"Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung" – Stefanie Rösch, 2013

Hilfen bei sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt, in Zeiten von Corona und an jedem anderen Tag

14.04.2020 Veröffentlicht von Allgemein 0 Kommentare

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Warum haben wir Angst? Drei Formen von Angst und was Sie tun können.

21.05.2020 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Im Video „Warum ist es für Traumabetroffene so schwer wütend zu sein“ habe ich über die wichtige Rolle der Wut in unserem Leben erzählt. Heute soll es um die Angst gehen.

Warum haben wir Angst?
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Warum haben wir überhaupt Angst?

So wie Wut zum Kampfmodus gehört, gehört die Angst zu unserem Fluchtmodus. Während die Wut den Bewegungsimpuls „auf zu“ hat, hat die Angst den Bewegungsimpuls „weg von“.

Angst sorgt mit „weg von“ dafür, dass wir uns von der Gefahr entfernen, dass wir flüchten. Das spielt dann eine Rolle, wenn man keine Kampfstrategien mehr hat. Schließlich ist man immer dann am sichersten, wenn man möglichst weit weg ist von der Gefahr. Trivial aber wahr.

Angst ist unsere Freundin. Sie will uns genau wie die Wut beschützen. Sie sagt uns, wenn wir keine Handlungsmöglichkeiten mehr haben und uns überfordert fühlen. Sie sagt uns, dass wir Abstand zwischen uns und die Gefahr bringen sollen.

Im Zusammenhang mit unserer Überlebensreaktion und den daraus entstandenen Traumareaktionen ist das die Bedeutung von Angst.

Das Wort Angst wird auch gleichbedeutend mit Sorge verwendet.

Wenn mir Menschen erzählen, dass Sie Angst haben oder Panik schieben, dann meinen Sie häufig, dass sie ständig daran denken müssen, dass etwas Schlimmes passieren wird. Gedanken darüber, dass mir etwas Schlimmes passiert, bezeichne ich als Sorge. Sorge ist ein Gedanke, konkreter noch ist Sorge eine Phantasie. Das Problem an dieser Phantasie ist, dass unser Gehirn nicht zwischen Phantasie, also Sorge und Realität oder Erinnerung unterscheiden kann.

Das führt dazu, dass unser Hirn Alarm auslöst, wenn wir über gefährliche oder bedrohliche Situationen nachdenken. Alarm bedeutet Stress. Alarm auslösen bedeutet, über Stresshormone eine Körperreaktion in Gang setzen.

Wir spüren diese Alarmreaktion durch Herzrasen. Wir müssen schneller atmen und unsere Muskeln spannen sich an. Genau in dem Moment ist unser Körper handlungsbereit.

Blöd ist nur, dass wir diese Körperreaktion zusammen mit den Sorgen, also den Phantasien von Gefahr unangenehm finden.

Das bezeichnen wir dann als Angst haben.

In diesem Fall ist Angst eine Kombination aus Sorgen und der Körperreaktion.

Angst kann aber auch die Kombination aus Erinnerungen und Körperreaktion sein: Das nennt man dann Flashback oder Erinnerungsattacke oder Fehlalarm.

In der Menschheitsentwicklung ist Angst entstanden als Kombination aus aktuell wahrgenommener Bedrohung, also Gefahr, z.B. Säbelzahntiger, und der Körperreaktion, die es uns möglich macht, uns zu schützen.

Es macht also Sinn, wenn man Angst hat, einmal genau hinzuschauen, warum man Angst hat oder aus welchen Teilen die Angst besteht.

Gemeinsam ist allen Formen von Angst die Körperreaktion, die den Körper in Handlungsbereitschaft versetzt.

Entscheidend für Gegenmaßnahmen ist der zweite Teil.

Wenn es Erinnerungen sind, dann will man lernen, wie man diese Erinnerungsattacken abbricht.

Wenn es Sorgen sind, also bedrohliche Phantasien, dann ist es gut zulernen, diese Phantasien nicht mehr zu haben oder sie so zu verändern, dass sie keine Angst mehr machen.

Und wenn es sich um eine echte aktuelle Gefahr handelt, dann ist es gut, wenn man ein paar Deeskalationsstrategien hat, oder aber etwas über Sicherheitsverhalten lernt.

Angst ist unsere Freundin.

Wir haben nur nicht gelernt, uns für ihre Probleme zu interessieren. Fragen Sie Ihre Angst mal, was Sie will. Welche Art von Angst sie ist. Gegenwärtige Angst (aktuelle Bedrohung), Erinnerungsangst (Flashback, Fehlalarm) oder Sorge (Gefahrenphantasie).

Viel Kraft für Ihren Weg!

Ihre Stefanie Rösch

Furcht und Angst, was ist der Unterschied? Ihre Erfahrung ist gefragt

16.05.2020 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Neulich war ich mit der Frage konfrontiert, was der Unterschied zwichen Furcht, Angst und Sorge ist. Natürlich habe ich ein persönliches Verständnis dieser Worte. Als ich dann ein bißchen recherchierte und mit verschiedenen Personen sprach, wurde klar, dass mein Verständnis von dem „allgemeinen“ oder „offiziellen“ Sprachverständnis abweicht. Deswegen meine Bitte heute an alle, die diesen Artikel lesen: Was fällt Ihnen zu diesen Worten ein? Ich habe eine Umfrage über Mentimeter gestartet und bin gespannt, was Sie unter Angst oder Furcht versteht.

Über den folgenden Link kommen Sie zur Umfrage.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!!

Gehen Sie auf www.menti.com und benutzen Sie den Code 96 93 47

Und hier können Sie die bisherigen Ergebnisse sehen. Je mehr mitmachen, desto spannender wird das. Danke schonmal an alle, die dabei sind.

Hier gehts zu den Ergebnissen.

Rechts auf dem Bildschirm ist ein kleiner Pfeil, mit dem man zur zweiten Folie kommt.

Leserfrage: Was ist mit mir los? Ich höre vier verschiedene Stimmen in meinem Kopf.

12.05.2020 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo,
ich bin Frank, 25 Jahre aus Hamburg. Ich bin bereits mit einer Dissoziativen Störung diagnostiziert worden, allerdings wegen Krampfanfällen und einer Sensibilitätsstörung.
Letztens ist mir bewusst geworden, dass ich Stimmen höre und das schon seit Jahren. Ich dachte immer, das wäre ganz normal aber anscheinend nicht. Es handelt sich um vier verschiedene „Stimmen“, die nicht nur reden, sondern auch mein Handeln beeinflussen können, wenn ich stark dissoziiere.
Mein Psychiater kann mir leider nicht mehr weiterhelfen und sagen, was das genau ist, deswegen wende ich mich mal an diese Stelle.
Ich möchte endlich wissen, was das ist :/
Schöne Grüße Frank

Lieber Frank,
können Sie mir noch ein bisschen erzählen, was diese vier Stimmen machen, wenn sie Ihr Handeln beeinflussen? Wie merken Sie das, dass die das machen?
Danke für ihren Mut, mir zu schreiben. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort.
Herzliche Grüße Stefanie Rösch

Hallo Frau Rösch,
es ist unterschiedlich. Ich höre die Stimmen eigentlich immer in mir und fühle auch, dass sie da sind, auch wenn sie nichts sagen.
Meistens ist es so, dass eine Stimme in den Vordergrund rutscht und quasi das komplette Handeln von mir übernimmt und ich währenddessen wie im Film zugucken muss. Manchmal ist es auch so extrem, dass ich keine Erinnerung mehr daran habe was passiert ist und ich von der stimme komplett weggeschoben wurde.
Ich habe mehrere Stimmen die unterschiedlich agieren und sich verhalten. Die meisten hören auch auf meinen Namen. Aber es gibt halt auch eine „aggressive Stimme“ die mir Bilder und Gedanken in den Kopf setzt, die für mich sehr unangenehm sind. Meistens kurz vor Flashbacks oder danach.
Ich hoffe, das hilft Ihnen weiter aber es ist wirklich sehr unangenehm mit einer fremden Person darüber zu reden. Aber ich weiß halt nicht mehr was ich tun soll.
Schöne Grüße Frank

Wenn Sie sich den Artikel von mir vorlesen lassen wollen, klicken Sie auf das Bild.

Sie haben einen gesunden Weg gewählt, als Sie mir geschrieben haben.

Lieber Frank,

es ist sehr mutig, dass Sie mir davon erzählen. Bleiben Sie da dran. Suchen Sie sich eine Person, die das kennt. Es gibt Therapeuten, die Ihnen da weiterhelfen können. Sie brauchen dafür einen Psychologischen Psychotherapeuten, der sich mit Traumafolgestörungen auskennt. Finden können Sie so jemanden über eine der Möglichkeiten, die ich auf meiner Internetseite zusammengestellt habe.

Es gibt noch mehr Menschen, die Stimmen in ihrem Kopf haben und es wahrscheinlich ähnlich empfinden wie Sie. Ich glaube sofort, dass es unangenehm ist, mit einer fremden Person darüber zu reden. Oft hat zumindest ein Teil der Stimmen etwas dagegen und bewirkt dann, dass es sich schlecht anfühlt darüber zu reden. Vielleicht versucht die Stimme Ihnen sogar Angst zu machen, wenn Sie mit jemandem darüber reden wollen. Lassen Sie sich nicht einschüchtern! Sie haben einen gesunden Weg gewählt, als Sie mir geschrieben haben.

Hausbesetzer wissen, dass es verboten ist, Häuser zu besetzen

Wenn andere Betroffene mir davon erzählt haben, dann hörte es sich für mich immer ein bisschen wie Hausbesetzer an. Die Hausbesetzer wollen nicht, dass man über sie spricht, weil sie wissen, dass es verboten ist, Häuser zu besetzen. Aber es ist ja Ihr Haus, das besetzt wurde. Warum sollten Sie also nicht darüber reden? Schließlich ist es Ihr Kopf und ist Ihr Körper, in dem die anderen Stimmen sich eingenistet haben. Zumindest diejenigen, die nicht wollen, dass Sie mit jemandem darüber reden.

Für mich sind Sie der Chef, der Hausbesitzer. Die Person, die das Hausrecht hat, weil ihr das Haus gehört. Es ist Ihr Körper. Aber irgendwie ist es den Hausbesetzern gelungen, bei Ihnen einzubrechen und sich Ihrem Körper/ Kopf/ Haus einzunisten. Wenn das in der Außenwelt passieren würde, würden Sie wohl die Polizei holen, oder? Wenn da einfach jemand Ihr Haus besetzt hält und auch noch so rumpöbelt, dass Sie sich in ihrem eigenen Haus nicht mehr wohl fühlen?

Allerdings braucht es viel Mut, sich mit diesen Hausbesetzern auseinander zu setzen. Im Kopf ist das noch schwieriger, weil die Hausbesetzer, also diese Stimmen ziemlich unangenehm werden können. Das wissen Sie vielleicht.

Dissoziative Identitätsstörung könnte die Erklärung sein

Als Traumatherapeutin fällt mir bei Ihren Schilderungen zuerst die Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) ein. Eine kompetente Kollegin oder ein kompetenter Kollege kann mit Ihnen zusammen herausfinden, ob meine Vermutung stimmt oder auch nicht.

Dissoziative Identitätsstörung hört sich vielleicht erstmal krass an. Aber wenn man die Ursache kennt, also wenn man weiß, was es ist, kann man was dagegen tun. Das ist die gute Nachricht. Es gibt Hilfe. Es gibt Unterstützung. Es gibt Heilung.

Was mich zu dieser Vermutung bringt sind folgende Punkte, die Sie genannt haben: Bereits diagnostizierte, dissoziative Beschwerden / Stimmen, die ein Eigenleben führen / das Phänomen wie aus der zweiten Reihe oder in einem Film zuzuschauen / zweitweise völliger Erinnerungsverlust / der Eindruck „komplett weggeschoben“ zu werden / dass es unangenehm ist, mit einer fremden Person darüber zu reden / Flashbacks sind der Hinweis auf traumatische Erfahrungen, welche die häufigste Ursache für eine DIS ist.

Die gute Nachricht ist, dass es Hilfe gibt

Insofern ist die gute Nachricht: es gibt sicher eine nachvollziehbare Erklärung für Ihre Stimmen und damit auch die Möglichkeit, Ihnen zu helfen, sich gegen diese Stimmen durchzusetzen, damit Sie wieder selbst über Ihr Leben/ Haus/ Ihren Körper bestimmen können.

Die nicht ganz so gute Nachricht ist, dass es meistens sehr anstrengend ist, Psychotherapie zu machen. Wenn man es auf der untersten, körperlichen Ebene anschaut, wollen Sie in einer Psychotherapie Veränderungen im Gehirn vornehmen. Ich spreche davon, neue Nervenzellen aufzubauen und andere nicht mehr zu benutzen, wodurch sie dann abgebaut werden. Wie bei einem Muskel, den man trainiert. Das ist körperlich anstrengend. Aber wenn Sie dranbleiben, und sich da durchbeißen und fleißig trainieren, wird es sich großartig anfühlen.

So eine Sanierung (Psychotherapie) ist anstrengend

Wenn meine Vermutung stimmt, dann werden Sie den Großteil ihres Hauses (Gehirns) sanieren wollen. Die Hausbesetzer (Stimmen) sind schon länger da und haben sich sehr breit gemacht, deswegen können die auch einfach an die Türe gehen und Sie in einem Zimmer einsperren, so dass Sie gar nichts mitbekommen. Sie werden entscheiden, welche Einrichtungsgegenstände (Verhaltensweisen, Denkmuster, Stimmen, Handlungen) Sie behalten wollen, welche Sie in ein anderes Zimmer stellen und welche Sie entsorgen wollen. So eine Entrümpelung ist anstrengend. Aber wenn Sie nach der Sanierung ihr nach frischer Farbe riechendes Haus mit den hellen, freundlichen Zimmern betreten, in denen Sie sich sicher, wohl und zuhause fühlen, dann werden Sie wissen, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat.

Die Arbeit in der Therapie wird darin bestehen, sich immer wieder mit der Angst auseinanderzusetzen und diese Angst Tag für Tag, Situation für Situation, Erinnerung für Erinnerung zu besiegen. Ich bin davon überzeugt, dass Sie das schaffen werden.

Insofern wünsche ich Ihnen viel Kraft für Ihren Weg und viel Mut alle Führungsaufgaben zu übernehmen, die jetzt anstehen in Ihrem inneren Haus, sprich Kopf.

Herzliche Grüße, Ihre Stefanie Rösch

Leserfrage: Maskenpflicht ist Maskenzwang! Ihr Beitrag geht an der Realität vorbei.

10.05.2020 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Sehr geehrte Frau Rösch,
über Ihren Ratschlag zum Themenkomplex Maskenpflicht und Trauma (Link zum Video / oder zum Blogbeitrag) bzw. Retraumatisierung bin ich, gelindes gesagt, enttäuscht und entsetzt.
Sie verkennen zwei grundlegende Dinge, wenn Sie empfehlen, sich klar zu machen, dass es sich nicht um eine Wiederholung der bedrohlichen Situation aus der Vergangenheit handelt, weil das Tragen der Maske freiwillig sei und man sie jederzeit absetzen könne.
Falsch I: Maskenpflicht bedeutet Maskenzwang und ist damit das Gegenteil von Freiwilligkeit.
Falsch II: Haben Sie schon mal versucht, die Maske im Supermarkt abzuziehen? Viel Spaß!
Ihr Ratschlag geht an der Realität vorbei und ist KEINE Hilfe für Betroffene! Ich bitte Sie sehr, ihn noch einmal zu überdenken und zu überarbeiten.
Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen zur Gesundheit

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen, können Sie das im YouTubeKanalhttps://youtu.be/0ZGpbmGPSig tun. Klicken Sie einfach auf das Bild.

Sehr geehrte Leserin,

die beschriebene Methode setzt auf der Ebene der Erinnerungsattacke an. Nur da kann sie wirken.

Sie befinden sich mit Ihren Einwänden auf der Ebene einer Selbst- und Weltbild-Diskussion. Da kann die Methode nicht wirken, denn dafür ist sie nicht gedacht.

Die beschriebene Methode

Meine Erfahrung mit dieser Methode Warnreize zu reduzieren sind durchgängig positiv. Insofern gibt es Betroffene, für die diese Methode so wie ich sie geschildert habe, funktioniert. Ich habe darauf hingewiesen, dass es nicht für alle funktioniert und auch keine Therapie ersetzt. Deswegen sehe ich keinen Grund den Beitrag zu ändern.

Ich persönlich entscheide, ob ich die Maske aufsetze. Niemand drückt sie mir ins Gesicht. Es ist genau dieser Unterschied, auf den es ankommt, wenn es um die Angst geht.

Maskenpflicht bedeutet Maskenzwang.

Ich fühle mich durch die Maskenpflicht nicht gezwungen. Alleine dadurch ist Ihre Aussage nicht allgemein gültig. Ich kenne genügend Leute, welche die Maskenpflicht nicht angenehm finden, aber auch nicht als Zwang. Ich höre natürlich, dass Sie sich dadurch gezwungen fühlen. Ich vermute, dass Sie auch noch ein paar Menschen kennen, welche die Maskenpflicht als Zwang empfinden.

Wir haben eine unterschiedliche Sicht auf die Welt.

Auch wenn es eine Maskenpflicht gibt, halte ich mich freiwillig daran. Es gibt Regeln und Gesetze. Durch Gesetze fühle ich mich auch nicht gezwungen, aber natürlich könnte ich das. Ich kann es als sinnvoll/notwendig sehen, dass es für das Zusammenleben in einer Gesellschaft oder in Beziehungen ganz allgemein bestimmte Regeln gibt. Ich finde nicht immer alle Regeln und Gesetze sinnvoll, aber mir ist bewusst, dass es auf einer gesellschaftlichen Ebene nicht ohne Regeln geht.

Aus diesem Grund werde ich in Supermärkten oder im Bus auch zurecht angesprochen, wenn ich keine Maske trage. So funktioniert Gesellschaft. Andere Dinge muss ich auch steuern und kann sie nicht machen, wie es mir beliebt. Wenn ich unbekleidet in den Supermarkt gehen würde, würde ich wohl auch angesprochen werden, oder wenn ich im Supermarkt eine Zigarette anzünde.

Eine neue Regel ist das Tragen von Masken. Maske tragen ist unangenehm. Keine Frage. Aber es muss eben keine Angst machen. Ob ich es als Zwang oder gesellschaftliche Notwendigkeit sehe, ist meine Freiheit. Ich entscheide, womit es mir besser geht: Das mit der Maske als Zwang zu sehen oder als notwendiges Übel.

Inwieweit die Mitarbeiter im Laden das Ansprechen freundlich durchführen können oder aus irgendwelchen Gründen genervt oder patzig sind, und wie ich damit umgehe, ist ebenfalls eine Selbst- und Weltbild-Frage für mich. Das Verhalten der Mitarbeiter kann ich nicht ändern. Wie ich das Verhalten wahrnehme, bewerte und wie ich darauf reagiere kann ich entscheiden und steuern.

Es ist ungerecht und tragisch, aber zu ändern.

Dass jemanden traumatisiert ist und deswegen ein Problem mit der Maskenpflicht hat, ist tragisch. Es ist ungerecht. Aber nur dann zu ändern, wenn derjenige Verantwortung dafür übernimmt, dass er diese Schwierigkeiten hat und einen Weg findet, damit umzugehen. Betroffene sind an dieser Stelle sehr erfinderisch. Das wissen Sie, wenn Sie selbst betroffen sein sollten oder aber mit Betroffenen arbeiten. Zur Zeit gibt es so viele Möglichkeiten, für sich einkaufen zu lassen, sich Nahrungsmittel schicken zu lassen und manche Supermärkte bieten es an, ihnen Ihren Einkauf zusammenzustellen, so dass Sie nur noch abholen müssen. Man hat durchaus Möglichkeiten, der Maskenpflicht und damit der Auseinandersetzung mit der Angst zu entgehen.

Es gibt Entscheidungsfreiheit.

Die Frage ist, ob ich den Zwang oder die Freiheit sehe (Weltbildfrage). Aus meiner Erfahrung sehen traumatisierte Menschen vor allem den Zwang und nicht ihre Handlungsfreiheit. Vor allem wenn sie über einen längeren Zeitraum wiederholt Gewalt erlebt haben, neigen sie dazu, keine Verantwortung mehr für ihre Beschwerden und ihr Überleben zu übernehmen. Nicht weil sie es nicht könnten oder wollen würden, sondern weil man es ihnen ein Leben lang verboten und gewaltsam abtrainiert hat. Sie durften es nicht lernen. Dazu gehört auch die Tendenz, sich in Schuldzuweisungen zu verlieren anstatt sich auf die Zukunft und die Veränderung zu konzentrieren. Auch das keine freie Entscheidung, sondern eine Überlebensnotwendigkeit.

Meine Aufgabe als Therapeutin sehe ich darin, so vielen Betroffenen wie möglich, möglichst viel persönliche Freiheit zu ermöglichen. Deswegen kann ich Methoden vorschlagen und Erklärungen liefern. Für den einen sind diese Vorgehensweisen hilfreich, für den anderen nicht. Wir sind einzigartig. Ich kann nur meine Perspektive und meine Berufserfahrung zur Verfügung stellen. Das ist sicher nicht für alle der passende Weg. Traurig aber wahr.

Ich sehe das so:

Wir haben nur dieses Leben und jeder hat in meinen Augen das Recht darauf, seinen freien Willen in Anspruch zu nehmen. Mit Freiheit kommt auch Verantwortung. Die beiden gehen Hand in Hand. Deswegen gehört in meinen Augen dazu, Verantwortung für mein Denken, Fühlen und Handeln zu übernehmen. Wenn ich entscheide, zu dieser Gesellschaft dazugehören zu wollen, dann muss ich auch die Regeln akzeptieren oder damit rechnen, dass diese Gesellschaft auf einen Regelbruch reagiert. Wenn ich zwar in dieser Gesellschaft leben will, alle Vorteile haben will, aber nicht bereit bin meinen Teil der Verantwortung zu übernehmen, muss ich auch damit rechnen, dass die Gesellschaft früher oder später darauf reagieren wird. Wenn ich hier nicht leben will, dann wird es Zeit auszuwandern.

Das mag Ihnen, liebe Leserin, unangemessen hart vorkommen. In meinen Augen ist das der einzige Weg und die einzige Haltung zu größtmöglicher persönlicher Freiheit für möglichst viele Menschen. Absolute Freiheit (ich mache, was ich will und wie es mir gefällt ohne Rücksicht auf andere) ist in unserer heutigen Gesellschaft nicht möglich.

Dabei ist mir sehr bewusst, dass wir keinen Einfluss darauf haben, in welche Welt oder in welches Land wir hineingeboren werden. Das wird uns tatsächlich aufgezwungen.

Aber danach besteht zunehmend Freiheit.

Freiheit ist möglich. Sie kommt nicht von alleine, sondern wir sind aufgefordert, sie zu erobern, zu erkunden und festzustellen, was alles dazu gehört (Weltbild und Selbstbild).

Insofern kann es für alle die glauben, dass Maskenpflicht gleich Maskenzwang ist hilfreich sein über ihr Selbst- und Weltbild nachzudenken. Das Ziel ist immer, sich zu überlegen, ob es mir guttut, mich über Dinge, die ich nicht ändern kann, aufzuregen. Ich kann entscheiden, ob ich das tun möchte. Oder eben nicht. Stattdessen konzentriere ich mich auf das, was ich ändern oder beeinflussen kann.

Die Maskenpflicht kann ich nicht beeinflussen, meine Angst schon.

Viele Dank für Ihre Gedanken und den Mut sie mitzuteilen.

Ihre Stefanie Rösch

Video: Warum ist es für Traumabetroffene so schwer, Wut zu spüren und sich zu wehren?

07.05.2020 Veröffentlicht von Videoinhalte 0 Kommentare

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