"Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung" – Stefanie Rösch, 2013

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Leserfrage: Ist ein Täterintrojekt eine Dissoziation?

24.05.2019 Veröffentlicht von Definitionen, Leserfragen 0 Kommentare

Hallo,
Ich habe eine Frage. Meine Therapeutin glaubt, dass ich eine dissoziative Störung habe. Ich verstehe aber nicht genau was sie meint. Dazu habe ich starke Täterintrojekte. Durch Ihren Beitrag hier konnte ich mich besser verstehen. Oder glauben Sie, dass meine Therapeutin meint, dass die Introjekte die Dissoziation sind?
Lg Thomas

Lieber Thomas,

Dissoziation, wie ich den Begriff verstehe, meint einen psychologischen Zustand, in dem Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse von gegenwärtigen Reizen nicht als Einheit wahrgenommen werden. Also zum Beispiel, wenn man aufgrund von einer Erinnerungsattacke das „Gefühl“ hat, in der Vergangenheit zu sein, obwohl man bei dem Blick auf den Kalender sieht, dass es „heute“ ist. Das Erleben von Gegenwart und Vergangenheit ist verändert. Das kann man als Dissoziation bezeichnen.

Oder wenn man zwar sieht, wo man ist, aber es sich innerlich so anfühlt, als wäre man ganz weit weg. Als wenn alles durch Watte gepuffert ist oder durch eine Glasscheibe beobachtet wird. Auch das wären Beispiele für dissoziatives Erleben.

Und wenn man den Eindruck hat, dass da jemand anderes für einen oder an meiner Stelle handelt oder mich innerlich voll labert, als ob es da „andere“ im eigenen Kopf gibt, die manchmal so stark sind, oder so „vorne“ sind, dass man sich selbst nur noch zuschauen kann, dann nennt man diesen dissoziierten Zustand auch „Introjekt“. Betroffene haben in extremen Fällen den Eindruck, dass es wie eine komplett andere Person ist.

Aber die meisten Menschen kennen dissoziative Zustände, wenn sich die Gegenwart irgendwie „anders“ anfühlt und meistens ist das unangenehm. Zum Beispiel geht es vielen Menschen so, dass Sie sich in bestimmten Situationen „klein“ fühlen oder sich verhalten „wie ein Kind“. Auch das kann man als dissoziativen Zustand beschreiben. Grundsätzlich gehört Dissoziation zum Menschen dazu. Aber manchmal sind diese Zustände so unangenehm (voller Angst oder komplett ohne Gefühle) oder führen dazu, dass sich jemand selbst schadet, dass wir sagen, dass macht denjenigen krank und dann ist es gut, dass es Menschen wie Ihre Therapeutin gibt, die Ihnen zeigt, wie Sie diese Zustände wieder so verändern können, dass es Ihnen besser geht.

Insofern glaube ich, dass Ihre Therapeutin diese Worte tatsächlich so verwendet, wie Sie es verstanden haben: Ein Introjekt ist eine Form der Dissoziation. Aber fragen Sie Ihre Therapeutin doch einfach, wenn Sie Worte benutzt, die Ihnen nicht ganz klar sind. Das sind alles sehr abstrakte Worte, die oft gar nicht so eindeutig definiert sind, also eine eindeutige Bedeutung haben J

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

Gewalt oder Strafe? Das ist hier die Frage.

15.02.2016 Veröffentlicht von Definitionen 0 Kommentare

Menschen, die ich als Täter bezeichne, weil sie anderen Menschen meist vorsätzlich, also mit Absicht Schaden zufügen, bedienen sich teilweise einer wirklich fiesen Verwirrtaktik. Sie behaupten, dass der Schaden, den sie dem anderen zufügen eine Strafe sei. Vor allem als Kinder und Jugendliche sind wir dieser Täterlüge wehrlos ausgeliefert. Für alle, die sowas gesagt bekommen haben, hier mal der Unterschied zwischen einer Strafe und Gewalt.

Eine Strafe ist

  • Angekündigt (Wenn Du Dein Zimmer nicht aufräumst, gibt es Computerverbot)
  • und damit vorhersehbar (Wenn ich mein Zimmer nicht aufräume, weiß ich, dass ich Computerverbot bekomme)
  • und damit auch vermeidbar (Wenn ich aufräume, bekomme ich kein Computerverbot)
  • das unerwünschte Verhalten wird vorher benannt und die Konsequenz, die einem Nicht-Befolgen folgt, wird ebenfalls benannt, bevor die Spielregel (oder ein Gesetz) in Kraft tritt. (Gestern hast Du nicht aufgeräumt. Ab heute gilt: wenn Du Dein Zimmer nicht aufräumst, gibt es Computerverbot.)

Gewalt ist

  • Nicht zuverlässig angekündigt und nicht sachlich nachvollziehbar begründet. (Wenn ich mein Zimmer aufräumen soll, dann mache ich das. Aber wenn der Vater betrunken nach Hause kommt und schwankt und meine Bücher aus dem Regal reißt, dann schreit er mich an, was ich für eine Unordnung habe)
  • Sie ist nicht klar vorhersehbar, auch wenn Betroffene einen 7.ten Sinn für das Auftreten von Gewalt entwickeln können. (Wenn der Vater auf eine bestimmte Art die Treppe hochkommt, dann weiß ich, dass er betrunken oder schlecht drauf ist und dann schlägt er wahrscheinlich wieder um sich)
  • Gewalt ist letztendlich nicht vermeidbar. Der Täter entscheidet, ob er Gewalt macht oder nicht. (Egal, was ich tue, ich habe keinen Einfluss darauf, ob der Vater trinkt oder nicht und ob er dann um sich schlägt und ob es mich erwischt oder meinen Bruder oder meine Mutter)
  • Der Täter rechtfertigt sein gewalttätiges Verhalten manchmal DANACH, indem er behauptet, das sei jetzt eine Strafe für ein unerwünschtes Verhalten gewesen oder sei notwendig gewesen oder das Opfer hätte die Ursache dafür gesetzt. (Mein Vater hat meine Bücher aus dem Regal gerissen. Er wird wütend und schlägt um sich. Anschließend sagt er: „Du weißt doch, dass ich Unordnung hasse. Du bist selbst schuld, dass ich Dich jetzt bestrafen musste. Hättest Du aufgeräumt, wäre nichts passiert.“ – Aber er hat die Bücher ja aus dem Regal gerissen weil er schwankte und sich daran festhielt. ICH hatte mein Zimmer ordentlich. ER hat die Unordnung gemacht. Aber ICH bekomme die Schläge dafür.)

Strafen gibt es normalerweise von Eltern oder durch unser Rechtssystem, so wie es im Gesetz beschrieben steht. Manchmal hat auch jemand anderes wie ein Chef oder ein Mitarbeiter von einer Behörde die Möglichkeit, uns zu bestrafen, weil er die Macht dazu hat.

Strafen sind vermeidbar. Gewalt nicht.

Kindlicher Größenwahnsinn

27.02.2015 Veröffentlicht von Definitionen 0 Kommentare

Das ist so ein Begriff, den ich gerne verwende, wenn es darum geht zu beschreiben, an welchen Stellen unsere Denkgewohnheiten noch nicht erwachsen geworden sind.

Bestes Beispiel dafür ist die Vorstellung, dass alles, was um mich herum geschieht, was passiert, was Leute sagen, seine Ursache in mir hat. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Welt sich um mich dreht, dass ich der Mittelpunkt der Welt bin.

Das wiederrum ist eine sehr kindliche Vorstellung. Für einen Säugling ist diese Aussage fast wahr. Wann immer er sich bemerkbar macht, reagiert jemand darauf. Das geschieht zwar mehr oder weniger zuverlässig, aber solange der Mensch erwachsen wird, ist es passiert. Jemand kam und hat den Säugling gefüttert und gewickelt und rechtzeitig zum Arzt gebracht, sonst wäre er nicht mehr hier. Es wurde auf die Bedürfnisse des Kindes mehr oder weniger prompt, aber doch lebenserhaltend zuverlässig reagiert. Das Kind lernt: Die Welt (Eltern/Bezugspersonen) reagiert auf mich, ich bin der Mittelpunkt dieser Welt.

Jeder weiß, dass das im Grunde ein Fehlschluss ist. Einer von vielen Denkfehlern, die wir lernen, die wir immer wieder machen. Ganze Bücher sind über unsere fehlerhafte Art zu denken geschrieben worden. Dieser eine Schluss jedoch, dass alles sich auf mich bezieht, dass ich selbst die Ursache für das Verhalten von anderen setze und dass deren Verhalten IMMER eine Reaktion auf mich PERSÖNLICH darstellt, ist in meinen Augen in seiner Absolutheit einer der folgenreichsten Denkfehler, wenn es um unsere psychische Gesundheit geht.

Wenn wir die Dinge, vor allem die negativen, die uns geschehen, sehen als etwas, das wir verursacht haben, dann würde das bedeuten, wir wären schuld = verantwortlich dafür, oder?

  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass die Bäckersfrau mich anblafft. (Die macht das wegen mir.)
  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass mein Vater mich ignoriert. (Mein Vater ignoriert nur mich, weil ich ich bin)
  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass meine Mutter mich abwertet. (Meine Mutter wertet nur mich ab.)
  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass mein Mann mich schlägt oder meine Frau fremdgeht. (Mein Mann ist der einzige, der schlägt und das nur mich.)
  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass die Ampel rot wird. (Immer wenn ich komme, wird die Ampel rot.)
  • Ich wäre verantwortlich dafür, dass es regnet, die Sonne scheint oder schneit. (Immer, wenn ich Spaß haben will, macht mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung.)

All das wäre meine Verantwortung, meine Schuld, wenn ich die Ursache für alles um mich herum bin.

Wenn ich aber an allem Schuld bin, werde ich mich angegriffen fühlen, ich werde mich schlecht fühlen, frustriert und muss mich dann verteidigen. Ein beliebter und verbreiteter Einstieg in einen Streit. Und völlig unnötig!!!

Achten Sie einmal darauf, wo Sie Ihren kindlichen Größenwahnsinn immer noch pflegen, wo Sie glauben, etwas hat mit Ihnen zu tun und dann ….… lesen Sie den nächsten Artikel: Was wäre wenn …?

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