"Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung" – Stefanie Rösch, 2013

Posts zum Tag "Depression"

Leserfrage: PTBS mit mehreren Traumata

15.05.2019 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo, ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich leide seit fast 10 Jahren unter Dauerangst. Die PTBS wurde erst vor kurzem erkannt. Dazu habe ich eine Fluchtwegphobie mit Sozialkomponente und eine Depression. Die Depression habe ich, weil bei meiner Mutter während der Schwangerschaft Krebs im Endstadium festgestellt wurde. In der Schulzeit wurde ich gemobbt, deswegen habe ich die Phobien. Als mein Vater mich in einem Wutanfall versucht hat zu erwürgen, konnte ich mich dadurch retten, dass ich Kampfsporterfahrung hatte. Aber das Bild meines Vaters bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf. Ich weiß, dass ich eine Therapie machen muss und stehe auch schon auf einer Warteliste. Aber ich verliere langsam den Mut? Wie kann ich den wiederfinden? Jürgen

Lieber Jürgen,

das glaube ich, dass Zehn-Jahre-Angst-haben anstrengend sind. Angst ist deswegen so anstrengend, weil wir ständig auf der Hut sein müssen. Ständig den Drang haben, wegzulaufen. Ständig in Alarmbereitschaft sind. Angst als Gefühl beinhaltet einen Bewegungsimpuls weg von der wahrgenommenen Gefahr. Der Körper stellt eine Handlungsbereitschaft her (Stress), denn Gefahr macht schnelles Handeln notwendig. Das ist grundsätzlich eine gesunde und lebenserhaltende Reaktion.

Wenn es aber keine gegenwärtige Gefahr gibt, sondern die Gefahr durch Sorgen im Kopf entsteht, dann ist die ganze Stressreaktion umsonst. Sorgen sind Gedanken, die mit möglichen Gefahren spielen: Was wäre wenn ein Feuer ausbricht und ich flüchten muss, aber die Fluchttüre verschlossen ist? Was wäre, wenn …. und dann werde ich verletzt. Was wäre, wenn …. und ich komme nicht weg? Was wäre, wenn … und ich sterben muss? Solche Gedanken bewirken, dass der Körper Alarmbereitschaft herstellt (Stress). Das ist über die Zeit hinweg extrem anstrengend und macht uns krank. Und alles völlig unnötig.

Eine erste Maßnahme kann sein, diese Sorgen oder katastrophisierenden Gedanken immer wieder positiv zu Ende zu denken: Was wäre, wenn ein Feuer ausbricht und ich zur Fluchttüre renne und merke, dass die verschlossen ist? Dann drehe ich mich um und sehe, dass 5 Meter daneben ein Feuerlöscher steht und eine Löschdecke hängt. Ich nehme die Löschdecke, knote sie über meine Schultern fest und schnappe mir den Feuerlöscher. Mit dem Feuerlöscher sprühe ich mir den Weg frei, bis ich draußen an der frischen Luft stehe. Ich fühle mich gut, weil ich mir selbst geholfen und selbst für meine Sicherheit gesorgt habe.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Vorstellung realistisch oder umsetzbar ist. Es geht allein darum, dass ich mir vorstelle, wie ich der Gefahr entkomme. Die Vorstellung endet damit, dass ich in Sicherheit bin. Der Körper wird dann den zur Sicherheit passenden Zustand herstellen: Entspannung. Entspannung und Angst können gleichzeitig nicht sein. Das ist der Grund, warum es auch hilfreich sein kann, ein Entspannungsverfahren wie zum Beispiel die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson zu lernen.

Depression ist auch anstrengend. Depression ist unter anderem so anstrengend, weil man glaubt, man sei für Dinge verantwortlich, auf die man keinen Einfluss hat. Zum Beispiel glauben viele Menschen mit Depression, sie wären dafür verantwortlich, dass es anderen gut geht. Aber jeder kann nur selbst dafür sorgen, dass es ihm oder ihr gut geht. Dinge erreichen zu wollen, die wir nicht zuverlässig bewirken können, gibt uns das Gefühl von Ohnmacht. Zuviel Ohnmacht führt zu Depression. Erschöpfung.

Und jetzt zum Mut und zum Durchhalten. Es lohnt sich durchzuhalten, weil all diese Probleme verändert werden können. Sie können Ihre Art zu denken verändern.

Sie werden lernen, auf gesunde Art zu denken, so dass das Leben leichter und immer leichter und freier wird. Gesunde Gedanken sind zum Beispiel: „Ich bin nur für mich selbst verantwortlich.“ „Jeder ist für seine Gefühle und sein Befinden selbst verantwortlich.“ „Ich bin unschuldig am Tod meiner Mutter.“ „Ich darf meine Gefühle ausdrücken.“ „Ich bin frei.“ „Ich bin wertvoll.“ Und noch viele andere gesunde Gedanken. Giftige Gedanken, die uns krankmachen, kann man durch gesunde Gedanken ersetzen.

Sie werden es schaffen. Da bin ich sicher. Solange Sie es versuchen, solange Sie dranbleiben, werden Sie es schaffen. Der Therapieplatz kommt. In der Zwischenzeit fangen Sie einfach mit den Übungen an oder lesen hier die verlinkten Texte weiter nach. Es gibt immer etwas, was man schon jetzt tun kann, um anzufangen. Vor allem, sich weiter zu informieren und etwas zu lernen. Wenn Sie etwas über giftige Gedanken lernen wollen, dann können Sie hier im Blog nachlesen oder aber das Buch von Dr. Caroline Leaf lesen. Den Link dazu finden Sie am Ende dieses Artikels. Oder Sie lesen zum Thema Depression weiter. Auch dazu eine Leseempfehlung am Ende. Sie müssen nicht warten. Sie können heute anfangen, Ihr Leben zu ändern. Schreiben Sie sich ein paar gesunde Gedanken auf und lesen Sie sie jeden Tag durch. Suchen Sie sich inspirierende Filme oder Bücher oder lassen Sie sich von Freunden Mut zu sprechen, aber vor allem anderen FANGEN SIE AN! Heute! Jetzt!

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

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Leserfrage: Wie kann ich meiner Partnerin helfen, nicht mehr zu flüchten?

10.11.2017 Veröffentlicht von Leserfragen 2 Kommentare

Seit der Geburt unserer Tochter tauchte schleichweise die komplexe PTBS bei meiner Partnerin auf. Sie liebt mich und ich sie und gemeinsam lieben wir unsere Tochter. Wir wollen beide eine gemeinsame Zukunft leben.

Jedoch schmiss sie inzwischen sehr oft sie die ganze Beziehung hin und wollte vor allem flüchten. Jetzt wurde ihr einmal mehr bewusst wie sehr sie ein Uns möchte. Aber die Angst vor der Flucht ist bei mir deutlich vorhanden. Gibt es Möglichkeiten dies „einfach“ in den Griff zu bekommen, so dass sie nicht mehr die Flucht ergreifen möchte? Wie kann ich ihr helfen? Wie kann sie sich helfen? Und wir uns? Ich habe ihr bereits angeboten sie zu Traumatherapiesitzungen zu begleiten, was sie sich wünscht. Unser oberstes Ziel ist es, eine glückliche Familie zu werden und dass sie gesund wird.

Lieber Leser,

Einfache Lösungen gibt es natürlich nicht. Auch wenn wir sie uns immer wünschen.

Es gibt nur ein „Es-immer-wieder-Probieren“ und ein „Nicht-Aufgeben“. Wenn die Liebe da ist, dann sind Heilungswege für mich so etwas wie Laufen-Lernen. Bestimmt haben sie das Bild von einem Kind im Kopf, welches das erste Mal an den Händen eines Elternteils steht? Unsicher, wackelig. Es zieht sich selbständig an Stühlen und Sofas hoch, um stehen zu üben. Plumst immer wieder auf den windelgeschützten Popo und versucht es gleich wieder. Unterbrochen wird dieses Üben von frustrierten Wutausbrüchen und Tränen, aber auch von freudigem Lachen, wenn es gelingt und die Eltern sich sichtbar freuen und loben.

Irgendwann macht es die ersten Schritte, oft auf die ausgestreckten Arme der Eltern zu. Zuerst einen oder zwei, später mehr, dazwischen Hinfallen, ein Stück Krabbeln, dann wieder aufstehen und noch ein Versuch. Es dauert lange. Es braucht viele Stürze und jedes Mal ein neues Aufstehen.

Mit verletzten Menschen ist es genauso. Es braucht viele Versuche, dem Leid auf die Spur zu kommen und dann das eigene Denken und verhalten zu ändern. Dazwischen gibt es Unterbrechungen, die wir oft als Fehlschlag oder Flucht erleben oder auch als Scheitern. Aber im Grunde ist es nur eine Unterbrechung, eine Pause vielleicht, vor dem nächsten Aufstehen und dem nächsten Schritt.

Es macht natürlich Sinn, sich auf die Suche nach dem Grund für die „Flucht“ zu machen. Hilfreiche Fragen können sein: Was geht einer Flucht unmittelbar voraus? Ein äußeres Geschehen? Eine Erfahrung? Oder sind es Gedanken? Eine Erinnerung, die Angst macht, ausgelöst durch einen schwer zu erkennenden Reiz?

Wenn Sie den Auslöser für die Flucht erkennen können, dann ist ein wichtiger Schritt getan. Denn wenn ich den Auslöser kenne, kann ich lernen, nicht mehr mit dem gleichen Verhalten (der Flucht) darauf zu reagieren. Ich kann ein neues Verhalten trainieren, z.B. zu sagen, was gerade in mir vorgeht: dass da wieder diese Erinnerung ist und die Angst, dass es wieder so sein wird wie früher.

Ein Partner kann dann helfen, die Unterschiede zwischen damals und heute besser sichtbar zu machen. Hilfreiche Fragen dafür sind: Was sieht heute anders aus? Welche Personen waren damals beteiligt, welche heute? Was wurde damals gesprochen, wie heute? Welche Gerüche gab es damals, welche Geräusche, welche Körperempfindungen und wie ist es heute?

Das kann helfen zu erfahren, dass die Erinnerung alt und das damals hilfreiche Verhalten der Flucht heute nicht mehr notwendig ist. Heute gibt es mehr Möglichkeiten, die Situation in der Beziehung zu beeinflussen und für Sicherheit zu sorgen, für Austausch und damit für gute Lösungen und Freiheit von Angst.

Ich finde es hilfreich und notwendig, dass alle Beteiligten verstehen, was Trauma bedeutet, insofern empfehle ich Ihnen, die Seiten „Inhalte kompakt: Posttraumatische Belastungsstörung“ (LINK) zu lesen. Dort finden Sie auch viele Strategien, die Sie gemeinsam mit Ihrer Partnerin ausprobieren können. Desweiten, wenn es um die Depression geht, sind oft „Giftige Gedanken“ (LINK) eine mögliche Ursache. Auch dort könnten Sie hilfreiche Anregungen finden.

Ich wünsche Ihnen Kraft und Ausdauer für Ihren Weg.

Herzliche Grüße

Stefanie Rösch

Leserfrage: Wie finde ich die goldene, gesunde Mitte?

20.06.2016 Veröffentlicht von Leserfragen 2 Kommentare

Ich versuche gerade mich selbst zu verstehen. Ich hatte vor ein paar Jahren ein Burnout. In den letzten Wochen war ich wieder soweit. Es geht mir heute etwas besser und so beschäftige ich mich mit den Ursachen dieses Zustands. Ich sehe wie sehr ich mich in einem Spannungsfeld bewege. Auf der einen Seite der Anspruch meiner Eltern an mich, der heute mein Anspruch an mich selbst ist, Leistung zu bringen. Da ist viel Härte & Druck mir selbst gegenüber, ich „muss“ viel erreichen, überfordere mich, nehme keine Rücksicht auf meine Grenzen, es „muss“ Leistung kommen.
Auf die andere Seite gibt es diesen Anteil, der sich verweigert – ich will gar nichts tun, habe keine Lust auf irgendwas, will nur in Ruhe gelassen werden, versäume, mich um Wichtiges zu kümmern und tue letztendlich gar nichts mehr.
Beide Pole tun mir nicht gut, aber beide sind sehr stark. Vom Kopf her betrachtet, wäre der Weg der goldenen Mitte der richtige, aber ich kenne nur die Extreme und weiß nicht, wie ich auf den „gesunden Weg“ komme. Ich weiß nur, dass ich innerlich frei werden möchte, von dem was andere mir eingetrichtert haben. Diese Verweigerungshaltung des anderen Pols bringt mich ja auch nicht weiter. Können Sie mir helfen?

Liebe Leserin,

nein, ich kann Ihnen nicht helfen. Aber ich kann Ihnen meine Gedanken zu Ihren Gedanken mitteilen. Vielleicht ist ja etwas dabei, das Sie benutzen können, um sich selbst weiter Richtung Gesundheit zu bewegen. Das machen Sie im Übringen schon sehr gut, indem Sie sehr genau beschreiben, wie es an Ihnen zieht und zerrt. Sie beschreiben so treffend, woher die Gedanken kommen und dass Sie ihnen nicht gut tun. Sie denken auch schon, dass die goldene Mitte der Weg sein könnte.

Das sind alles gute Ideen. Ich führe sie mal ein wenig weiter: Die goldene Mitte? Ich weiß nicht, ob es das gibt. Ich glaube, wir sind im gesunden Zustand eher wie ein Pendel, das schwingt und immer wieder durch verschiedene Phasen und Zustände hindurchschwingt. An den Umkehrpunkten der Pendelbewegung sind die gesunden Extreme: Maximale Leistung und komplette Entspannung und Erholung. Wir bewegen uns wahrscheinlich nicht so gleichförmig wie es ein Pendel tut, aber wir sind ständig in Bewegung und sehnen uns gleichzeitig nach Ruhe, nach Balance, nach der Mitte. Der gesunde Weg ist Bewegung. Dazu gehört zu akzeptieren, dass wir in Bewegung sind und es okay ist, zwischen den Extremen hin und her zu pendeln.

Gesund ist es auch, wenn das Pendel nur so weit schwingt, wie es auf eine gesunde Weise kann. Es schwingt aus sich heraus und wird nicht von jemandem angeschubst. Ich denke immer, diese inneren Stimmen – Sie wissen, es sind die Stimmen Ihrer Eltern – diese Stimmen schubsen uns an und das auf eine Weise, die uns nicht gut tut. Als Kinder glauben wir, wir müssen uns schubsen lassen, weil wir ja geliebt werden wollen. Es erscheint uns ganz natürlich, dass wir uns schubsen lassen müssen (zu was auch immer), um auf diese Weise dafür zu „bezahlen“, dass wir geliebt werden, dass für unsere Sicherheit gesorgt wird und wir versorgt werden. Dieser Zustand ist für uns so natürlich, weil wir ihn so gewohnt sind und nie etwas anderes kennengelernt haben. Wir reagieren so hoch automatisiert, dass wir ihn nie anzweifeln. Wir zweifeln erst dann, wenn wir an einen Punkt kommen so wie Sie gerade: Überfordert, dem Zusammenbruch nah oder schon zusammengebrochen.

Aber im Grunde ist es so, dass die Überforderung notwendigerweise eine Gegenbewegung braucht. Insofern können Sie diesen inneren Anteil, der sich verweigert als den Versuch einer gesunden Gegenbewegung sehen. Ihr Hirn / ihre Seele versucht Ausgleich zu schaffen. Gut, dass Sie das schon bemerken!

Ich könnte mir vorstellen, dass es für Sie hilfreich sein könnte, ausführlich über folgende Sätze nachzudenken: Ich entscheide, was ich tue. Ich sorge gut für mich. Ich muss nicht, aber ich kann.

Immer wenn diese inneren Antreiber „Du musst“ sagen, können Sie es bemerken und versuchen zu entgegnen „Ich muss gar nichts, aber ich kann.“

Das wären gesunde Gedanken gegenüber den Giftigen Gedanken, die „muss“ enthalten.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!
Stefanie Rösch

 

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