„Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung“ – Stefanie Rösch, 2013

Posts zum Tag "Partnerschaft"

Leserfrage: Wie kann ich mit dem Schweigen meines traumatisierten Partners umgehen?

30.07.2020 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Guten Morgen.

Ich habe folgendes Problem. Vor über 2 Jahren habe ich meinen derzeitigen Partner kennengelernt. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis er mir von seiner PTBS erzählt hat, die durch seinen gefährlichen Beruf entstanden ist. Genaueres kann ich nicht sagen, denn oftmals kann ich nur vermuten, was los ist, da er nicht mit mir spricht. Ich muss generell alles immer genau hinterfragen, damit er mir überhaupt etwas erzählt.

Letztes Jahr im Dezember habe ich die Beziehung beendet. Denn ich hatte ehrlich gesagt, nicht mehr die Kraft dafür. Nach zwei Monaten Trennung sind wir wieder zusammengekommen. Ich habe dafür die Initiative übernommen, weil ich gemerkt habe, wie sehr er mir fehlt. Wenige Monate später bekam er gesundheitliche Probleme und musste ins Krankenhaus. Durch diese schlimme Situation, sind wir uns wieder ein Stück nähergekommen.

Trotzdem ist es immer wieder so, dass er mich tageweise ignoriert. Es kommt keine Nachricht zurück, er lässt meine Anrufe unbeantwortet. Ich fühle mich dann wie auf die Reservebank gesetzt. Ich weiß, dass er nicht dafür verantwortlich ist, wie ich mich fühle.
Aber ich bekomme keinen wirklichen Zugang zu ihm. Er blockt alles ab. In guten Momenten habe ich versucht, mit ihm darüber zu reden. Vergebens.

Ich liebe ihn. Und ich möchte ihn nicht verlieren.

Vielleicht können sie mir, einen Tipp geben, wie ich in solchen Situationen reagieren soll. Denn meine bisherigen Versuche sind immer gescheitert.
Vielen Dank im Voraus.

Liebe Leserin,

das ist wirklich eine schwierige Situation. Da lieben Sie einen Mann und es fühlt sich so an, als würde er sich nicht lieben lassen wollen.

Die Situation hat wie immer mehrere Aspekte:

Vermeidungsverhalten

Das Nicht-Darüber-Reden-Wolllen ein sehr typisches Symptom der Posttraumatischen Belastungsstörung, von der er Ihnen ja erzählt hat.

Menschen, die in gefährlichen Berufen arbeiten, wollen ganz oft, ihre Familien vor den Grausamkeiten und dem Leid ihrer Berufe schützen und nicht damit belasten. Das ist einer der Gründe, warum Menschen nicht erzählen, was sie belastet.

Leider ist es im Fall der Posttraumatischen Belastungsstörung genau das Gegenteil von hilfreich. Tatsächlich führt das Schweigen dazu, dass die belastenden Beschwerden wie Erinnerungsattacken, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und Schreckhaftigkeit weiter fortbestehen. Das Gehirn kann unter diesen Umständen den Unterschied zwischen heute und der Situation in der Erinnerung nicht lernen. Aber genau das ist notwendig, um sich besser zu fühlen.

Das sollte nicht unbedingt in einer Partnerschaft stattfinden, sondern durch eine Traumatherapie.

Psychotherapie machen

Das Problem mit der Traumatherapie ist, dass es immer noch viel zu viele Vorurteile gegenüber Psychotherapie gibt. Das macht es besonders für unseren „starken“ Männern in den gefährlichen Berufen als Betroffene schwer, sich Unterstützung zu holen.

Dabei kann es mit der richtigen Unterstützung sehr schnell gehen. Ein Mann, der über zwei Jahre arbeitsunfähig war, kaum noch das Haus verlassen, geschweige denn am Leben teilhaben konnte, kann innerhalb von wenigen Wochen wieder fröhlich die meisten Dingen des Lebens ohne Beschwerden bewältigen. Einfach weil er eine gute Traumatherapeutin hatte. In der Traumatherapie geht es darum zu verstehen, warum wir uns fühlen wie wir uns fühlen oder warum wir Erinnerungsattacken haben. Wenn man das verstanden hat, dann kann man Strategien lernen, mit denen man dem Hirn beibringen kann, sich wieder sicher zu fühlen und nicht einen Fehlalarm (=Erinnerungsattacke) nach dem anderen auszulösen.

Vielleicht können Sie Ihrem Partner helfen zu verstehen, was es mit dem Vermeidungsverhalten auf sich hat und dass es Hilfe in einer Traumatherapie gibt, damit er sich diese Hilfe holt und dafür sorgt, dass es ihm besser geht.

Die Rolle der Partnerin

Als Partnerin kann man da nicht viel tun, außer immer wieder Mut zur Traumatherapie machen.

Was ist für Sie Liebe? Ist Liebe bedingungslos? Wollen wir alle geliebt werden? Was muss geschehen, um sich geliebt zu fühlen? Ich finde, das sind zentrale Fragen. Was bewirkt, dass wir uns geliebt fühlen? Es klingt, als wenn für Sie dazugehört, Zeit miteinander zu verbringen. Das erinnert mich an die Liebessprachen von Gary Chapman, kennen Sie das? Hier ein Link zum Wikipedia-Artikel mit einer Zusammenfassung des Models oder das Amazonpartnerlink zu seinem Buch Die fünf Sprachen der Liebe . Ich finde, das ist ein gutes Modell, um zu verstehen, warum wir uns geliebt fühlen oder eben auch nicht. Das ist für Sie wichtig, aber auch für ihren Partner und die Kinder.

Wir sind soziale Wesen

Letzten Endes geht es darum, dass wir soziale Wesen sind, Herdentiere. Gleichzeitig sind wir jeder für sich selbst voll verantwortlich. Das haben Sie sehr treffend geschrieben „Ich weiß, dass er nicht dafür verantwortlich ist, wie ich mich fühle.“

So ist es. Als Herdentier brauchen Sie Kontakt, Beziehung, die er Ihnen im Moment oder noch lange nicht oder nie so anbieten kann, wie Sie es brauchen (Liebessprache!). Sie sind für Ihr Wohlergehen verantwortlich.

Wie können Sie ihn so akzeptieren wie er ist und gleichzeitig gut für sich sorgen?

In der Liebe und mit Trauma gibt es leider keine einfachen Antworten.

Wie oft habe ich mir das schon gewünscht! Aber so funktioniert das Leben eben nicht. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Wir können den anderen so annehmen wie er ist. Wir können Mut machen zur Auseinandersetzung mit der belastenden Erinnerung im Rahmen einer Traumatherapie. Wir können für uns selbst sorgen und am Ende nur beten oder hoffen, dass der andere all seinen Mut zusammennimmt und tut, was getan werden muss, damit es ihm wieder besser geht.

Erst dann wird sich herausstellen, ob sein Schweigen Teil der Posttraumatischen Belastungsstörung oder einer anderen Lebenserfahrung war oder Teil seiner Persönlichkeit ist.

Sie können immer wieder nur nachspüren, ob Sie noch gut für sich sorgen, je nachdem wie er sich verhält. Und manchmal bedeutet das auch, festzustellen, dass er vielleicht nicht die Person ist, die Sie auch liebt, Traumareaktion hin oder her.

Ich wünsche Ihnen sehr, dass er Sie liebt und bereit ist, all seinen Mut zusammenzunehmen und seiner PTBS genauso ins Gesicht zu sehen, wie den Gefahren in seinem Beruf.

Viel Kraft für Ihren Weg

Stefanie Rösch

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Leserfrage: Ich habe zu viel Mitleid mit meiner traumatisierten Freundin, was tun?

19.09.2019 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo,
meine Freundin leidet unter einer PTBS nach zwei Vergewaltigungen und hat schwere Depressionen. Sie befindet sich leider noch nicht in professioneller Hilfe. Irgendwie scheint sie nicht bereit zu sein, sich in intensive Traumatherapie zu begeben, obwohl sie zu wissen scheint, welche Therapie ihr guttun würde und dass sie keine Kraft mehr hat, so zu leiden.
Ich verstehe nicht, warum sie nicht in eine gute Klinik geht und versucht Hilfe zu bekommen. Ich merke, dass ich nicht mehr kann, weil es ihr so schlecht geht, dauernd hat sie Alpträume, Panikattacken und Angst.
Das Problem ist, dass ich mich von ihren Themen nicht abgrenzen kann. Ich leide oft mit und bin einfach erschöpft. Meine Hoffnung war immer, dass sie bald in guten Händen sein wird und es mir dadurch auch bessergehen wird. Jedoch kann ich nicht mehr auf irgendwas warten. Mein Kopf und meine Emotionen sind total durcheinander. Ich habe Gewaltfantasien gegen ihren Vergewaltiger. Ich stelle mir die Vergewaltigung immer wieder vor, das ist so ekelig. Ich kann das nicht kontrollieren, es passiert einfach.
Ich will lernen nicht mitzuleiden, mich abzugrenzen, ohne dass ich emotional komplett zu mache. Ich will da drunter nicht leiden, nicht mitleiden. Ich fühle mich so hilflos. Ich kann ihr nicht helfen und drängen ist gar nicht gesund, ich kann nur was für mich tun. Wissen sie wo ich vielleicht Unterstützung bekommen kann?
Ich wünsche mir einfach so sehr, dass wir beide Leichtigkeit bekommen. Ich liebe sie von Herzen. Sie ist so liebevoll und zärtlich, so witzig und auch so mutig. Aber ich habe Angst, dass ich Sie verliere.
Liebe Grüße und Danke für ihre Hilfe!!!

Lieber Herr Santer,

warum Ihre Freundin sich bisher keine Hilfe in einer Therapie geholt hat, kann nur ihre Freundin wissen. Meine Vermutung ist, dass die eine Vorstellung davon hat, was in einer Therapie geschieht, die ihr zum einen Angst macht und zum anderen wahrscheinlich nicht dem entspricht, wie es tatsächlich ist. Das kann dann dazu führen, dass sie aus Angst einen Bogen um eine Traumatherapie macht. Das ist zumindest einer der häufigsten Gründe, warum Menschen sich keine Hilfe holen.

Den wesentlichen Schritt haben Sie jedoch schon gemacht: Die Erkenntnis, dass Sie nur für sich selbst sorgen können. Niemand kann jemand anderen retten.

Sie können sich bewusstmachen, dass es eine Form von Respektlosigkeit ihrer Freundin gegenüber ist, wenn Sie für etwas leiden, dass Sie nicht einmal selbst erlebt haben. So wie es sich anhört, leiden Sie fast genauso stark unter ihren Phantasien wie Ihre Freundin unter dem tatsächlich Erlebten. Das ist keine Hilfe. Gut, dass Sie das erkannt haben! Übernehmen Sie dafür Verantwortung, das zu ändern.

Wir sind nicht verantwortlich für das Leid eines anderen. Wir sind auch nicht dafür verantwortlich, dass es einem anderen gut geht. Wir sind grundsätzlich nicht für die Gefühle von anderen zuständig.

Insofern ist es in meinen Augen Ausdruck von Respekt vor den freien Entscheidungen des anderen, ihm sein Leid zu lassen und auch die Freiheit zu entscheiden, ob man wieder gesundwerden will. Ja es ist unglaublich anstrengend und es ist eine gruselige Sache, mit den Folgen traumatischer Erfahrungen umzugehen. Aber es kann einem das niemand abnehmen. Jede betroffene Person muss es selbst machen. Wir anderen können nur fragen, wie wir unterstützen können. In meinem Fall bedeutet das, die Erinnerungen zusammen mit meinen Klienten zu sortieren. In Ihrem Fall bedeutet das, sich gut zu informieren, ein paar Techniken zu lernen (s.u.) und Mut zur Traumatherapie zu machen.

Der Rest liegt in der Entscheidung desjenigen, der etwas erlebt hat.

Hier die notwendigen ersten Informationen für Sie:

Erster Schritt für Sie: Suchen Sie für sich einen Psychotherapeuten, um die Rache- und Gewaltphantasien wieder loszuwerden. Sie können sehr wohl beeinflussen, was Sie denken und was nicht, auch wenn es sich im ersten Moment nicht so anfühlt.

Zweiter Schritt: Informieren Sie sich über Traumareaktionen, zum Beispiel in unserem Blog (PTBS1 bis 12). In der PTBS-Reihe finden Sie unter anderem auch Strategien zum Umgang mit Erinnerungsattacken und Angstattacken. Lernen Sie alles, was Sie finden können über die PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung), um ihrer Freundin weiterhin Mut machen zu können, eine Traumatherapie zu machen. Eine geeignete Therapeutin zu finden, wird möglicherweise nicht leicht werden. Aber da können Sie mit diesem Link unterstützen.

Dritter Schritt: Lernen Sie Strategien, welche Ihrer Freundin kurzfristig helfen können: zum Beispiel haben wir eine Übung, die heißt „Hier und Jetzt“ und diese hilft den meisten Menschen Erinnerungs- und Panikattacken abzubrechen. Hier ein Artikel zu Schlafstörungen: und ein sicherer Ort kann auch helfen. Hier ein Artikel, wie man mit Alpträumen umgehen kann.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg und den Mut, für sich selbst zu sorgen.

Herzliche Grüße, Stefanie Rösch

Leserfrage: PTBS und Partnerschaft? Wie kann das gehen?

10.03.2019 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo Frau Rösch,
ich führe seit knapp einem Jahr eine Beziehung mit einem Mann, der an einer PTBS erkrankt ist. Die PTBS hat er bereits seit mehreren Jahren, Ursache war ein Bundeswehr-Einsatz im Ausland. Er hat mir zu Beginn der Beziehung zwar erzählt, dass er eine PTBS hat und wegen dieser auch in Therapie war, allerdings hat er mir wenig über seine „Probleme“ im Alltag erzählt und diese in den ersten Monaten vor mir versucht zu „verstecken“.
Inzwischen weiß ich, dass er innerlich unruhig ist, wenn sein Haushalt nicht nach einem bestimmten System gemacht ist. Er vermeidet öffentliche Plätze, geht nicht ins Kino und Bus- und Bahnfahrten bedeuten für ihn Stress. Er hat sich am Anfang der Beziehung durch all solche Situationen durchgekämpft, ohne dass ich davon wusste.
Nach knapp einem Jahr weiß ich nicht mehr weiter. Er ist seit einiger Zeit wieder in Psychotherapie und hat nun aber auch eingesehen, dass eine weitere Therapie in der Tagesklinik hilfreich sein kann. Unsere Beziehung leidet sehr unter der derzeitigen Situation.
Mein Freund zieht sich oft zurück. Gemeinsame Aktivitäten sind schwer, weil für ihn nahezu alles mit Stress verbunden ist. Ich kann nicht zu Besuch kommen, weil ich aufgrund meines Hundes für mehr Haushalt bei ihm sorge. Er vermeidet es, sich um „Probleme“ zu kümmern, seien es finanzielle oder welche, die in der Beziehung auftauchen. Er versucht ständig es mir recht zu machen ohne auf seine eigenen Bedürfnisse einzugehen.
Ich stoße an meine Grenzen. Ich ärgere mich oft über sein Verhalten. Vor allem, wenn er sich nicht um Dinge kümmert und es mich dann mitbetrifft, z.B. weil wir uns dann nicht sehen können. Wenn er mir dann noch erklärt, dass er aufgrund seiner Krankheit nicht in der Lage ist, sich um diese Sachen zu kümmern, dann fühle ich mich schlecht. Was mir momentan am meisten Sorge bereitet ist, dass er angefangen hat zu trinken, wenn er weiß, dass er in Situationen kommen wird, die er sonst vermeiden würde. Darüber hinaus gibt es in unserer Beziehung keine Nähe mehr. Wenn er mich berührt, fühlt es sich distanziert an. Als ob er mir Nähe schenkt, weil es sich so gehört in einer Beziehung. Er meint, er liebt mich und er möchte die Beziehung mit mir. Aber seine Distanziertheit und diese steifen Annäherungsversuche, wenn er es überhaupt versucht, die tun sehr weh. Wenn ich auf ihn zugehe und ihn umarme, dann kommt nichts zurück. Wenn ich ihn küsse, kommt nichts zurück. Ich weiß einfach nicht mehr, wie ich damit umgehen soll. Er meint, dass er innerlich zu unruhig ist, um sich fallen zu lassen. Vielleicht können Sie mir auch ein paar Ratschläge geben, um die Beziehung aufrecht halten zu können und richtig reagieren zu können … Lieben Gruß Maya

Liebe Maya,

es gibt kein „richtig“. Den Anspruch können wir nicht haben, wenn wir mit traumatisierten Menschen arbeiten. Dass Ihr Freund traumatisiert ist, haben Sie an seinen Beschwerden und Problemen gut beschrieben. Allerdings frage ich mich bei manchen Beschwerden, wie sie mit einem militärischen Einsatz zu erklären sind.

Schwierigkeiten, die ich mir gut in diesem Zusammenhang vorstellen kann, sind Öffentliche Plätze, Bus, Bahn und Kino als Problemsituationen. Grundsätzlich mal Ordnung zu halten, kann der Versuch sein, ein Gefühl von Kontrolle wiederherzustellen. Zwanghaftes Verhalten hat Angst als Ursache. In dem Fall wäre es die Angst vor den Erinnerungen und davor, die Kontrolle zu verlieren. Dass vor allem Männer versuchen, Traumareaktionen mit Alkohol zu bekämpfen ist weithin bekannt. Es liegt nahe Alkohol zu trinken, um entspannt genug zu sein, dass man Situationen bewältigen kann, vor denen man Angst hat.

Allgemein ist Vermeidungsverhalten ein Teil der Posttraumatischen Belastungsstörung, allerdings der Teil, der dazu führt, dass es nicht besser werden kann.

Probleme mit körperlicher Nähe und Sexualität sind für mich auf den ersten Blick nicht mit einem Einsatzgeschehen zu erklären. Auf den zweiten Blick könnten diese Probleme durch die fortgesetzte Stressreaktion entstehen (inneren Unruhe), die sexuelles Verlangen und sexuelle Aktivität unterdrückt. Schließlich geht es in Bedrohungssituationen (Trauma) ums Überleben und nicht um die Fortpflanzung (Stressreaktion).

Finanziellen Probleme wären bei weitem nicht das erste, was mir einfällt, wenn ich an Belastungssituationen in Krisengebieten denke. Das klingt für mich erstmal nach etwas, dass schon länger und in einem anderen Zusammenhang besteht.

Traumareaktionen sind sehr spezifisch. Sie haben in der Regel einen unmittelbar nachvollziehbaren Zusammenhang zur Belastungssituation. Schließlich handelt es sich bei Traumareaktionen um Fehlalarme des Gehirns. Das Hirn will uns warnen. Leider haben sich die Gefahren in der Welt geändert und das Hirn hat das noch nicht verstanden. Also warnt es uns, was wir als einschießende Erinnerungen, Flashbacks oder Erinnerungsattacken bezeichnen. Aber im Grunde ist es nur ein Fehlalarm. Die Traumasituation ist meist sehr einzigartig. Ganz besonders bei Kriegserfahrungen. Wir leben hier in Deutschland nicht im Krieg. Die Gefahren, die wir hier haben, sind andere als in einem Krisengebiet. Das Gehirn kann das erstmal nicht unterscheiden. Aber es kann lernen, ungeeignete Warnreize (Trigger) auszusortieren und dann auch keinen Alarm (Erinnerungsattacke) mehr auszulösen. Dabei hilft eine Traumatherapie.

Insofern bin ich mir jetzt erstmal nicht sicher, ob wirklich alle Reaktionen und Probleme durch den Bundeswehreinsatz erklärt werden können. Zuverlässig einschätzen kann ich es nicht, weil ich zu wenig weiß. Dafür braucht es die angestrebte und hoffentlich begonnene Therapie und Zeit. Es ist gut, dass Ihr Freund Hilfe sucht.

Was diese Situation mit Ihnen macht, kann ich gut nachvollziehen. Menschen, die traumatisiert sind, bringen ihr Umfeld immer wieder in den Zustand der Hilflosigkeit. So hört es sich an, was Sie beschreiben. Sie möchten eine gesunde, gleichberechtigte und führsorgliche Beziehung und das Leben Ihres Freundes wird von Angst bestimmt. Das ist auf Dauer anspruchsvoll.

Leider ist es so, dass außer ihrem Freund, niemand für seinen Heilungsweg verantwortlich ist. Wenn er nicht hart daran arbeitet, gesund zu werden, wird er traumatisiert bleiben. Wenn er in der Angst und damit im Vermeidungsverhalten bleibt, dann kann das Gehirn nicht lernen, dass die Welt weniger gefährlich ist, als das Gehirn denkt. Es kann auch nicht lernen, dass Ihr Freund besser für seine Sicherheit sorgen kann, als sein Gehirn denkt.

Was Sie machen können? Sie können auf sich selbst aufpassen und ihm die Verantwortung für seine Beschwerden lassen. Nur er kann lernen, auf eine gesunde Art damit umzugehen. Sie dürfen die Forderung stellen, dass er sich darum bemüht. Solange er sich bemüht, übt, trainiert und zur Therapie geht, seien Sie geduldig und fragen Sie, wie Sie ihn unterstützen können. Das geht durchaus. Man kann sich langsam an die schöne Seite von körperlicher Nähe herantasten. Das können Sie gemeinsam tun. Sie können ihm auch mit den Erinnerungsattacken helfen.

Aber wenn er für sich entscheidet, in der Angst zu bleiben, dann ist es umso wichtiger, dass Sie gut für sich sorgen, indem Sie klare Grenzen setzen, was Sie mittragen können und was nicht.

„Wenn er mir dann noch erklärt, dass er aufgrund seiner Krankheit nicht in der Lage ist, sich um diese Sachen zu kümmern, dann fühle ich mich schlecht.“

Das hier klingt für mich, als wären sie verärgert darüber, dass er die PTBS als Erklärung/Ausrede für sein Vermeidungsverhalten benutzt. So meine Vermutung. Wenn dem so ist, dann ist es eine sehr gesunde Reaktion, sich schlecht dabei zu fühlen. Es würde bedeuten, dass Sie wissen, dass es sich um eine Ausrede handelt. Gleichzeitig haben Sie Mitgefühl, weil er nichts dafürkann, was er bei diesem Einsatz erlebt hat. Da entsteht Spannung. Ärger auf die Ausrede und Mitgefühl für das Leid.

An der Stelle mache ich Ihnen Mut dazu, diese widerstreitenden Gefühle anzusprechen und zu schauen, wie er darauf reagiert. Kämpft er oder bleibt er in der Angst? Will er den Konflikt lösen? Macht er Sie verantwortlich? Oder appelliert er an ihr Mitgefühl?

Schauen Sie gut nach sich selbst. Welcher Kompromiss ist noch ein Kompromiss und wo wird er zur Selbstaufgabe? Letzteres wird Sie früher oder später krankmachen. Das wäre nicht gut und kann nicht das sein, was Sie wollen. Wenn Sie merken, dass Sie da an eine Grenze kommen, und das haben Sie geschrieben, dann holen Sie sich ebenfalls professionelle Hilfe. Es ist leichter mit einem menschlichen Gegenüber zu schauen, wie Sie gut für sich sorgen können. Dazu möchte ich Sie ermutigen!

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg.

Ihre Stefanie Rösch

Leserfrage: Angehörige von PTBS-Betroffenen stellen Fragen.

16.05.2016 Veröffentlicht von Leserfragen 1 Kommentare

Ich beschäftige mich seit ein paar Wochen mit dem Thema PTBS aber ich finde noch keine spezielle Hilfe für Partner/Angehörige eines PTBS-Betroffenen.
Es gibt so viele Fragen. Zum Beispiel möchte ich gerne wissen, wie ich als Angehörige so einem erkrankten Menschen begegnen soll oder sollte? Kann man als Angehöriger/ Partner auch eine Therapie begleiten oder sollte man das nicht tun? Wie geht man mit Betroffenen um? Oder kann eine partnerschaftliche Beziehung überhaupt funktionieren?

Liebe Leserin,

Danke für Ihre Fragen. Ich bin sicher, es gibt noch mehr Menschen, die diese Fragen haben und für Sie und alle anderen hier ein paar Antworten aus meiner Erfahrung.

(1) Wie kann ich als Angehörige so einem erkrankten Menschen begegnen?

So wie mit jedem anderen Menschen auch: Man nimmt ihn ernst und man unterstützt ihn, gesund zu werden. Allerdings nicht, indem man ihm ungefragt etwas oder gar alles abnimmt, wovor er Angst hat, sondern indem man ihn dabei überstützt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Machen Sie Betroffenen Mut sich professionelle Hilfe zu holen und motivieren dazu, sich den Ängsten zu stellen. Da kann es vorübergehend notwendig sein zu begleiten, aber das Ziel ist für mich immer, das Leben wieder alleine und selbstständig gestalten zu können.

(2) Kann man als Angehöriger/ Partner auch eine Therapie begleiten oder sollte man das nicht tun?

Klar kann man eine Traumatherapie begleiten. Vor allem kann man, wenn man gut angeleitet wird, den PTBS-Betroffenen dabei unterstützen, die Kontrolle über seine Symptome wiederzuerlangen und ihm helfen, seine Übungen (gegen Erinnerungen 1, gegen Erinnerungen 2) zu machen, die er, wie ich finde, von seinem Therapeuten für den Alltag bekommen sollte.

(3) Kann eine partnerschaftliche Beziehung überhaupt funktionieren?

Ja, es gibt ausreichend Berichte darüber, dass eine Partnerschaft funktioniert und funktionieren kann. Ich sehe es ja tagtäglich. Es braucht Geduld, Durchhaltevermögen und auch die Fähigkeit, sich gegen das Leid des anderen abzugrenzen und ihm, sein Problem und das Leid „zu lassen“. Das Leid ist Aufgabe des Betroffenen. Nur er oder sie kann das verändern. Als Angehöriger kann man die Hilflosigkeit mit aushalten, die eine traumatische Erfahrung in das Leben von Betroffenen bringt. Und man kann das Üben (siehe oben) unterstützen. Dann kann das gehen.

Aus meiner Erfahrung geht das so lange gut, wie der PTBS-Betroffene daran arbeitet, gesund zu werden. Wenn er in der Opferrolle verharrt, dann wird es in absehbarer Zeit meist schwierig für das Umfeld.

Was es auch behindert ist, wenn Angehörige selbst Lebenserfahrungen gemacht haben, die es ihnen schwer machen, dem anderen sein Leid zu lassen anstatt es auf die eine oder andere Art zu übernehmen oder durch sein (unbewusstes) Verhalten zu verlängern.

(4) Vielleicht haben Sie ja einen Tipp oder eine Buchempfehlung wie ich damit umgehen kann oder sollte?

Im Grunde müssten Sie die wichtigsten Informationen hier finden (PTBS kompakt). Darunter finden Sie auch eine Buchempfehlung.

Gerne dürfen Sie weitere Fragen schicken. Nutzen Sie dafür bitte das Kontaktformular.

Viel Erfolg!

Was wäre wenn …..?

06.03.2015 Veröffentlicht von Lesestoff, Strategien 0 Kommentare

Der Möglichkeitssinn von Robert Musil: „Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, dass er seine Daseinsberechtigung hat, dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“

Kein ganz einfacher Text. Zumindest musste ich ihn mehrmals lesen, bis ich verstand, worum es geht. Oder zumindest eine Idee hatte, was er mir sagte.

Dann fand ich die Botschaft berauschend schön.

  • Wie wäre es, ich müsste nicht mehr fest davon überzeugt sein, dass der andere mir nicht glaubt, wenn ich ihm etwas erzähle?
  • Wie wäre es, wenn ich nicht mehr fest davon überzeugt wäre, dass das Schweigen meines Partners Ausdruck dafür ist, dass er sich nicht für mich interessiert?
  • Wie wäre es, wenn ich nicht mehr fest davon überzeugt sein müsste, dass die Welt sich gegen mich verschworen hat?
  • Wie wäre es, wenn ich nicht mehr fest davon überzeugt sein müsste, dass mein Nachbar nur deswegen laut ist, weil er mich ärgern will?
  • Wie wäre es, wenn ich nicht mehr fest davon überzeugt sein müsste, dass mein Partner mich nicht liebt, wenn er erst spät von der Arbeit nach Hause kommt?
  • Wie wäre es, wenn ich nicht mehr fest davon überzeugt sein müsste, dass ein Täter es ernst meint, wenn er sagt: „Ich bring Dich um, wenn Du nicht so tust wie ich das will.“?

Wie wäre es, wenn mir sofort tausend andere Erklärungen einfallen würden?

Wie wäre es, wenn ich mir vorstellen könnte, dass der andere mir nicht glaubt,

  • weil er zu wenig Phantasie hat,
  • oder Angst davor hat, was ich ihm erzähle und dass es wahr sein könnte.
  • Wenn er es nicht glaubt, weil er andere Informationen hat, von denen ich nichts weiß.

Wie wäre es, wenn ich mir vorstellen könnte, dass mein Partner schweigt,

  • weil er mit dem, was ich tue oder sage überfordert ist
  • oder weil er so gestresst ist, dass er nicht mehr sprechen kann
  • oder er einfach müde ist und keine Lust hat zu reden
  • oder in Gedanken noch mit etwas beschäftigt ist und mich gar nicht gehört hat und deswegen nicht antwortet?

Wie wäre es, wenn ich mir vorstellen könnte, dass mir unangenehme oder belastende Dinge passieren,

  • weil ich einfach Pech hatte
  • oder die Menschen um mich herum feige sind
  • oder selbst schlechte Erfahrungen gemacht haben und mit sich selbst beschäftigt sind und sich deswegen nicht interessieren können
  • oder weil ich Mundgeruch habe
  • oder weil ich tue, was den anderen ein schlechtes Gefühl macht und sie mich deswegen nicht mögen und mich ignorieren? (neue Haltung/neuer Glaubenssatz: Jeder hat das Recht auf sein eigenes Problem –> siehe giftige Gedanken)

Wie wäre es, wenn ich mir vorstellen könnte, dass mein Nachbar laut ist,

  • weil er schwerhörig ist und selbst nicht hört, was er für einen Krach macht,
  • oder wenn er unzufrieden mit seinem Leben ist und das an seinen Möbeln rauslassen muss
  • oder ich einfach etwas geräuschempfindlich bin und die anderen Nachbarn den Krach gar nicht so laut empfinden
  • oder wenn mein Nachbar einfach ein Hobby hat, das er braucht, um seinen Stress abzubauen wie zum Beispiel Holzhacken?

Wie wäre es, wenn ich mir vorstellen könnte, dass mein Partner spät von der Arbeit heimkommt,

  • weil sein Chef ihm noch etwas aufgebrummt hat
  • oder es einen Notfall gegeben hat
  • oder einem Kollegen etwas Schlimmes passiert ist und mein Partner seinem Kollegen beistehen wollte.

Was wäre, wenn ich mir vorstellen könnte, dass ein Täter Angst hat vor mir

  • und dem Gefängnis und deswegen droht?
  • Wenn er nur droht in der Hoffnung, dass ich nichts sage, aber er genau weiß, dass er mich nie töten würde, egal wie sehr er versucht mich davon zu überzeugen, weil er weiß, dass ein Mord in den meisten Fällen aufgeklärt wird und er damit ins Gefängnis wandern würde?

Was wäre, wenn ich mir vorstellen könnte, dass ich die Welt nur auf die Weise sehe, die ich gelernt habe zu sehen, dass ich aber phantasiebegabt bin und mir viele andere Perspektiven und Sichtweisen vorstellen kann, die mir das Leben leichter machen?

Was wäre, wenn ich nicht glauben müsste, dass alles um mich herum mit mir zu tun hat, sondern im Gegenteil fast nichts bis gar nichts etwas mit mir zu tun hat sondern das Ergebnis dessen ist, was der andere gelernt hat zu sehen (ich nenne das kindlicher Größenwahnsinn)?

Es wäre unsere Möglichkeit auf Freiheit. Wahre Freiheit.

Der erste Schritt dazu? Entwickeln Sie Ihren Möglichkeitssinn!

Welche anderen Erklärungen können Sie sich vorstellen?
Was sind andere mögliche Gründe für das Verhalten einer Person?

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