„Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung“ – Stefanie Rösch, 2013

Posts zum Tag "Ohnmacht"

Leserfrage: Immer, wenn ich wütend bin, bekomme ich Kopfschmerzen, was kann ich tun?

07.05.2020 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Liebe Frau Rösch,

schon seit einiger Zeit trage ich die Frage mit mir herum, ob Sie vielleicht etwas zum Umgang mit Wut schreiben könnten.
Ich kämpfe sehr mit angestauten Gefühlen, die durch ein Trauma ausgelöst wurden. Wenn ich mich heute ohnmächtig fühle, puscht das mit einem Mal die Gefühle hoch. Wenn ich eine Situation nicht ändern kann, fühle ich mich ohnmächtig und ausgeliefert. Es spielt keine Rolle in welcher Hinsicht ich mich ohnmächtig fühle. Ich gerate so sehr in innere Not, dass ich das Gefühl habe, dass Wut, Hass und Aggression sich überschlagen.
Diese Gefühle kommen selten zum Ausdruck. Die Migräne ist mein einziges Ventil, diesen Druck wieder abzubauen. Darunter leide ich so sehr, dass ich gerne einen anderen Weg finden würde.
Einerseits versuche ich mich für etwas einzusetzen, wenn ich erkenne, dass mir etwas zusteht oder ich im Recht bin. Das ist nicht leicht, weil ich das bisher nie getan habe. Dadurch, dass ich mich mit dem Thema beschäftige und es nicht sofort wegdrücke, verstärkt sich der Druck noch.
Andererseits habe ich versucht, der Wut einen Ausdruck zu geben. Da es mir nicht möglich ist, zu schreien oder irgendwie laut und ausdrucksstark zu werden, habe ich es zumindest einmal im Geiste versucht. Aber selbst das hat eine heftige Migräne zur Folge. Es gibt also keine Veränderung, wenn ich versuche mit der Wut irgendeinen Umgang zu finden. Im Gegenteil habe ich das Gefühl, dass mein Kopf zu zerspringen droht.
Es hilft dann nur, mich völlig von dem Thema zu distanzieren und meditativ für Ruhe zu sorgen. Aber ich fühle mich wie eine tickende Zeitbombe, die jederzeit wieder angestoßen werden kann und dann geht die Spirale von vorne los.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir dafür einen Rat geben könnten.

Photo by Tobi from Pexels

Wut ist unsere erste Reaktion auf eine Bedrohung

Wenn wir eine Bedrohung wahrnehmen, löst unser Limbisches System Alarm aus und stellt über die Stressreaktion Handlungsbereitschaft her. Wut ist die gesunde Reaktion auf Bedrohung. Es ist unsere erste Reaktion auf Bedrohung.

Haben wir noch Handlungsstrategien, spüren wir Wut, nähern uns der Gefahr und „kämpfen“. Diese Handlungsmöglichkeiten bezeichne ich als Kampfstrategien. Man würde diese Strategien wohl auch als Beeinflussungsstrategien bezeichnen oder als „sich wehren“.

Aber als Kind ist alles anders

Wenn man nun als Kind in eine Situation kommt, in der man sich bedroht fühlt, und der Angreifer ein Erwachsener ist, hat man keine Chance. Vielleicht schreit man oder strampelt, aber ein Kind ist immer schwächer als ein Erwachsener.

Der Erwachsene wird mit seinem Verhalten dafür sorgen, dass das Kind sich nicht wehren kann. Wenn das nicht geht und die Bedrohung fortdauert, wird das Kind Angst bekommen und flüchten wollen. Aber auch das geht nicht. Und so ist es der Gewalt des Erwachsenen ausgeliefert. Bekommt Todesangst, fühlt sich ohnmächtig und dann schaltet das Gehirn um in die Notabschaltung. Das Kind kommt in einen von drei Zuständen. Entweder es reagiert panisch, schreit und weint bis zur Bewusstlosigkeit, oder kommt in die Schreckstarre und kann sich nicht mehr rühren. Im dritten Zustand werden alle Gefühle abgeschaltet. Als Erwachsener kann einem dann noch etwas einfallen, was einem hilft. Als Kind geht das nicht, weil es keine funktionierende Strategie gibt.

Wiederholung kann zu Kopfschmerzen führen

Wenn die Gewalt sich wiederholt, kommt der Körper immer wieder in einen Ausnahmezustand, der mit großer Muskelspannung einhergeht. Außerdem ist es eine häufige Strategie, Gefühle durch Anspannung zu unterdrücken. Kopfschmerzen können eine Folge sein. Wenn der Körper aufgrund wiederkehrender Gewalterfahrungen in einem Zustand von Alarmbereitschaft bleibt und Wut immer wieder unterdrückt wird kann es zu dauerhafter Anspannung kommen und damit ist es vorstellbar, dass vermehrt Kopfschmerzen oder auch Migräne auftreten.

Wenn die Migräne dazu führt, dass das Kind hin und wieder keine Gewalt erfährt, dann kann es sein, dass das Hirn lernt, dass Kopfschmerzen ein Schutz sind. Es würde reichen, wenn das Gehirn diesen Zusammenhang herstellt, auch wenn er nicht durch das Verhalten des Angreifers begründet ist.

Wie Wut und Kopfschmerz zusammenkommen

Wenn Wut Gefahr anzeigt, Kopfschmerzen aber Schutz, dann kann es sein, dass das Hirn diese Verbindung zusammenbringt und auf Wut mit Kopfschmerzen reagiert. Das Risiko für Kopfschmerzen und Migräne steigt, wenn Wut immer wieder unterdrückt wird und damit die Spannung im Körper hoch ist.

Folgende Dinge gilt es zu lernen, wenn man dieses Entstehungsmodell voraussetzt: Wut ist eine gesunde, gute und wünschenswerte Reaktion auf Bedrohung. Es gibt keinen Grund Wut zu unterdrücken. Wut in Verbindung mit geeigneten Verhaltensweisen stellt einen guten Schutz vor Gewalt dar. Kopfschmerzen sind kein Schutz vor Gewalt.

Wenn die Wiederholungen oft genug stattgefunden haben, dann ist der Kreislauf und jede Reaktion sehr gut gelernt und läuft entsprechend automatisch ab. Das macht es schwer, diese Verbindung wieder zu trennen.

Sie können es lernen

Liebe Leserin,

Nachdem Sie geschildert haben, dass Sie schon Kopfschmerzen bekommen, wenn Sie sich nur vorstellen sich zu wehren, würde ich Ihnen empfehlen mal mit folgenden Gedanken anzufangen: „Ich bin erwachsen. Ich bin wertvoll. Ich darf mich wehren. Ich brauche keine Kopfschmerzen mehr zu meinem Schutz. Ich kann andere Strategien lernen.“

Schreiben Sie sich das ab und hängen es irgendwo auf. Lesen Sie es immer wieder und denken darüber nach. Suchen Sie Argumente dafür, warum das die Wahrheit für Sie ist. Das ist ein Anfang. Ganz sanft sich die Erlaubnis geben, diese positiven und gesunden Gedanken zu denken und davon zutiefst überzeugt zu sein. Was das mit einer Traumatherapie zu tun hat, können Sie hier weiterlesen.

Außerdem mache ich Ihnen Mut, weiter alle Strategien zu üben, die für Sie funktionieren, also zum Beispiel Meditation und alles, was Ihnen hilft wieder zur Ruhe zu kommen.

Wenn Sie in Gefahr sind, bringen Sie sich in Sicherheit

Ich gehe davon aus, dass es in Ihrem Leben in der Gegenwart keine lebensbedrohlichen Situationen mehr gibt. Wenn doch, dann lassen Sie sich bitte von einem Rechtanwalt oder in einer Beratungsstelle beraten und schalten ggf die Polizei ein, um sich zuerst in Sicherheit zu bringen.

Was es so schwierig macht ist, dass Ihr Gehirn gegenwärtige Situationen mit der Vergangenheit verwechselt (hier wird Verwechslung ausführlich erklärt). Wenn es in der Gegenwart keine Gewalt mehr gibt, dann gibt es keine Lebensbedrohung mehr, sondern nur noch Situationen, für die es hilfreiche Strategien und Denkweisen gibt, die Sie lernen können.

Das geht nur, indem man sich eine Situation nach der anderen anschaut. Insofern, fangen Sie mit den gesunden Gedanken an.

Viel Erfolg damit und viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

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Wenn Ihnen mein Blog oder die Videos weiterhelfen, freue ich mich über eine freiwillige Gabe. Wie das funktioniert, lesen Sie hier nach. Danke!

Leserfrage: Der Staat verweigert die Hilfe. Haben Sie einen Tipp?

11.03.2018 Veröffentlicht von Leserfragen, Strategien 2 Kommentare

Meiner Freundin und ihrem Sohn wurden trotz ihrer Hilferufe an Ärzte, Behörden, Polizei, Sozialpsychiatrischen Dienst, etc. nicht geholfen, so dass die psychische Erkrankung ihres Sohnes eskalierte. Meine Freundin wurde mit mehreren Stichen schwer verletzt und überlebte nur knapp.
Seitdem wird sie nur „hin u. her geschoben“ von Tagesklinik zu Tagesklinik, von Behördenforderungen erdrückt und inzwischen mit dem xten Medikament ruhiggestellt.
Sie ist ein vollkommen anderer Mensch geworden: depressiv, gestresst, bekommt nichts mehr auf die Reihe, erträgt die Menschen nicht mehr, hat kein Vertrauen mehr, geht nicht mehr raus (auch mit ihrem Hund nicht), ist stress-, licht- u. lärmempfindlich und macht sich Riesensorgen um ihren Sohn, mit dem sie sich immer gut verstanden hat. Sie war immer sehr stolz auf ihren Sohn, weil er seine Schule, Ausbildung mit sehr gut abschloss, Sport trieb, immer zuverlässig war.
Wir haben schon mehrmals versucht einen Traumatherapeuten zu bekommen, aber hier ist das wohl ein Riesenproblem.
Meine Freundin muss nun zur REHA. Die stationäre Traumatherapie hat man ihr trotz Widerspruch abgelehnt. Nun soll sie vom Versorgungsamt aus eine Medizinische Badekur machen. Ich kann es nicht fassen. Wir haben das Gefühl, das Thema wird gemieden. Es interessiert die nur, dass meine Freundin „wieder arbeitsfähig“ werden soll.
Aber meine Freundin ist ein Wrack mit nicht nur äußerlichen schlimmen Verletzungen und Narben, sondern mit vor allem inneren Verletzungen u. Narben. Sie hat  nun wieder das Gefühl, das nicht geholfen wird. Inzwischen geht sie finanziell den Bach runter. Sie hat wegen dem Ereignis ihren Job verloren und ist seit fast 3 Jahren krankgeschrieben. Das  Versorgungsamt bezweifelt ihren Krankheitszustand und zahlt nur 30% Beschädigtenrente. Das sind 138€. HARTZ 4 fordert, dass sie in eine kleinere Wohnung umzieht. Das Sozialamt fordert ihre alleinerziehende Tochter auf, für ihre Mutter zu zahlen. Die Verfahren laufen noch, aber es geht nicht vorwärts.
Was soll man da noch von dem „Sozialstaat“ halten? Das alles hilft meiner Freundin nicht gesund zu werden oder das Erlebte zu verarbeiten!!  Haben Sie einen TIPP für uns?

Lieber Leser,

in so einer Situation und aus dieser Entfernung einen Tipp zu geben ist sicher nicht möglich.

Aber ich höre Ihren Ärger, um nicht zu sagen die Wut über diese Hilflosigkeit. Es entsteht so sehr der Eindruck, dem Staat ausgeliefert zu sein und keine oder nicht die richtige Hilfe zu bekommen. Mit dieser Wut ist es nicht gut möglich, eine gute Unterstützung zu sein. Weil diese Wut aus der Hilflosigkeit entspringt und die Ohnmacht für Sie beide nur verstärkt.

Aus meiner Erfahrung braucht es jemanden, der daran glaubt, dass es wieder gut werden kann. Jemand der, so wie Sie es hier machen, indem Sie mir schreiben, nach Lösungen suchen. Es braucht jemanden der durchhält, wenn der andere nicht mehr kann.

Den besten „Tipp“, den ich habe, ist nicht aufzugeben und weiter nach einem Therapieplatz zu suchen.

Ich höre das immer wieder, dass Behörden noch nicht ausreichend über die Folgen von Gewalterfahrungen informiert sind. Dass Behörden nicht helfen. Dass Ärzte nicht ausreichend erkennen, was Trauma mit einem betroffenen Menschen macht und welche Unterstützung es braucht.

Ich begleite Menschen, denen es ähnlich geht. Meine Erfahrung ist, dass es schon hilft, sich nicht darauf zu konzentrieren, was nicht möglich ist, wie zum Beispiel die Dauer von gerichtlichen Verfahren zu beschleunigen. Sondern sich ganz darauf zu konzentrieren, wo es weitere oder andere Hilfe gibt und was im Alltag vielleicht schon funktioniert. Sich darauf zu konzentrieren, was möglich ist. Je mehr wir darüber nachdenken, was alles nicht ist und wo uns übel mitgespielt wurde, desto mehr denken wir über Dinge nach, die uns ohnmächtig machen. Wir können es nicht ändern, weil es vorbei ist. Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Indem wir über Dinge nachdenken, die wir nicht ändern können, machen wir uns selbst ohnmächtig.

Wenn wir oft genug Ohnmacht erleben, geben wir irgendwann auf und glauben, wir wären allem in unserem Leben hilflos ausgeliefert. Aber das stimmt so nicht. Die meisten Dinge in unserem Leben können wir selbst entscheiden. Es geht darum, sich das wieder bewusst zu machen.

Ich kenne da eine sehr beeindruckende junge Dame. Der ist es gelungen, mit einer ganz einfachen Übung und einem eisernen Willen innerhalb von vier Wochen den Schritt aus der Ohnmacht zu machen. Sie lebte in der Vorstellung, dass sowieso nur die anderen über sie bestimmen, was zu einem großen Teil wahr war, weil sie noch minderjährig war. Sie stellte sich jeden Tag die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, wo sie doch sowieso keinen Einfluss auf ihr Leben hat. Es war jeder Tag eine Frage zwischen Suizid und weitermachen, weiter vor sich hinleben ohne echte Freude. Was sie am Leben gehalten hat, war ihr Glaube an Gott.

Und dann hat sie angefangen eine einfache Übung zu machen. Jeden Morgen ist sie aufgestanden und hat 20 Dinge aufgeschrieben, die sie entscheiden kann. Etwa so:

  1. Ich kann entscheiden, ob ich aufstehe oder nicht.
  2. Ich kann entscheiden, ob ich etwas esse und trinke oder nicht.
  3. Ich kann entscheiden, ob ich dusche oder nicht.
  4. Ich kann entscheiden, mit wem ich Kontakt haben will oder nicht.
  5. Ich kann entscheiden, ….

Jeden Tag 20 dieser Sätze. Nach 4 Wochen jeden Tag einen Satz mehr. Am Ende, nach drei Monaten waren es viele Sätze. Aber schon nach vier Wochen hatte Ihre Einstellung zum Leben sich geändert. Es hat mich sehr berührt als sie sagt: „Am Anfang dachte ich, Sie sind bescheuert. Aber jetzt, nach 4 Wochen kann ich sagen, dass Suizid kein Thema mehr ist. Ich weiß jetzt, dass ich leben will und mein Leben mitbestimmen kann.“

Es ist nicht alles gut. Und es ist noch ein langer Weg mit all den Folgen der Gewalt. Aber jetzt ist sie auf dem Weg und kann es selbst spüren und sieht jetzt auch, wo es hilfreiche Unterstützung gibt.

Vielleicht geht es nicht darum, dass niemand hilft oder man nicht die Hilfe bekommt, die man denkt, dass man sie braucht. Vielleicht geht es darum, den Rechtanwalt seinen Job machen zu lassen. Nur zu reagieren, wenn es nötig ist und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man selbst entscheiden kann.

Zum Beispiel können Sie sich über diesen Blog selbst informieren, woher die Symptome und die Ängste nach einer belastenden Lebenserfahrung kommen und was Sie dagegen tun können (PTSD).

Das gleiche gilt für Ihre Freundin. Lernen Sie gemeinsam über den Blog, so gut das möglich ist, woher die Beschwerden der belastenden Erfahrung kommen und was Sie schon dagegen tun können (Sicherer Ort, Hier und Jetzt), bis Sie einen geeigneten Therapieplatz gefunden haben. Einen geeigneten Therapieplatz können Sie über den PID  suchen.

Dazu können Sie sich beide wieder bewusst machen, was Sie alles entscheiden können. Sie können sich wieder darauf konzentrieren, wo Sie Einfluss auf ihr Leben haben. Die oben beschriebene Übung kann Ihnen dabei helfen.

Ich hoffe sehr, dass es Ihnen gelingt, sich von der Ohnmacht durch das Verhalten anderer und die Betrachtung der Vergangenheit abzuwenden und sich den Dingen im Leben zuzuwenden, die Sie beide selbst gestalten können.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg.

Stefanie Rösch

Achtung Gott: Leserfrage: Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern? (2)

27.08.2016 Veröffentlicht von Achtung Gott!, Leserfragen 2 Kommentare

Die Frage nach der Vergebung im Heilungsprozess hat mich nun einige Wochen beschäftigt. Neben dem letzten Artikel entstand ein zweiter, den ich Ihnen heute zum Nachlesen und Nachdenken anbiete.

Liebe Leserin,

Erwartet Gott von uns, dass wir vergeben?

Ja, das ist so. In Matthäus 6, 9–15 steht das Vater unser:

Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

Und der nächste Vers lautet:

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Ja, das ist wirklich eindeutig für mich. Er will, dass wir vergeben. Und es ist ihm so wichtig, dass er es gleich nachdem er uns sein Gebet gegeben hat, nochmal darauf hinweist, dass Vergebung ein ganz zentraler Punkt ist.

ABER: Ich glaube, er will die Vergebung für die, die unter der Schuld leiden, die Opfer. Ich weiß nicht, ob es wirklich möglich ist, dass der Täter sich vergeben und frei von Schuld fühlt, wenn wir sagen: Ich vergebe Dir! Das würde in meinen Augen voraussetzen, dass er selbst seine Schuld sieht und Verantwortung dafür übernimmt und entsprechend darunter leidet, weil ihn sein Gewissen plagt. Dann aber, würde er doch von sich aus kommen wollen, um seine Reue zu zeigen. Dann würden Sie wissen, dass die Reue echt ist und dann würde auch etwas geschehen in Ihnen beiden, wenn er um Vergebung bittet und Sie sie gewähren können. Das wäre heilsam.

Doch das passiert leider nicht immer. Daher denke ich auch, dass der Täter seine Schuld mit Gott klären muss. So wie wir nur in Eigeneverantwortung gesund werden.

Bei der ganzen Sache mit der Gewalt und der Vergebung und Schuld und allem, was damit zusammenhängt, geht es oft nur darum, Macht zu haben. Sich nicht ohnmächtig fühlen zu müssen. Ich frage mich: Fühlt sich ein Täter nicht selbst ohnmächtig, um Gewalt gleich welcher Art zu machen? Sieht er nicht, dass das sein Problem der Machtlosigkeit nicht löst, sondern nur kurzfristig befriedet, so wie ein Schluck Wasser den Durst für ein paar Minuten?

Ist Vergebung nicht die befreiende Möglichkeit, die Ohnmacht auf Seiten des Opfers an den Täter zurückzugeben? Wenn ich vergebe, dann entscheide ich. Ich allein. Ich bin nicht auf den Täter angewiesen, um meinen inneren Frieden und Gesundheit wiederzufinden.

Wenn ich darauf warte, bis er bereut, was er mir angetan hat, dann bleibe ich abhängig und vor allem ohnmächtig. Und der Täter bleibt in der Macht. Aber wenn ich mich löse und abwende, dann kann ich wahrlich frei werden. Und Freiheit ist es, was Gott für uns will. Glauben Sie nicht auch? Galater 5 erinnert uns immer wieder daran, dass wir zur Freiheit berufen sind.

Außerdem will er aus dem Leid etwas Gutes wachsen lassen. Das verhindern wir, wenn wir uns nicht auf den Weg der Heilung machen und ihn nicht bis zu Ende gehen.

Was kann aus dem Leid denn Gutes erwachsen?

Das fühlt sich oft und lange vielleicht nicht so an, aber es geschieht ganz automatisch, fast wundersam, wenn man seinen Heilungsweg einfach Schritt für Schritt geht. Gott ist groß. Er wird Ihnen zeigen, wozu er Ihre Verletzungen nutzen will und wie er etwas Gutes daraus entstehen lässt. Sowohl für Sie wie auch durch Sie für andere.

Alleine dass Sie den Mut hatten, mir zu schreiben und mich nach meinen Gedanken zu fragen, ermöglicht es jemand anderem, der diesen Mut nicht hatte, trotzdem meine Antwort zu lesen und auf diese Weise vielleicht Heilung zu erfahren. Alleine weil Sie schon so viel Therapie gemacht haben, dass Sie sich trauen konnten, diese wichtige Frage zu stellen. Das ist es, wie Gott in unserem Leben spricht.

Vielleicht wäre es leichter, wenn Sie wüssten, was Gott durch Ihr Leid und Ihr Ringen um Gesundheit bereits in anderen Menschen bewirkt hat. Das erfahren wir oft nicht, aber wir dürfen sicher sein, dass er das tut. Genauso hat er Ihnen eine Super-Therapeutin an die Seite gestellt. Auch wenn sie keine Christin ist, lernen Sie dort, was es braucht, um mit den Fehlalarmen Ihres Hirns umzugehen und innere Freiheit von der Vergangenheit zu erlangen. Da hat Gott für Sie gesorgt. Bestimmt tut er das auch an anderen Stellen, von denen ich nichts weiß, oder?

Was wäre, wenn Ihr Leid und Ihr Gesundungsweg dazu beitragen oder überhaupt erst ermöglichen, dass andere gerettet werden oder zu Gott finden? Was, wenn Sie einen Weg finden, anderen voranzugehen, anderen Mut zu machen, andere zu berühren mit Ihren Lebenserfahrungen und Gottes Hilfe? Was wenn Sie anderen erzählen, wie groß Gott in Ihrem Leben ist und wie er Ihnen auf jedem Schritt beigestanden hat? Weil Sie es sehen können, wie es tatsächlich war, weil Sie spüren können, dass das die Wahrheit ist. Könnte das Handeln des Täters nicht genau in das Gegenteil von dem umschlagen, was Satan damit bewirken wollte? Es würde Liebe entstehen, wo Zerstörung gedacht war. Es würde Leben entstehen, wo seelischer Tod geplant war. Wäre das Verhalten des Täters dann noch wichtig, wenn Sie sehen könnten, wie Gott allem Sinn gibt und alles nutzt, um das Böse in der Welt durch Sie zu besiegen? Dabei ist er auf Sie angewiesen. Sie sind wichtig! Genau so wie Sie sind. Alles, was es dazu braucht, ist weiter jeden Tag aufzustehen, Therapie zu machen und Schritt für Schritt gesund zu werden und damit Ihrer Umwelt zu beweisen, dass der Plan des Täters versagt hat und Sie die Siegerin sind. Weil Gott Ihnen die Fähigkeit gegeben hat, ihre Gedanken zu erneuern und damit zu einem neuen Menschen zu werden.

Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn, und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. (Epheser 4, 23)

Das erreichen Sie allein dadurch, dass Sie weitermachen wie bisher. Großartig, das gefällt mir!! Ich kann schon wieder sehen, wie Gott sich freut und Satan wie Rumpelstilzchen am Zornen ist, weil Sie diese Zeilen lesen. Das tut so gut. Auch mir.

Sehen Sie, schon ist etwas Gutes entstanden, auch bei mir. Danke dafür!

Ich wünsche Ihnen weiterhin Mut und Durchhaltevermögen und bete, dass Gott Ihnen die Heilung zuteilwerden lässt, nach der Sie sich sehnen und die er im Sinn hatte als er Sie schuf. So soll es sein!

Herzliche Grüße, Stefanie Rösch

Psychologie und Film: Batman Begins, 3 – Über Gerechtigkeit und Rache

04.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Jahre später, Bruce ist erwachsen, kommt es zu einer Anhörung, durch die der Mörder seiner Eltern vorzeitig aus der Haft entlassen werden soll, weil er bereit ist, gegen die Unterwelt auszusagen. Bruce will sich an dem Täter rächen. Jedoch kommt ihm ein gedungener Mörder zuvor. Rachel, seine Freundin aus Kindertagen, arbeitet inzwischen für die Staatsanwaltschaft. Sie begleitet ihn zu der Anhörung. Als Bruce ihr auf dem Heimweg gesteht, dass er den Mörder umbringen wollte, ist Rachel entsetzt, weil er Rache will. Bruce ist der Auffassung: „Manchmal sind Gerechtigkeit und Rache das Gleiche.“ Doch Rachel erklärt ihm: „Bei Gerechtigkeit geht es um Harmonie. Bei Rache geht es darum, dass man sich selbst gut fühlt. Die Kriminellen der Stadt zerstören alles, wofür Deine Eltern standen. Dein Vater würde sich dafür schämen, dass Du Dich rächen wolltest.

Bruce hat das passende Gefühl: Wut auf den Täter, der ihm den Verlust seiner Eltern aufgezwungen hat. Der Täter, der mit seinem Mord die Grenze überschritten hat und hinter die Linie zurück verwiesen werden muss – abgewehrt werden darf. Das ist das passende Gefühl für die Situation des Angriffs. Da war Bruce aber noch zu klein und musste ohnmächtig zuschauen.

Jetzt, erwachsen hat er die körperliche Kraft und Möglichkeit, diesem Gefühl einen Ausdruck zu verleihen und will dies tun, indem er den Täter ermordet. In der Bedrohungssituation wäre es eine legitime Reaktion gewesen, Notwehr. Er hätte den Mörder zu seinem Schutz (Notwehr) oder zum Schutz seiner Eltern (Nothilfe) töten dürfen. Zumindest nach deutschem Recht.

Das Schicksal will es anders und Bruce wird um diese Möglichkeit betrogen, weil der Täter von der Unterwelt ermordet wird – die Angst hat – weil er das Schweigen brechen will! Jetzt gibt es kein Ventil mehr für seine Wut, keine Möglichkeit mehr, sich besser zu fühlen. Die Rache als Möglichkeit, das eigene Schuldgefühl zu befrieden, wurde ihm genommen. Damit verschwand auch die Möglichkeit zur Sühne: Nach dem Mord am Täter selbst ins Gefängnis zu gehen und dort dafür zu bezahlen, dass er als kleiner Junge seine Eltern nicht retten konnte. So seltsam funktioniert unser Denken und so stark ist die Spannung, die Hilflosigkeit und Ohnmacht machen, dass wir unter allen Umständen versuchen, diese Spannung zu reduzieren. Wenn es sein muss mit Rache.

Seine Freundin Rachel bringt es für ihn auf den Punkt: Bei Gerechtigkeit geht es um Harmonie, bei Rache darum, sich gut zu fühlen. Rache, um eigene Schuldgefühl zu befrieden, einen Ausgleich zu schaffen auf der Ebene von Auge um Auge. Das Leben der Eltern mit dem Leben des Täters zu bezahlen. Damit, so denkt Bruce, könnte die Harmonie wieder hergestellt werden. Das könnte so sein, bräuchte es dafür nicht wieder einen Mord, der weitere Opfer produziert und damit weiteres Ungleichgewicht.

Echte Harmonie kann nur hergestellt werden, wenn jeder die Verantwortung für sein Leben und sein Handeln übernimmt. Das ist es, was die meisten Opfer wollen, dass der Täter echte Verantwortung übernimmt, dass er sich der Strafverfolgung stellt, gesteht und für die Konsequenzen seines Handelns, z.B. Kosten für Therapie, einsteht. Dann könnte echte Harmonie hergestellt werden und ich glaube, die meisten Leute würden das als gerecht empfinden.

Da Täter so aber nicht sind, braucht es einen Staat, der für Recht sorgt, auch wenn es dabei selten um Gerechtigkeit geht.

Aber was Bruce wirklich trifft, ist nicht die andere Haltung gegenüber Rache und Gerechtigkeit, die Rachel hat, sondern ihre Aussage, dass Bruce´ Vater sich für ihn schämen würde. Da Bruce sich sowieso schon schuldig fühlt, liegt es nahe, dass er ihr glaubt, sein Vater sehe in ihm einen Versager, der unfähig war, ihn zu retten. Rachel schlägt hier eine tiefe Wunde, die Bruce´ weiteres Leben formen wird.

Welche Sätze haben Sie gehört, die Ihr weiteres Leben beeinflusst haben?

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Psychologie und Film: Batman Begins, 2 – Hab keine Angst

02.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Kurze Zeit später erlebt Bruce in einer Opernaufführung eine Angstattacke und will gehen. Seine Eltern verlassen mit ihm den Saal durch einen Hinterausgang, wo sie überfallen und beide Eltern getötet werden. Sterbend schaut der Vater den Sohn an und sagt: „Bruce, es ist okay. Hab keine Angst.“ Bruce bleibt allein mit Alfred zurück, dem treusorgenden Butler und Nachlassverwalter.

Wenn ich an all die Opfer von Gewalt denke, die ich in meinem Leben schon kennengelernt habe, dann verbindet diese alle die Angst vor den Tätern und besonders die Angst vor den eigenen Erinnerungen. Die Angst vor der Erinnerung an die Fledermäuse ist es, die Bruce vermeiden will. In seiner Wahrnehmung ist es das, was zum Tod seiner Eltern führt. Wie kann er sich nicht schuldig fühlen? Wie viele Menschen fühlen sich schuldig („Her mit der Ohnmacht“), weil es immer noch besser ist als das Gefühl der Ohnmacht. Bruce kann nichts tun als seine Eltern bedroht und erschossen werden. Er ist zu klein. Er ist ohnmächtig.

Bruce bekommt von seinem sterbenden Vater gesagt, dass er in dieser massiven Bedrohungssituation keine Angst haben soll. Der sterbende Vater will seinen Sohn mit diesen Worten trösten. Er weiß ihn versorgt. Aber Bruce? Ich bezweifle, dass er das verstehen konnte. Er bekommt nur gesagt, dass er das Gefühl, das er hat, nicht haben soll.

Es ist grundsätzlich keine gute Strategie jemandem zu sagen, wie er sich fühlen soll. Denken Sie nur an das „jetzt beruhig Dich erstmal“, das wir so daher sagen, wenn jemand sehr aufgeregt ist. Wir haben Gefühle als Reaktion auf unsere Umwelt. Wenn jemand traurig, aufgeregt, wütend, hilflos, verzweifelt, voller Angst ist, dann mit gutem Grund. Niemand möchte gerne gesagt bekommen, wie er sich fühlen soll. Hilfreich an dieser Stelle wäre zu sagen „Es ist okay, wenn Du Angst hast. Das geht auch wieder vorbei.“

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