„Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung“ – Stefanie Rösch, 2013

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Maskenpflicht löst Panik aus? Was wenn das von einem Trauma kommt?

27.04.2020 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Für die meisten Menschen ist es fremd, eine Maske oder Gesichtsbedeckung im Alltag zu tragen. Natürlich gibt es viele Berufe, in denen die Bedeckung des Gesichts zum Schutz eine alltägliche Maßnahme ist. Dass diese Menschen ihrem Job Tag für Tag nachgehen können zeigt in meinen Augen, dass Menschen sich grundsätzlich daran gewöhnen können, eine Maske zu tragen. Es zeigt mir auch, dass es nicht unbedingt die erste Reaktion ist, deswegen Angst zu bekommen.

Wenn ich in diesen Tagen selbst so ein Ding aufsetze, dann finde ich es unangenehm. Ja, das Atmen ist behindert und warme Luft einzuatmen finde ich nicht schön. Aber es macht mir keine Angst und ich weiß, dass ich genügend Sauerstoff bekomme, um einkaufen zu gehen oder 20 Minuten mit einem Bus zu fahren.

Allerdings kann ich sehr gut nachvollziehen, dass es Lebensumstände gibt, die dazu führen, dass das Aufsetzen einer Maske Angst auslöst.

Hier geht es zum Video für diesen Beitrag.

Lassen wir mal Lungenerkrankungen weg und konzentrieren uns ausschließlich auf psychologische Ursachen. Unter der Annahme, dass diese Angst durch eine Traumareaktion ausgelöst wird, würde mir das folgendes sagen.

Traumareaktionen sind spezifisch.

Das heißt, wenn ich Angst bekomme, weil etwas meinen Mund und Nase bedeckt, dann verwechselt das Gehirn die Situation mit etwas sehr Ähnlichem. Was mir natürlich sofort dazu einfällt ist eine Hand, die den Mund zuhält, damit jemand nicht um Hilfe rufen kann. Oder ein Klebeband, dass zum gleichen Zweck missbraucht wird.

Wenn Sie so etwas oder etwas ähnliches erlebt haben, wodurch ihre Atmung unter Androhung von Gewalt behindert wurde, und jetzt Angst haben, wenn Sie eine Maske aufsetzen sollen, dann besteht eine gute Chance, dass ihr Gehirn die Maske mit der Vergangenheit verwechselt. Ihr Gehirn sagt Ihnen: „Hey, Vorsicht, jetzt passiert gleich wieder was Schlimmes.“

Das nennt man Flashback, Erinnerungsattacke oder Fehlalarm.

Flashback ist der psychologische Fachbegriff. Erinnerungsattacke nenne ich es, weil es sich so anfühlt, wie eine Angstattacke oder eine Panikattacke, aber eben im Zusammenhang mit einer Erinnerung. Und Fehlalarm ist die Funktion, die diese Reaktion hat. Ihr Hirn versucht Sie vor einer bevorstehenden Gefahr zu warnen (Alarm), die es nicht gibt (Fehlalarm). Flashbacks sind ein Symptom, eine Beschwerde der Posttraumatischen Belastungsstörung (der Link bringt Sie zu Teil 1 meiner Artikelreihe zu diesem Thema).

Da es sich in diesem Beispiel ja nur um eine Maske handelt, die Sie auch noch selber aufgesetzt haben, wird nichts Schlimmes passieren. Deswegen werden Sie eine korrigierende Erfahrung machen, wenn Sie ihrem Hirn diesen Unterschied beibringen. Den Unterschied zwischen der Erinnerung und der Gegenwart. Den Unterschied zwischen einer gegenwärtigen Erfahrung und einer Verwechslung mit der Vergangenheit.

Der erste Schritt ist, die Erklärung in diesem Artikel und diesen Zusammenhang zu verstehen.

Die empfundene Angst gehört zu einer Erinnerung und ist jetzt Ausdruck einer Warnung.

Der Warnung, dass gleich etwas Schlimmes passieren wird. Aber das wird nicht geschehen, weil Sie selbst die Situation kontrollieren. Sie setzen die Maske auf und Sie können Sie auch wieder absetzen. Sie haben volle Kontrolle über die Situation.

Das war in der Vergangenheit nicht so. Was auch immer geschehen ist, hat Ihnen Angst gemacht, weil Sie keine Möglichkeit hatten, die Situation zu verlassen oder anders für Sicherheit zu sorgen. Das ist der Unterschied zu heute. Deswegen will ihr Hirn Sie jetzt warnen und löst einen Alarm aus. Aber weil Sie alle Kontrolle über die Gegenwart haben, über das, was Sie tun und nicht tun mit der Maske, deswegen ist es ein Fehlalarm.

Und was Sie tun wollen, um die Angst im Zusammenhang mit der Maske zu besiegen ist Ihrem Hirn zu sagen, dass es einen Fehlalarm macht und dass Sie in Sicherheit sind. Sagen Sie sich das immer wieder: „Ich entscheide, die Maske aufzusetzen und abzusetzen. Ich bin in Sicherheit. Es wird mir nichts geschehen.“

Üben Sie das ein wenig zu Hause, bis es leichter wird. Dann können Sie es draußen üben. Und haben Sie immer im Kopf „Liebes Hirn, das ist ein Fehlalarm. Ich entscheide über die Maske. Niemand tut mir etwas.“ Und wenn Sie es konkreter machen können: „Niemand hält mir den Mund zu, niemand klebt mir den Mund zu, ich bekomme genug Sauerstoff und ich kann frei atmen.“ Je konkreter Sie die Gegenwart von der Vergangenheit unterscheiden können, desto besser wird es funktionieren.

Das Hirn wird lernen, dass die Empfindung, dass etwas Mund und Nase bedeckt, kein Warnreiz ist, der zuverlässig Gefahr vorhersagt.

Der zuverlässigste Warnreiz ist der Täter selbst. Nur er ist gefährlich. Alle anderen Reize sind in den meisten Fällen keine guten Warnreize, sondern sorgen für all die vielen Fehlalarme, die das Leben so unangenehm machen und weswegen Sie versuchen, diesen Reizen aus dem Weg zu gehen. Was wiederum dazu führt, dass Sie sich nicht frei bewegen können. Indem Sie ihrem Hirn den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart beibringen, können Sie ihre Freiheit zurückerobern.

Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen diese Erklärung und die Strategie dazu, die Maskenpflicht leichter macht. Üben Sie. Wenn die Ursache Ihrer Angst etwas mit einer Lebenserfahrung zu tun hat, dann wird es mit dieser Technik besser werden.

Viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

Verhalten ändern – Gewohnheiten bestimmen unsere Gefühle

13.04.2020 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Zusammenfassung eines Interviews mit Joe Dispenza

Ich habe die Inhalte des Video hier zusammengefasst. Die ausführlichere Übersetzung/ Zusammenfassung können Sie als pfd downloaden. Es sind knapp sechs Seiten, das wollte ich Ihnen hier nicht zumuten. Im Folgenden das Video (leider geht das nur mit einer Weiterleitung zu YouTube, also bei Interesse am englischen ORiginal einfach auf das Bild klicken) und darunter die wichtigsten Aussagen.

Eine Gewohnheit ist eine Abfolge von automatisch ablaufenden, unbewussten Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die durch Wiederholungen entstand. Gefühle sind das Ergebnis von Erfahrungen. Das Gehirn ist ein Archiv der Vergangenheit. In dem Moment, in dem wir uns erinnern, fühlen wir uns plötzlich so wie zum Zeitpunkt der Erinnerung.

Wenn wir den Tag damit beginnen, was wir gestern erlebt haben, wird unser Gemütszustand am Morgen durch die Vergangenheit bestimmt.

Jeden Tag absolvieren Sie eine Routine von Verhaltensweisen. Sie stehen immer auf der gleichen Seite des Bettes auf, gehen aufs Klo und holen sich eine Tasse Tee. Wir tun immer die gleichen Dinge und sehen immer die gleichen Menschen. Wir drücken gegenseitig immer wieder die gleichen emotionalen Knöpfe. Das ist wie ein Programm. Wenn das Programm läuft, haben Sie ihren freien Willen verloren und es ist niemand anderes, der ihnen das antut. Sie machen es selbst.

Im Alter von 35 bestehen 95% von dem, wer wir sind, aus einem Muster von gelernten emotionalen und Verhaltensreaktionen, unbewussten Gewohnheiten, stabilen Einstellungen, Überzeugungen und Wahrnehmungen. Das heißt, die Person kann mit den 5% ihres Bewusstseins sagen, was sie will, aber der Körper läuft nach einem völlig anderen Programm.

Da stellt sich die Frage, wie man Veränderung beginnen kann. Für viele Menschen braucht es dafür eine schwere Krise durch Verletzung, Krankheit oder eine andere Tragöde. Plötzlich wird es möglich, alte Gewohnheiten drastisch zu verändern.

Wie kann man seine 5% freien Willen, sein Bewusst sein für Veränderung einsetzen?

Veränderung ist immer erstmal unangenehm, weil es bedeutet, etwas zu tun, was wir noch nie vorher getan haben. Unser Körper mag Veränderungen nicht. Das bedeutet, er wird alles machen, um uns in der (sicheren, funktionierenden, weil vorhersehbaren) alten Gewohnheit zu halten. Unser Körper arbeitet gegen Veränderungen. Er macht Spannung. Er schickt uns all die Überzeugungen, die uns an einer Veränderung hindern: Du schaffst das sowieso nicht. Das ist gefährlich. Das macht Dir Angst. Das wiederum macht negative Gefühle, die dann darin münden, dass wir das alte Verhalten wieder zeigen.

Der Körper kann nicht zwischen den Gefühlen aufgrund einer Erfahrung und den Gefühlen, die wir allein durch unsere Gedanken auslösen unterscheiden. Das bedeutet, negative Gedanken führen zu negativen Gefühlen, die altes verhalten verstärken. Dieses Verhalten wird deswegen verstärkt, weil wir in der Vergangenheit gelernt haben, dass das Verhalten uns ein besseres Gefühl gemacht hat. Zumindest kurzfristig.

Das schwierigste an Veränderung ist, nicht immer wieder die gleichen Entscheidungen zu fällen.

Aber in dem Moment, wo man sich anders entscheidet als bisher, muss man sich darauf einstellen, dass es unangenehm wird. Der beste Weg die Zukunft vorherzusagen ist, sie zu schaffen. Welche Gedanken und Gefühle willst Du haben? Welche Verhaltensweisen möchtest Du irgendwann mal nutzen können? Das heißt, wenn wir die Augen schließen und uns vorstellen, wie wir uns verhalten wollen und das immer wieder im Kopf üben und uns vorstellen, werden wir uns am Ende so verhalten, weil das Gehirn den Unterschied zwischen Vorstellung und Erinnerung nicht kennt.

Auf diese Weise installiert man die neurologischen Verbindungen, die so aussehen als hätte man diese Vorstellung schon erlebt, also als wäre diese Vorstellung eine Erinnerung. Auf diese Weise ist das Gehirn nicht länger ein Archiv für die Vergangenheit, sondern eine Karte für die Zukunft. Dadurch wird man sich irgendwann so verhalten, wie man es sich vorgestellt hat. Es wird die neue Gewohnheit.

Dadurch gestalten wir unsere Zukunft.

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Hier gehts zum Download der mehrseitigen Zusammenfassung.

Krisen bewältigen: Pläne geben Struktur

01.04.2020 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

„Tja, so ist das Leben. Irgendwann ist jeder mal gezwungen auch die schönsten Pläne zu ändern.“

MacGyver, TV-Serie

Als MacGyver 1987 an den Start ging, war ich 17 Jahre alt. Spannend. Ich hätte geschworen, dass ich jünger war. Aber Zeitwahrnehmung war noch nie meine Stärke. Ich bin zeitlos. Sozusagen.

MacGyver hat mir mit seiner Kreativität und seinem Wissen immer sehr imponiert. Ich bin eine Weile lang mit einem Schweizer Taschenmesser herumgelaufen. Bis man sie nicht mehr in Flugzeuge mitnehmen durfte.

Ich habe viel, sehr viel Fernsehen geschaut. MacGyver hat mir beigebracht, dass es für alles eine Lösung gibt und dass Pläne leicht zu stören sind. Es soll noch einer sagen, Fernsehen sei ungesund.

Warum sind Pläne trotzdem wichtig?

Pläne schaffen Vorhersehbarkeit. Wir Menschen lieben Vorhersehbarkeit. Das gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und das ist ein Grundbedürfnis. Krisen sind von Natur aus unvorhersehbar, sowohl in ihrem Auftreten wie auch in ihrem Verlauf.

Wir sind Gewohnheitstiere mit lebenslang trainierten Abläufen, inneren Plänen, auf deren Störung wir empfindlich reagieren. Wenn wir unseren täglichen Abläufen nicht mehr nachgehen können, reißt uns das aus unserer Routine. Plötzlich müssen wir wieder bewusste Entscheidungen treffen. Das ist zum einen anstrengender als etwas im Autopiloten zu tun und zum anderen ist die Frage, wie bedrohlich das ist, um was es geht. Wenn mein Lieblingsjoghurt gerade nicht da ist, dann ist es nicht so aufwendig, sich für einen anderen zu entscheiden oder mal einen Tag darauf zu verzichten.

Wenn ich plötzlich nicht mehr arbeiten gehen kann wie gewohnt und dazu noch meine Kinder zu Hause versorgen muss, dann entstehen ganz Veränderungen, die andere Entscheidungen benötigen, unter Umständen mit weitreichenden Auswirkungen. Das ist anstrengender.

Je schneller es uns wieder gelingt, neue Routinen zu entwickeln, desto entspannter wird das Leben auch wieder. Wie im letzten Artikel zum Thema Krise geschrieben: Wir sind dafür gemacht, Krisen zu bewältigen. Wir sind sehr anpassungsfähig.

Danke für das Foto an @_quietpoet auf Twitter

Was konkret tun?

Es kann für die Bewältigung der unvorhergesehenen Veränderungen hilfreich sein, sich die Zeit zu nehmen und sich einen neuen Tagesablauf zu planen. Sozusagen am Reißbrett. Einfach mal darüber nachdenken, was Abläufe sind, die sich nicht verändert haben, das machen Sie einfach weiter. Das gibt schon Stabilität. Welche Abläufe haben sich verändert? Wie wollen Sie das, was zu tun ist, in der veränderten Situation tun? Machen Sie sich einen Plan.

Und was ist mit Opfern von Gewalt?

Das Gleiche gilt auch für Krisen, wie man sie erlebt, wenn man Opfer von Gewalt geworden ist oder eine andere lebensbedrohliche Situation erlebt hat. Nach dem Abklingen der körperlichen Reaktion, was ein paar Tage dauern kann, kann es helfen zu schauen, was sich geändert hat und was nicht.

Aus meiner Erfahrung zeigt uns jede Krise, dass wir etwas lernen dürfen. Als Opfer von Gewalt geht es häufig darum zu lernen, wie man noch ein bisschen besser für seine Sicherheit sorgen kann. Das ist der Teil, den man beeinflussen kann. Das Verhalten eines Täters eben nicht und der allein entscheidet, ob er Gewalt macht oder nicht.

Auch bei Krisen durch lebensbedrohliche Situationen geht es darum, hinterher festzustellen, dass all die Dinge, die man sonst macht, wenn man sich überfordert und gestresst fühlt, auch weiterhin helfen können. Es mag sich nicht so anfühlen, aber probieren Sie es aus, sollten sie betroffen sein.

Schließlich sind Krisen eine Zeit, in der wir etwas über Krisen und wie wir darauf reagieren lernen. Wir lernen uns selbst besser kennen, zumindest wäre das möglich. Also schauen Sie hin!

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für diese Zeit

Ihre Stefanie Rösch

Leserfrage: Der Staat verweigert die Hilfe. Haben Sie einen Tipp?

11.03.2018 Veröffentlicht von Leserfragen, Strategien 2 Kommentare

Meiner Freundin und ihrem Sohn wurden trotz ihrer Hilferufe an Ärzte, Behörden, Polizei, Sozialpsychiatrischen Dienst, etc. nicht geholfen, so dass die psychische Erkrankung ihres Sohnes eskalierte. Meine Freundin wurde mit mehreren Stichen schwer verletzt und überlebte nur knapp.
Seitdem wird sie nur „hin u. her geschoben“ von Tagesklinik zu Tagesklinik, von Behördenforderungen erdrückt und inzwischen mit dem xten Medikament ruhiggestellt.
Sie ist ein vollkommen anderer Mensch geworden: depressiv, gestresst, bekommt nichts mehr auf die Reihe, erträgt die Menschen nicht mehr, hat kein Vertrauen mehr, geht nicht mehr raus (auch mit ihrem Hund nicht), ist stress-, licht- u. lärmempfindlich und macht sich Riesensorgen um ihren Sohn, mit dem sie sich immer gut verstanden hat. Sie war immer sehr stolz auf ihren Sohn, weil er seine Schule, Ausbildung mit sehr gut abschloss, Sport trieb, immer zuverlässig war.
Wir haben schon mehrmals versucht einen Traumatherapeuten zu bekommen, aber hier ist das wohl ein Riesenproblem.
Meine Freundin muss nun zur REHA. Die stationäre Traumatherapie hat man ihr trotz Widerspruch abgelehnt. Nun soll sie vom Versorgungsamt aus eine Medizinische Badekur machen. Ich kann es nicht fassen. Wir haben das Gefühl, das Thema wird gemieden. Es interessiert die nur, dass meine Freundin „wieder arbeitsfähig“ werden soll.
Aber meine Freundin ist ein Wrack mit nicht nur äußerlichen schlimmen Verletzungen und Narben, sondern mit vor allem inneren Verletzungen u. Narben. Sie hat  nun wieder das Gefühl, das nicht geholfen wird. Inzwischen geht sie finanziell den Bach runter. Sie hat wegen dem Ereignis ihren Job verloren und ist seit fast 3 Jahren krankgeschrieben. Das  Versorgungsamt bezweifelt ihren Krankheitszustand und zahlt nur 30% Beschädigtenrente. Das sind 138€. HARTZ 4 fordert, dass sie in eine kleinere Wohnung umzieht. Das Sozialamt fordert ihre alleinerziehende Tochter auf, für ihre Mutter zu zahlen. Die Verfahren laufen noch, aber es geht nicht vorwärts.
Was soll man da noch von dem „Sozialstaat“ halten? Das alles hilft meiner Freundin nicht gesund zu werden oder das Erlebte zu verarbeiten!!  Haben Sie einen TIPP für uns?

Lieber Leser,

in so einer Situation und aus dieser Entfernung einen Tipp zu geben ist sicher nicht möglich.

Aber ich höre Ihren Ärger, um nicht zu sagen die Wut über diese Hilflosigkeit. Es entsteht so sehr der Eindruck, dem Staat ausgeliefert zu sein und keine oder nicht die richtige Hilfe zu bekommen. Mit dieser Wut ist es nicht gut möglich, eine gute Unterstützung zu sein. Weil diese Wut aus der Hilflosigkeit entspringt und die Ohnmacht für Sie beide nur verstärkt.

Aus meiner Erfahrung braucht es jemanden, der daran glaubt, dass es wieder gut werden kann. Jemand der, so wie Sie es hier machen, indem Sie mir schreiben, nach Lösungen suchen. Es braucht jemanden der durchhält, wenn der andere nicht mehr kann.

Den besten „Tipp“, den ich habe, ist nicht aufzugeben und weiter nach einem Therapieplatz zu suchen.

Ich höre das immer wieder, dass Behörden noch nicht ausreichend über die Folgen von Gewalterfahrungen informiert sind. Dass Behörden nicht helfen. Dass Ärzte nicht ausreichend erkennen, was Trauma mit einem betroffenen Menschen macht und welche Unterstützung es braucht.

Ich begleite Menschen, denen es ähnlich geht. Meine Erfahrung ist, dass es schon hilft, sich nicht darauf zu konzentrieren, was nicht möglich ist, wie zum Beispiel die Dauer von gerichtlichen Verfahren zu beschleunigen. Sondern sich ganz darauf zu konzentrieren, wo es weitere oder andere Hilfe gibt und was im Alltag vielleicht schon funktioniert. Sich darauf zu konzentrieren, was möglich ist. Je mehr wir darüber nachdenken, was alles nicht ist und wo uns übel mitgespielt wurde, desto mehr denken wir über Dinge nach, die uns ohnmächtig machen. Wir können es nicht ändern, weil es vorbei ist. Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Indem wir über Dinge nachdenken, die wir nicht ändern können, machen wir uns selbst ohnmächtig.

Wenn wir oft genug Ohnmacht erleben, geben wir irgendwann auf und glauben, wir wären allem in unserem Leben hilflos ausgeliefert. Aber das stimmt so nicht. Die meisten Dinge in unserem Leben können wir selbst entscheiden. Es geht darum, sich das wieder bewusst zu machen.

Ich kenne da eine sehr beeindruckende junge Dame. Der ist es gelungen, mit einer ganz einfachen Übung und einem eisernen Willen innerhalb von vier Wochen den Schritt aus der Ohnmacht zu machen. Sie lebte in der Vorstellung, dass sowieso nur die anderen über sie bestimmen, was zu einem großen Teil wahr war, weil sie noch minderjährig war. Sie stellte sich jeden Tag die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, wo sie doch sowieso keinen Einfluss auf ihr Leben hat. Es war jeder Tag eine Frage zwischen Suizid und weitermachen, weiter vor sich hinleben ohne echte Freude. Was sie am Leben gehalten hat, war ihr Glaube an Gott.

Und dann hat sie angefangen eine einfache Übung zu machen. Jeden Morgen ist sie aufgestanden und hat 20 Dinge aufgeschrieben, die sie entscheiden kann. Etwa so:

  1. Ich kann entscheiden, ob ich aufstehe oder nicht.
  2. Ich kann entscheiden, ob ich etwas esse und trinke oder nicht.
  3. Ich kann entscheiden, ob ich dusche oder nicht.
  4. Ich kann entscheiden, mit wem ich Kontakt haben will oder nicht.
  5. Ich kann entscheiden, ….

Jeden Tag 20 dieser Sätze. Nach 4 Wochen jeden Tag einen Satz mehr. Am Ende, nach drei Monaten waren es viele Sätze. Aber schon nach vier Wochen hatte Ihre Einstellung zum Leben sich geändert. Es hat mich sehr berührt als sie sagt: „Am Anfang dachte ich, Sie sind bescheuert. Aber jetzt, nach 4 Wochen kann ich sagen, dass Suizid kein Thema mehr ist. Ich weiß jetzt, dass ich leben will und mein Leben mitbestimmen kann.“

Es ist nicht alles gut. Und es ist noch ein langer Weg mit all den Folgen der Gewalt. Aber jetzt ist sie auf dem Weg und kann es selbst spüren und sieht jetzt auch, wo es hilfreiche Unterstützung gibt.

Vielleicht geht es nicht darum, dass niemand hilft oder man nicht die Hilfe bekommt, die man denkt, dass man sie braucht. Vielleicht geht es darum, den Rechtanwalt seinen Job machen zu lassen. Nur zu reagieren, wenn es nötig ist und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man selbst entscheiden kann.

Zum Beispiel können Sie sich über diesen Blog selbst informieren, woher die Symptome und die Ängste nach einer belastenden Lebenserfahrung kommen und was Sie dagegen tun können (PTSD).

Das gleiche gilt für Ihre Freundin. Lernen Sie gemeinsam über den Blog, so gut das möglich ist, woher die Beschwerden der belastenden Erfahrung kommen und was Sie schon dagegen tun können (Sicherer Ort, Hier und Jetzt), bis Sie einen geeigneten Therapieplatz gefunden haben. Einen geeigneten Therapieplatz können Sie über den PID  suchen.

Dazu können Sie sich beide wieder bewusst machen, was Sie alles entscheiden können. Sie können sich wieder darauf konzentrieren, wo Sie Einfluss auf ihr Leben haben. Die oben beschriebene Übung kann Ihnen dabei helfen.

Ich hoffe sehr, dass es Ihnen gelingt, sich von der Ohnmacht durch das Verhalten anderer und die Betrachtung der Vergangenheit abzuwenden und sich den Dingen im Leben zuzuwenden, die Sie beide selbst gestalten können.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg.

Stefanie Rösch

Leserfrage: Ich möchte, dass meine Klientin sich sicher fühlt bei mir. Wie schaffe ich das?

25.02.2018 Veröffentlicht von Leserfragen, Strategien 0 Kommentare

Ich möchte demnächst eine Frau begleiten. Sie braucht jemanden, der mit ihr die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt. Es ängstigt sie, allein zu fahren, ihre Vergangenheit kenne ich allerdings nicht. Ich habe keinerlei Erfahrung mit Menschen, die PTBS haben.
Ich möchte der Frau so angenehm wie möglich sein. Ich möchte ihr helfen und sie unterstützen, sodass sie sich bei mir sicher und wohl fühlt. Ich bin eine Studentin ohne derlei Erfahrung, (1) möchte aber nichts falsch machen. Gibt es irgendwelche speziellen Tipps, die Sie mir geben könnten?
Was mache ich, wenn sie von einem „Trigger“ plötzlich in einen Anfall (2) gedrängt wird, wie muss ich reagieren, damit es ihr schnell besser geht oder wie kann ich sie unterstützen, damit sie sich nicht in dem Anfall verliert, sondern entweder es selbst schafft, da rauszukommen oder dass ich ihr mit dem Gefühl von Sicherheit zur Hilfe komme?
Außerdem möchte ich ihr das Gefühl vermitteln, dass ich sie und die PTBS ernst nehme, ohne direkt so taktlos darüber zu sprechen (3) – ich empfinde es als taktlos von mir, sie direkt darauf anzusprechen. Ich habe gehört, dass man vor allem bei PTBS-Patienten, wie auch bei depressiven Menschen, sehr auf seine Wortwahl achten muss, weil diese Menschen die Worte meist (4) negativ interpretieren. Ich überlege deshalb schon die ganze Zeit, wie ich ihr diese Ernsthaftigkeit vermitteln kann. Haben Sie Tipps für mich? Hätten Sie generell Hinweise für mich, wie ich mich am Besten (5) verhalten soll? Mein Ziel ist nicht, sie zu therapieren, dafür hat sie ihre Therapeutin, sondern für sie ein Fels in der Brandung zu sein, während sie mit mir durch die Gegend fährt. Eine Vertrauensperson (6), eine Sicherheit, jemand, bei dem sie sich wohlfühlt, sich sicher fühlt.

Liebe Leserin,

das sind viele Fragen und es gäbe wirklich viel zu sagen. Ich habe die Fragen durchnummeriert, auf die ich antworten kann.

Zu (1) Sie können nichts falsch machen. Es liegt nicht in Ihrer Hand, wie der andere reagiert. Das ist auch nicht Ihre Verantwortung. Jeder ist nur für sich selbst verantwortlich. Für sein Verhalten, seine Gefühle und seine Gedanken. Selbst wenn Sie in der besten Absicht versuchen, Gutes zu tun, kann es beim anderen genau das Gegenteil bewirken. Wenn Sie anderen helfen wollen, dann geht es immer darum, herauszufinden, was das Beste für den anderen ist. Um das herauszufinden, muss man fragen und offen darüber reden. Es bedeutet auch, dem anderen nicht alles abzunehmen, um es einfacher zu machen. Manchmal heißt es nur Mut machen, damit der andere es selbst tut, auch wenn es ihm schwer fällt.

Zu (2) Trigger sind Reize, die eine Warnreaktion auslösen, einen Fehlalarm. Keinen Anfall. Ein Flashback ist kein Anfall, sondern ein Flashback oder eine Erinnerungsattacke oder eben ein Fehlalarm. Einen Fehlalarm beendet man am schnellsten mit der Hier und Jetzt Übung. Gut ist es, wenn Betroffene lernen, diese Übung selbst zu machen.

Zu (3) Es ist nicht taktlos, über eine psychische Störung zu sprechen. Es sollte normal sein. Wenn die betroffene Frau nicht akzeptiert und sieht, dass sie ein Handicap hat, dann kann sich nichts ändern. Zu akzeptieren, dass es so ist, ist ein wichtiger Schritt Richtung Gesundheit. Also lernen Sie zu fragen, was Sie wissen wollen oder wissen müssen. Die meisten Betroffenen wissen, was Ihnen hilft. Vor allem, wenn Sie schon länger mit ihrem Problem leben. Also kann man sie fragen. Offenheit und Ehrlichkeit sind die besten Berater. Außerdem gibt es in der Textreihe zur PTBS viele Hinweise und Strategien, die man eine nach der anderen Ausprobiert, bis man findet, was hilft.

Zu (4) Dass traumatisierte Menschen dazu neigen, Reize und vor allem auch Worte negativ zu interpretieren, ist eine Beobachtung, die oft zutrifft und einen guten Grund hat. Wer viel Gewalt erlebt, dessen Gehirn verallgemeinert die negativen Erfahrungen: Eine Person verletzt mich, alle Menschen sind gefährlich (Einmal immer Fluch). Vor allem, wenn es nicht bei einer Gewalterfahrung blieb, sondern wiederholt Verletzungen ertragen werden mussten, kommt es zu stabilen, negativen Verallgemeinerungen. Dazu kommen all die negativen Sätze, die jemand mit Gewalterfahrungen von seinem Täter oder seinen Tätern gesagt bekam: Dir glaubt sowieso niemand, wir finden Dich überall, Du bist nichts wert, Dich will sowieso niemand und so weiter.

Zu (5) Am besten ist man ehrlich und offen und transparent. Nicht um den heißen Brei reden, sondern die Dinge beim Namen nennen. Darüber reden, was Auslösereize = Trigger = Warnreize sind und wie man mit ihnen umgehen kann. Und niemals über den Kopf hinweg entscheiden, sondern immer entscheiden lassen, selbst in kleinen Dingen und selbst wenn es wiederholte Entscheidungen sind. Zum Bespiel frage ich meine Klienten jedes Mal neu, ob Sie etwas zu trinken möchten und wenn ja, ob es Wasser oder Tee sein soll. Selbst wenn die Person jedes Mal den gleichen Tee wollte, bekommt sie den von mir auch beim 13 Besuch nicht automatisch, sondern muss sich wieder und wieder bewusst dafür entscheiden. Das ist es, was jemandem mit Gewalterfahrung zeigt, dass er Dinge in seinem Leben mitbestimmen kann.

Zu (6) Vertrauen bedeutet, sich sicher fühlen können, weil man sich dafür entscheidet, dass der andere es wohlwollend meint. Sicherheit entsteht durch Vorhersehbarkeit. Vorhersehbarkeit entsteht durch Ankündigungen, Einhalten von Absprachen und Versprechen sowie durch eigene Entscheidungen. Eine große Aufgabe, wenn Ihr Gegenüber viel Gewalt erlebt hat.

Darüber hinaus braucht es Menschen wie Sie, die sich interessieren und sich nicht davon abschrecken lassen, wenn keine Veränderungen wahrnehmbar sind. Ein Heilungsweg kann lange dauern und ist von vielen Tiefen und kleinen Fortschritten geprägt. Es braucht also Menschen, die durchhalten.

Das wünsche ich Ihnen, dass Sie die Kraft haben, durchzuhalten.

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