottes ist: Ob etwas gut ist, ob es Gott gefällt und ob es vollkommen ist.“

Als ich das las, dachte ich sofort, das ist wieder so verkopft. Geht es wirklich darum, anders zu denken? Also schaute ich mir noch die lateinische Übersetzung und den griechischen Text an:

Römer 12, 2 (Latein): “Et nolite conformari huic sæculo, sed reformamini in novitate sensus vestri : ut probetis quæ sit voluntas Dei bona, et beneplacens, et perfecta.”

Römer 12, 2 (Griechisch): „και μη συσχηματιζεσθε τω αιωνι τουτω αλλα μεταμορφουσθε τη ανακαινωσει του νοοσ εισ το δοκιμαζειν υμασ τι το θελημα του θεου το αγαθον και ευαρεστον και τελειον.“

Pons sagt zu „sensus“: Empfindung, Gefühl, (Sinnes-)Eindruck, (Sinnes-)Wahrnehmung, Empfindungsvermögen, -kraft, Sinn, Sinnesorgan, Besinnung, Bewusstsein, Verstand, Denkvermögen, (gesunder) Menschenverstand, Vernunft, Verständnis, Urteil(sfähigkeit), Sachverstand, Geschmack, Meinung, Ansicht, Gedanke, geistiger Gehalt, Bedeutung, Sinn, Inhalt, Gedanke, Idee, Gefühl, seelische Empfindung, innere Regung, innere Anteilnahme, Gesinnung, Denkungsart, Sinnesart, Stimmung

Und bei Walter Bauer, (S. 1102) findet sich zu „νουσ“: Verstand, Fähigkeit zu denken, bezeichnet das sinnliche und geistige Wahrnehmungsvermögen, sittliches Urteilsvermögen, Erkenntnisvermögen, Vernunft, Sinn, Gesinnung im Sinne von sittlicher Haltung, Gedanke, Ratschluss, Meinung.

In meinem guten alten Langenscheidts Taschenwörterbuch Altgriechisch (1990) fand ich zu „νουσ“ und „νοοσ“: Sinn, Besinnung, Denkkraft, Verstand, Vernunft, Geist, Einsicht, Klugheit, Gemüt, Herz, Gesinnung, Denkweise, Gedanke, Meinung, Wunsch, Absicht, Wille, Aufmerksamkeit.

Ich habe mich gefragt, ob ich Gott wirklich durchs Denken wahrnehme. Ob ich seinen Willen für mein Leben vorrangig durch Gedanken wahrnehme. Oder ob ich die Momente, in denen er zu mir sprich nicht vielmehr im Körper spüre und mein Verstand mir eher einen Streich spielt, weil ich dort viel leichter seine Worte verwechsle mit Satans Worten oder meinen eigenen Gedanken und Meinungen zu etwas, die vorwiegend durch meine Lebenserfahrung „programmiert“ sind und einfach automatisch auftauchen.

Wenn ich mir die Worte „sensus“ und „νοοσ“ und ihre Bedeutungen anschaue, dann finde ich dort lauter Worte, die mit einer ganz persönlichen und individuellen Art die Welt wahrzunehmen, Reize zu verarbeiten und seine Schlüsse daraus zu ziehen zu tun haben. Das ist es, was ich dort sehe. Die individuelle Begegnung mit Gott. Jeder mit dem Sinn, der für ihn und für Gott gerade passend ist.

Für mich ist klar, dass ich meine Gotteserfahrung vorwiegend über Körperwahrnehmungen mache. Über das Erschauern und Gänsehaut bekommen, wenn ich spüre, Gott ist gegenwärtig und schenkt mir einen heiligen Moment. Oder er schenkt mir, Zeugin eines seiner vielen Wunder zu sein. Begegnungen mit Gott lösen in mir ein tiefes Sehnen aus, einen Schmerz, den ich körperlich spüre, im Herzen. Insofern spricht mich die alte Lutherübersetzung deutlich mehr an als die für mich zu „verkopfte“ neue Übersetzung der ansonsten wunderbaren Basisbibel.

Natürlich kenne ich es auch, dass Gott über Gedanken oder eine innere Stimme zu mir spricht, in Worten. Er hat es in Gefahrenmomenten getan, um mich zu warnen: Gefahr. Du musst hier weg. Hörte ich und natürlich hatte er Recht. Das war sehr eindrücklich. Warnungen vor Lügen habe ich schon als Körpergefühl bekommen, als innerliches Zusammenziehen oder Anspannen, als Druck im Magen mit dem Gedanken dazu: Achtung, was jetzt kommt stimmt nicht.

Als Erinnerung, dass ich auf meinem eigenen Weg bleiben soll auch wenn andere mir „in Gottes Namen“ Botschaften überbringen, machte ich dann Bekanntschaft mit dem Prophet, der sich von einem anderen Propheten vom Weg abbringen lies, wahrscheinlich, weil es angenehmer war oder leichter, als den eigenen auferlegten Weg weiterzugehen. Es kostete ihn das Leben. Nachzulesen bei 1. Könige 13. Als ich die Geschichte las spürte ich im Bauch, dass Gott mir hier etwas Wichtiges sagt. Das ist bei weitem nicht immer so, wenn ich Bibel lese. Aber immer dann, wenn Gott gegenwärtig ist, lässt er es mich meist körperlich spüren.

Ich glaube, dass jeder von uns in der Lage ist, Gottes konkrete für ihn oder sie bestimmte ganz persönliche Gegenwart wahrzunehmen, die Momente, in denen Gott mit uns persönlich kommuniziert. Wie wir ihn wahrnehmen oder woran wir merken, dass wir es mit Gott in unserem Leben zu tun haben, ist in meiner Erfahrung häufiger ein Gefühl, eine Körperwahrnehmung als Worte, so wie wir andere Freundschaften und Beziehungen und deren Auswirkungen auf uns ja auch über Gefühle, sprich Körperreaktionen wahrnehmen. Aber sicher gilt das nicht für jeden und jede. Und natürlich kann Gott auch mit Worten zu uns sprechen und wir wissen, wenn wir uns trauen, dass er es ist und niemand anderes.

Wir haben also auch einen Gottessinn, könnte man sagen. Und Römer 12, 2 fordert uns dazu auf, diesen Gottessinn zu entwickeln, indem wir unser Spüren, Wahrnehmen, Fühlen, Denken einer Metamorphose (so das Wort im Griechischen Text), einer Verwandlung unterziehen, um dann Gottes Willen für unser Leben spüren zu können. Jeder auf seine Weise.

Spannend ist nun die Antwort auf die Frage: Woran oder wie spüren Sie Gottes ganz persönliche Gegenwart in Ihrem Leben und wie spricht er zu Ihnen, bzw. woher wissen Sie, dass Sie mit Gott gesprochen haben?

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