„Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung“ – Stefanie Rösch, 2013

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Achtung Gott: Noch mehr Sinn: Wahrheitssinn

17.04.2016 Veröffentlicht von Achtung Gott! 0 Kommentare

Dann, nachdem er (Jesus) sich mit ihnen zum Essen niedergelassen hatte, nahm er das Brot und sprach das Dankgebet. Er brach das Brot in Stücke und gab es ihnen. Da fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen und sie erkannten ihn. Im selben Augenblick verschwand er vor ihnen. Sie sagten zueinander: »War unser Herz nicht Feuer und Flamme, als er unterwegs mit uns redete und uns die Heiligen Schriften erklärte?« (Lukas 24, 30–32)

Genau so erlebe ich es, wenn ich spüre, dass Gott zu mir spricht oder etwas die Wahrheit ist. Das ist unser Wahrheitssinn für Gottes Wahrheit. So wie wir in unserem Alltag spüren, ob wir angelogen werden oder nicht, so spüren wir, wenn Gott uns eine Wahrheit mitteilt.

Auch im Glaubensleben ist Wahrheit etwas, dass wir prüfen können und sollten. Es geht nicht darum, unkritisch alles zu glauben. Jeder ist eingeladen zu hinterfragen, denn als Ebenbilder Gottes können wir wissen, wenn wir es mit der Wahrheit zu tun haben. Die Wahrheit, Gottes Wahrheit kann uns helfen uns zu entwickeln. Das geht nur über die Auseinandersetzung und das geht nur über Fragen und Diskussion.

Wir können Lügen entlarven, wenn wir uns trauen, eine Behauptung zu Ende zu denken. An dieser Stelle fallen mir all die Täterlügen ein. „Du bist selbst schuld“, „Dir glaubt sowieso keiner“ und wie sie alle heißen. Aber wenn man sich traut, diese Aussagen zu überprüfen, indem man sich klar macht, dass man nur Schuld für etwas haben kann, dass man auch kontrollieren kann (Warum dann Schuldgefühle?), wozu Tätergewalt sicher nicht gehört – dann ist klar, dass „Du bist selbst schuld“ eine glatte Lüge ist. Das gleiche gilt für „Dir glaubt sowieso keiner“. Wenn man diese Behauptung überprüft, indem man mehreren Menschen erzählt, was man erlebt hat, dann wird man feststellen, dass es in dieser absoluten Formulierung eine Lüge ist.

Allerdings gibt es eine ganze Reihe psychologischer Gründe, eine unbequeme Wahrheit zu überhören, sie nicht hören zu wollen oder sich der Erkenntnis zu entziehen. Zum Beispiel, weil wir nicht glauben wollen, dass Gewalt in unserer Nachbarschaft oder in unserer Stadt stattfindet, weil wir – würden wir die Wahrheit glauben, aufgefordert wären, uns entsprechend zu verhalten und Unrecht aufzudecken, was uns Angst machen kann, also ist es besser, so zu tun, als würde es die Gewalt nicht geben. Ein nachvollziehbarer, menschlicher Grund, die Wahrheit nicht sehen zu wollen.

Genauso können wir uns einer Wahrheit von Gott verweigern, aus Angst. Gerade heute bekam ich von einem jungen Mann einen spannenden Gedanken dazu: Wieso müssen manche Menschen so sehr darum kämpfen, um anderen zu beweisen, dass es Gott nicht gibt? Es könnte ihnen doch einfach egal sein. Aber das ist es nicht. Sie kämpfen und versuchen sich selbst und andere davon zu überzeugen, dass … ja was? Dass es Gott nicht gibt? Aber kann ich denn gegen etwas ankämpfen, das nicht existiert?

Wir können Wahrheit erkennen, vor allem im persönlichen Gespräch mit Gott. Wir können auch entscheiden, nicht hinzuhören. Wir haben eine Wahl. Es ist nicht so, dass Gott uns die Wahrheit ins Gesicht schreit, auch wenn er das könnte, sondern manchmal ist es nur ein Flüstern, ein Ahnen. Doch dann wieder ist es so deutlich wie es für die Jünger nach der Auferstehung war: Deutlich sichtbar, ein Brennen im Herzen, Flammen der Wahrheit in den Eingeweiden, die man nicht ignorieren kann.

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“
(2. Mose 20, 16)

Nicht nur, dass wir Wahrheit erkennen können, wir sind auch aufgerufen, ehrlich zu sein und die Wahrheit zu sagen. Das ist im Alltag nicht immer so leicht. Und gerade in Situationen, in denen wir keine Macht haben, kann der einzige Weg, sich nicht ununterbrochen ohnmächtig zu fühlen sein, sich mit einer Lüge ein bisschen Vorhersehbarkeit zu erkaufen. Wieder ist die Rede von einem Umfeld voller Gewalt und nicht von dem Leben der meisten Menschen. Ich bin sicher, dass Gott dafür großes Verständnis hat. Er sieht jeden Einzelnen in seiner Not und weiß genau, warum wir uns so verhalten.

Die wir in Sicherheit leben, sind zur Wahrheit aufgerufen und trotzdem ist klar, dass uns das nicht immer gelingt, wir uns nicht immer trauen oder einfach keine Lust auf die Konsequenzen haben, die es haben kann, wenn wir unserem Chef sagen, dass wir seinen Führungsstil unangemessen finden oder das Outfit einer Freundin bedenklich.

Gut, dass wir einen barmherzigen Gott haben, der lächelnd zuschaut, uns mit einem schlechten Gewissen ermahnt, um uns dazu aufzumuntern, es jeden Tag wieder aufs Neue zu versuchen. Wie wir das hinkriegen können?

Ich erinnere mich dann daran:

„Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.“ (Epheser 6, 13–17)

Und daran:

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
(Johannes 8, 30–36)

Das macht mir immer wieder Mut, meinen Wahrheitssinn zu schärfen und für die Wahrheit einzutreten. Was ist Ihre Methode?

Achtung Gott: Noch mehr Sinn: Freiheitssinn

08.02.2016 Veröffentlicht von Achtung Gott! 0 Kommentare

2. Korinther 3,17 Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

Als ich mich mit dem Freiheitssinn beschäftigte stieß ich auf Galater 5, 13 – 26 (Basisbibel):

Das Leben in Freiheit
Die Gegenspieler: Menschliche Selbstsucht und Liebe aus der Kraft des Geistes

Brüder und Schwestern, ihr seid zur Freiheit berufen! Allerdings nicht zu einer Freiheit, die nur den Vorwand liefert für eure irdische Gesinnung.
Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe. Denn das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn ein einziges Gebot befolgt wird. Nämlich folgendes: »Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!«
Aber wenn ihr einander wie wilde Tiere beißt und gegenseitig auffresst, dann passt auf! Sonst wird am Ende noch einer vom andern verschlungen.
Damit will ich sagen: Lasst euer Leben vom Geist Gottes bestimmt sein und richtet es danach aus. Dann werdet ihr nicht euren selbstsüchtigen irdischen Wünschen nachgeben. Denn eure irdische Gesinnung kämpft gegen den Geist Gottes und der Geist Gottes gegen eure irdische Gesinnung.
Diese beiden ringen ständig miteinander, sodass ihr nie tun könnt, was ihr eigentlich wollt. Aber wenn ihr euch vom Geist Gottes leiten lasst, untersteht ihr nicht dem Gesetz.
Im Übrigen ist es ja offensichtlich, was eure irdische Gesinnung hervorbringt: Unzucht, Unsittlichkeit und Zügellosigkeit, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Wut, Eigennutz, Uneinigkeit, Lagerbildung, Neid, Besäufnis, Fressgelage und Ähnliches.
Ich warne euch, wie ich es schon früher getan habe: Wer sich so verhält, wird keinen Anteil am Reich Gottes erhalten. Der Geist dagegen bringt als Ertrag: Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Güte und Großzügigkeit, Treue, Freundlichkeit und Selbstbeherrschung. Gegen all das hat das Gesetz nichts einzuwenden.
Nun, wer zu Christus Jesus gehört, hat seine irdische Gesinnung ans Kreuz genagelt – mit allen Leidenschaften und Begierden. Wenn wir durch den Geist Gottes das Leben haben, dann gilt: Aus diesem Geist heraus wollen wir auch unser Leben führen.
Wir sollen nicht überheblich auftreten, einander nicht herausfordern und nicht neidisch aufeinander sein.

Ich habe mir diesen Text Wochen lang und Stunden lang angeschaut und ihn immer wieder gelesen. Ich fand ihn faszinierend. Für mich die wichtigste Aussage, die mich erreichte war: Wenn wir es schaffen ganz aus dem wichtigsten Gebot zu leben, das da lautet: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst; wenn uns das gelingt, dann benötigen wir kein anderes Gesetz (10. Gebote und all die anderen Gesetze, die es in der Bibel gibt) mehr, weil darin alles enthalten ist.

Ich dachte, wie cool ist das denn? Nicht dass ich glaube, dass wir ohne Gesetze auskommen werden, sicher nicht zu meinen Lebzeiten. Aber allein die Vorstellung, dass wir als Menschen dazu in der Lage sind, fand ich berauschend. Da lohnt es sich doch, danach zu streben. Die Bibel gibt mir im Alltag Anhaltspunkte, wie das „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ zu verstehen sein kann. Sie ist mir wie ein Arbeitsbuch, ein Wegweiser. Meine Glaubensgeschwister können mir im Gespräch ebenfalls helfen herauszufinden, wie dieses Gebot in einer konkreten Situation zu verstehen sein kann.

Die zweite wichtige Aussage für mich ist: Wir können frei sein.

Aber was bedeutet Freiheit? Ich glaube, dass damit gemeint ist, dass wir nicht an die Abläufe in unserem Körper gebunden sind, vor allem nicht an unseren Autopiloten mit all dem automatischen Mist, den wir aufgrund von vergangenen Erfahrungen mit uns herumtagen. Ich glaube, dass wenn in diesem Text von „irdischer Gesinnung“ gesprochen wird und in anderen Übersetzungen an dieser Stelle irdische Gesinnung auch mit Fleisch übersetzt wird, dass damit unser Körper gemeint ist und damit unsere Psychologie. Es geht um den Kampf von Unbewusstem/Autopilot gegenüber der willentlichen/bewussten Entscheidung für Gottes Weg. Es geht um die Auseinandersetzung von wahrer (Nächsten-)Liebe, die nur in Freiheit ge- und erlebt werden kann gegenüber der Angst, die an unseren Körper und seinen Selbsterhaltungstrieb gebunden ist.

Ein weiser Kollege sagte einmal, hinter jeder Angst steht eine Todesangst. Wenn das so ist, dann ist Angst ein alleiniges Produkt unseres vergänglichen Körpers. Wenn wir keinen Körper hätten, hätten wir keine Angst mehr. Wir könnten keine Angst mehr empfinden und wären in der Folge nicht mehr manipulierbar über unsere Angst. Wie großartig wäre das? Es ist etwas, womit wir uns unser Leben lang beschäftigen müssen, da wir solange wir in unseren Körpern leben Angst vor dem Tod oder vor dem (schmerzhaften, qualvollen, einsamen) Sterben haben werden. Das ist eine Auseinandersetzung, die uns daran hindert unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.

Eine dritte Erkenntnis aus diesem Text ist für mich: Alles, was uns nicht gut tut entsteht daraus, dass wir uns mit anderen vergleichen und Dinge bewerten, also in Kategorien packen.

Das ist im Wesentlichen, was wir im Paradies als Fähigkeit erworben haben: Erkenntnis, was gut ist und was böse. Nicht nur, dass wir die Dinge bewerten (Viel, wenig, wertvoll, wertlos), macht das Leben für uns schwer, sondern dass wir uns mit anderen vergleichen und dann voller Neid sind, weil wir Angst haben, zu wenig zu haben oder zu bekommen. Da ist sie wieder, die Angst.

Der vierte interessante Punkt findet sich in den Möglichkeiten der Freiheit. Was möglich wird, wenn wir uns von der Angst befreien und uns für Liebe deinen Nächsten wie dich selbst entscheiden.

Paulus nennt die Liebe (von mir ergänzt: für alle), Freude (für alle), Frieden (für alle), die wir durch Geduld (mit mir und anderen), Güte (mit mir und anderen), Großzügigkeit (mir gegenüber und anderen gegenüber), Treue (mir selbst und anderen) und Freundlichkeit (mir und anderen gegenüber). Selbstbeherrschung stellt dabei die Strategie dar, die uns vor all den negativen Dingen schützen kann. Selbstbeherrschung macht es uns möglich, uns gegen unsere konkrete Angst zu entscheiden und nicht aufgrund der Angst zu handeln, sondern aus Liebe, selbst wenn wir sie nicht empfinden, weil wir voller Angst sind. Aber wir haben die Freiheit, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Ich finde das immer wieder großartig und wert danach zu streben und mir zu sagen, es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern das Ideal anzustreben und so jeden Tag voran zu kommen und damit freier zu werden.

In meiner Arbeit habe ich schon so oft gesehen, was passiert, wenn Menschen anfangen, diese Entscheidungen gegen ihre Ängste zu treffen. Dann passiert Umwerfendes, Freiheit, Leben und Lebendigkeit, Inspiration und wahre Nächstenliebe.

Wir sind zu dieser Freiheit berufen, wir spüren sie, wir wollen sie, wir suchen sie. Das ist unser Freiheitssinn. Wir können frei sein. Frei von Angst. Offen unseren Nächsten zu lieben und auch uns selbst.

Ist das nicht großartig?

Achtung Gott: Unser Gottessinn?

18.01.2016 Veröffentlicht von Achtung Gott! 0 Kommentare

Ich habe mich im letzten Jahr intensiv mit dem Thema Sinne auseinandergesetzt und kam zu dem Schluss, dass wir noch andere Sinne haben als unsere Sinnesorgane. Dass wir noch andere Dinge wahrnehmen können wie Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit etc (Übersicht).

Am 8. Januar 2016 las ich auf der Suche nach einem Einstieg in einen Achtung Gott-Artikel zu diesem Thema in den Losungen folgenden Vers:

Römer 12, 2 (Luther): „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Es war mir sofort klar, dass hier ein weiterer Hinweis steht, der für mich zu all den anderen passt, die ich im vergangenen Jahr fand. Ich schaute mir noch die eine oder andere Übersetzung an, unter anderem auch diese:

Römer 12,2 (Basisbibel): „Und passt euch nicht dieser Zeit an. Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was der Wille Gottes ist: Ob etwas gut ist, ob es Gott gefällt und ob es vollkommen ist.“

Als ich das las, dachte ich sofort, das ist wieder so verkopft. Geht es wirklich darum, anders zu denken? Also schaute ich mir noch die lateinische Übersetzung und den griechischen Text an:

Römer 12, 2 (Latein): “Et nolite conformari huic sæculo, sed reformamini in novitate sensus vestri : ut probetis quæ sit voluntas Dei bona, et beneplacens, et perfecta.”

Römer 12, 2 (Griechisch): „και μη συσχηματιζεσθε τω αιωνι τουτω αλλα μεταμορφουσθε τη ανακαινωσει του νοοσ εισ το δοκιμαζειν υμασ τι το θελημα του θεου το αγαθον και ευαρεστον και τελειον.“

Pons sagt zu „sensus“: Empfindung, Gefühl, (Sinnes-)Eindruck, (Sinnes-)Wahrnehmung, Empfindungsvermögen, -kraft, Sinn, Sinnesorgan, Besinnung, Bewusstsein, Verstand, Denkvermögen, (gesunder) Menschenverstand, Vernunft, Verständnis, Urteil(sfähigkeit), Sachverstand, Geschmack, Meinung, Ansicht, Gedanke, geistiger Gehalt, Bedeutung, Sinn, Inhalt, Gedanke, Idee, Gefühl, seelische Empfindung, innere Regung, innere Anteilnahme, Gesinnung, Denkungsart, Sinnesart, Stimmung

Und bei Walter Bauer, (S. 1102) findet sich zu „νουσ“: Verstand, Fähigkeit zu denken, bezeichnet das sinnliche und geistige Wahrnehmungsvermögen, sittliches Urteilsvermögen, Erkenntnisvermögen, Vernunft, Sinn, Gesinnung im Sinne von sittlicher Haltung, Gedanke, Ratschluss, Meinung.

In meinem guten alten Langenscheidts Taschenwörterbuch Altgriechisch (1990) fand ich zu „νουσ“ und „νοοσ“: Sinn, Besinnung, Denkkraft, Verstand, Vernunft, Geist, Einsicht, Klugheit, Gemüt, Herz, Gesinnung, Denkweise, Gedanke, Meinung, Wunsch, Absicht, Wille, Aufmerksamkeit.

Ich habe mich gefragt, ob ich Gott wirklich durchs Denken wahrnehme. Ob ich seinen Willen für mein Leben vorrangig durch Gedanken wahrnehme. Oder ob ich die Momente, in denen er zu mir sprich nicht vielmehr im Körper spüre und mein Verstand mir eher einen Streich spielt, weil ich dort viel leichter seine Worte verwechsle mit Satans Worten oder meinen eigenen Gedanken und Meinungen zu etwas, die vorwiegend durch meine Lebenserfahrung „programmiert“ sind und einfach automatisch auftauchen.

Wenn ich mir die Worte „sensus“ und „νοοσ“ und ihre Bedeutungen anschaue, dann finde ich dort lauter Worte, die mit einer ganz persönlichen und individuellen Art die Welt wahrzunehmen, Reize zu verarbeiten und seine Schlüsse daraus zu ziehen zu tun haben. Das ist es, was ich dort sehe. Die individuelle Begegnung mit Gott. Jeder mit dem Sinn, der für ihn und für Gott gerade passend ist.

Für mich ist klar, dass ich meine Gotteserfahrung vorwiegend über Körperwahrnehmungen mache. Über das Erschauern und Gänsehaut bekommen, wenn ich spüre, Gott ist gegenwärtig und schenkt mir einen heiligen Moment. Oder er schenkt mir, Zeugin eines seiner vielen Wunder zu sein. Begegnungen mit Gott lösen in mir ein tiefes Sehnen aus, einen Schmerz, den ich körperlich spüre, im Herzen. Insofern spricht mich die alte Lutherübersetzung deutlich mehr an als die für mich zu „verkopfte“ neue Übersetzung der ansonsten wunderbaren Basisbibel.

Natürlich kenne ich es auch, dass Gott über Gedanken oder eine innere Stimme zu mir spricht, in Worten. Er hat es in Gefahrenmomenten getan, um mich zu warnen: Gefahr. Du musst hier weg. Hörte ich und natürlich hatte er Recht. Das war sehr eindrücklich. Warnungen vor Lügen habe ich schon als Körpergefühl bekommen, als innerliches Zusammenziehen oder Anspannen, als Druck im Magen mit dem Gedanken dazu: Achtung, was jetzt kommt stimmt nicht.

Als Erinnerung, dass ich auf meinem eigenen Weg bleiben soll auch wenn andere mir „in Gottes Namen“ Botschaften überbringen, machte ich dann Bekanntschaft mit dem Prophet, der sich von einem anderen Propheten vom Weg abbringen lies, wahrscheinlich, weil es angenehmer war oder leichter, als den eigenen auferlegten Weg weiterzugehen. Es kostete ihn das Leben. Nachzulesen bei 1. Könige 13. Als ich die Geschichte las spürte ich im Bauch, dass Gott mir hier etwas Wichtiges sagt. Das ist bei weitem nicht immer so, wenn ich Bibel lese. Aber immer dann, wenn Gott gegenwärtig ist, lässt er es mich meist körperlich spüren.

Ich glaube, dass jeder von uns in der Lage ist, Gottes konkrete für ihn oder sie bestimmte ganz persönliche Gegenwart wahrzunehmen, die Momente, in denen Gott mit uns persönlich kommuniziert. Wie wir ihn wahrnehmen oder woran wir merken, dass wir es mit Gott in unserem Leben zu tun haben, ist in meiner Erfahrung häufiger ein Gefühl, eine Körperwahrnehmung als Worte, so wie wir andere Freundschaften und Beziehungen und deren Auswirkungen auf uns ja auch über Gefühle, sprich Körperreaktionen wahrnehmen. Aber sicher gilt das nicht für jeden und jede. Und natürlich kann Gott auch mit Worten zu uns sprechen und wir wissen, wenn wir uns trauen, dass er es ist und niemand anderes.

Wir haben also auch einen Gottessinn, könnte man sagen. Und Römer 12, 2 fordert uns dazu auf, diesen Gottessinn zu entwickeln, indem wir unser Spüren, Wahrnehmen, Fühlen, Denken einer Metamorphose (so das Wort im Griechischen Text), einer Verwandlung unterziehen, um dann Gottes Willen für unser Leben spüren zu können. Jeder auf seine Weise.

Spannend ist nun die Antwort auf die Frage: Woran oder wie spüren Sie Gottes ganz persönliche Gegenwart in Ihrem Leben und wie spricht er zu Ihnen, bzw. woher wissen Sie, dass Sie mit Gott gesprochen haben?

Noch mehr Sinn: Frohsinn 2: Wie trainieren Sie glücklich zu sein?

11.01.2016 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Hier eine super Vorlesung zu diesem Thema. Vera F. Birkenbihl hält eine unterhaltsame und lustige Vorlesung zum Thema Humor. Mit einigen sehr pragmatischen Übungen, wie man es sich im Leben leichter machen kann.

Es lohnt sich, die Übungen mitzumachen. Viel Spaß dabei!

Noch mehr Sinn: Frohsinn

04.01.2016 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

„Froh zu sein bedarf es wenig, denn wer froh ist, ist ein König.“

So ein bekannter Kanon. Am Ende des Artikels eine Version von den Söhnen Mannheims. Direkt zum Mitsingen. Zum Spaß haben.

So soll es sein. Frohsinn. Unser Sinn, Spaß wahrzunehmen, Freude zu erkennen und zu fühlen, Glück zu spüren. Auch dafür haben wir einen Sinn und schaut man sich das Internet mit seinen vielen Filmchen an, so ist ein großer Teil der Freude, dem Lachen und dem Spaß gewidmet. Kein Wunder, denn wie an anderer Stelle bereits beschrieben, haben wir ein großes Bedürfnis danach zu lachen und glücklich zu sein. Man könnte sagen ein Glücksbedürfnis. Also das Bedürfnis nach Glück, das wie alle Bedürfnisse aus einem Zustand der Knappheit oder des Mangels entsteht. Wenn dem so ist, dann wären all die lustigen Filme, all die Witze, die wir uns erzählen und zeigen, der Versuch einem Mangelzustand entgegen zu wirken. Einem Mangel an Freude.

Haben Sie schon einmal einen hysterischen Lachanfall gehabt? Das ist anstrengend, aber auch entspannend, hinterher – wie immer berichtet wird. Lachen wirkt Stress entgegen, das weiß im Grunde jeder. Ich hatte neulich so einen Anfall. Ich weiß nicht einmal mehr, worüber ich so gelacht habe, dass mir die Tränen kamen. Das ist das Lustige daran, dass ich nicht vorhersagen kann, was ich zum Schreien komisch finde. Meist entsteht so ein Zustand daraus, dass ich etwas ein bisschen lustig finde und mich dann in meiner Phantasie hineinsteigere und es mir noch lustiger und noch extremer vorstelle. Nicht immer können andere das nachvollziehen. Nicht immer kann ich es selbst nachvollziehen. Hier ein Beispiel. Als Kind habe ich über folgenden Witz tagelang Tränen gelacht:

Klein Erna geht mit ihrem Hund spazieren. Sie kommen an einem Fischgeschäft vorbei, vor dem in großen Körben lebende Hummer und Krebse liegen. Klein Ernas Hund schnuppert an den Körben und hebt sein Bein über die Hummer. Einer der Hummer beißt dem Hund in den Schwanz, worauf dieser laut aufjaulend davonläuft, den Hummer und die Leine hinter sich herziehend. Da kommt der Ladenbesitzer aus der Tür gerannt: „Pfeif sofort Deinen Hund zurück!“ Klein Erna schaut ihn wütend an und meint: „Pfeifen Sie doch Ihren Hummer zurück!“

Tagelang habe ich darüber gelacht. Heute entlockt mir diese Geschichte ein müdes Lächeln. Heute kann ich dafür über das hier (LINK) immer noch und über Vergleichbares immer wieder lachen.

Weil Lachen gut tut und sichtbar entspannt, lache ich viel während meiner Therapien und Seminare. Das ist mir wichtig. Genau aus diesem Grund. Ob es sogenannte Glückshormone sind, die wir ausschütten wenn wir lange genug von Herzen lachen oder ob es einfach nur ein Zustand von verschobener Aufmerksamkeit auf die lustige Seite der Ereignisse ist, oder eine Kombination aus beidem, spielt dabei keine Rolle. Es führt dazu, dass wir uns besser fühlen.

Ich bin froh, einen Froh-Sinn zu haben und den Frohsinn zu haben. Einen Sinn dafür, Freude wahrzunehmen, zu erkennen und zu empfinden, und die Freude selbst zu haben, das Glückgefühl, die Ekstase im besten Fall.

Indem ich über mich selbst lache, über Situationen, das komische Moment in einer Situation suche, einen Witz höre oder einen lustigen Film anschaue trainiere ich meinen Frohsinn, meine Fähigkeit, mich glücklich zu fühlen.

Wie trainieren Sie glücklich zu sein?

Söhne Mannheims: Froh zu sein, bedarf es wenig.

Noch mehr Sinn: Feinsinn

20.09.2015 Veröffentlicht von Lesestoff 2 Kommentare

Feinsinn im Duden-online eingegeben produziert vor allem folgende Begriffe: Feinfühligkeit, Empfindsamkeit, Empfindlichkeit, die Fähigkeit, auf bestimmte Reize mehr oder weniger empfindlich zu reagieren, Zartsinn, Zartgefühl und natürlich gibt es auch noch andere Definitionen, wenn man bei Empfindlichkeit weitersucht.

Ich frage mich, ob wir unter Feinsinn nicht die Fähigkeit verstehen dürfen, Dinge wahrnehmen zu können, die wir nicht mit unseren anderen Sinnesorganen wahrnehmen. Umgangssprachlich nennen wir das Intuition, Bauchgefühl, den 6. Sinn oder auch Hell-Fühligkeit. Wobei es die Hellfähigkeiten dann wieder in allen Sinnesqualitäten gibt, also als hellhören, hellsehen, hellfühlen im Sinne von Körperwahrnehmungen spüren und – soweit mir bekannt – seltener hellriechen und hellschmecken. Aber im Grunde alles möglich. Ja es klingt seltsam, aber warum sollte es nicht Menschen geben, welche so feine Sinne haben?

In meiner Praxis begegnen mir diese Menschen immer wieder. Das große Leid, wenn sie zu mir kommen, besteht immer wieder darin, dass sie Dinge wahrnehmen, welche viele Menschen – einschließlich mir – nicht wahrnehmen. Die meisten Menschen reagieren darauf ablehnend, vermutlich aus Angst heraus. Sich vorzustellen, mein Gegenüber kann spüren, wie es mir gerade geht oder womöglich Kontakt mit meiner toten Mutter aufnehmen oder in meine Zukunft sehen oder meine Gedanken lesen – letzteres ist mir bisher persönlich noch nicht begegnet – das ist schon ziemlich gruselig. Da entsteht auch bei mir immer wieder für einen Moment die Angst, durchschaut zu werden oder dass der andere meine dunkelsten Seelenecken ausleuchtet.

Auf der anderen Seite sind mir bisher nur Menschen begegnet, die sehr achtsam und respektvoll mit ihren feinen Sinnen umgegangen sind und eher Hilfe suchen, weil es für sie oft schwierig ist, sich gegen diese feinen Wahrnehmungen anderer abzugrenzen. Schließlich müssen sie ja die „normalen“ Reize, die wir alle wahrnehmen auch noch verarbeiten und das andere läuft irgendwie zusätzlich. Das kann ganz schön anstrengend sein. Ist ein Mensch mit besonders feinen Sinnen Gewalterfahrungen ausgesetzt, so kann dies noch ganz andere Auswirkungen haben als bei uns „anderen“. Im Grunde geht es aber wie immer „nur“ darum, die besondere Fähigkeit zu akzeptieren und zu lernen, damit auf eine gesunde Art umzugehen. Auch das kann man lernen.

Der zweite Aspekt des Feinsinns ist für mich tatsächlich die Frage, inwieweit wir alle eine Art Feinsinn besitzen, den wir als Intuition oder Bauchgefühl bezeichnen. Haben wir nicht alle manchmal Ahnungen? Oder spüren drohende Gefahren? In all den Jahren Traumatherapie ist mir bisher nur eine Person begegnet, die nicht sagen konnte, dass sie im Vorfeld so etwas wie eine Warnung empfunden hat. Manchmal als Zögern oder Unsicherheit, einen Weg zu gehen, noch länger auf einer Party zu bleiben, zu überholen. Oder das innere Gefühl, heute besser zu Hause bleiben zu sollen. Aus eigener Erfahrung kenne ich den Gedanken: „Gefahr“, der mir in ein zwei Situationen durch den Kopf schoss und mich dazu bewegte, etwas nicht zu tun oder eine Handlung abzubrechen. Ich bin froh sagen zu können, dass mir nie etwas passiert ist. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört und das war gut.

Es hat eine Weile gedauert, sich das wieder mehr zu trauen. Ein, zwei unangenehme Situationen waren dazu schon notwendig. Denn im Grunde verlernen wir in unserer heutigen Welt, auf diesen Bauchgefühl zu hören. Wir fühlen uns sicher, wir müssen uns anpassen und lernen dadurch, dieser feinen Wahrnehmung von Gefahr in uns zu misstrauen. Vor allem, wenn wir öfter mal Angst haben und dann nie etwas passiert. Schnell glauben wir, unsere Angst sei unbegründet gewesen und könne ignoriert werden. Dabei kann man diese Momente einfach als Trainingscamp begreifen, in dem es darum geht, unter sicheren Bedingungen einzuüben, auf dieses Gefühl zu hören und sich entsprechend zu verhalten.

Wann haben Sie das letzte Mal auf Ihren Bauch, Ihre Intuition gehört? Und dann ist tatsächlich nichts passiert? Ja klar, WEIL Sie darauf gehört haben und nicht, weil nichts passiert WÄRE. Das dürfen wir uns immer wieder bewusst machen. Wir haben einen Feinsinn. Wir haben eine feinere Wahrnehmung als wir denken, alle. Denn auch heute in unserer eigentlich sicheren Welt, gibt es Gefahren, die wir umgehen können, wenn wir sie rechtzeitig wahrnehmen. Es spielt doch keine Rolle, wie das genau geht. Es ist gut zu wissen, dass es so ist und dieses Wissen zum eigenen Wohlbefinden einzusetzen. Also hören Sie wieder mehr auf Ihre Intuition.

Noch mehr Sinn: Schönheitssinn

09.09.2015 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Finden Sie es nicht auch erstaunlich, dass jeder Mensch einen Sinn dafür hat, zu erkennen, dass etwas schön ist? Wir alle haben einen Sinn für Ästhetik. Wir sind aufgrund unserer Lebensumstände nicht immer in der Lage, Schönheit wahrzunehmen oder uns mit Schönheit zu beschäftigen, aber wir können sie erkennen, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen. Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der angesichts von Bergmassiven nicht ein Gefühle von Staunen empfindet, oder angesichts eines Wales, der aus den Tiefen des Ozeans hervorschießt. Wer kann nicht vor einem Feld Sonnenblumen oder vor einer Landschaft mit Seen, Feldern und alten Gemäuern sprachlos stehenbleiben und den Anblick geradezu trinken, aufsaugen in sein Innerstes, seine Seele. Wir nennen es gerne: Die Seele tankt auf. Es tut uns gut, Schönheit zu sehen, Schönheit zu spüren. Ob es ein leckeres Essen ist, ein ansprechendes Parfum, der perfekte Anblick einer Lieblingsblume oder auch die anmutigen Bewegungen einer Raubkatze oder einer Tänzerin, wir spüren das Besondere, das Schöne daran und Schönheit berührt uns.

Wie alles im Leben ist auch unser Schönheitssinn etwas, dass durch unsere Erfahrungen geprägt und verzerrt wird.

Neulich machte mich ein Freund auf folgendes, absolut sehenswertes und überdenkenswertes Video aufmerksam:

Ich sehe was, was Du nicht siehst und das ist schön:

Neben dem, dass wir Schönheit um uns herumerkennen in Landschaft, Tieren und Menschen, stellt sich die Frage, ob wir uns selbst schön finden können.

Meine Vermutung ist, dass vor allem viele Frauen wie in den Videos deutlich wird, nicht mit der Vorstellung groß werden, sie wären schön. Weder äußerlich und oft noch viel weniger innerlich. Unsere äußere Schönheit hängt so sehr an den sogenannten Schönheitsidealen, die uns von Kunst und heute Werbung und Marketing um die Augen gehauen werden. Ziel dieser Ideale ist es, uns das Gefühl von Minderwertigkeit zu geben, damit wir das entsprechende Produkt kaufen, weil wir ebenso begehrenswert und schön sein wollen, wie die Personen in den Werbeauftritten. Ist das so? Prüfen Sie den Gedanken für sich mit ihrem Wahrheitssinn.

Wie kann also eine Frau mit ein paar Kilos zu viel sich schön finden, wenn Models eher eine magersüchtige Grundfigur haben? Wie können Frauen sich schön finden, wenn ihre äußerliche Erscheinung, vor allem, wenn sie hübsch sind – und alle jungen Mädchen sind auf ihre Art hübsch – oft genug Anlass dafür ist, Opfer von männlicher Gewalt zu werden. Man muss sich nur mal vorstellen, dass 58% der deutschen Frauen sexuelle Belästigung kennen. Jede zweite. Und das ist „nur“ sexuelle Belästigung. Von den schlimmeren Formen männlicher Gewalt gegen Frauen, wollen wir an der Stelle gar nicht reden. Wen es interessiert, kann das hier downloaden und nachlesen. Wie können Frauen da selbstbewusst mit ihrer Körperlichkeit umgehen oder sich gar schön finden?

Und was ist mit unserer inneren Schönheit? Liegt nicht gerade in der Einzigartigkeit eines jeden Menschen seine unbeschreibliche Schönheit? Als Psychologin bin ich immer wieder davon fasziniert und freue mich gerade an dieser inneren Schönheit. Je freier Menschen werden, desto mehr beginnen sie zu leuchten, desto schöner werden sie. Das ist so wie ein Tänzer, der hart daran arbeitet jede Bewegung bewusst zu vollziehen, bis sie perfekt abläuft, um dann so lange zu trainieren, bis die Bewegung ohne Bewusstsein ablaufen kann und dadurch wieder anmutig wird.

Im Grunde ist es mit der Psychologie von Menschen genauso. Wenn man gifitge Gedanken bearbeitet ist es roh, anstrengend, blutig, es schmerzt, es hat etwas davon, einen Garten umzuwühlen, um das ganze Unkraut zu entfernen und den Müll zu entsorgen, der dabei zu Tage tritt. Aber je mehr man übt, desto leichter geht es und wenn man es geschafft hat, sich selbst davon zu überzeugen, dass man liebenswert oder eben auch schön ist, dann kann der Garten anfangen zu blühen und Schönheit hervorbringen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es ein englischer Garten oder eine verwilderte Blumenwiese ist oder ein Schrebergarten mit einem Gewächshaus. Alles ist schön.

Sie sind auch schön! Wussten Sie das schon? Und glauben Sie es?

DSC_0073(c) 2015, Anke Rösch

Noch mehr Sinn: Gerechtigkeitssinn

05.06.2015 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Als ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, war mir klar, dass ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn habe, aber ein paar andere interessante Aspekte durfte ich erst noch „erdenken“ und entdecken. Vor allem war erstmal die Frage, was denn Gerechtigkeit ist, sprich das wofür wir diesen Sinn haben?

  1. Der Begriff der Gerechtigkeit bezeichnet einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt. Sagt Wikipedia.
  2. Für Gerechtigkeit braucht es mindestens zwei Parteien. Es geht darum (siehe oben), etwas aufzuteilen und das auf eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Art zu tun. Das wiederum bedeutet nicht, dass es für alle das Gleiche sein muss, auch wenn das unsere einfachste Form von Gerechtigkeitsempfinden ist (siehe Kohlberg weiter unten). Das ist die Auge-um-Auge-Mentalität. Alle Kinder wollen gleich viele Bonbons oder Taschengeld. Aber als Eltern ist schnell klar, dass das nicht unbedingt gerecht ist. Wieso sollte ein fünfjähriges Kind so viel Taschengeld bekommen wie ein 10-Jähriger?
  3. Schaut man sich in der Gerechtigkeitspsychologie um (Abriss der Gerechtigkeitspsychologie) wird schnell klar, dass wir ein Gerechtigkeitsempfinden, einen Gerechtigkeitssinn haben, ohne dass dieser klar beschrieben wird. Allerdings gibt es viele Faktoren, die darauf Einfluss haben, ob wir etwas als gerecht oder ungerecht wahrnehmen, wie zum Beispiel die Wahrnehmung von Einfluss auf eine wichtige Entscheidung oder das Wissen darüber, wie eine Entscheidung zustande gekommen ist. Ein schönes Beispiel dafür sind Rechtsentscheidungen: Wir wissen ungefähr, wie sie zustande kommen, haben aber kein Mitspracherecht bei der Entscheidung. Kein Wunder, dass wir Entscheidungen, die uns persönlich betreffen, immer wieder als ungerecht empfinden.
  4. Gerechtigkeitsempfinden und Moralische Entwicklung werden von Lawrence Kohlberg gleichgesetzt. Demnach gibt es eine Entwicklung des Gerechtigkeitsempfindens. Im Detail, hier nachzulesen.
  5. Ein wie ich fand spannender Hinweis für diese Entwicklungstheorie ist folgende Erkenntnis: Neueste Forschung zeigt, dass Kinder im Alter von 3 Jahren bereits wissen, wie sie etwas aufteilen sollten (Regel, um Gerechtigkeit herzustellen), es aber nicht tun. Erst ab einem Alter von 7 bis 8 Jahren erkennen Kinder den Wert der Regel und handeln auch danach, so die Ergebnisse dieser Studie (Spiegel-Aritkel auf Deutsch und Orginal-Forschungsarbeit: Smith CE, Blake PR, Harris PL (2013) Correction: I Should but I Won’t: Why Young Children Endorse Norms of Fair Sharing but Do Not Follow Them. PLoS ONE 8(8): 10.1371/annotation/4b9340db-455b-4e0d-86e5-b6783747111f.

Ich finde schon länger den Gedanken spannend, dass es gerecht ist, wenn jeder das bekommt, was er braucht auf dem Hintergrund eines friedlichen Zusammenlebens und der gegebenen Möglichkeiten.

All das beschreibt Gerechtigkeit und weniger unseren Gerechtigkeitssinn. Aber da man ihn beforschen kann, gehen wohl alle davon aus, dass wir ihn haben. Das fand ich sehr lustig.

Unser Gerechtigkeitssinn ist also dafür da, Gerechtigkeit wahrnehmen zu können.

Gerechtigkeit benötigen wir, wenn wir mit anderen Menschen in Frieden leben wollen. Ist das Miteinander gerecht geregelt, sind wir zufrieden. Wir spüren, ob etwas gerecht ist. Gleichzeitig ist das, was wir gerecht finden einem Entwicklungsprozess unterworfen, wie auch die Entwicklung moralischer Entscheidungen.

Im Grunde beschreibt der Begriff Gerechtigkeitssinn den Denkprozess, mit dem wir zu dem Ergebnis kommen, ob wir etwas gerecht finden oder nicht. Auch hier messen wir an Kriterien, ähnlich wie beim Wahrheitssinn. Ist der Wahrheitssinn etwas, das uns erlaubt, innere Wahrheiten zu prüfen, so hilft uns der Gerechtigkeitssinn unser Zusammenleben mit anderen, unsere Beziehungen hinsichtlich unserer und der Bedürfnisse der anderen zu prüfen, einzuschätzen und im Idealfall auch gerecht zu handeln. Das Ziel dieses Denkens ist, Beziehungen so zu gestalten dass alle zufrieden sind. Will man dieses hehre Ziel erreichen, wird klar, dass Gerechtigkeit etwas sehr Komplexes ist. Da ist es schon gut, dass wir dafür auch einen Sinn haben, der es uns erlaubt mit zunehmender (Beziehungs-)Erfahrung auch gerechtere und damit für alle zufriedenstellendere Entscheidungen zu treffen.

Da wir in großen Gruppen nicht mehr in der Lage sind, komplexe Entscheidungen und deren Konsequenzen auf allen Ebenen mal eben so zu durchdenken, haben wir diese Entscheidungen für gewisse Bereiche an den Staat abgegeben und ein Rechtsystem. Zum Wohle aller und manchmal entgegen dem Gerechtigkeitsempfinden des Einzelnen wird Recht gesprochen. Es ist eben ein menschliches System, das so anfällig ist, wie seine Aufgabe komplex ist.

Gerechtes Handeln erlaubt uns gewisse Freiheiten. Hätten wir das Recht nicht, dass uns unsere Freiheit(en) zusichert, würde allein das Recht des Stärkeren gelten und Gewalt und Unterdrückung würden herrschen. Eben weil wir in unserer moralischen Entwicklung nicht alle an den Punkt kommen, wo wir den Vorteil darin sehen, dass es auch anderen gut geht, im allgemeinen Frieden, in Kompromissen, deswegen ist es gut, dass wir dem Staat die Aufgabe gegeben haben, so gut es geht unsere Freiheiten durch das Recht zu schützen.
Es ist ein Rechtssystem und kein Gerechtigkeitssystem. Dafür wäre Liebe zum anderen notwendig und die absolute Bereitschaft zur Eigenverantwortung. Diese Stufe der moralischen Entwicklung, in der wir das Wohl aller im Blick haben, haben wir als Menschen wohl noch nicht erreicht.

Aber wir können uns mit Gerechtigkeit beschäftigen, unseren Gerechtigkeitssinn weiterentwickeln, indem wir für innere Freiheit sorgen und somit zu mehr Eigenverantwortung finden. Das wäre ein Anfang.

Noch mehr Sinn: Wahrheitssinn

30.05.2015 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

„Dem Begriff Wahrheit werden verschiedene Bedeutungen zugeschrieben, wie Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, einer Tatsache oder einem Sachverhalt, aber auch einer Absicht oder einem bestimmten Sinn bzw. einer normativ als richtig ausgezeichneten Auffassung oder den eigenen Erkenntnissen, Erfahrungen und Überzeugungen.“ Wikipedia, 25.05.15

In meinen Worten ist Wahrheit vereinfacht gesagt etwas, das wir an einem Kriterium messen und das wir als wahr bewerten, wenn die Übereinstimmung gegeben ist.

Da wo Wahrheit überprüfbar ist, anhand von Kriterien, die wir alle oder zumindest die meisten anerkennen wie zum Beispiel anhand der Naturgesetze, benötigen wir unseren Wahrheitssinn nicht. Wir können die Wahrheit „objektiv“ prüfen.

Sinne haben immer etwas mit unserer persönlichen Erfahrung zu tun. Unsere Sinnesorgane sind der Kanal, über den wir die Welt erfahren und unsere eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen. Wir können die Reize, die wir wahrnehmen zwar beschreiben, aber so etwas Konkretes wie die Schmerzwahrnehmung zeigt uns, dass unser Schmerzerleben (Die innere Wahrheit: Das hat sehr weh getan!) nicht von dem Reiz abhängt, z.B. einer 49 Grad heißen Metallplatte, sondern davon, für wie kontrollierbar wie den Schmerz halten oder was uns gesagt wird, wie schmerzhaft der Reiz sein wird (Rüegg, 2010). Was wir also für wahr halten muss nicht notwendigerweise an äußeren Kriterien überprüfbar – und damit allgemeingültig – sein, sondern kann auch inneren Kriterien, z.B. eigenen Erfahrungen genügen, was uns zu der Bewertung bringt, dass etwas wahr ist, dass wir nicht so ohne weiteres – im Außen – überprüfen können.

Das bedeutet für mich, dass wir einen Sinn haben, um Wahrheit wahrzunehmen, auf jeden Fall unsere Innere Wahrheit. Für mich ist diese innere Wahrheit vor allem in Bezug auf meinen Glauben offensichtlich. Ich kann Gott nicht „objektiv“ beweisen, und trotzdem habe ich ganz persönliche Erfahrungen, die mich zu dem Schluss kommen lassen, dass es Gott gibt. Diese Erfahrungen sind mir Beweis genug für meine innere Wahrheit. Wenn etwas erstmal meine Wahrheit ist, bin ich auch nicht so leicht wieder davon wegzubringen.
Das wiederum ist etwas sehr Menschliches, dass wir an unserer Wahrheit festhalten, zur Not auch mit Gewalt. Man denke nur an all die Religionskriege in der Geschichte bis heute oder an Jeanne D´Arc. Wie viele Vordenker mussten für ihre innere Wahrheit das Leben lassen? Einer bekanntesten ist sicher Mahatma Gandhi, der für seine Überzeugung, die unter anderem das Festhalten an der Wahrheit beinhaltete, ermordet wurde. Andere wurden ignoriert wie zum Beispiel Mendel für seinen Beobachtungen zur Vererbungslehre oder heute noch Hahnemann und seine Entdeckung der homöopathischen Wirkweise von Stoffen.

Denken Sie nur an all die wissenschaftlichen „Beweise“, die wir inzwischen haben, weil wir die Methoden verändern, genauer oder anders hinschauen (z.B. Mikroskope, DNA-Analysen, fMRT oder CT) und damit die Welt auch anders begreifen können. Doch es gab immer die Menschen, die all das, was „die Wissenschaft“ heute „beweist“ schon vor Jahrhunderten wussten, oder Menschen, die heute schon wissen, was erst in 20 Jahren bewiesen werden kann. Menschen, die die Wahrheit kennen, auch ohne wissenschaftlichen Beweis.

Unterschätzen wir nicht, dass wir in uns ein Gespür für die Wahrheit haben. Das wir wissen, in unseren Herzen, was – für uns – wahr ist, und was nicht. Es schadet sicher nicht, diese Überzeugungen immer wieder am allgemeinen Wissen zu überprüfen, eben weil das, was wir glauben zu wissen, oft davon beeinflusst ist, was unsere Umwelt weiß/glaubt oder uns gesagt hat. Vor allem, wenn es darum geht, was wir für wahr über uns selbst halten (Glaubenssätze und Giftige Gedanken).

Da wo man Dinge prüfen kann, sollte man es meines Erachtens tun. Dennoch kann es sein, dass man zu dem Schluss kommt, die innere Wahrheit ist eine andere als die „objektive/wissenschaftlich beweisbare“ Wahrheit. Und was dann?

Wahrheit geht für mich mit Verantwortung einher. Meine innere Wahrheit enthebt mich nicht eines verantwortungsvollen Umgangs damit. Vor allem dort, wo das Handeln nach dieser inneren Wahrheit die Freiheit anderer beschneidet, bin ich gefragt, gerechte und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Was ja sozusagen das Motto dieses Blogs ist und worum es teilweise im letzten Artikel ging und im Artikel über den Gerechtigkeitssinn noch gehen wird.

Bei der Beschäftigung mit diesem Thema fiel mir ein weiterer Aspekt zur Wahrheit ein:

Aus meiner Arbeit weiß ich, dass Wahrheit oft besser ist als Nichtwissen. Wenn Menschen verschwinden, dann möchten die meisten Angehörigen wissen, was passiert ist. Selbst wenn das bedeutet zu erfahren, dass die verschwundene Person tot ist. Die Wahrheit ist an der Stelle hilfreicher als nicht zu wissen und sich der Phantasie zu überlassen. Denn die Phantasie ist meist schlimmer als jede Wirklichkeit und jede Wahrheit.

Ähnlich habe ich es immer wieder bei Opfern sexueller Gewalt erlebt, die mit KO-Tropfen betäubt wurden. Die meisten wüssten lieber, was der Täter mit ihnen gemacht hat als mit diesem unklaren (Körper-)Gefühl und der fehlenden Erinnerungen klarkommen zu müssen.

So ist unser Wahrheitssinn vielleicht auch Ausdruck dessen, dass es zu einem gesunden Menschen dazugehört, sich der Wahrheit zu stellen.

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Hier gehts zum Amazon Partnerlink von Rüegg, J. C. (2010). Mind & Body: Wie unser Gehirn die Gesundheit beeinflusst (Wissen & Leben)

Noch mehr Sinn: Freiheitssinn

17.05.2015 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Schaut man in Wikipedia, was Freiheit ist, so findet man: „Freiheit (lateinisch libertas) wird in der Regel verstanden als die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen allen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Der Begriff benennt in Philosophie und Recht der Moderne allgemein einen Zustand der Autonomie eines Subjekts.“

Das ist es, was wir mit unserem Freiheitssinn wahrnehmen. Wir nehmen wahr, ob wir oder andere die Freiheit haben, zwischen Möglichkeiten zu wählen oder zu entscheiden.

Viele Diskussionen darüber, was im Einzelfall konkret unter Freiheit zu verstehen ist zeigen, wie wichtig dieser Begriff für uns als Menschen ist, dass wir ein Gespür, einen Sinn dafür haben, auch wenn wir es nicht so leicht und vollständig in Worte fassen können und deswegen immer wieder versuchen, uns mit Worten anzunähern.

Wie viel uns Freiheit wert ist, kann man daran sehen, dass wir als erstes Recht nach der Würde des Menschen die Freiheit eines jeden Menschen in unserem Grundgesetz schützen: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art 2:

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Und wird gegen dieses Recht verstoßen, dann ist das Schlimmste, was wir als Strafe haben, die Freiheit eines Menschen zu entziehen: Freiheitsstrafen.

Obwohl wir kein Organ für die Wahrnehmung von Freiheit haben, beschäftigt sie uns sehr. Naja, vielleicht haben wir doch ein solches Sinnes-Organ: Das Gehirn und unsere Fähigkeit zu denken, zu erkennen, abzuwägen, zu planen, durchzudenken und letztendlich Entscheidungen zu treffen, die wir auch umsetzen können.

Allerdings nehmen wir unsere Möglichkeiten nicht immer wahr. Verantwortlich dafür ist unser Autopilot, der viele Entscheidungen im Hintergrund für uns trifft, so dass man sie nicht immer als freie Entscheidung bezeichnen kann, weil sie immer wieder nur unbewusst getroffen werden und sicher nicht immer so ausfallen würden, würden wir sie in diesem Moment als Ergebnis eines Denkprozesses bewusst treffen.

Es gibt Entscheidungen, die wir nur einmal bewusst treffen müssten, um unsere Freiheit auszuüben. Danach könnten wir uns des Autopiloten bedienen und würden, wie ich finde, trotzdem unsere Freiheit leben.

Zum Beispiel hat jeder die Freiheit über sich zu denken wie er will. Warum also nicht einfach entscheiden, positiv über sich zu denken, sich für wertvoll zu halten, für liebenswert, für kompetent??? Möglicherweise weil wir unsere Freiheit eben nicht immer wahrnehmen, unser Freiheitssinn getrübt ist, vielleicht wie eine dreckige Fensterscheibe. Und trotzdem spüren wir, wenn unsere Freiheit beschnitten wird. Wir spüren, wenn uns jemand zu nahe kommt, uns in unserer freien Entfaltung, in unserem Leben, in unserer Gesundheit einschränken will. Dann reagieren wir mit Stress. Das bedeutet, dass wir als Unterstützung zumindest in manchen Bereichen unseres Lebens die Stressreaktion als Alarmsystem für die Beschneidung unserer Freiheit haben. Möglicherweise könnte man die Stressreaktion als einen Mechanismus betrachten, über den wir unseren Freiheitssinn erleben.

Insofern könnte man sich, wenn man sich gestresst fühlt, bewusst fragen, welche meiner Freiheit empfinde ich gerade als eingeschränkt? Welche Möglichkeiten stehen mir gerade nicht zur Verfügung? Welche Entscheidungen kann ich gerade nicht treffen, weil jemand anderes sie mir überstülpen will?

Wenn wir uns trauen, unseren Freiheitssinn öfter bewusst zu spüren und bewusst über unsere Freiheiten, unserer Möglichkeiten nachzudenken und bewusste Entscheidungen zu treffen, würde er uns helfen, freier zu werden.

Noch mehr Sinn: Gemeinschafts- und Familiensinn

03.04.2015 Veröffentlicht von Lesestoff 2 Kommentare

Eines der Grundbedürfnisse nach Maslow ist das Zugehörigkeitsgefühl. Das betrifft sowohl unsere kulturelle Zugehörigkeit, wie die Zugehörigkeit zu unseren Familien oder anderen Formen der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Der Mensch ist ein Beziehungstier, ein Herdentier, nur selten ein Einzelgänger, der ohne andere Menschen existieren will.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie stark die Verbindung ist, die wir zu unseren Familien haben. Der Sinn für unsere Familie sitzt tief. Selbst wenn Menschen Jahre lang Gewalt durch die Ursprungsfamilie erleben, zieht es Kinder zur Familie. Sie wünschen sich nichts sehnlicher als Liebe und selbst nach Jahren sehnen wir uns nach Annahme, Vergebung und Bedingungslosigkeit – durch die Eltern, Geschwister, nahestehende Menschen.

Zwei Menschen gehen eine Verbindung ein, die anders ist als andere Beziehungen. Mann und Frau oder gleichgeschlechtliche, partnerschaftliche Beziehungen, das spielt keine Rolle. Das Besondere der Beziehung ist entscheidend. Diesen einen Menschen an der Seite zu haben, auf den man sich bedingungslos verlassen möchte, der zu einem steht, einen auffängt und einem den Rücken freihält, egal was man tut. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sagen diese Form der Beziehung nicht zu vermissen oder nicht zu wollen. Für mich ist das immer wieder schwer nachzuvollziehen. So viel verbreiteter erlebe ich die Sehnsucht nach dieser bedingungslosen, familiengleichen Beziehung.

Was wird nicht alles unternommen, wie wird geworben, gezähmt, verführt, beschenkt oder wie wird sich in partnerschaftlichen Beziehungen unterworfen, gedemütigt und beherrscht. Wie werden Opfer gesucht, bedroht und gewaltsam unterworfen aus Angst vor – unter anderem dem Alleinsein. Wie viele Menschen haben genau davor Angst, vor der Einsamkeit? Sie halten es nicht mit sich selbst aus oder fühlen sich dem Leben nicht gewachsen ohne so etwas wie eine Familie, eine Partnerschaft. Diese eine besondere Beziehung, die wir so oft überfordern und doch so sehr brauchen. Wäre Beziehung nicht so wichtig, würden wir nicht auf Beziehungen angewiesen sein, um unsere Grundbedürfnisse befriedigt zu bekommen, wie einfach und gewaltfrei könnte die Welt sein. Wie gut könnte es uns gehen, hätten wir kein Bedürfnis nach Nähe, nach Zugehörigkeit, nach Partnerschaft oder Gemeinschaft.

So sehr wie der Kampf ums Überleben uns entzweien kann, so sehr brachte und bringt er uns im Angesicht der Katastrophe zusammen. Auch das etwas, das wir alle kennen, vielleicht nur aus der Presse oder von Freunden und Kollegen, wenn man das Glück hatte, noch nie eine Katastrophe miterleben zu müssen, die nur in der Gemeinschaft überlebt und bewältigt werden kann. An allen Ecken und Enden finden wir den Ausdruck dieser Gemeinschaft in der Not. Ob Kriseninterventionsdienste oder Notfallseelsorge. Ob eine gute Freundin oder ein Psychotherapeut. Es wirkt die Beziehung, die echte Beziehung und wir spüren es. Immer wieder treffe ich Menschen, die sich in Beziehungen nicht wohlfühlen. Frage ich nach, stellt sich nicht selten heraus, dass sie das Gefühl haben, ihr Gegenüber würde sich nicht wirklich für sie interessieren. Weiter nachgefragt, woran sie das festmachen, fehlen oft die Worte und macht sich Verunsicherung über die eigene Einschätzung breit. Aber ist es nicht genau das? Das Gespür dafür, wie sich eine Beziehung richtig anfühlt? Auch wenn man es nicht in Worte fassen kann?

Wir wissen, dass wir Beziehungen brauchen, etwas wie Familie, am besten echte, heile und zuverlässige Familie. Wir spüren, wie die Beziehung sein müsste, damit es uns gut geht, auch wenn wir nicht immer in der Lage sind, das in Worte zu fassen. Wir sehnen uns danach, wir suchen sie auf die für uns mögliche Art und Weise. Wir haben einen Sinn dafür, wir können uns in unserer Sehnsucht nach Beziehungen wahrnehmen und wissen, tief in uns, wie es sich richtig, gesund anfühlen würde. Das nenne ich Familiensinn: die Freude an der Gemeinschaft mit der eigenen Familie, die Sehnsucht nach derselben und das tiefe Wissen darum, wie sich gesunde Beziehungen anfühlen. Das gleiche gilt in meinen Augen für den Gemeinschaftssinn. Unser Sinn dafür, dass wir alleine nicht überleben können. Der Sinn, der uns spüren lässt, was notwendig ist, um Gemeinschaft haben zu können, auch wenn es nicht immer die gesündesten oder freiesten Verhaltensweisen sind, die wir dafür im Alltag einsetzen. Doch auch hier bin ich davon überzeugt, dass wir spüren, wie es sich gesund anfühlen würde.

Wo haben Sie gute Gemeinschaft? Wie ist das Verhältnis innerhalb Ihrer Familie? Möchten Sie etwas ändern oder ist es gut so wie es ist?  Oder – darf es so sein, wie es ist? Können Sie den Zustand spüren, wie sich eine gute Beziehung für Sie anfühlt? Können Sie das in Worte fassen?

Noch mehr Sinn: Scharfsinn und Tiefsinn

27.03.2015 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Ist es nicht toll, dass wir als Menschen die Möglichkeit haben zu denken? Dass wir die Dinge in ihrer Tiefe erfassen wollen und das auch können? Dass wir genau hinschauen und scharfsinnige Schlüsse schließen können?

Ich finde das immer wieder großartig und selbst in meiner Praxis treffe ich so viele Menschen, die verstehen wollen. Die sich nicht damit abspeisen lassen: „Das ist so.“ oder „Das ist normal“, sondern die nach dem Sinn, nach den Zusammenhängen suchen. Sie wollen sich selbst verstehen. Ein für viele Menschen existentielles Bedürfnis. Schauen Sie sich an, wie viele Menschen mit Forschen oder Suchen beschäftigt sind. Ein Großteil der Motivation zu forschen ist sicher das Verstehen-Wollen. Würden wir die Frage „Warum?“ stellen, wenn wir darauf keine Antwort wollten? So oft wird diese Frage gestellt.

Bekommen wir eine Antwort, breitet sich Ruhe aus. Es ist als würde etwas seinen Platz finden in uns. Wir fühlen uns für einen Moment sicher und geborgen. Ein Grundbedürfnis ist befriedigt. Gleich darauf, es dauert nicht lang, stellen wir die nächste Frage und setzen uns mit unserem unruhigen Geist wieder in Bewegung. Wie treffend, sind wir doch für Bewegung gemacht (Achtung Gott: Das Bedürfnis der Schöpfung nach Gleichgewicht).

Dr. Caroline Leaf (Giftige Gedanken) schildert in einem Vortrag, dass je tiefer wir eine Sache durchdenken und verstehen, desto gesünder ist der tief denkende Mensch. Wir sind für tiefe Gedanken gemacht. Wir können unsere Welt mit Scharfsinn zerlegen, wie mit einem geschliffenen Messer. In der Tiefe erfassen wir den Sinn für uns. So wie wir in die Tiefen der Meere tauchen, in Höhlen klettern, in den Tiefen des Körpers nach Antworten für Krankheiten suchen oder in die Tiefen des Weltalls vorstoßen, um zu erfahren, dass wir nicht allein sind.

Dabei geht es nicht darum, DEN Sinn zu erfassen, sondern unseren eigenen, ganz einzigartigen Sinn zu finden. Je tiefer man kommt, desto einzigartiger ist dieser Sinn und die Sicht auf die Dinge um uns herum. Wir finden Zusammenhänge, die andere nicht sehen. Wir entdecken Ursache und Wirkung, wundern uns und sind trotzdem fasziniert von unserer Entdeckung. Wir sind in Bewegung mit einem beweglichen Geist, der arbeiten will, erfassen und verstehen will. Schauen Sie sich Kinder an, wie sie lernen wollen, machen wollen, üben wollen, mehr wollen, warum ist das so? Warum ist das anders? Warum?

Einzig die Erstarrung durch Angst hält uns davon ab, unserem inneren Bedürfnis nach Bewegung und Verstehen und Sinn nachzugehen.

Verbringen Sie die Woche doch einmal damit, Ihr Bedürfnis nach Sinn mit Scharfsinn aufzuspüren und den Sinn darin in seiner Tiefe zu erfassen.

Krokusse_AR_2015(c) Anke Rösch, 2015

Noch mehr Sinn: Realitäts- und Wirklichkeitssinn

20.03.2015 Veröffentlicht von Lesestoff, Strategien 0 Kommentare

Wir haben einen Sinn für die Realität, für das, was wir für wirklich halten. Wir haben die Möglichkeit, uns nicht in Phantasien oder das Unbewusste zu flüchten, sondern im Hier und Jetzt zu leben und bewusste Entscheidungen zu treffen.

Natürlich ist das, was wir für wirklich oder für real halten nur das Ergebnis eines Lernprozesses, dessen Ziel das Überleben des Individuums ist.

Erst neulich habe ich einen spannenden Vortrag über Wahrnehmungspsychologie gesehen, in dem mal wieder klar wurde, dass wir die Bilder, die wir sehen, konstruieren.

Wir haben gelernt, mit anderen über unsere Wahrnehmungen zu reden und uns geeinigt, dass bestimmte Wahrnehmungen mit bestimmten Wörtern benannt werden. Wir haben gelernt, einen bestimmten Wellenbereich des Lichts als Grün zu bezeichnen oder als Rot oder Gelb. Wir haben gelernt einen bestimmten Gesichtsausdruck als Trauer oder Wut zu interpretieren. All diese Wahrnehmungen sind wichtige Informationen im täglichen Überlebenskampf. Farben halfen, unsere Fressfeinde rechtzeitig zu erkennen. Emotionen helfen uns sich in Handlungsbereitschaft zu versetzen und zwischenmenschliche Beziehungen zu regeln. Wenn ich sehe, dass jemand wütend ist, kann ich anders darauf reagieren als wenn jemand traurig ist.

Ein kleines Selbstexperiment

Für mich immer wieder beeindruckend ist ein Experiment aus meinem Psychologiestudium gewesen, bei dem man für kurze Zeit sehen kann, dass wir im Grunde ständig durch ein Netz aus Blutgefäßen hindurch sehen. Die Zellen, die Licht in elektrische Impulse umwandeln (Rezeptoren), die unser Gehirn dann als Farbe und Helligkeit versteht, werden Zapfen (Farbe) und Stäbchen (Dämmerungssehen) genannt. Beide Zellarten müssen durch ein sehr feines Gefäßnetz mit Blut versorgt werden. Diese Blutversorgung liegt vor den Sinneszellen. Das bedeutet, trifft Licht auf das Auge und geht durch die Pupille hinein, dann muss es durch ein Gewirr von Blutgefäßen hindurch, bevor es auf die Zellen trifft, die elektrische Impulse herstellen können. Das heißt, wir sehen unsere Welt ständig durch einen Wald von Blutgefäßen – ohne es zu bemerken.

Wenn Sie diese Blutgefäße einmal sehen wollen, dann versuchen Sie Folgendes: Nehmen Sie eine Taschenlampe. Dann schauen Sie gerade aus und wenden gleichzeitig Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Augen. Wenn Sie nun die Taschenlampe ganz nah von der Seite an einen Augenwinkel halten, also vom Augenwinkel aus mit der Taschenlampe ins Auge und dann einschalten, können Sie für einen Moment die dunklen Äste der Blutversorgung des Auges sehen. Vielleicht müssen Sie es ein oder zweimal probieren, um Ihre Aufmerksamkeit auf diese nahe Wahrnehmung zu konzentrieren. Aber dann werden Sie es sehen können.

Da das Gehirn sich schnell an neue Informationen anpassen kann, verschwindet dieser Effekt wieder und das Gehirn „überschreibt“ oder „konstruiert“ die fehlende Information. Denn überall da, wo Blutgefäße vor den Sinneszellen liegen, kann das Licht diese Zellen nicht anregen und zum Feuern bringen. Insofern müssten wir ständig unsere eigenen Blutgefäße sehen. Das tun wir nicht, weil unser Gehirn die Informationen ergänzt. Wir glauben ein ununterbrochenes Bild unserer Umgebung zu haben, in Wahrheit ist ein Teil dieses Eindrucks vom Gehirn ergänzt. Ein weiteres Beispiel ist die Farbwahrnehmung. Nur der Bereich auf den wir uns fokussieren (Fovea) kann bewusst farblich wahrgenommen werden. Hier befinden sich nämlich der Großteil der für die Farbwahrnehmung essentiellen Zapfen. Unser peripheres Sehen ist eigentlich Schwarz/Weiß. Doch unser Gehirn ergänzt die fehlenden Farben automatisch. Was für eine Leistung!

Dieses ununterbrochene Bild unserer Umgebung halten wir für real, weil wir es nicht anders kennen. Schauen wir genau hin, dann können wir feststellen, dass das so nicht stimmt. Wenn wir uns damit beschäftigen können wir dankbar für die großartige Leistung unseres Gehirns sein.

Das ist nur ein einfaches Beispiel. Wenn Sie im Internet auf die Suche nach optischen Illusionen gehen, werden Sie noch mehr Hinweise darauf finden, dass wir nicht „die“ Realität sehen, sondern „unsere“ Wirklichkeit. Wenn das bei so etwas Einfachem wie dem Sehen von Farbe oder Helligkeit so ist, warum sollte es dann bei so etwas Komplexen wie Erinnerungen oder menschlicher Kommunikation anders sein?

Die gute Nachricht ist, dass wir uns einerseits auf das Gelernte verlassen dürfen. Es diente immer unserem Überleben. Sind wir noch da, haben wir hilfreiche Dinge gelernt.

Da wo es uns nicht gut geht, haben wir die Freiheit zu überprüfen, woran es liegt und ganz gezielt Änderungen vorzunehmen. Denn wir haben einen Realitätssinn. Wir können unsere gegenwärtigen, aktuellen Wahrnehmungen mit denen von anderen oder mit unserer Erinnerung überprüfen und so zu einer neuen Wahrnehmung und neuen Wirklichkeit finden.

Wenn wir immer glaubten, dass das, was uns Angst macht, tatsächlich so ist, dann können wir heute überprüfen, ob es einen realen Grund für unsere Ängste gibt (Realitätscheck). Wir werden mit der Hilfe unseres Realitätssinns in der Lage sein, Phantasie von Gegenwart zu unterscheiden, denn dafür haben wir unseren Realitätssinn. Zum Überprüfen der gegenwärtigen Realität mit all den Annahmen und Phantasien über die aktuelle Wirklichkeit.

Eine meiner beliebten Übungen dazu ist (eine Form des Realitätschecks): Wenn Sie vermuten, dass jemand etwas Bestimmtes über Sie denkt, dann fragen Sie, was die Person gerade denkt. Sie werden erstaunt sein, wie oft Ihre Vermutung nicht mit dem übereinstimmt, was Ihnen der andere antwortet. Das ist ein Hinweis darauf, dass Ihre Vermutung eine Phantasie ist, was Vermutungen erstmal IMMER sind: Phantasie.

Danach haben sie die Wahl, ob Sie glauben, was Ihnen der andere sagt oder nicht. Diese Entscheidung können Sie an der vergangenen Erfahrung mit genau dieser Person prüfen. Wie war es bisher mit dieser einen Person. Begehen Sie nicht den Denkfehler der Verallgemeinerung (Kindlicher Größenwahnsinn / Schuldgefühle) und vergleichen die Aussage mit ALLEN Ihren Erfahrungen. Sondern nur mit der Erfahrung mit dieser einen Person. Das ist der einzige halbwegs zuverlässige Maßstab, den Sie haben.

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Beau Lotto: Das Vortragsvideo ist leider nur auf English und ohne deutsche Untertitel, aber die visuellen Spielereien kann man vielleicht trotzdem sehen und sich wundern. Im Grunde geht es meist darum, welche Farben sind gleich. Jedoch hängt es von der Umgebungsfarbe ab, wie wir die Farbe wahrnehmen. Am lustigsten ist das Experiment mit den zwei Farbflächen und darunter zweimal das Bild einer Wüste. Zuerst muss man für 30 sec auf den weißen Punkt zwischen den Farbflächen schauen, dann auf den weißen Punkt zwischen den Wüstenbildern. Immer wieder eine tolle Erfahrung, wie anpassungsfähig und umgebungsabhängig unsere so „objektive“ Wahrnehmung ist.

Noch mehr Sinn: Eine Übersicht

13.03.2015 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Die Beschäftigung mit dem Möglichkeitssinn, hat mich dazu eingeladen, andere Sinn-Wörter zu suchen. Das führte zu spannenden Erkenntnissen, die ich in den folgenden Wochen mit Ihnen teilen möchte.

Hier erst einmal das Ergebnis im Überblick.

Ich fand Wörter, die für mich mit der Bedeutung von etwas zu tun haben: Der Doppelsinn, der Nebensinn, der Unsinn, der Wortsinn und auch der Sinn des Lebens. Im Grunde auch das Wort Uhrzeigersinn, das als Bedeutung eine Richtung angibt.

Dann gab es Worte, die mit unserer Wahrnehmung der Welt zu tun haben und eine entscheidende Rolle für unser tägliches Überleben spielen: Da sind der Bewegungssinn, der Gefühlssinn, der Gehörsinn, der Geruchssinn, der Geschmackssinn, der Gesichtssinn = Sehsinn, der Gleichgewichtssinn, der Richtungssinn und der Spürsinn = Tastsinn. All diese Begriffe haben mit Vorgängen zu tun, die uns helfen, Wahrnehmungen und Erfahrungen zu teilen. Es gibt viele Konventionen, wie diese Wahrnehmungen zu verstehen sind, welche Bedeutung sie haben. Scharf ist scharf, Rauch riecht nach Rauch, Fisch nach Fisch, Trauer ist Trauer, Wut ist Wut, laut ist laut und gestreckt ist gestreckt. Auch wenn es einen Spielraum gibt, so haben wir uns auf viele Bedeutungen geeinigt, was uns erlaubt, über unsere Wahrnehmungen zu reden und zu verständigen. Außerdem haben wir Körperzellen, sogenannte Rezeptoren, die uns bei der Verarbeitung dieser Informationen helfen. Diese Zellen wandeln Reize, zum Beispiel Lichtwellen oder Druck, im Körper in elektrische Impulse um, die für unser Gehirn „lesbar“ werden. Lesbar bedeutet, wir können den Reizen eine Bedeutung zuschreiben, wie eben scharf, sauer, hell, dunkel, westlich, östlich, kalt, warm, rauchig, schmerzend, leicht, wütend, traurig, fröhlich.

Die dritte Gruppe von Sinn-Worten hat damit zu tun, was uns in unserer Umgebung besonders macht, einzigartig und was wir benötigen, um gesund zu sein oder zu bleiben: Da sind der Familiensinn, der Feinsinn = der 6. Sinn (?), der Freiheitssinn, der Frohsinn, der Gemeinschaftssinn, der Gerechtigkeitssinn, der Realitätssinn = Wirklichkeitssinn, der Scharfsinn, der Schönheitssinn, der Tiefsinn und der Wahrheitssinn. Für diese „Sinne“ haben wir keine spezialisierten Zellen in unserem Körper und doch können wir darüber reden, obwohl das bei diesen Begriffen schon deutlich schwieriger wird. Für mich haben sie jedoch gemeinsam, dass es Begriffe sind, die mit unserer psychischen Gesundheit und unserer persönlichen Freiheit zu tun haben.

Die letzte Wortgruppe besteht für mich aus den Begriffen, die damit zu tun haben, dass es uns nicht gut geht. Dazu gehören für mich der Blödsinn, der Eigensinn, der Größenwahnsinn, der Irrsinn, der Leichtsinn, der Schwachsinn, der Starrsinn, der Stumpfsinn, der Trübsinn und der Wahnsinn. Für mich haben diese Begriffe gemeinsam, dass sie entweder einen Zustand von Krankheit beschreiben oder ein Verhalten, das kurz- oder langfristig krank macht, oder dazu führt, dass es uns nicht gut geht. Wenn wir gesund sein wollen, sollten wir all das meiden. Vermeidungsverhalten wäre hier angebracht, das Mittel der Wahl.

Soviel allgemein zu diesem sinn-vollen Thema. Weitere Texte werden sich wohl mit dem einen oder anderen Begriff vor allem aus Gruppe 3 beschäftigen. Anfangen werde ich mit dem Realitäts- gleich Wirklichkeitssinn. Und dann mal schauen, was noch kommt.

Über Anmerkungen, Ergänzungen und Kommentare werde ich mich sehr freuen.

Kindlicher Größenwahnsinn

27.02.2015 Veröffentlicht von Definitionen 0 Kommentare

Das ist so ein Begriff, den ich gerne verwende, wenn es darum geht zu beschreiben, an welchen Stellen unsere Denkgewohnheiten noch nicht erwachsen geworden sind.

Bestes Beispiel dafür ist die Vorstellung, dass alles, was um mich herum geschieht, was passiert, was Leute sagen, seine Ursache in mir hat. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Welt sich um mich dreht, dass ich der Mittelpunkt der Welt bin.

Das wiederrum ist eine sehr kindliche Vorstellung. Für einen Säugling ist diese Aussage fast wahr. Wann immer er sich bemerkbar macht, reagiert jemand darauf. Das geschieht zwar mehr oder weniger zuverlässig, aber solange der Mensch erwachsen wird, ist es passiert. Jemand kam und hat den Säugling gefüttert und gewickelt und rechtzeitig zum Arzt gebracht, sonst wäre er nicht mehr hier. Es wurde auf die Bedürfnisse des Kindes mehr oder weniger prompt, aber doch lebenserhaltend zuverlässig reagiert. Das Kind lernt: Die Welt (Eltern/Bezugspersonen) reagiert auf mich, ich bin der Mittelpunkt dieser Welt.

Jeder weiß, dass das im Grunde ein Fehlschluss ist. Einer von vielen Denkfehlern, die wir lernen, die wir immer wieder machen. Ganze Bücher sind über unsere fehlerhafte Art zu denken geschrieben worden (Kahnemann & Tversky). Dieser eine Schluss jedoch, dass alles sich auf mich bezieht, dass ich selbst die Ursache für das Verhalten von anderen setze und dass deren Verhalten IMMER eine Reaktion auf mich PERSÖNLICH darstellt, ist in meinen Augen in seiner Absolutheit einer der folgenreichsten Denkfehler, wenn es um unsere psychische Gesundheit geht.

Wenn wir die Dinge, vor allem die negativen, die uns geschehen, sehen als etwas, das wir verursacht haben, dann würde das bedeuten, wir wären schuld = verantwortlich dafür, oder?

  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass die Bäckersfrau mich anblafft. (Die macht das wegen mir.)
  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass mein Vater mich ignoriert. (Mein Vater ignoriert nur mich, weil ich ich bin)
  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass meine Mutter mich abwertet. (Meine Mutter wertet nur mich ab.)
  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass mein Mann mich schlägt oder meine Frau fremdgeht. (Mein Mann ist der einzige, der schlägt und das nur mich.)
  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass die Ampel rot wird. (Immer wenn ich komme, wird die Ampel rot.)
  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass es regnet, die Sonne scheint oder schneit. (Immer, wenn ich Spaß haben will, macht mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung.)

All das wäre meine Verantwortung, meine Schuld, wenn ich die Ursache für alles um mich herum bin.

Wenn ich aber an allem Schuld bin, werde ich mich angegriffen fühlen, ich werde mich schlecht fühlen, frustriert und muss mich dann verteidigen. Ein beliebter und verbreiteter Einstieg in einen Streit. Und völlig unnötig!!!

Achten Sie einmal darauf, wo Sie Ihren kindlichen Größenwahnsinn immer noch pflegen, wo Sie glauben, etwas hat mit Ihnen zu tun und dann ….… lesen Sie den nächsten Artikel: Was wäre wenn …?

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Den Amazon-Partnerlink zu Kahnemann & Tverskys „Schnelles Denken, langsames Denken“ finden Sie hier

Her mit der Ohnmacht! – Über den Sinn und Unsinn von Schuldgefühlen

25.01.2014 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle 0 Kommentare

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wozu Schuldgefühle gut sind? Für Sie sind diese Gedanken und Gefühle lästig und störend, aus psychologischer Sicht sind sie eine Überlebensstrategie und erfüllen eine wichtige Funktion. Sie geben uns Sicherheit.

Sicherheit, werden Sie fragen? Ja, Sicherheit. Wenn Sie Sich für etwas schuldig fühlen, dann glauben Sie doch, dass Sie etwas Negatives zu verantworten haben. Oder? Wenn Sie Sich schuldig fühlen, dann glauben Sie doch, etwas Negatives bewirkt zu haben, es ausgelöst, es irgendwie gemacht zu haben.

Wenn Sie etwas gemacht haben, dann haben Sie doch entschieden, es zu machen, oder nicht? Wenn Sie es entschieden haben, können Sie auch entscheiden, es nicht mehr zu tun. Das bedeutet, wenn Sie etwas Negatives verursacht haben, für das Sie Sich dann schuldig fühlen, dann können Sie in Zukunft entscheiden, es nicht mehr zu tun.

Und das bedeutet, wenn Sie Sich entscheiden, etwas nicht mehr zu tun, dass dann das Negative auch nicht mehr passieren kann.

Alles logisch soweit, oder?

Ein Beispiel: Wenn Sie in einer Bank arbeiten und zum Geburtstag eines Familienmitglieds wollen, werden Sie einen Kollegen fragen, ob er Ihre Schicht an der Kasse übernehmen kann. Der Kollege sagt zu und einen Tag später erfahren Sie, dass die Bank überfallen und Ihr Kollege dabei schwer verletzt wurde.

Viele Betroffene in ähnlichen Situationen glauben, dass Sie am Unglück des Kollegen schuld sind. Sie fühlen Sich, als hätten Sie ihn selbst und eigenhändig verletzt. Sie glauben, wenn Sie nicht gefragt hätten, die Schicht zu tauschen, dass dann nichts passiert wäre.

Der Denkfehler besteht nur darin, dass all das nicht passiert wäre, wenn der Bankräuber entschieden hätte, den Banküberfall nicht zu machen. Das allein ist die Ursache dafür, dass der Kollege verletzt wurde. Dass es den Kollegen erwischt hat, war Zufall, wären Sie dagewesen, hätte es Sie erwischt oder vielleicht eine andere Person. Allein der Bankräuber hätte verhindern können, dass niemand zu Schaden kommt, indem er den Raub gar nicht erst unternommen hätte.

Es gibt viele Beispiele, in denen wir glauben – man kann schon fast sagen, uns einbilden – etwas bewirkt zu haben, auf das wir keinerlei Einfluss hatten. Immer dann, wenn Sie Sich schuldig fühlen, sollten Sie gut prüfen, ob Sie es tatsächlich hätten verhindern können und wer die echte, unmittelbare Ursache für etwas gesetzt hat.

Wenn es kein Unfall ist, dann ist es immer der Täter, der die volle Verantwortung für die Folgen seines Tuns hat.

Aber unser Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle (Grundbedürfnisse) ist so groß, dass wir uns lieber schlecht, schuldig fühlen, weil wir uns einbilden, etwas verursacht zu haben, auf das wir keinen Einfluss hatten, als zu akzeptieren, dass es Dinge im Leben gibt, denen wir ohnmächtig ausgeliefert sind.

Üben Sie Sich darin zu akzeptieren, dass Ohnmacht zum Leben dazu gehört. Ja, wir haben Einfluss auf unser Leben. Ich stelle mir immer vor, dass ich in 80% meiner Lebenssituationen beeinflussen kann, wie diese Situationen verlaufen. Wahrscheinlich ist auch diese Annahme noch ziemlich „größenwahnsinnig“.

Aber bei 80% Kontrolle, gibt es eben auch 20% Ohnmacht. Und immer, wenn mir eine Situation begegnet, die schlecht läuft, prüfe ich gut, ob ich es wirklich hätte beeinflussen können oder aber diesmal eine 20%-Ohnmacht-Situation erlebe. So muss ich mich nicht dauerhaft schuldig fühlen für etwas, auf dass ich nie Einfluss hatte, sondern muss für die Dauer der Situation aushalten, dass ich keinen Einfluss habe. Das ist auch unangenehm, aber weniger größenwahnsinnig und dauert deutlich kürzer. Denn wenn die Ohnmachts-Situation vorbei ist, kann ich wieder Einfluss nehmen. Dann kann ich wieder für meine Sicherheit sorgen und mich gut dabei fühlen.

Leserfrage: Warum ist die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) eine Krankheit, obwohl es immer heißt, es sei eine normale Reaktion auf eine abnormale Situation? (Teil 3)

08.04.2022 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

In Teil 1 und 2 dieser Reihe habe ich festgestellt, dass die Begriffe „normal“ und „falsch“ ungeeignet sind, um psychologische Prozesse oder Zustände zu beschreiben. Der Begriff „psychische Krankheit“ wurde gegen den Begriff „psychische Störung“ ausgestauscht. Ich erklärt, warum ich eher sage, dass Belastungsreaktionen in der Belastungssituation gesunde Reaktionen und gesunde Verhaltensweisen sind.

Sie, liebe Leserin schreiben dann weiter:

Die Entwicklung einer PTBS infolge eines A-Kriterium-Erlebnisses wird immer noch als Anzeichen für einen Makel oder Defekt des Betroffenen angesehen. Wie soll ich denn davon geheilt werden zu wissen, dass es Menschen gibt, die andere Menschen so tiefgreifend verletzen, misshandeln, vergewaltigen und so weiter?

In meinen Augen geht es nicht darum, sich von Wissen zu heilen. Sondern wir wollen unsere Denk- und Verhaltensmöglichkeiten so erweitern, dass wir für möglichst viele Situationen gesunde Reaktionsmöglichkeiten haben. Das ist selbst nach jahrelangen Gewalterfahrungen möglich.

Ich sehe Traumabeschwerden nicht als Makel oder Defekt.

Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die psychische Beschwerden ebenfalls nicht so betrachten. Auf der anderen Seite gibt es weiterhin viel Unwissen über psychische Beschwerden oder darüber, was in einer Psychotherapie passiert. In der Regel ist es die Unwissenheit, die Menschen verunsichert. Und aus der Verunsicherung heraus werden dann solche dummen Worte verwendet.

Das wiederum bedeutet nur, dass Sie als Betroffene und ich als Psychotherapeutin noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten haben. Deswegen habe ich mich so über Ihre Mail gefreut, weil Sie mir damit die Möglichkeit zu einem weiteren aufklärenden Artikel gegeben haben. Danke dafür.

Ich verstehe nicht, warum man meine Reaktionen auf A-Kriterium-Ereignisse überhaupt als Krankheit, als Defekt, als Störung, als Makel ansieht, von dem man geheilt werden müsste, so, wie man von einem gebrochenen Bein geheilt werden müsste.

Also, ganz ehrlich, Menschen, die eine PTBS oder deren Symptome wörtlich als Makel oder Defekt bezeichnen, sollten Sie aus Ihrem Leben streichen. Das sind Menschen, die keine Ahnung haben und Ihnen nicht guttun. Also fernhalten.

Sie haben die Wahl

Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie wie jeder andere an unserer Gesellschaft teilhaben können, dann gibt es keinen Grund für Heilung oder Behandlung. Wenn es Ihnen oft schlecht geht oder Sie oft Angst haben, dann können Sie, wenn Sie wollen, in einer Psychotherapie lernen, weniger Angst zu haben und sich öfter gut zu fühlen. Oder Sie sind damit zufrieden, sich schlecht zu fühlen. Auch okay. Ihr Leben, Ihre Entscheidung.

Allerdings ist es in der Regel so, dass Menschen mit einem gebrochenen Bein von allein zum Arzt gehen. Während wir das bei psychischen Problemen ganz häufig nicht oder erst sehr spät tun. Einfach weil der Schmerz vom gebrochenen Bein so klar und gesellschaftlich anerkannt ist, dass die allermeisten Menschen zu einem Arzt gehen. Seelischer Schmerz, ständige Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht erkennen wir nicht als Anzeichen von etwas, das Heilung oder Behandlung bräuchte. Deswegen geht das oft schief. Ist so ein gesellschaftliches Ding, das weitere Aufklärung benötigt.

Die Bezeichnung meiner Reaktionen als krankhaft und damit auch die Bezeichnung meiner aus den Ereignissen gezogenen Lebenserfahrungen und Schutzmaßnahmen als Ausfluss von Unvernunft und Krankheit zu verstehen, das verstehe ich ebenfalls nicht. Es erscheint mir umso mehr unlogischer, wenn Sie doch schreiben, dass das Gehirn damit eigentlich genau den Job macht, den es machen sollte. Es erkennt eine Gefahr und zieht daraus eine Lernerfahrung.

Also wenn Sie jemandem begegnet sind, der das so sagt und sieht, dann empfehle ich Ihnen nochmal: halten Sie sich von diesem Menschen fern.

Für mich ist die Frage, ob Ihre Schutzmaßnahmen zielführend sind und ob es zusätzliche Schutzmaßnahmen und Verhaltensweisen gibt, die Sie lernen wollen, um sich noch freier und sicherer zu fühlen.

Das Gehirn hat in der Bedrohungssituation einen guten Job gemacht, weil Sie noch leben.

Allerdings gibt es ein paar biologische Mechanismen die in Kombination mit unserer komplexen Welt heute, nicht mehr so gut zusammenspielen wie zu Säbelzahntigerzeiten. Deswegen haben wir heute Traumareaktionen. Zu Säbelzahntigerzeiten gab es das in dieser Form wie heute nicht. Da bin ich sehr von überzeugt.

Wichtig ist, das Gehirn tut IN der Bedrohungssituation immer noch einen guten Job. Die Überlebensreaktion funktioniert noch sehr gut. ABER das Gehirn macht für heutige Verhältnisse einen gravierenden Denkfehler. Deswegen entstehen dann die Traumareaktionen NACH der Bedrohungssituation.

Wenn ich einen Verkehrsunfall mit einem roten Auto habe, dann kann es sein, dass das Gehirn hinterher glaubt, ALLE roten Autos sind gefährlich. Das stimmt ja aber nicht.

Ich nenn das den Einmal-Immer-Fluch.

Das Gehirn verallgemeinert. Zu unserem Nachteil. Noch schwieriger wird es bei zwischenmenschlicher Gewalt, wenn sie früh im Leben geschieht. Dann kann der Einmal-Immer-Fluch zu der Überzeugung führen, dass ALLE Männer (Wahlweise Frauen) gefährlich sind. Das stimmt bezogen auf alle Männer in diesem Land oder auf der Welt ganz sicher nicht. Aber natürlich kann es für die Welt stimmen, in der ein Kind lebt. Deswegen ist die Schlussfolgerung aus der Gewalterfahrung für das Kind korrekt und gesund. Für den später erwachsenen Menschen stimmt es dann nicht mehr. Da führen diese Überzeugungen dann immer wieder zu Konflikten oder Ängsten, was ungesund ist.

Wenn ich von einer Spinne gebissen wurde und deswegen fast mein Leben verloren hätte, ist es doch keine krankhafte Reaktion, fortan Spinnen zu meiden oder zumindest gehörigen Abstand von ihnen zu halten. Vor allem, wenn ich weiß, dass ich in einer Welt voller Spinnen lebe und Spinnen eben einfach nicht kontrollieren kann. Spinnen können schneller laufen als ich. Selbst, wenn ich fliehen würde, hätte ich keine Chance.

Also wenn ich das Beispiel jetzt mal wörtlich nehme, dann ist es zwar nachvollziehbar, dass man eine Angst vor Spinnen entwickelt und sie in Zukunft vermeidet – was ja richtig viele Menschen tun und das bezeichnet man dann unter Umständen sogar als Spinnenangst, also Spinnenphobie.

Aber selbst wenn es viele Spinnen gibt, und so viele gibt es dann eben doch nicht. Also wenn ich jetzt durch meine Wohnung gehen würde, würde ich wahrscheinlich mit viel Suchen ein oder zwei finden. Im Winter finde ich draußen gar keine und im Sommer sehe ich sie auch nur, wenn ich früh unterwegs bin und genau hinschaue. Also zumindest bei mir hier in der Stadt sind Spinnen eher unsichtbar. Dann sind die Spinnen, die wir hier haben, in der Regel nicht giftig und wenn dann nur ganz wenig giftig. Aber nicht lebensbedrohlich. Spinnen können sicher nicht schneller laufen als ich, auch wenn sie sehr schnell sind.

Mir ist klar, dass Sie das Wort Spinne als Bild für Tätern verwenden. Deswegen schreiben Sie weiter:

Denn seien wir ehrlich, im Endeffekt ist man als Kind eine Ameise in der Umgebung von Spinnen. Als Frau ist man eine Ameise gegenüber der physischen Überlegenheit von Männern. Als Mensch mit psychiatrischer Diagnose ist man eine Ameise in der Gegenwart von übermächtigen Spinnen mit allen Machtbefugnissen, die man sich so vorstellen kann und niemand, nicht einmal die Justiz stellt sich dieser Übermacht der Tyrannosarurus Rex-Spinnen auch nur ansatzweise entgegen.

Natürlich sind nicht alle Spinnen so, aber die Gefahren sind doch nun mal da. Und wenn man eine Kostprobe von jeder einzelnen dieser Gefahren bekommen hat, immer wieder von Spinnen gebissen wurde, egal, wie vorsichtig man von Mal zu Mal wurde, warum soll man dann nicht große Skepsis entwickeln? Spinnen möglichst aus dem Weg gehen? Es ist doch klar, dass jemand, der diese Erfahrung noch nicht gemacht hat, weniger skeptisch ist. Die Skepsis ist doch dann aber kein Makel im Betroffenen, sondern schlicht und ergreifend eine Folge seiner Lebenserfahrungen. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass die anderen krank sind, die trotz dieser Lebenserfahrungen weitermachen wie bisher, oder nicht?!

Ich stimme Ihnen zu, dass Sie als Kind keine Chance haben gegenüber Erwachsenen und dass unsere Gesellschaft Kinder nicht ausreichend schützt.

Was die körperliche Überlegenheit von Männern angeht, bin ich schon nicht mehr ganz Ihrer Meinung. Zuerst muss es einem Mann gelingen, mich zu fassen zu bekommen. Das heißt, ich kann aufmerksam sein, mich vorbereiten und fernhalten. Ich kann auch lernen, mich gegen einen Angriff zu verteidigen. Freunde von mir haben eine erstklassige und sehr einfache Technik entwickelt, mit der man sich Zeit zur Flucht verschaffen kann. Ja, wenn ein Mann mich in einem Raum alleine hat und zu packen bekommt, habe ich schlechte Möglichkeiten. Aber dazu muss es ja erstmal kommen. Ich habe sehr viele Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass das gar nicht erst geschieht.

Das Erleben von Ohnmacht angesichts von im besten Fall unwissenden, schlecht oder gar nicht weitergebildeten Ärzten und Gutachtern kann einem die Haare weiß werden lassen. An der Stelle bin ich wieder voll bei Ihnen. Ja, unser Sozial- und Rechtssystem, bzw. die Menschen, die es vertreten, kennen sich nach wie vor sehr schlecht mit Traumareaktionen aus. Entsprechend schlecht sind die gefällten Entscheidungen, die dann meist zum Nachteil von Betroffenen ausfallen. Das ist schlimm und das ist ein weiterer Grund, warum ich meine Fortbildungen anbiete und schreibe.

Ich gebe Ihnen auch Recht, dass Sie diesen „Spinnen“-Menschen aus dem Weg gehen sollten. Suchen Sie weiter nach wohlmeinenden Menschen. Die gibt es auch. Es gibt gebildete Gutachter und auch wissende Mitarbeitende in Behörden. Entscheidend ist, nicht aufzugeben. Das ist es, was die anderen tun. Die geben nicht auf. Und das finde ich sehr gesund.

Im letzten Teil dieser Antwort soll es um die Schuld gehen, Menschen, die uns nicht guttun, Hoffnung und die Entscheidung, gesund sein bleiben oder zu werden.

In diesem Sinne bleiben Sie gesund und hoffnungsvoll, Ihre Stefanie Rösch

Trauma-Informations-Zentrum

Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) oder Dissoziative Identitätsstörung (DIS) und die Maskenpflicht: Eine Leserinnenerfahrung (Teil 3)

21.03.2022 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

In Teil 1 und 2 ging es um die Auswirkungen von Masken auf komplex traumatisierte Menschen, sowie die Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Worten und anderen Reizen.

Mit welchen Schwierigkeiten Betroffen sonst noch im Alltag zurecht komemn müssen, zeigt der folgende Abschnitt.

Die Einschränkungen von komplex traumatisierten Menschen

Ich habe mich jetzt zwei Jahre massiv eingeschränkt und kann wegen meine Traumabeschwerden kaum noch arbeiten, denn als freiberufliche Beraterin müsste ich raus zu den Kunden. Bis auf einen kleinen Obstladen, wo ich mich komplett geoutet habe mit meiner Symptomatik und wo ich mit der Verkäuferin meistens allein bin, war ich seit April 2020 nicht mehr einkaufen. Das war alles ok für mich. Wir haben Pandemie. Was für mich nicht ok ist, dass mir trotz Inzidenzen im unteren einstelligem Bereich Gruppentherapie wegen der Masken verschlossen blieben, die für mich hinsichtlich der Erhaltung meiner Erwerbsfähigkeit wichtig sind. Es gibt Tests und viele, inkl. meiner Person, sind geimpft. Zeitgleich öffnen Diskotheken & Co. ohne Maske und Menschen reisen in alle möglichen Länder, aber Gruppentherapie gibts nur mit Maske …

Ich musste ein gutes halbes Jahr um einen halben Satz in der Corona-Schutzverordnung kämpfen, damit Menschen im Kontakt mit Menschen wie mir die Maske absetzen können, ohne dass horrende Strafen drohen. Dabei ging es nicht um Spaß, nicht mal um ganz normale Alltagsbesorgungen wie z.B. Frisör oder Einkaufen, nein, es ging um notwendige behördliche und therapeutische Leistungen oder Versorgung mit Hilfsmitteln, z.B. beim Optiker. Ausnahmen wurden z.B. für sehbehinderte Menschen in der Kommunikation problemlos erlaubt, aber unsereins fiel wieder hinten runter… keine Lobby… leider. Es ist ja „nur“ psychisch. Wir alle bilden uns das nur ein und … Masken sind ein „mildes Mittel“… und wir müssen nur üben.

Ich kann es nicht mehr hören! Ich übernehme für mich im Rahmen meiner Möglichkeiten Verantwortung, aber die (oftmals wegschauende) Bevölkerung, die Institutionen, die Politik … stehen genauso in der Verantwortung und sei es heute nur, auch uns gegenüber tolerant zu sein. Von mir wird ja auch Toleranz erwartet. Ich muss mich ohne Maske fast komplett einschränke mit aller gesundheitlichen und wirtschaftlichen Konsequenz. Gleichzeitig soll ich Menschen nicht anfeinden, die bei strahlendem Sonnenschein im Wald in 3 Metern Abstand mit FFP2-Maske an mir vorbei gehen, obwohl sie mich triggern (und Masken in diesem Umfeld mehr als unnötig sind, was kaum wer hinterfragt…).

Ich will nur nochmal deutlich sagen, dass für viele Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen die Situation seit den letzten eineinhalb Jahren einem Trigger-Minenfeld gleicht, was mal nicht soeben nebenher mit ein bisschen Üben entschärft werden kann. Vor allem nicht mit teilweise eingeschränkten Therapien. Wobei die körperlichen Distanzregeln wiederum bei unsereins teilweise sehr positiv empfunden wurden.

Ich wünsche mir zu derartigen Themen einen etwas differenzierteren und sensibleren öffentlichen Umgang besonders von Fachpersonen. Das würde vielleicht auch zu mehr Akzeptanz und Entstigmatisierung unsereins in der Umwelt beitragen.

Vielen Dank.

Liebe Leserin,

ich bin mir sicher, dass weder ich, noch viele andere therapeutisch arbeitende Menschen auf die Idee kommen, dass es für Sie und alle anderen Menschen mit DIS oder kPTBS „leicht“ wäre oder „mit ein bisschen Üben“ getan ist.

Meine Erfahrung entspricht da Ihrer, dass es zu wenig allgemeines Wissen über die Schwierigkeiten gibt, mit denen Sie tagtäglich ringen, obwohl Sie nichts dafür können, wie man Sie behandelt hat und welchen Weg Ihr Gehirn gegangen ist, um Sie zu schützen. Denn das sind die Symptome, das Ergebnis von Schutzmechanismen. Diese Schutzmechanismen sind nicht krank, sondern gesund – natürlich nur unter ganz bestimmten Bedingungen: Einem Leben mit vielen Gewalterfahrungen, die schon früh im Leben überlebt werden müssen. Wie das Gehirn zu diesem Zeitpunkt, das Problem „Gewalt“ löst, darauf haben Sie als Betroffene keinen Einfluss. Ich empfinde diese Lösungsmechanismen, einschließlich dissoziativer Überlebensstrategien zu diesem Zeitpunkt als gesunde Reaktion auf eine sehr ungesunde Lebenssituation. Das passiert einfach.

Später im Leben, oft erst dann, wenn sich die äußeren Umstände vielleicht nicht vollständig aber zumindest teilweise geändert haben, kann man merken, dass „etwas“ nicht stimmt. Einfach, weil man andere Menschen sieht und die Reaktionen von anderen mitbekommt. Irgendwann geht es einem so schlecht, dass man trotz aller Angst, trotz aller Beschwerden und Dissoziationen Hilfe sucht. Das ist gut und mutig.

Ich habe es im ersten Teil dieses Artikels geschrieben: Ein Blogartikel kann niemals eine Therapie ersetzen und jede Technik, jeder Vorschlag wird für manche funktionieren und für andere nicht. Deswegen sucht man sich eine kompetente Therapeutin und findet gemeinsam mit ihr heraus, welche Techniken, welcher Heilungsweg für Sie als einzigartigen Mensch hilfreich sind.

Aber sollte ich deswegen gar nicht schreiben? Weil es hundertprozentig sicher ist, dass es viele Leserinnen gibt, denen es ähnlich wie Ihnen geht? Weil ich davon ausgehen muss, dass es Menschen gibt, für die ein Artikel nicht hilfreich oder sogar belastend ist? Sollten deswegen die anderen, für die der Tipp oder eine Erklärung hilfreich ist, deswegen darauf verzichten müssen?

Ich kann nicht vorhersagen, wer wie auf meine Worte reagiert oder was der einzelne Leser oder die einzelne Leserin mit meinen Worten in ihrem Kopf macht. Ich bemühe mich nach bestem Wissen und Gewissen um eindeutige, klare und wertschätzende Worte und Erklärungen.

Es kann weder in Ihrem Interesse sein, noch ist es meins, nicht zu schreiben, weil der eine oder andere meine Worte missversteht. Ich gehe davon aus, dass es sich dabei um Missverständnisse handelt, die wir so wie Sie und ich es gerade versuchen, klären können. Wenn ich von Missverständnis reden, dann meine ich nicht automatisch, dass SIE mich missverstehen. Genauso gut kann es sein, dass ICH mich missverständlich ausdrücke. An einem Missverständnis sind immer beide beteiligt, Sprecher und Zuhörer, Autorin und Leserin. Solange beide an der Klärung interessiert sind, ist die auch möglich.

Ich glaube, erst wenn wir es großflächig so wie Sie und ich hier machen, wird sich etwas ändern. Wenn Sie und ich im Gespräch bleiben, in gegenseitiger Wertschätzung, so wie wir es tun, dann kann sich daraus Öffentlichkeit entwickeln und damit Aufklärung und damit Veränderung. Deswegen habe ich große Teile Ihrer Mail an mich hier veröffentlich, damit interessierte Menschen sich informieren und Verständnis für Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen entwickeln können. Wenn dabei für den einen oder anderen Betroffenen noch eine hilfreiche Technik mit herausspringt, dann macht mich das glücklich.

Deswegen nochmal, ganz herzlichen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht und den Mut aufgebracht haben, mir zu schreiben.

Ich wünsche Ihnen Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

Liebe Leserinnen und Leser,

Ich schicke meine Antworten in den meisten Fällen zuerst an meine Leserin oder Leser, damit sie einen letzten Blick auf meine Antwort werfen können, bevor ich sie veröffentliche.

An dieser Stelle möchte ich mich einmal bei allen entschuldigen, die allen Mut zusammengenommen haben, um mir zu schreiben und deren Anfragen ich bisher nicht beantworten konnte oder gar nicht beantworten werde, einfach, weil ich im Alltag nicht immer ausreichend Zeit dafür finde. Ich lese alle Anfragen und bin sehr dankbar für jede einzelne Mail. Ich würde gerne mehr schreiben. Aber leider lässt sich damit kein Geld verdienen. Deshalb wähle ich aus.

Um so mehr freut es mich, wenn ich dann auf meine Vorab-Versendung eine Reaktion wie folgende bekomme:

Liebe Frau Rösch,

ich hoffe, dass es Ihnen den Umständen entsprechend gut geht. Ganz herzlichen Dank für ihre ausführliche Antwort. Ich hatte ehrlich gesagt gar nicht mehr damit gerechnet. (Rösch: Ich bekam die Mail vor über 7 Monaten).

Ich muss sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin, dass Sie diesen Artikel veröffentlichen. Ja, es ist wichtig, gesehen zu werden, aber um gesehen werden zu können, müssen wir uns sichtbar machen, …als die, die wir sind. Das ist ungemein schwierig. Auf diesem Weg bin ich nicht nur auf Verständnis , sondern auch auf sehr viel Unverständnis, Abwertung und Ignoranz gestoßen… teils unter Gleichgesinnten, die selbst den Mut nicht aufbringen, unter Mitpatienten, unter Ärzten, Ämtern, Behörden, Regierung, Arbeitskollegen…  Das hat mich oft sehr wütend und hilflos zurückgelassen und vor allem allein. Ich habe während der Pandemie manchmal neidig auf Verbände geschaut, die sich überregional für ihre Menschen stark machten und habe das für unsereins irgendwie vermisst oder es ist an mir vorbeigegangen.

Sie schrieben, dass ich in der glücklichen Lage bin, eine Therapeutin zu haben…

Ich bin sogar so froh darüber, dass ich vor einiger Zeit beschlossen hatte (nach dem aussichtslosen Kampf mit gewissen SV-Trägern), den halbwegs sicheren Hafen einer Festanstellung zu verlassen und mich selbständig zu machen. Mit einem „normalen“ Job hätte ich diese Möglichkeit gar nicht, da die verschiedenen Therapien im Rahmen der ambulanten Versorgung in der Ambulanz einer kleineren Klinik auf dem Land zwischen 8:00 Uhr und 16:00 Uhr stattfinden – mit Festanstellung in meinem Beruf … keine Chance.

Auch diese Antwort zeigt uns, auf welche Hindernisse Betroffene in ihrem Alltag stoßen, die uns als „Gesunde“ gar nicht bewusst sind. Selbst wenn jemand gesund werden und ein produktives Mitglied unser aller Gemeinschaft sein oder werden will, werden diesem Menschen Hürden in den Weg gelegt. Dabei könnten wir ihr auch alle gewünschten und notwendigen Hilfen an die Hand zu geben, um möglichst schnell ein gesundes, freies und für die Gemeinschaft gewinnbringendes Leben genießen zu können.

Ich hoffe sehr, dass es uns als Gesellschaft gelingt, Betroffenen mit mehr Liebe und Unterstützung zu begegnen anstatt mit dem Unglauben an Heilung und dem gierigen Blick auf Geld, ohne die gesellschaftlichen Kosten und das menschliche Leid zu berücksichten.

Ich danke allen Menschen, die den Mut aufbringen, mit ihren Mails an mich, ihre Stimme zu erheben. Danke dass Sie auf diese Missstände aufmerksam machen und mir die Gelegenheit geben, mein Wissen und meine Erfahurngen mit Ihnen zu teilen. Herzliche Dank dafür und – viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

Trauma-Informations-Zentrum

Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) oder Dissoziative Identitätsstörung (DIS) und die Maskenpflicht: Eine Leserinnenerfahrung (Teil 2)

18.03.2022 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Im ersten Teil haben wir festgestellt, dass Masken für komplex traumatisierte Menschen eine riesige Herausforderung und häufige Trigger sind. Dazu tragen Täter genauso Masken wie alle anderen, so dass man sie dann schlecht erkennen kann. Auf der anderen Seite gilt das Abstandsgebot für alle gleich. Das bedeutet, dass man alle Menchen auf einen sicheren Abstand halten darf. Auch Täter. Es ist nicht mehr nötig zu unterscheiden.

Die Leserin schreibt weiter:

Das Problem sind die Dissoziationen und der Schlag ins Gesicht

Mit komplexen Traumaerfahrungen ist es natürlich deutlich schwerer bis nahezu unmöglich, einem maskierten Umfeld einen „Vertrauensvorschuss“ zu geben. Panik in solchen Situationen wären mein geringeres Problem. Das Problem sind die Dissoziationen. Ja, ich bin an den Triggern schon lange therapeutisch dran und daher klingen Ihre Ausführungen … „Wenn die Ursache Ihrer Angst etwas mit einer Lebenserfahrung zu tun hat, dann wird es mit dieser Technik besser werden.“ … für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich bin wieder unfähig und schuld, dass es mir nicht besser geht, sagen mir viele innere Stimmen und andere innere Stimmen, welche diese kleinen Kindanteile immer wieder wegen ihrer Unfähigkeit und Angst treten, werden durch solche Aussagen noch bestärkt. Ich müsste nur üben, mehr nicht … Ich bin zu doof dazu … Das heizt das innere Chaos immer wieder neu an. Mein erwachsenes Ich weiß sich davon zum Glück mittlerweile zu distanzieren, denn es hat nicht mit nur „einer Lebenserfahrung“ zu tun. Das kostet jedes Mal wieder viel Energie. Es gab und gibt reale Täter und allein die sind schuld, dass ich jetzt in dieser Situation bin. Meine Verantwortung heute liegt darin, mir Hilfe zu suchen, um die Konsequenzen zu mildern … und solche pauschalen Ratschläge helfen mir persönlich nicht weiter, im Gegenteil.

Selbst- und Weltbild und unser Filter: Interpretation ist der Schlüssel

Sie schildern an dieser Stelle ein so typisches und häufiges Problem, mit dem Betroffene von komplexen Traumafolgen zu ringen haben: Reize (hier Sätze) werden zum eigenen Nachteil ausgelegt.

Da geht es in den meisten Fällen um das Selbst- und das Weltbild. Ich schreibe, „Wenn die Ursache Ihrer Angst etwas mit einer Lebenserfahrung zu tun hat, dann wird es mit dieser Technik besser werden…“ und Ihr Gehirn oder Ihr inneres Team macht daraus: „Ich bin wieder unfähig und selbst schuld, dass es mir nicht besser geht.“

Wenn ich sagen wollte, dass es an der Unfähigkeit des Übenden hängt, würde ich das auch so schreiben: „Und wenn es mit dieser Technik nicht besser wird, dann haben Sie einfach nicht genug geübt.“ Aber so vermessen bin ich nicht.

Ich weiß, dass es so viele Gründe wie Menschen gibt, warum eine bestimmte Strategie nicht funktioniert. Ich gehe immer davon aus, dass jemand, der bereits Therapie macht, wahnsinnig viel Mut beweist. Vor allem mit einer komplexen Traumafolgestörung. Einfach weil die Auseinandersetzung mit Gewalterinnerungen nichts für feige Menschen ist. Also erstmal Hut ab, dass Sie diesen Weg gehen!

Dass der oder die Täter Ihnen eingeredet haben, dass Sie selbst schuld sind oder nicht gut genug sind oder die Gewalt verdient hätten, diese Aussagen bewirken, dass das Hirn oder innere Anteile irgendwann auch ohne Tätereinfluss anfangen, Erfahrungen in diesem Sinn zu interpretieren. Es entsteht ein „Du bist unfähig“-Filter und ein „Du bist zu dumm“-Filter im Gehirn. Wenn also etwas nicht gleich klappt, dann kommt das Hirn schon automatisch zu der Annahme, dass „ich wieder unfähig und selbst schuld bin“.

Dabei wäre eine zutreffendere Erklärung wohl eher: „Das funktioniert bei mir so nicht, weil ich nicht nur eine Gewalterfahrung gemacht habe, sondern viele. Es funktioniert so nicht, weil ich dissoziiere und gar nicht so üben kann. Es funktioniert schlicht und ergreifend deswegen nicht, weil diese Strategie für mich nicht geeignet ist.“ Alle diese Interpretationen wären in meinem Empfinden zutreffender und hilfreicher. ABER traumatische Erfahrungen über einen längeren Zeitpunkt bewirken, dass eine Äußerung wie „es wird besser werden, wenn sie üben“ als Schlag ins Gesicht wahrgenommen wird, wenn eine Technik nicht funktioniert.

Im Grunde ist diese Interpretation „Es liegt an mir“ der verzweifelte Versuch des Gehirns oder der inneren Anteile, die Vorstellung von Beeinflussbarkeit im Leben aufrecht zu erhalten.

Das ist so wie mit Schuldgefühlen, die in meinen Augen auch zu nichts nutze sind, außer sich selbst die Illusion aufrecht zu erhalten, man hätte Einfluss auf Erfahrungen, denen man ohnmächtig ausgeliefert ist. Unser Gehirn macht das, weil wir Menschen Ohnmacht so unerträglich finden. Wir benötigen die Vorstellung, Dinge in unserem Alltag beeinflussen zu können. Darüber habe ich mich an verschiedenen Stellen bereits ausgelassen (z.B. Her mit der Ohnmacht: Über den Sinn und Unsinn von Schuldgefühlen oder Leserfrage: Schuldgefühle, Hilflosigkeit und unser beider Trauma)

Die Psycho-Logik unseres Hirns behauptet: „Wenn es an mir liegt, dass die Technik nicht funktioniert, dann bin ich zwar mal wieder unfähig, aber auf der anderen Seite kann ich durchaus andere Dinge beeinflussen.“

Dabei könnte man genauso gut denken: „Die Technik funktioniert nicht für mich, weil ich komplex traumatisiert bin. Ich suche eine andere Möglichkeit mit meinen Beschwerden umzugehen. Ich frag mal meine Therapeutin, was die vorschlägt.“ Mit dieser Interpretation und Reaktion bleiben Sie ganz ohne Selbstabwertung oder Selbstbeschuldigung handlungsfähig.

Das Problem mit dieser zweiten Interpretation ist, dass Sie ihren – von den Tätern oder durch die Gewalterfahrungen – antrainierten Überzeugungen „dass sie unfähig sind“ innerlich widersprechen.

Deswegen ist es genau so wie Sie es sagen, es ist anstrengend, vor allem mit einem inneren Team. Es ist anstrengend, diesen ungünstigen Überzeugungen, diesen negativen Filtern immer wieder bewusst zu widersprechen bis auch das letzte innere Kind davon überzeugt ist und glaubt, dass es wertvoll und sehr wohl fähig ist. Es kostet unendlich viel Kraft, bis alle davon überzeugt sind, dass es an der Technik liegt, die für mich nicht funktioniert, und nicht daran, dass ich unfähig bin, die Technik korrekt auszuführen. Das ist viel Arbeit. Da sind Sie dran. Bravo!

Der abschließende Teil erscheint am Montag.

Bis dahin viel Kraft, Ihre Stefanie Rösch

Lesestoff: Gegen die Hilflosigkeit

10.03.2022 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

Danke, Simon, für die Anregung zu diesem Artikel.

Gegen die Hilflosigkeit (c) Stefanie Rösch

So ein Krieg ist eine schreckliche Sache. Und obwohl zwischen Berlin und Kiew 1350 Kilometer liegen und zwischen Konstanz und Kiew sogar 2060 Kilometer, macht dieser Krieg uns betroffen. Manche mehr als andere.

Wie die Menschen vor Ort überleben, sehen wir täglich in den Medien. Wie sie sterben auch. Wenn ich mir die Bilder lange genug anschaue, dann fühle ich mich hilflos und bekomme es mit der Angst. Mein Hirn dreht durch und denkt sich eine Katastrophe nach der anderen aus. Am Ende meiner Überlegungen steht der Dritte Weltkrieg, mein Tod und der Tod geliebter Menschen oder auch unvorstellbares und unerträgliches Leid. Spätestens dann sitze ich zu Hause und frage mich, was das hier alles noch soll.

Aber dann tritt Frau Rösch, diese nervige Psychotante, auf den Plan und sagt: „Hey, Stefanie, was machst Du da? Ist Dir klar, dass Du gerade für niemanden eine Hilfe bist?“

„Klar weiß ich das, bringt doch eh alles nichts“, antworte ich.

„Sicher, wenn Du Dich da weiter reindrehen willst, nur zu. Das ist Deine Entscheidung.“

„Wieso meine Entscheidung? Es ist doch Krieg.“

„Ja, In der Ukraine, nicht in Konstanz.“

Da hat sie allerdings Recht. Hier in Konstanz würde man gar nicht mitbekommen, dass es die Eskalation in der Ukraine gibt, gäbe es die Medien nicht. In Wikipedia findet man eine Liste von 18 Kriegen, die derzeit andauern. Der Krieg in der Ukraine steht dort auch. Er begann 2014. Vor wenigen Tage ist er auf unvorstellbare Weise eskaliert.

Warum fühlen wir uns von dem Krieg so betroffen, heute?

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Es gibt viele unterschiedliche Gründe, hier in Deutschland betroffen zu sein. Jeder Grund ist gut, aber nicht jeder ist beeinflussbar.

Wenn ich Verwandte im Kriegsgebiet habe, kann ich erstmal nur hoffen und beten. Ich muss die Hilflosigkeit aushalten. Ich kann weder den Krieg beenden, noch meine Verwandten und Freunde beschützen. Das können diejenigen, die in den Kriegsgebieten dieser Welt in Lebensgefahr sind nur selbst tun. Vor unmittelbarer Bedrohung und Gefahr kann jeder nur sich selbst schützen. Aus 2000 Kilometer Entfernung kann ich da nichts ausrichten.

Wenn ich hier in Deutschland bin und mir Sorgen über die Zukunft mache, dann wird es mir wie eingangs beschrieben sehr schnell schlecht gehen. Warum?

Ganz einfach: Weil unser Hirn dumm ist.

Wollen Sie wissen warum? Weil das Hirn nicht zwischen Vorstellung und äußerer Realität unterscheiden kann. Unser Hirn nimmt jede Wahrnehmung für bare Münze, egal ob über die Sinnesorgane wahrgenommen, also echt, oder nur ausgedacht, Phantasie.

So schauen wir Filme oder Theaterstücke und fühlen mit, obwohl uns die Geschichte nicht persönlich betrifft, sondern die Akteure auf der Leinwand oder Bühne – und für die ist es ja auch „nur gespielt“. Wir fühlen mit, nicht weil das, was auf der Leinwand oder auf der Bühne geschieht, unmittelbar in meinem Leben und mit mir geschieht, sondern weil allein die Vorstellung ausreicht, um unser Gehirn davon zu überzeugen, es wäre „echt“. Ob wir es Empathie oder Spiegelneurone oder sonst wie nennen, spielt dabei, finde ich, keine Rolle. Entscheidend ist, dass jeder weiß, wie mächtig unsere Gedanken sind und dass jeder schon die Erfahrung gemacht hat, auch wenn wir und dessen nicht immer bewusst sind.

Unsere Überzeugungen entscheiden über unsere Körperreaktionen und Gefühle

Wir regen uns über die Entscheidungen der Politiker auf. Wir fürchten uns vor einer Phantasie vom Leid anderer, wenn wir „was wäre wenn ich in der Situation wäre…“ spielen. Wir stürzen uns in die Ohnmacht, wenn wir „was wäre gewesen wenn, [es noch viel schlimmer gekommen wäre]“ oder „Ich hätte auch verletzt, tot, entstellt ….sein können“ spielen. Wenn wir davon überzeugt sind, dass eine Tablette uns hilft, dann tut sie das in ganz vielen Fällen sogar wissnschaftlich nachweisbar. Und wenn Sie sich intensiv eine saftige, saure, gelb-grüne Zitrone vorstellen und wie Sie hineinbeißen und der saure Saft Ihnen den Rachen und die Mundwinkel hinunterläuft, dann wird Ihnen der Speichel im Mund zusammenlaufen. Wie oft erleben wir Tränen in Rollentrainings oder echte Wut. Es fällt uns so leicht, über eine Vorstellung, unser Hirn auszutricksen, so dass es glaubt, es muss jetzt die passenden Körperreaktion dazu herstellen.

Unsere Gedanken sind mächtig.

Was hat das alles mit Krieg und Hilflosigkeit zu tun?

Nun, die Medien machen es uns leicht, uns den Horror und das Leid des Krieges in der Ukraine und an anderen Orten der Welt vorzustellen und mitzufühlen. Wir sollten uns allerdings alle die Frage stellen, wieviel Nachrichten uns guttun und ob wir für die Menschen in Not eine Hilfe sind, wenn wir unserem Hirn zuviel Phantasie erlauben. Können Sie sich mit diesem Thema beschäftigen, ohne sich hilflos zu fühlen? Dann ist alles gut. Sind Sie in der Lage, Ihren Alltag so wie immer zu bewältigen, auch mit allen alltäglichen Schwierigkeiten, die Sie kennen? Dann ist alles gut. Sollten die Bilder und Gedanken über den Krieg aber bewirken, dass Sie sich immer hilfloser fühlen und Sie wollen sich nicht hilflos fühlen, dann hier ein paar Dinge, Sie die gegen die Hilflosigkeit tun können.

Gegen die Hilflosigkeit

  1. Schauen Sie möglichst wenig Nachrichten und konzentrieren Sie sich auf die Gegenwart. In der Gegenwart können wir handeln.
  2. Konzentrieren Sie sich auf kleine, machbare Schritte. Je kleiner die Schritte, desto eher können Sie die gehen und werden sich gut fühlen.
  3. Sie sind wichtig an dem Ort, an dem Sie sind. Nur gemeinsam verändern wir die Welt.
  4. Leben Sie jeden Tag Frieden. Jeder Konflikt ist ein kleiner Krieg. Es hängt nur davon ab, wie Sie ihn lösen. Krieg beginnt im Alltag.
  5. Seien Sie für andere da und tuen Ihnen Gutes. Das gibt Ihrem Leben Sinn.

In diesem Sinne: Lassen Sie uns die Welt verändern zu einem friedlicheren Ort, Tag für Tag, Begegnung für Begegnung, Freundlichkeit für Freundlichkeit.

Dafür wünsche ich Ihnen ein leuchtendes, mutiges Herz, Ihre Stefanie Rösch

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Stefanie Rösch

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