„Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung“ – Stefanie Rösch, 2013

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Lesestoff: Stabilisierung in der Traumabehandlung von Regina Lackner

21.12.2021 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Das spricht mir aus dem Therapeutinnenherz

Trauma-Informations-Zentrum

„Viele haben sich trotz schwerster Traumatisierungen ihren Humor, ihr Mitgefühl für andere, ihre Liebe und ihre Fähigkeit, sich über etwas zu freuen bewahrt“ (S.63)

„Sie alle haben eine enorme Kraft in sich, die sie Unfassbares überleben und meistern ließ und die sie vorangehen und für eine Besserung ihrer Symptome und ihres Lebens kämpfen lässt.“ (S.63)

„Es ist entscheidend unsere Klient*innen mit diesem umfassenden Blick zu sehen und sie sowohl in ihrer Verwundung als auch in ihrer Unversehrtheit und Kraft wahrzunehmen.“ (S.63)

Mit diesen Worten sprich Frau Lackner mir aus dem Herzen.

Das Buch richtet sich an Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen und Angehörige anderer helfender Berufe. So ist es auch geschrieben. Viele Anregungen und Erklärungen für Profis und solche, die lernen wollen. Nicht alle psychologischen Fachbegriffe werden erklärt, trotzdem ist der Text flüssig und gut zu lesen. Auch die anspruchsvollen neurowissenschaftlichen Informationen erklärt Frau Lackner trotz der Komplexität gut und verständlich. Die alltäglichen Vergleiche und der konkrete Praxisbezug machen die Inhalte greifbar und anwendbar.

Nicht jede Übung passt für jeden Menschen, aber die Auswahl der beschriebenen Stabilisierungstechniken ist so umfangreich und vielfältig wie die Menschen, die unsere Hilfe suchen. Frau Lackner möchte Kolleg*innen und die Gesellschaft für dieses Thema sensibilisieren.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert

Teil 1 beinhaltet praxisrelevante Grundlagen, Teil 2 beschreibt die Vielfältigkeit von Stabilisierungstechniken, Teil 3 sind grundlegende Bedingungen für eine gelingende Traumabehandlung, Teil 4 ist der umfangreichste Teil mit Übungen und Interventionen.

Zu jedem Thema wird theoretisches Wissen beschrieben. Es folgt eine praktische Anwendung für die beschriebenen Übungen. Fallbeispiele und deren Analyse machen den Text lebendig und anschaulich.

Besonders gut hat mir die klare Formatierung des Textes gefallen. Beispiele sind vom Rest abgegrenzt. So findet man schnell, was man sucht. Kurze Zusammenfassungen, die in Stichworten die wichtigsten Informationen des letzten Abschnittes wiedergeben, runden die Kapitel ab.

Zum Thema „Suizidgedanken verstehen und verändern“ hätte ich mir ein bisschen mehr spezifische Ideen gewünscht. Der Verweis auf andere Stellen des Buches ist zwar hilfreich, wird der ansonsten sehr umfangreichen Darstellung und Durchdringung anderer Themen bei weitem nicht gerecht.

Alles in allem ein gelungenes Nachschlagewerk für viele therapeutische Situationen mit traumatisierten und komplex traumatisierten Klient:innen. Bravo und vielen Dank, Frau Lackner!

Lea Hellstern mit Stefanie Rösch


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Ohnmacht überwinden? Ja, mit dem Blick auf das Mögliche

19.12.2020 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Ein neuer Lockdown hat uns alle fest im Griff. Vielleicht gehören Sie auch zu den Menschen, die das als belastend und einschränkend. Vielleicht kennen Sie auch jemandem, dem es so geht.

Gerade traumatisierte Menschen können sich besonders ohnmächtig fühlen. Eine Übung, die dabei helfen kann, diese Ohnmachtsgefühle zu regulieren, möchte ich Ihnen im Folgenden vorstellen.

Sich ohnmächtig zu fühlen bedeutet, einem Problem oder einer Bedrohung gegenüber zu stehen und erstmal keine Lösung oder keinen Ausweg zu haben. Wir sind gefangen in der Situation und sehen nur, dass es nichts gibt, was wir tun können, um unsere Situation zu verbessern.

Besonders schlimm ist dieser Zustand, wenn uns Leid und Gewalt droht.

Wenn wir den Eindruck haben, dass wir keinen Einfluss mehr auf unser Leben haben, wie in diesen Zeiten, dann neigt unser Hirn dazu, sich genau auf das zu konzentrieren, was nicht geht. Damit verstärken wir den Eindruck von Einschränkung. Dabei gibt es noch so viele Dinge, die wir beeinflussen und sogar kontrollieren können.

Danke an Josh Sorenson von Pexels

Folgende Übung kann Ihnen dabei helfen, den Blick wieder auf die beeinflussbaren Momente zu richten.

Schreiben Sie eine Liste: Ich entscheide, …

Nehmen sie einen Zettel und einen Stift und schreiben sie einfach drauf los. Sie wollen sich auf das Mögliche konzentrieren. Welche Entscheidungen haben Sie heute schon getroffen? Um einen Anfang zu finden, bietet es sich an, mit ganz einfachen Entscheidungen anzufangen. Beispielsweise kann ich morgens entscheiden, ob ich aus dem Bett aufstehe oder nicht. Ich kann entscheiden, ob ich duschen gehe oder nicht. Ich kann entscheiden, mir einen Kaffee oder Tee zu machen. Ich kann entscheiden, ob ich Müsli oder Marmeladenbrot essen möchte oder ob ich jetzt oder später etwas esse.

Ich finde es hilfreich, im flüssigen Schreiben zu bleiben. Daher kann es auch mal zu Wiederholungen kommen oder die Punkte variieren nur leicht in der Formulierung. Das macht überhaupt nichts. Falls Sie nicht wissen, wo Sie anfangen sollen, dann entscheiden Sie JETZT, dass Sie diese Übung probieren wollen

  1. Ich entscheide, diese Übung zu machen.
  2. Ich hole mir ein Blatt Papier.
  3. Ich entscheide, mir einen Stift zu holen.
  4. Ich entscheide, jetzt weiterzulesen.

Oder Sie denken an Ihren letzten Morgen und beobachten, was Sie da gemacht haben-

  1. Ich habe entschieden aufzustehen.
  2. Ich kann entscheiden zu duschen.
  3. Ich entscheide, Zähne zu putzen.
  4. ???

Es gibt viele Handgriffe, bei denen Sie nicht den Eindruck haben, dass Sie sich aktiv dazu entschieden haben, diese zu tun. Das sind dann möglicherweise Gewohnheiten, die Sie im Autopiloten machen. Bei mir ist es beispielsweise der Knopfdruck, mit dem ich den Wasserkocher einschalte, direkt nachdem ich aufgestanden bin. Das habe ich schon so oft gemacht, dass es keine bewusste Entscheidung mehr erfordert. Dennoch habe ich vor einiger Zeit, als ich diese Routine entwickelt habe, die Entscheidung selbst getroffen. Deshalb darf es auch auf die Liste.

Danke an Simon Matzinger von Pexels

Schreiben Sie eine Liste: Strategien, um die Stimmung zu stabilisieren

Vielleicht gibt es Strategien, die Sie bereits eingeübt haben. Sie sind frei in der Entscheidung, diese Strategien anzuwenden. Sie können frei auswählen, was gerade für Sie funktioniert.

  1. Ich kann entscheiden, einen Spaziergang zu machen.
  2. Ich kann entscheiden, Yogaübungen zu machen.
  3. Ich kann Musik hören oder Fernsehen.
  4. Ich kann mich in meiner Wohnung frei bewegen.
  5. Ich kann ein Bad nehmen oder mir eine Wärmflasche machen.
  6. Ich kann etwas basteln. Ich finde ganz viele Anregungen auf YouTube, z.B. Weihnachtskarten mit aufklappbaren Weihnachtsbäumen
  7. Ich kann entscheiden, neue Themen zu erkunden, z.B. Bahnreisen auf YouTube verfolgen oder ein neues Rezept auszuprobieren oder eben auch nicht
  8. Ich kann entscheiden, mit einer Freundin oder einem Freund zu telefonieren oder auch nicht.
  9. Ich kann entscheiden, Schlüsselanhänger zu stricken und damit etwas Sinnvolles zu tun, oder frustriert darüber nachdenken, wann ich wieder mal ein Seminar mit echten Menschen machen darf, anstatt auf einen Bildschirm zu starren.
  10. Ich kann entscheiden, einen Blogartikel zu schreiben.
  11. Ich kann entscheiden ….

Ich entscheide, dass ich mich an allgemeine Regeln halte

Natürlich gibt es auch Dinge, die gegeben sind. Gesetze und allgemeine Regeln des Anstands. Unsere Gesetze sind der Gesellschaftsvertrag, der größtmögliche Freiheit für maximal viele Menschen ermöglicht. Ich entscheide mich, jeden Tag wieder neu, mich an diese Regeln zu halten, zum Wohle aller. Und Sie?

  1. Ich entscheide, das unangenehme Gefühl zu ertragen, das sich habe, wenn ich eine Maske trage.
  2. Ich entscheide, wenn ich keine Maske tragen will, zu Fuß zu gehen und nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.
  3. Ich entscheide, Abstand zu andere zu halten, auch wenn ich fest davon überzeugt bin, selbst gesund zu sein.
  4. Ich entscheide, es zu respektieren, dass es Menschen gibt, die aus medizinischen oder traumatischen Gründen keine Mund-Nase-Bedeckung tragen können.
  5. Ich entscheide, mich an Regeln und Gesetze zu halten, die mir nachvollziehbar und sinnvoll erscheinen.
  6. Ich entscheide, ohne Meckern die Konsequenzen zu tragen, wenn ich mich gegen eine Regel entschieden habe, erwischt werde und deswegen eine Strafe zahlen muss oder sonstigen Ärger bekomme.
  7. Ich entscheide …. Ärger aus dem Weg zu gehen.

Auch wenn Sie eine Regel nicht einhalten oder in abgewandelter Form anwenden, ist das eine Entscheidung, die Sie für sich treffen. Von QuerdenkerIn bis VirologIn kann man jede Variation der Regelanwendung bei anderen Menschen beobachten. Das ist so, weil diese Menschen für sich eine Entscheidung getroffen haben.

Der Moment der Entscheidung ist der Moment der Kontrolle in unserem Leben. Danach ist alles nur Illusion von Kontrolle.

Zuflucht.Vision

Egal was Sie tun, es ist Ihre Entscheidung

Jeder Tag ist voller Entscheidungen, ob Sie diese Entscheidungen Ihren Eltern nachgemacht und nie bewusst gefällt haben oder vor langer Zeit getroffen haben und heute gewohnheitsmäßig wiederholen. Dazu kommen all die bewussten Entscheidungen entsprechend Ihrer Vorlieben und Vorurteile, Ihrer Persönlichkeiten und Bedürfnisse. Vom Aufstehen und den Tag gestalten, über Essen und Trinken und Körperhygiene, bis hin zu Freizeitaktivitäten und Abendritualen. Es ist so viel möglich, auch wenn viele Dinge im Moment nicht gehen.

Persönlich schaue ich mir die Verordnungen an und überlege, ob mich der einzelne Punkt wirklich betrifft. Restaurants geschlossen – betrifft mich nicht. Natürlich betrifft es den Restaurantbesitzer, für den der Lebensunterhalt in Frage steht. Keine Veranstaltungen mit mehr als zwei Haushalten – das betrifft mich und meinen Lebensunterhalt. Nicht ins Kino gehen können – betrifft mich zwar, weil ich gerne Filme schaue, aber der Fernseher ist ein akzeptabler Ersatz.

Auf diese Weise mache ich mir bewusst, wo ich Einfluss habe und übe diesen Einfluss so oft es geht aus. Damit geht es mir dann besser und ich bleibe handlungsfähig und werde nicht traurig oder verzweifelt.

Die Liste ist für jeden Menschen ganz individuell

Schreiben Sie die Liste nur für sich selbst, Sie müssen sie keinem anderen Menschen zeigen. Jede und jeder trifft jeden Tag individuelle Entscheidungen, weil für verschiedene Menschen unterschiedliche Strategien funktionieren. Jeder Mensch hat andere Gewohnheiten.

Wenn die Ohnmachtsgefühle häufiger auftreten, ist es empfehlenswert, die Übung regelmäßig zu wiederholen. Man kann sie in den Alltag integrieren, indem man zum Beispiel jeden Morgen 10 Minuten lang eine Liste schreibt. Oder jeden Morgen 20 Entscheidungen auflistet, die man am Vortag getroffen hat. Hier wollen Sie ein Maß finden, das sich gut in Ihrem Alltag umsetzen lässt.

Danke an James Wheeler von Pexels

Warum funktioniert die Übung?

Machen Sie die Übung regelmäßig, bahnen Sie in Ihrem Gehirn Wege für die Gedanken, die zeigen, dass Sie frei entscheiden können. Diese Übung lenkt die Gedanken auf Ihren Entscheidungsfreiraum. Sie macht sichtbar, an wie vielen Stellen Sie im Alltag freie Entscheidungen treffen.

Wenn Sie sich ohnmächtig fühlen, entsteht der Eindruck, dass Sie keine freien Entscheidungen treffen können. Vielleicht gibt es automatische Gedanken wie „Ich kann an meiner Situation eh nichts ändern“ oder „Ich kann das nicht“ oder „Ich schaff das nicht“ oder „Ich bekomme sowieso keine Hilfe“.

Es lohnt sich, diesen Gedanken zu prüfen. Stimmt das wirklich? Schauen Sie auf Ihre Liste und prüfen Sie, ob diese Annahme noch haltbar ist. Eine Liste voller Entscheidungen lässt sich mit dem Gefühl von Ohnmacht schwer vereinbaren. Sie zeigt genau das Gegenteil auf: Sie treffen Entscheidungen. Sie sind nicht machtlos.

Sie haben die Möglichkeit und die Verantwortung, Ihr Leben zu gestalten. Sogar während einer Pandemie.

Ich wünsche Ihnen viele gute Entscheidungen für die kommenden Tage und einen guten Blick für das Beeinflussbare in Ihrem Leben.

Ihre Stefanie Rösch

p.s. Vielen Dank für die Idee und Vorarbeit zu diesem Artikel an Clara B.

Danke an Tobias Bjorkli auf Pexels

Eine ausführliche Anleitung: Die Hier-und-Jetzt-Übung

27.01.2017 Veröffentlicht von Strategien 6 Kommentare

Ich glaube, ich habe die Hier-und-Jetzt-Übung in diesem Blog noch nie ausführlich beschrieben, obwohl ich sie immer wieder erwähnt habe. Das soll sich heute ändern.

Wenn man mit belastenden Erinnerungen kämpft, Erinnerungen, die sich immer wieder wie von selbst aufdrängen, nicht enden wollen und Ihnen als grausame Erinnerungsattacken das Leben schwermachen, dann ist es aus meiner Erfahrung besonders wichtig, dass Sie erleben, dass SIE entscheiden, womit Sie sich bewusst beschäftigen wollen. Das erreichen Sie am schnellsten, wenn Sie Ihr Bewusstsein mit der Gegenwart füllen, also mit dem, was Ihre Sinnesorgane jetzt gerade wahrnehmen. Das funktioniert folgendermaßen. Beantworten Sie die folgenden Fragen, während Sie sie lesen:

Was sehen Sie jetzt gerade? Was hören Sie jetzt – im Raum oder weiter weg? Können Sie Ihre Füße auf dem Boden spüren? Was machen Ihre Hände gerade? Können Sie den Stuhl spüren, auf dem Sie gerade sitzen? Haben Sie ein Getränk in der Nähe und können einen Schluck nehmen und schmecken, welche Aromen Sie wahrnehmen? Oder haben Sie ein Parfum oder einen anderen riechenden Gegenstand, den Sie bewusst wahrnehmen können? Wonach duftet er?

Wenn Sie anfangen, sich darauf zu konzentrieren, was Sie gerade sehen, hören, schmecken, riechen und spüren, kann es hilfreich sein, das laut vor sich her zu sagen. Oder Sie können jemanden bitten, Ihnen aus der Erinnerungsattacke herauszuhelfen, indem er Sie danach fragt, was Sie gerade wahrnehmen. Diese Person kann genau nachfragen, was Sie wahrnehmen, also zum Beispiel, welche Formen, Farben, Oberflächen, Materialien. Ein Wollpulli hat eine andere Oberfläche als ein Baumwollhandtuch oder ein Holztisch oder ein Metalllöffel.

Wenn ich, Stefanie Rösch, in diesem Augenblick mein Bewusstsein mit Gegenwart füllen möchte, dann würde sich das folgendermaßen anhören: Ich sehe vor mir den Bildschirm meines Computers. Ich höre Filmmusik dazu, eine Geige im Moment mit einem leicht melancholischen Thema. Ich rieche den Duft von Beeren von meiner Kerze und mein Tee schmeckt nach Ingwer, ein bisschen zitronig und leicht scharf. Der Tee ist nur noch lauwarm, und jetzt sind viele Geigen zu hören und irgendwelche Bläser und das Klackern der Tastatur. Die Buchstaben werden rot unterstrichen, wenn ich einen Schreibfehler mache oder das Programm ein Wort wie zitronig nicht kennt und so weiter.

Machen Sie die Hier-und-Jetzt-Übung immer wieder und wieder. Sie hilft Ihnen zu spüren, dass SIE entscheiden, worüber Sie nachdenken, selbst wenn etwas sehr Belastendes passiert ist.

Es mag sein, dass es Ihnen am Anfang sehr schwer fällt, diesen Text am Stück zu lesen und zu verstehen, aber geben Sie nicht auf! Lesen Sie die Zeilen wieder und wieder bis Sie sie verstehen. Auch wenn es einmal 10 Minuten oder länger dauert. Das kann durchaus sein, wenn Sie etwas sehr Belastendes erlebt haben.

Kommen Sie immer wieder zurück in die Gegenwart! Zurück in den Augenblick, in dem nichts mehr passiert und in dem Sie sicher sind.

Nur Mut!

Noch mehr Sinn: Frohsinn 2: Wie trainieren Sie glücklich zu sein?

11.01.2016 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Hier eine super Vorlesung zu diesem Thema. Vera F. Birkenbihl hält eine unterhaltsame und lustige Vorlesung zum Thema Humor. Mit einigen sehr pragmatischen Übungen, wie man es sich im Leben leichter machen kann.

Es lohnt sich, die Übungen mitzumachen. Viel Spaß dabei!

Noch mehr Sinn: Realitäts- und Wirklichkeitssinn

20.03.2015 Veröffentlicht von Lesestoff, Strategien 0 Kommentare

Wir haben einen Sinn für die Realität, für das, was wir für wirklich halten. Wir haben die Möglichkeit, uns nicht in Phantasien oder das Unbewusste zu flüchten, sondern im Hier und Jetzt zu leben und bewusste Entscheidungen zu treffen.

Natürlich ist das, was wir für wirklich oder für real halten nur das Ergebnis eines Lernprozesses, dessen Ziel das Überleben des Individuums ist.

Erst neulich habe ich einen spannenden Vortrag über Wahrnehmungspsychologie gesehen, in dem mal wieder klar wurde, dass wir die Bilder, die wir sehen, konstruieren.

Wir haben gelernt, mit anderen über unsere Wahrnehmungen zu reden und uns geeinigt, dass bestimmte Wahrnehmungen mit bestimmten Wörtern benannt werden. Wir haben gelernt, einen bestimmten Wellenbereich des Lichts als Grün zu bezeichnen oder als Rot oder Gelb. Wir haben gelernt einen bestimmten Gesichtsausdruck als Trauer oder Wut zu interpretieren. All diese Wahrnehmungen sind wichtige Informationen im täglichen Überlebenskampf. Farben halfen, unsere Fressfeinde rechtzeitig zu erkennen. Emotionen helfen uns sich in Handlungsbereitschaft zu versetzen und zwischenmenschliche Beziehungen zu regeln. Wenn ich sehe, dass jemand wütend ist, kann ich anders darauf reagieren als wenn jemand traurig ist.

Ein kleines Selbstexperiment

Für mich immer wieder beeindruckend ist ein Experiment aus meinem Psychologiestudium gewesen, bei dem man für kurze Zeit sehen kann, dass wir im Grunde ständig durch ein Netz aus Blutgefäßen hindurch sehen. Die Zellen, die Licht in elektrische Impulse umwandeln (Rezeptoren), die unser Gehirn dann als Farbe und Helligkeit versteht, werden Zapfen (Farbe) und Stäbchen (Dämmerungssehen) genannt. Beide Zellarten müssen durch ein sehr feines Gefäßnetz mit Blut versorgt werden. Diese Blutversorgung liegt vor den Sinneszellen. Das bedeutet, trifft Licht auf das Auge und geht durch die Pupille hinein, dann muss es durch ein Gewirr von Blutgefäßen hindurch, bevor es auf die Zellen trifft, die elektrische Impulse herstellen können. Das heißt, wir sehen unsere Welt ständig durch einen Wald von Blutgefäßen – ohne es zu bemerken.

Wenn Sie diese Blutgefäße einmal sehen wollen, dann versuchen Sie Folgendes: Nehmen Sie eine Taschenlampe. Dann schauen Sie gerade aus und wenden gleichzeitig Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Augen. Wenn Sie nun die Taschenlampe ganz nah von der Seite an einen Augenwinkel halten, also vom Augenwinkel aus mit der Taschenlampe ins Auge und dann einschalten, können Sie für einen Moment die dunklen Äste der Blutversorgung des Auges sehen. Vielleicht müssen Sie es ein oder zweimal probieren, um Ihre Aufmerksamkeit auf diese nahe Wahrnehmung zu konzentrieren. Aber dann werden Sie es sehen können.

Da das Gehirn sich schnell an neue Informationen anpassen kann, verschwindet dieser Effekt wieder und das Gehirn „überschreibt“ oder „konstruiert“ die fehlende Information. Denn überall da, wo Blutgefäße vor den Sinneszellen liegen, kann das Licht diese Zellen nicht anregen und zum Feuern bringen. Insofern müssten wir ständig unsere eigenen Blutgefäße sehen. Das tun wir nicht, weil unser Gehirn die Informationen ergänzt. Wir glauben ein ununterbrochenes Bild unserer Umgebung zu haben, in Wahrheit ist ein Teil dieses Eindrucks vom Gehirn ergänzt. Ein weiteres Beispiel ist die Farbwahrnehmung. Nur der Bereich auf den wir uns fokussieren (Fovea) kann bewusst farblich wahrgenommen werden. Hier befinden sich nämlich der Großteil der für die Farbwahrnehmung essentiellen Zapfen. Unser peripheres Sehen ist eigentlich Schwarz/Weiß. Doch unser Gehirn ergänzt die fehlenden Farben automatisch. Was für eine Leistung!

Dieses ununterbrochene Bild unserer Umgebung halten wir für real, weil wir es nicht anders kennen. Schauen wir genau hin, dann können wir feststellen, dass das so nicht stimmt. Wenn wir uns damit beschäftigen können wir dankbar für die großartige Leistung unseres Gehirns sein.

Das ist nur ein einfaches Beispiel. Wenn Sie im Internet auf die Suche nach optischen Illusionen gehen, werden Sie noch mehr Hinweise darauf finden, dass wir nicht „die“ Realität sehen, sondern „unsere“ Wirklichkeit. Wenn das bei so etwas Einfachem wie dem Sehen von Farbe oder Helligkeit so ist, warum sollte es dann bei so etwas Komplexen wie Erinnerungen oder menschlicher Kommunikation anders sein?

Die gute Nachricht ist, dass wir uns einerseits auf das Gelernte verlassen dürfen. Es diente immer unserem Überleben. Sind wir noch da, haben wir hilfreiche Dinge gelernt.

Da wo es uns nicht gut geht, haben wir die Freiheit zu überprüfen, woran es liegt und ganz gezielt Änderungen vorzunehmen. Denn wir haben einen Realitätssinn. Wir können unsere gegenwärtigen, aktuellen Wahrnehmungen mit denen von anderen oder mit unserer Erinnerung überprüfen und so zu einer neuen Wahrnehmung und neuen Wirklichkeit finden.

Wenn wir immer glaubten, dass das, was uns Angst macht, tatsächlich so ist, dann können wir heute überprüfen, ob es einen realen Grund für unsere Ängste gibt (Realitätscheck). Wir werden mit der Hilfe unseres Realitätssinns in der Lage sein, Phantasie von Gegenwart zu unterscheiden, denn dafür haben wir unseren Realitätssinn. Zum Überprüfen der gegenwärtigen Realität mit all den Annahmen und Phantasien über die aktuelle Wirklichkeit.

Eine meiner beliebten Übungen dazu ist (eine Form des Realitätschecks): Wenn Sie vermuten, dass jemand etwas Bestimmtes über Sie denkt, dann fragen Sie, was die Person gerade denkt. Sie werden erstaunt sein, wie oft Ihre Vermutung nicht mit dem übereinstimmt, was Ihnen der andere antwortet. Das ist ein Hinweis darauf, dass Ihre Vermutung eine Phantasie ist, was Vermutungen erstmal IMMER sind: Phantasie.

Danach haben sie die Wahl, ob Sie glauben, was Ihnen der andere sagt oder nicht. Diese Entscheidung können Sie an der vergangenen Erfahrung mit genau dieser Person prüfen. Wie war es bisher mit dieser einen Person. Begehen Sie nicht den Denkfehler der Verallgemeinerung (Kindlicher Größenwahnsinn / Schuldgefühle) und vergleichen die Aussage mit ALLEN Ihren Erfahrungen. Sondern nur mit der Erfahrung mit dieser einen Person. Das ist der einzige halbwegs zuverlässige Maßstab, den Sie haben.

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Beau Lotto: Das Vortragsvideo ist leider nur auf English und ohne deutsche Untertitel, aber die visuellen Spielereien kann man vielleicht trotzdem sehen und sich wundern. Im Grunde geht es meist darum, welche Farben sind gleich. Jedoch hängt es von der Umgebungsfarbe ab, wie wir die Farbe wahrnehmen. Am lustigsten ist das Experiment mit den zwei Farbflächen und darunter zweimal das Bild einer Wüste. Zuerst muss man für 30 sec auf den weißen Punkt zwischen den Farbflächen schauen, dann auf den weißen Punkt zwischen den Wüstenbildern. Immer wieder eine tolle Erfahrung, wie anpassungsfähig und umgebungsabhängig unsere so „objektive“ Wahrnehmung ist.

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