„Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung“ – Stefanie Rösch, 2013

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Achtung Gott: Psychologie und Film: Noah – Gottes Weg ist steinig

08.04.2014 Veröffentlicht von Achtung Gott!, Psychologie und Film 0 Kommentare

Gerade ist im Kino Darren Aronofskys Film Noah angelaufen. Hier der Trailer auf Deutsch:

Was wie ein typisches Hollywood-Action-Spektakel daherkommt, zeigt dem geneigten Zuschauer, wie schwer es sein kann, Gottes Weg zu gehen. Ja, es ist ein bildgewaltiger Streifen voller Computer- und Tricktechnik, aber auch ein Film, der Noah als gottesfürchtigen, gehorsamen, zweifelnden, überforderten und liebenden Sohn, Mann, Vater und Gottes Krieger zeigt.

So vielschichtig wie die Vorlage ist auch der Film. Aus dramaturgischen Gründen nimmt Aronofsky drei grundlegende Abweichungen von der biblischen Erzählung vor, um erzählen zu können, wie schwer es ist, sich immer wieder für Gott zu entscheiden. Die erste Abweichung ist, dass Ham und Jafet, die beiden jüngeren Söhne Noahs, keine Frauen mit an Bord nehmen. Die zweite Abweichung ist, dass Sems Frau unfruchtbar ist. Der dritte dramaturgische Kompromiss ist die Überlegung, was wohl die anderen Menschen taten, als sie mitbekamen, dass Noah eine Arche baut. Die biblische Geschichte Noahs ist im Detail nicht ausformuliert. Sie lässt viele Fragen offen, denen Darren Aronofsky mit Phantasie und Sensibilität begegnet.

So gibt es keine Hinweise auf die Rolle der Frauen in der biblischen Version der Geschichte außer, dass sie da waren. Der Film dagegen zeigt starke Frauen, die entscheidende Momente dieser Geschichte beeinflussen und mit ihrer Liebe viele Leben retten.

Aronofsky lässt Gott durch Visionen und Wunder sprechen, auch wenn in der Bibel steht: der Herr sprach. Für Noah bedeutet dies, er muss diese Visionen und Zeichen entschlüsseln. Zu Beginn ist er sich sicher, was Gott ihm sagen will. Als er aufgrund seiner ersten nächtlichen Vision seinen Großvater aufsucht, ist er verunsichert. Doch Metuschelach erinnert ihn daran, dass er darauf vertrauen soll, dass Gott so zu ihm spricht, dass er es verstehen kann. Also beginnt Noah mit seiner Familie, die aus seiner Frau Naameh, seinen Söhnen Sem, Ham und Jafet und der angenommenen Tochter Ila besteht, die Arche zu bauen. Zu Hilfe kommen ihnen die Wächter, zur Erde gefallene Engel, welche Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies beistehen wollten und deren Wissen die Söhne Kains zum Bösen einsetzten. Sets Söhne, Set war Adams dritter Sohn, setzten sich nach Aronofsky wie befohlen für die Schöpfung ein und versuchten, sie zu bewahren. Kains Söhne waren es, die Gott so sehr erzürnten, dass er die Welt vernichten wollte.

Aronovsky gelingt es mit Tubal-cain dem Hochmut und der Zerstörungswut der Söhne Kains ein Gesicht zu geben. Tubal-cain, dessen Vater Noahs Vater für Bodenschätze ermordete.

Noah kämpft gegen den Widerstand all der Menschen, die Tubal-cain um sich versammelt hat und die leben wollen. Innerhalb seiner Familie muss Noah Gottes Plan gegen den Widerstand seines Sohnes Ham durchsetzen, der eine Frau will, obwohl Noah keine unschuldige Frau für ihn sieht. Er muss schwere Entscheidungen treffen, kämpfen, töten, für seine Überzeugung einstehen und allein stehen. Er muss durchhalten und er zweifelt an Gott. Er bekommt das Böse in Tubal-cains Lager zu sehen und erkennt das Böse in jedem von uns. Er zieht seinen Schluss und glaubt, es wäre Gottes Wille. Gott fordert viel und Noah bleibt ihm treu.

Am Ende legt Aronofsky Noah und Ila das Leben der Menschheit in die Hände. Während Noah noch zweifelt, haben die beiden Frauen an Bord der Arche Gottes Liebe bereits erkannt. Ilas Liebe zwingt Noah zu Barmherzigkeit und damit zum Überleben der Menschheit.

Der Film schließt mit jenem Regenbogen, den Gott sich zur Erinnerung an seinen neuen Bund mit Noah schafft (1. Mose, 12 – 17, „Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.“). Wie ich neulich in einer Predigt hörte: Der Regenbogen ist Gottes Knoten in seinem Taschentuch, damit er nicht vergisst, dass er uns versprochen hat, nie wieder eine Sintflut zu schicken.

Ein sehenswerter Film. Wer tiefer schaut wird fündig werden.

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Achtung Gott: Psychologie und Film: Philomena – Teufels Werk in Gottes Namen

09.03.2014 Veröffentlicht von Achtung Gott!, Psychologie und Film 1 Kommentare

Als mich neulich eine Freundin dazu einlud, einen Feelgood-Movie anzuschauen, hatte ich die Erwartung einen Film zu sehen zu bekommen, den ich mit einem guten Gefühl verlassen kann. Ich hatte die Filmvorschau gesehen und die war wirklich lustig. Die alte, etwas schrullige Frau auf der Suche nach ihrem erwachsenen, adoptierten Sohn. Sie wird dabei von einem Journalisten unterstützt, der normalerweise nicht über menschliche Dramen schreibt, sondern über Russische Geschichte.

Hier der Trailer auf Deutsch

Das sieht lustig aus, oder? Hört sich unterhaltsam an und ich glaubte fest daran, dass der Film gut ausgeht. Philomena findet ihren Sohn und kann die letzten Jahre Kontakt zu ihm haben.

Dann saßen wir im Kino und alles kam ganz anders.

Der Trailer enthielt alle witzigen Momente des Films und hatte das ganze Drama verschwiegen. Philomena wird als sehr junge Frau im streng katholischen Irland ungewollt schwanger, weil sie niemand aufgeklärt hat. Sie wird mit dieser „Schande“ in ein Kloster gesteckt, muss das Kind unter unmenschlichen Bedingungen bekommen, sozusagen als Buße. Sie muss dort arbeiten und darf ihren Sohn nur eine einzige Stunde am Tag (oder in der Woche?) sehen. Schließlich wird sie Zeuge, wie die Nonnen ihren Sohn im Alter von fünf Jahren zusammen mit seiner kleinen, besten Freundin an reiche Amerikaner verkaufen. Sie wird gezwungen, ihn zur Adoption frei zu geben und verliert ihn aus den Augen.

50 Jahre später erzählt sie ihrer erwachsenen Tochter davon. Die ist entsetzt und weil sie ihre Mutter unterstützen will, spricht sie Martin Sixsmith an, der ihrer Mutter dabei helfen soll, diesen verlorenen Sohn zu finden.
Sie beginnen die Suche im Kloster, landen in Amerika und stehen am Ende doch wieder im Kloster.
Martin Sixsmith reagiert, wie wohl die meisten Menschen reagieren, wenn Sie erfahren, was Philomenas Sohn zugestoßen ist und wie eine verbitterte, religiös fehlgeleitete, egoistische alte Nonne mit Philomenas Suche nach innerem Frieden umgeht.
Philomena, oft etwas seltsam oder kurios in ihren Reaktionen, ist eine weise Frau. Zwei Zitate haben mich tief bewegt, für die sich dieser Film allemal lohnt.
Als Martin Sixsmith herausfindet, was die alte Nonne Philomena angetan hat, ist er zutiefst empört und sagt das auch. Die alte Nonne meint dazu nur: “Jesus wird mein Richter sein – nicht Leute wie Sie.“ Worauf Martin Sixsmith antwortet: „Wirklich? Ich glaube, wenn Jesus hier wäre, würde er Ihren Rollstuhl umwerfen – und Sie würden nicht aufstehen und weggehen.“
Doch Philomena schaut nur mitfühlend auf die Nonne hinunter und sagt dann zu Martin: “Ich will die Menschen nicht hassen. Ich will nicht wie Sie sein, Mr. Sixsmith. Schauen Sie sich an!”
“Ich bin wütend!” erwidert der und funkelt die Nonne an. Philomena: “Das muss anstrengend sein.”
Mr. Sixsmith kann nicht glauben, dass Philomena der Nonne einfach so vergeben will. Doch diese weise Frau sagt: „Es ist nicht leicht. Es ist schwer. Sehr schwer.“ Und an die Nonne gewandt: „Ich vergebe Ihnen, weil ich nicht wütend bleiben will.“
Damit geht Philomena hinaus und kann dieses Kapitel für sich abschließen.

Als Zuschauer lernen wir: Wütend sein ist anstrengend. Vergebung ist schwer. Aber Vergebung ist eine Entscheidung, kein Gefühl. Wer diese Entscheidung fällen kann, kann auch Frieden finden, weil er nicht mehr ständig zurückschauen muss auf Dinge, die er nicht ändern kann. Auf Dinge zurück zu schauen, die man nicht ändern kann, macht machtlos und am Ende depressiv. Philomena hat vergeben, egal wie schwer es war. Sie hat Gott an ihre Seite gelassen, sie hat um ihren verlorenen Sohn in all den Jahren getrauert und für ihn gebetet. Sie hat geheiratet, hat eine tolle Tochter und freut sich des Lebens. Man bekommt den Eindruck, dass sie trotz der erlebten Gewalt ein reiches Leben gelebt hat.

Mich hat dieser Film so berührt, weil er so gut schildert, wie Glauben und Religion von einzelnen Personen dazu missbraucht werden, im Namen Gottes Teufels Werk zu tun.
Am Ende des Films erfahren wir als Zuschauer, dass Philomenas Schicksal nicht das einzige dieser Art ist. Dass ganz viele irische Kinder verkauft wurden, meist an Amerikaner, die es sich leisten konnten. Wir lesen dass wahrscheinlich ebenso viele junge Frauen, teilweise schwangere Kinder (die jüngste Mutter im Film wurde nur 13 Jahre alt) bei der Geburt ohne ärztliche Hilfe ihr eigenes Leben ließen zusammen mit ihren ungeborenen Kindern.

Philomena ist eine Kriegerin Gottes, die uns Mut macht um unserer selbst willen zu vergeben und dass Schweigen zu brechen. Obwohl sie im Verlauf der Geschichte nicht wollte, dass Martin Sixsmith ihre Geschichte erzählt, entschließt sie sich am Ende doch dafür. Trotz Vergebung bricht sie das Schweigen und bringt die Verbrechen, die im Namen Gottes verübt wurden, ans Tageslicht. Zu vergeben bedeutet nicht, Täter davon kommen zu lassen. Vergebung ist für uns, die Opfer, nicht für die Täter. Die müssen sich trotzdem verantworten, hier vor Gericht, vor ihrem eigenen Gewissen und schließlich vor ihrem Schöpfer.

Ein sehenswerter, aufwühlender und Mut machender Film. Nicht nur für Christen.

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Philomena auf IMDB.com
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Psychologie und Film: Batman Begins, 9 – Der Preis der Schuldgefühle

13.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Einige Monate später taucht Ra´s Al Ghul in Gotham City auf, um die Stadt mit einer Überdosis Halluzinogen sich selbst zerstören zu lassen. In der letzten Konfrontation zwischen den Gegenspielern hat Bruce einen Weg dafür gefunden, Ra´s Al Ghul zu besiegen: „Ich werde Dich nicht töten, aber ich muss Dich auch nicht retten.“ Mit diesen Worten rettet er sich selbst aus dem abstürzenden und explodierenden Zug.

Ra´s Al Ghul gibt sich Bruce schließlich zu erkennen. Er ist gekommen, um Gotham zu zerstören und als erstes Bruce zu töten, damit der ihn nicht daran hindern kann.

Bruce benutzt seine Maske „Verwöhntes Millionärssöhnchen“, um die Gäste seiner Geburtstagsparty rauszuschmeißen und damit zu retten. Damit manövriert er sich jedoch noch weiter in die Isolation. Ra´s Al Ghul zeigt kein Mitgefühl mit ihm und lässt Bruce sterbend in seinem brennenden Haus zurück.

Mithilfe der gleichen Droge, mit der Bruce seinen Ängsten begegnen und sie besiegen konnte, überflutet Ra´s Al Ghul nun die Stadt. Die Menschen attackieren sich gegenseitig in ihren angsteinflößenden Halluzinationen.

Bruce kann das Schlimmste verhindern, indem er den Zug, den sein Vater der Stadt stiftete, in die Luft jagt, bevor es Ra´s Al Ghul gelingt, seine Droge in der ganzen Stadt zu verteilen. In der letzten Konfrontation bleibt Bruce sich insoweit treu, dass er seinen ehemaligen Mentor nicht „von Hand“ tötet, sondern mit dem Zug in die Tiefe stürzen lässt, im Grunde eine Form der Nothilfe für die Stadt und der Notwehr für sich selbst.

Auf den Trümmern seines Hauses gibt er Rachel recht: „Gerechtigkeit ist mehr als Rache.“

Rachel gesteht ihm, dass sie gerne mit ihm zusammen wäre, aber dass der Bruce, den sie sehr mag, nicht mehr da sei. Erst wenn die Stadt Batman nicht mehr brauche, würde sie diesen Bruce vielleicht wieder finden.

Nachdem Ra´s Al Ghul nun beseitigt ist, kann Bruce sich vorstellen, mit Rachel zusammen zu kommen. Doch Rachel will keine Geheimnisse. Sie sieht, was Bruce sich antut, indem er sich selbst verleugnet, um Batman sein zu können. Sie sieht, dass es einen Teil von Bruce gibt, der in Batman eingeschlossen ist. Sie spürt, dass Bruce die Stadt an oberster Stelle stehen hat, weil die Schuld noch nicht beglichen ist: das Gefühl, schuld am Tod seiner Eltern zu sein. Er wird die Stadt über eine Beziehung stellen und Rachel will offensichtlich keinen Partner, für den eine Stadt / die Eltern wichtiger sind als seine Partnerin und der dafür die Hälfte seines Lebens im Verborgenen leben will.

Es ist klar, dass Bruce erst einen Teil seines Weges zurückgelegt hat. Um sich von seiner Vergangenheit, seinen Ängsten und dem Tod seiner Eltern zu befreien, muss er noch ein paar Dinge lernen.

… to be continued … Fortsetzung folgt.

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Psychologie und Film: Batman Begins, 8 – Unser Handeln zeigt wer wir sind

12.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Um die Menschen zu schützen, die ihm wichtig sind, und gleichzeitig das Verbrechen in der Stadt zu bekämpfen, braucht er eine Maske, ein Doppelleben: Tagsüber ist er Bruce Wayne, der arrogante, verwöhnte Millionärssohn und nachts ist er Batman.

Batman zu werden ist die logische Konsequenz aus dem, was Bruce in den vergangenen Jahren gelernt hat. Er hat gelernt, dass alle Menschen Angst haben, auch Kriminelle. Er hat gelernt, dass alle Menschen das Unbekannte fürchten. Er hat gelernt, dass die Menschen über Angst, etwas zu verlieren, besonders zu manipulieren sind. Also muss er, um Angst unter den Verbrechern der Stadt zu verbreiten zu einem schrecklichen Gedanken werden, zu einem Symbol. Die Fledermaus, ein Tier der Nacht, das ihm selbst soviel Angst gemacht hat, liegt da als Symbol nahe. Um sich selbst und die Menschen die ihm wichtig sind zu schützen, kann nur Alfred wissen, wer er nachts ist. Im Grunde ist es Alfred, der ihn daran erinnert, dass er ein Leben bei Tag braucht und etwas, dass seine vielen blauen Flecken aus den Kämpfen mit den Verbrechern bei Nacht erklärt. Und so kämpft er in der Nacht gegen die Korruption und das Verbrechen in der Stadt. Tagsüber spielt er den verwöhnten Millionärssohn, der nichts von Batman hält und sich nicht für Politik interessiert.

Als der verwöhnte Millionärssohn Rachel wiederbegegnet ist diese von ihm enttäuscht. Bruce will seine Tarnung nicht auffliegen lassen und so muss er hinnehmen, dass Rachel ihm sagt, dass es nicht darauf ankommt, wer er innen drin ist, sondern dass sein Handeln zeigt, wer er wirklich ist.

Zu gerne würde er Rachel sagen, was er wirklich macht, aber um seinetwillen und ihretwillen kann er es nur andeuten, indem er ihr sagt, innendrin sei er anders. Und wieder bekommt er ein starke Botschaft von Rachel: Sein Handeln gibt den Ausschlag, wer er ist, nicht das, was er denkt.

Wie oft denke ich mir das, wenn ich mich mal wieder nicht traue, etwas zu sagen, obwohl mich etwas nervt. Wie oft denke ich das, wenn ich lese, es gab so und so viele Zeugen und keiner hat etwas getan. Wir sind, wie wir handeln. Es spielt keine Rolle, was wir denken, wenn wir nicht danach handeln! Harte Erkenntnis! Ernüchternde Wahrheit, auch für mich.

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Psychologie und Film: Batman Begins, 7 – Mitgefühl und das Erbe der Eltern

10.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Um endgültig in die Gesellschaft der Schatten aufgenommen zu werden, müsse er beweisen, dass er in der Lage ist zu tun, was nötig ist. Ra´s Al Ghul fordert ihn auf, einen Bauern hinzurichten, der seine Nachbarn ermordet habe. Bruce verweigert sich. Dein Mitgefühl ist eine Schwäche, die Deine Feinde nicht teilen werden“, fordert sein Lehrer ihn nochmals auf. Doch Bruce ist anderer Meinung: Deswegen ist es so wichtig: Es unterscheidet uns von denen.“ Als die Gesellschaft der Schatten ihm nur die Wahl zu der Hinrichtung oder zum eigenen Tod lässt, nutzt er all sein Können, um den Palast im Himalaya in die Luft zu jagen. Er rettet Ra´s Al Ghul, seinem Lehrer, das Leben und entkommt, um nach Gotham City zurückzukehren. Dort wird er den Kriminellen und der Korruption den Kampf ansagen.

Bruce soll als Beweis dafür, ob er in der Lage ist, die Ziele der Gesellschaft der Schatten auch umzusetzen, einen Mörder hinrichten. Er verweigert dies, weil dem Mann kein ordentlicher Prozess gemacht wurde. Er stellt sich an dieser Stelle unter das Gesetz. Er will im Rahmen des Gesetzes bleiben. Ducard/Ra´s Al Ghul fordert jedoch Unterwerfung oder Tod. Bruce erkennt, dass sein Mitgefühl etwas ist, das ihn von echten Kriminellen unterscheidet. Es scheint als wäre das Wesen der Kriminalität der Mangel an Mitgefühl. Angst haben beide Gruppen, die Kriminellen und die Nicht-Kriminellen/Gesetzestreuen. Aber Mitgefühl macht das Zusammenleben in einer Gesellschaft erst möglich. Mitgefühl verhindert, dass wir anderen Schmerz zufügen und absichtlich Leid verursachen, weil wir uns vorstellen und spüren können, wie es sich anfühlt. Teilweise können wir es so intensiv spüren, als würde es uns selbst geschehen.

Und tatsächlich ist der Mangel an Mitgefühl, der Mangel an Empathiefähigkeit etwas, dass einen Menschen mit Anitsozialer Persönlichkeit von seinen Mitmenschen unterscheidet. Umgangssprachlich nennen wir so einen Menschen dann Psychopath.

Bruce erkennt, dass das Mitgefühl eine zentrale Größe ist, die er sich erhalten will. Dafür kämpft er an dieser Stelle im Film. Er rettet im folgenden Kampf seinem Mentor Ducard/ Ra´s Al Ghul das Leben und kehrt nach Gotham City zurück, um gegen die Kriminalität anzutreten, die Kriminalität, die seine Eltern das Leben gekostet hat. Und er kehrt zurück, um das zu retten, wofür seine Eltern gestorben sind, für die Stadt und ihre Menschen.

Gibt es etwas, dass Sie machen, weil Sie es Ihren Eltern immer noch recht machen wollen? Oder weil Sie es ganz bestimmt anders als Ihre Eltern machen wollen? All das ist immer noch ein Ausdruck, dass Sie von Ihren Eltern abhängig sind. Was wollen Sie? Was ist für Sie der richtige Weg, etwas zu tun? Ihre Leben zu leben?

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Psychologie und Film: Batman Begins, 6 – Größenwahn und Angsttherapie

09.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Als Bruce seine Ausbildung abgeschlossen hat, muss er eine letzte Prüfung bestehen: Unter Einfluss einer halluzinogenen Droge soll er sich seiner größten Angst stellen. Denn eigentlich fürchte Bruce sich vor seiner eigenen Macht, er fürchte seine Wut und den Drang etwas Großes zu vollbringen. Zuerst müsse er seine eigene Angst besiegen. Angst verändere die Wahrnehmung. Deswegen solle er seine Angst umarmen, zu seiner Angst werden. Um etwas Großes zu bewirken, müsse er ein schrecklicher Gedanke werden, eine Idee, denn die Menschen fürchten am meisten, was sie nicht sehen können. Bruce besiegt seine Angst vor den eingebildeten, erinnerten Fledermäusen und kann Ra´s Al Ghul im Zweikampf durch eine List ebenfalls besiegen.

Auch Ra´s Al Ghul weiß um die Angst der Menschen, die Angst vor dem Unfassbaren, dem schrecklichen Gedanken. Er will diese Angst gegen die in seinen Augen Kriminellen richten. Er hat Recht, die Angst verändert die Wahrnehmung, sie lässt uns die Welt wie durch einen Tunnel sehen, und so richtet Ra´s Al Ghul seine Wut auf alle, die ihn im Stich gelassen haben: Die Kriminellen, weil einer davon seine Frau getötet hat, und alle anderen, die nicht eingegriffen haben, die korrupt waren und die stillschweigend ihr Leben lebten, ohne sich um ihn zu kümmern. Er unterscheidet die Menschen nicht. Er sieht Gotham als Ganzes an einem Punkt, wo nur die Zerstörung der Stadt einen echten Neubeginn bedeuten kann.

Darin sieht er dann auch „das Große“, zu dem er Bruce befähigen will. Bruce habe Angst vor seiner eigenen Stärke, der Möglichkeit, etwas wirklich Großes zu vollbringen – wie die Zerstörung einer ganzen Stadt, um ihr einen Neubeginn zu ermöglichen. Ein bisschen erinnert das an Noahs-Erfahrung. Die Auslöschung der Menschheit, weil sie sich nicht an Gottes Wort hält, um einen Neubeginn mit Noahs Familie zu ermöglichen. Ra´s Al Ghul maßt sich das Urteil über Millionen Menschenleben an und fühlt sich dabei noch gerecht.

Deswegen will er die Angst gegen die sowieso schon Ängstlichen einsetzen. Am besten werde das gelingen, indem man zu einem schrecklichen Gedanken wird und die Angst der Menschen noch schürt, damit sie sich aus ihrer Angst heraus gegenseitig zerstören.

Bruce sieht ein, dass er seine Angst vor den Fledermäusen nur besiegen kann, indem er sich ihr stellt. Unter Einfluss einer Droge, löst er sozusagen noch einmal eine Erinnerungsattacke aus, doch diesmal kann er die Angst besiegen und damit auch seinen Gegner in der Abschlussprüfung. Indem er seine Angst besiegt, kann er ruhig genug bleiben, um klar zu denken und selbst in der Prüfungssituation noch eine List zu entwickeln, um seinen Mentor zu besiegen.

Genau hier geschieht im Grunde das, um was es in jeder Therapie von Angstzuständen geht: soviel Ruhe im Körper bewahren zu können, dass man den Handlungsspielraum, den man hat oder den man dazugelernt hat, dann nutzen kann. Insofern zeigt der Film an dieser Stelle die anstrengendste Methode der Angsttherapie: die Exposition, also das Sich-solange-der-Angst-aussetzen, bis man merkt, dass die Angst nachlässt und man nicht gestorben ist. Dadurch lässt das Angstgefühl dauerhaft nach.

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Psychologie und Film: Batman Begins, 5 – Selber schuld!

07.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Bruce wird ausgebildet, um die Angst gegen den Ängstlichen zu richten. Um erfolgreich zu sein, muss er sich seinen eigenen Ängsten stellen. Ra´s Al Ghul konfrontiert ihn mit der Tatsache, dass er Bruce´ Vater die Schuld am Tod seiner Eltern gibt, weil er nicht gelernt hat, sich zu wehren. Ra´s Al Ghul ist außerdem der Auffassung, dass Rache gegen die Wut und die Schuldgefühle hilft. Bruce kann diese Einstellung nicht teilen. Er kann keine Rache mehr nehmen und ist viel zu wütend, um Schuld zu spüren.

Ra´s Al Ghul konfrontiert Bruce damit, dass nicht er, Bruce, am Tod seiner Eltern schuld ist, sondern sein Vater, der nicht gelernt hat, sich zu wehren.

Im ersten Augenblick mag man Ra´s Al Ghul zustimmen, aber bei genauem Hinsehen gibt er dem Opfer die Schuld an der Tat. Das Opfer hätte die Tat verhindern müssen, deswegen ist es selbst schuld. Auch heute ist diese Meinung noch viel zu verbreitet. Sie stellt die Frage nach der Mitverantwortung des Opfers: Hat es sich gewehrt oder ist stillschweigend, quasi einvernehmlich, Opfer geworden? Diese Haltung führt automatisch zu einer Ent-Schuldung des Täters. Ein seltsames Konstrukt, um mit der eigenen Hilflosigkeit umzugehen. Ein seltsames Konstrukt von Ursache und Wirkung, das andere, sehr menschliche Bedürfnisse nach Abgrenzung zum Opfer befriedigt als die Herstellung von Recht und Ordnung.

Denken Sie das nicht auch manchmal: Selbst schuld? Aber stimmt es wirklich? Ist der andere, das Opfer wirklich selbst schuld? Wer hat gehandelt? Wer hat die Entscheidung getroffen? Ist nicht nur der verantwortlich, der sich dafür entschieden hat, einem anderen Schaden zuzufügen?

Ra´s Al Ghul hat die gleiche Haltung, die Bruce zu Beginn seiner Reise hatte: Rache hilft gegen die Wut und die Schuldgefühle. Da Bruce keine Rache mehr nehmen kann – der Mörder ist tot – kann er weder etwas gegen die Wut noch gegen die Schuldgefühle tun. Zusammen mit dem Gefühl des Versagens in den Augen seines toten Vaters, gibt es nur eine Möglichkeit, etwas gegen die Schuldgefühle und die Scham zu tun: das zu retten, was seinem Vater wichtig war: Gotham City. Nur so kann er in seiner Vorstellung seinen Vater stolz machen und sein eigenes Schuldgefühl ein kleines bisschen befrieden.

Ra´s Al Ghul kennt den Weg: Die eigene Angst besiegen und das geht nur, indem man sich ihr aussetzt. An dieser Stelle hat er vollkommen Recht. Man kann die Angst nur meistern, indem man ihr begegnet und sie bewältigt.

Wo haben Sie das letzte mal einer Angst ins Auge geschaut, um zu merken, dass die Angst von alleine nachlässt? Machen Sie sich vorher einen Plan, wie Sie Sich verhalten wollen in der Situation, vor der Sie zurückscheuen. Dann wird es leichter.

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Psychologie und Film: Batman Begins, 4 – Die Macht der Angst und des Vermeidens

06.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Bruce sucht den machtgierigen und überheblichen Gangster Falcone auf, der ihm erklärt, dass alle Menschen über ihre Ängste zu manipulieren sind, weil jeder etwas zu verlieren hat. Das sei die wahre Macht, die Macht der Angst. Er, Bruce, als Prinz von Gotham werde diese zwielichtige Welt nie verstehen und er werde immer fürchten, was er nicht verstehe.

Auch hier wird eine sehr wahre Aussage über die Angst gemacht. Die Angst vor dem Fremden/Unbekannten, dem, was wir nicht verstehen. Ist das nicht die Angst, die zu Fremdenfeindlichkeit führt? Die Angst, die uns daran hindert, neue Wege zu gehen? Etwas Neues auszuprobieren? Zu reisen? Unser Leben grundsätzlich zu verändern? Und die uns in kontrollierter Form in Horrorfilmen unterhält?

Dass Angst mächtig ist, das weiß jeder. Sind wir nicht alle bestimmt von der Angst vor dem Tod oder dem Sterben? Viele Menschen haben Angst vor Schmerz, Dunkelheit, Erinnerungen, Spinnen und anderen Tieren, ihrem Chef, dem Versagen. So viel Angst, die unser Handeln bestimmt. Jeder von uns kann mindestens ein Verhalten finden, dass dazu dient, sich einer Angst nicht auszusetzen, sondern sie zu vermeiden. Wir wollen die Gefahr vermeiden, mit unserer Angst konfrontiert zu sein.

Wenn wir keine Angst hätten, etwas zu verlieren, könnte uns niemand mehr durch Drohungen manipulieren. Wenn wir keine Angst vor dem Tod hätten, wären wir frei. Das ist im Grunde der Kernpunkt des Christentums. Als Christ braucht man keine Angst mehr vor dem Tod haben, weil wir wissen, dass wir auferstehen.

Angst ist mächtig. Gerade Opfer organisierter Gewalt wissen das. Da wird so sehr mit Drohungen und Nahtod-Erfahrungen eingeschüchtert, dass Betroffene alles tun und mit sich machen lassen, aus Angst vor dem Tod, weiterem Schmerz und dem Gefühl der Ohnmacht und Einsamkeit.

Die Angst der Täter vor ihren Opfern ist allerdings genauso groß. Denn was würde geschehen, wenn alle Opfer sich gemeinsam erheben und das Schweigen brechen? Selbst bekannte Persönlichkeiten und Personen aus dem Rechtssystem, die an der organisierten Gewalt beteiligt sind, hätten dann ein Problem. Man kann es nicht oft genug sagen.

So wie Bruce, der vor der Erinnerung an die Fledermäuse aus der Oper flüchtete. Welches Verhalten kennen Sie an Sich, mit dem Sie einer Angst aus dem Weg gehen?

Daraufhin taucht Bruce unter, um das Wesen des Kriminellen verstehen zu lernen. Auf diese Weise landet er in einem Gefängnis, irgendwo in der Nähe des Himalayas, wo ihn Ducard/Ra´s Al Ghul findet. Ra´s Al Ghul plant mit seiner Gesellschaft der Schatten Gotham City ins Chaos zu stürzen. Gotham habe ein Ausmaß an Kriminalität erreicht, das nur durch ihre Zerstörung gelöst werden könne, so Ra´s Al Ghuls Meinung.

Bruce nimmt an Diebstählen teil, um das Wesen des Kriminellen zu verstehen. Er sieht die Not, die hinter Kriminalität an manchen Stellen steckt, wenn er aus Hunger stiehlt. Er sieht aber auch die Gier und das Streben nach Macht und Einfluss, als er seine eigene Firma beraubt und dafür in das Gefängnis im Himalaya geht.

Bruce lernt zu kämpfen. Er selbst nennt es Training, wenn er im Gefängnis gegen fünf Gegner im Schlamm kämpft. Je mehr Gegner, desto mehr Training. Deutlich ist zu spüren, dass er nie wieder Opfer sein will, nie wieder hilflos und sich selbst als nicht kriminell sieht, weil er mit seinen Diebstählen niemandem schadet.

Bruce will lernen die Kriminellen in Gotham zu besiegen. Deswegen macht er sich auf den Weg in die Berge zu Ducard/Ra´s Al Ghul, um sich von ihm ausbilden zu lassen.

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Psychologie und Film: Batman Begins, 3 – Über Gerechtigkeit und Rache

04.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Jahre später, Bruce ist erwachsen, kommt es zu einer Anhörung, durch die der Mörder seiner Eltern vorzeitig aus der Haft entlassen werden soll, weil er bereit ist, gegen die Unterwelt auszusagen. Bruce will sich an dem Täter rächen. Jedoch kommt ihm ein gedungener Mörder zuvor. Rachel, seine Freundin aus Kindertagen, arbeitet inzwischen für die Staatsanwaltschaft. Sie begleitet ihn zu der Anhörung. Als Bruce ihr auf dem Heimweg gesteht, dass er den Mörder umbringen wollte, ist Rachel entsetzt, weil er Rache will. Bruce ist der Auffassung: „Manchmal sind Gerechtigkeit und Rache das Gleiche.“ Doch Rachel erklärt ihm: „Bei Gerechtigkeit geht es um Harmonie. Bei Rache geht es darum, dass man sich selbst gut fühlt. Die Kriminellen der Stadt zerstören alles, wofür Deine Eltern standen. Dein Vater würde sich dafür schämen, dass Du Dich rächen wolltest.

Bruce hat das passende Gefühl: Wut auf den Täter, der ihm den Verlust seiner Eltern aufgezwungen hat. Der Täter, der mit seinem Mord die Grenze überschritten hat und hinter die Linie zurück verwiesen werden muss – abgewehrt werden darf. Das ist das passende Gefühl für die Situation des Angriffs. Da war Bruce aber noch zu klein und musste ohnmächtig zuschauen.

Jetzt, erwachsen hat er die körperliche Kraft und Möglichkeit, diesem Gefühl einen Ausdruck zu verleihen und will dies tun, indem er den Täter ermordet. In der Bedrohungssituation wäre es eine legitime Reaktion gewesen, Notwehr. Er hätte den Mörder zu seinem Schutz (Notwehr) oder zum Schutz seiner Eltern (Nothilfe) töten dürfen. Zumindest nach deutschem Recht.

Das Schicksal will es anders und Bruce wird um diese Möglichkeit betrogen, weil der Täter von der Unterwelt ermordet wird – die Angst hat – weil er das Schweigen brechen will! Jetzt gibt es kein Ventil mehr für seine Wut, keine Möglichkeit mehr, sich besser zu fühlen. Die Rache als Möglichkeit, das eigene Schuldgefühl zu befrieden, wurde ihm genommen. Damit verschwand auch die Möglichkeit zur Sühne: Nach dem Mord am Täter selbst ins Gefängnis zu gehen und dort dafür zu bezahlen, dass er als kleiner Junge seine Eltern nicht retten konnte. So seltsam funktioniert unser Denken und so stark ist die Spannung, die Hilflosigkeit und Ohnmacht machen, dass wir unter allen Umständen versuchen, diese Spannung zu reduzieren. Wenn es sein muss mit Rache.

Seine Freundin Rachel bringt es für ihn auf den Punkt: Bei Gerechtigkeit geht es um Harmonie, bei Rache darum, sich gut zu fühlen. Rache, um eigene Schuldgefühl zu befrieden, einen Ausgleich zu schaffen auf der Ebene von Auge um Auge. Das Leben der Eltern mit dem Leben des Täters zu bezahlen. Damit, so denkt Bruce, könnte die Harmonie wieder hergestellt werden. Das könnte so sein, bräuchte es dafür nicht wieder einen Mord, der weitere Opfer produziert und damit weiteres Ungleichgewicht.

Echte Harmonie kann nur hergestellt werden, wenn jeder die Verantwortung für sein Leben und sein Handeln übernimmt. Das ist es, was die meisten Opfer wollen, dass der Täter echte Verantwortung übernimmt, dass er sich der Strafverfolgung stellt, gesteht und für die Konsequenzen seines Handelns, z.B. Kosten für Therapie, einsteht. Dann könnte echte Harmonie hergestellt werden und ich glaube, die meisten Leute würden das als gerecht empfinden.

Da Täter so aber nicht sind, braucht es einen Staat, der für Recht sorgt, auch wenn es dabei selten um Gerechtigkeit geht.

Aber was Bruce wirklich trifft, ist nicht die andere Haltung gegenüber Rache und Gerechtigkeit, die Rachel hat, sondern ihre Aussage, dass Bruce´ Vater sich für ihn schämen würde. Da Bruce sich sowieso schon schuldig fühlt, liegt es nahe, dass er ihr glaubt, sein Vater sehe in ihm einen Versager, der unfähig war, ihn zu retten. Rachel schlägt hier eine tiefe Wunde, die Bruce´ weiteres Leben formen wird.

Welche Sätze haben Sie gehört, die Ihr weiteres Leben beeinflusst haben?

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Psychologie und Film: Batman Begins, 2 – Hab keine Angst

02.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Kurze Zeit später erlebt Bruce in einer Opernaufführung eine Angstattacke und will gehen. Seine Eltern verlassen mit ihm den Saal durch einen Hinterausgang, wo sie überfallen und beide Eltern getötet werden. Sterbend schaut der Vater den Sohn an und sagt: „Bruce, es ist okay. Hab keine Angst.“ Bruce bleibt allein mit Alfred zurück, dem treusorgenden Butler und Nachlassverwalter.

Wenn ich an all die Opfer von Gewalt denke, die ich in meinem Leben schon kennengelernt habe, dann verbindet diese alle die Angst vor den Tätern und besonders die Angst vor den eigenen Erinnerungen. Die Angst vor der Erinnerung an die Fledermäuse ist es, die Bruce vermeiden will. In seiner Wahrnehmung ist es das, was zum Tod seiner Eltern führt. Wie kann er sich nicht schuldig fühlen? Wie viele Menschen fühlen sich schuldig („Her mit der Ohnmacht“), weil es immer noch besser ist als das Gefühl der Ohnmacht. Bruce kann nichts tun als seine Eltern bedroht und erschossen werden. Er ist zu klein. Er ist ohnmächtig.

Bruce bekommt von seinem sterbenden Vater gesagt, dass er in dieser massiven Bedrohungssituation keine Angst haben soll. Der sterbende Vater will seinen Sohn mit diesen Worten trösten. Er weiß ihn versorgt. Aber Bruce? Ich bezweifle, dass er das verstehen konnte. Er bekommt nur gesagt, dass er das Gefühl, das er hat, nicht haben soll.

Es ist grundsätzlich keine gute Strategie jemandem zu sagen, wie er sich fühlen soll. Denken Sie nur an das „jetzt beruhig Dich erstmal“, das wir so daher sagen, wenn jemand sehr aufgeregt ist. Wir haben Gefühle als Reaktion auf unsere Umwelt. Wenn jemand traurig, aufgeregt, wütend, hilflos, verzweifelt, voller Angst ist, dann mit gutem Grund. Niemand möchte gerne gesagt bekommen, wie er sich fühlen soll. Hilfreich an dieser Stelle wäre zu sagen „Es ist okay, wenn Du Angst hast. Das geht auch wieder vorbei.“

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Psychologie und Film: Batman Begins, 1 – Die Angst der Kriminellen

01.02.2014 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Die Batman-Filme von Christopher Nolan

Die Batman-Filme von Christopher Nolan erzählen die Geschichte eines Mannes, der versucht sein Kindheitstrauma zu überwinden (Batman Begins), der erfolglos seinen Platz im Leben sucht (The Dark Knight) und sich schließlich von seiner Vergangenheit befreit und sich selbst findet (The Dark Knight Rises).

Batman Begins, 1 – Die Angst der Kriminellen

Bruce Wayne, Sohn eines der reichsten Männer von Gotham City, stürzt als Kind in einen Brunnen und wird daraufhin von Fledermäusen attackiert. Sein Vater, ein Arzt, erklärt ihm, dass die Fledermäuse ihn angegriffen hätten, weil sie Angst vor ihm gehabt haben. Bruce will wissen, ob auch die gefährlichen Tiere Angst hätten. „Die ganz besonders“, bekommt er zur Antwort. Sein Vater gibt ihm noch eine zweite Lebensweisheit mit auf den Weg: „Warum fallen wir, Bruce? – Damit wir wieder aufstehen können.“

Hier der Rest des Textes: PF_BatmanBegins_Inhalt

Bruce bekommt zwei wichtige Botschaften: Kriminelle haben grundsätzlich Angst und Fehlschläge sind dazu da, um daraus zu lernen und daran zu wachsen.

Eine der wichtigsten Botschaften, die man aus diesem Film mitnehmen kann, ist: Kriminelle haben immer Angst, weil sie nicht erwischt und bestraft werden wollen. Viele Opfer sind sich dessen nicht bewusst, dass ihre Täter/ihre Angreifer mindestens genauso viel Angst vor ihren Opfern haben wie ihre Opfer vor noch mehr Gewalt. Was könnten Täter tun, wenn Opfer nicht schweigen würden? Warum geben sich so viele Täter so viel Mühe, ihre Opfer zum Schweigen anzuhalten? Weil sie wissen, dass wenn das Schweigen gebrochen wird, sie von der Gesellschaft für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Davor haben sie Angst.

Die zweite Botschaft gefällt mir noch viel besser. Wir fallen, damit wir wieder aufstehen. Wenn etwas Schlimmes passiert, fragen wir uns so oft, warum uns das passiert ist. Hier ist die Antwort: Damit wir wieder aufstehen. Kein Blick zurück. Bruce´ Vater verschwendet keinen Augenblick damit, auf etwas zu schauen, was er nicht ändern kann. Stattdessen lehrt er seinen Sohn, nach vorne zu schauen und weiterzumachen.

Es kommt darauf an, wo wir den Anfang der Ursachen setzen. Wir können sagen, wir sind gefallen, weil wir gestolpert sind. Wir können aber auch sagen, wir sind gefallen, weil wir etwas lernen sollen. Wir entscheiden, wo wir Ursache und Wirkung sehen.

Wenn man auf sein Leben schaut, kann man sagen, nach jeder guten Phase folgt etwas Schlechtes. Oder wir können sagen: Jede schwierige Phase wird gefolgt von einer guten. Was macht das bessere Gefühl? Wie denken Sie?

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Psychologie und Film: Rapunzel neu verföhnt – Wie Weiße Foltermethoden in einen Disneyfilm kommen

03.11.2013 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Mit diesem Film ist es den Disney-Autoren super gelungen, ein Doublebind zu zeigen und was diese Zwickmühlensituation mit dem „Opfer“, in diesem Fall Rapunzel, macht.

Der Begriff „Doublebind“ (sprich: Dabbelbeind) kommt aus dem Englischen und bedeutet „Doppelte Bindung“, zu Deutsch Zwickmühle. Wenn wir Informationen bekommen, die uns zu sich widersprechenden Handlungen auffordern, dann erzeugt das in uns große Spannung. Wir fühlen uns in der Zwickmühle.

Rapunzel bietet dazu ein gutes Beispiel: Mutter Gothel, die Rapunzel entführt und in den Turm gesperrt hat, will sie in diesem Turm halten. Sie entzieht Rapunzel andere Beziehungen und Bewegungsfreiheit. So ist Rapunzel in der Einschätzung ihrer Welt und ihres Verhaltens auf den guten Willen von Mutter Gothel angewiesen. Um überleben zu können, muss sie sich den Wünschen und Erwartungen von Mutter Gothel unterordnen. Mutter Gothel will Rapunzel wegen ihrer magischen Haare bei sich behalten und von sich abhängig halten. Deswegen sagt sie ihr folgendes:

Mutter Gothel gibt Rapunzel sich widersprechende Informationen: Ich sorge für Deine Sicherheit, ich liebe Dich, ich will Dein Bestes. Gleichzeitig wertet sie Rapunzel ab und macht ihr Angst: du bist tollpatschig, pummelig, draußen hat es gefährliche Männer und giftigen Efeu. Auf diese Weise bindet sie Rapunzel an sich. Rapunzel hat Angst vor dem Leben außerhalb des Turms, will es ihrer Mutter recht machen und hat doch die Sehnsucht nach Freiheit und das Gefühl, ihrem Herzen und ihrer Neugier folgen zu müssen. Das heißt, sie schwankt zwischen Angst vor der Welt, Schuldgefühlen gegenüber der Mutter und ihrer Sehnsucht/Neugier.

Als sie es mit Hilfe des Diebes Eugene schafft, den Turm zu verlassen, geht es ihr hinterher so:

Die innere Spannung zwischen ihrem Gefühl von Freiheit und dem Bedürfnis von ihrer Mutter geliebt zu werden zerreißt sie fast. Die Autoren haben das auf eine humorvolle Weise sehr gut getroffen.

Da es sich um einen Disney Film handelt, wird Rapunzel durch ihre innere Zerrissenheit nicht aufgehalten. Sie geht ihren Weg. Sie will herausfinden, wer sie ist.

Hier draußen im Leben haben es Menschen, die solchen Umständen ausgesetzt waren oder in einer solchen familiären Umgebung groß werden mussten, deutlich schwerer. Nicht umsonst wird der gezielte Einsatz von Reizentzug und Doublebind-Strategien als Weiße Folter bezeichnet. Weiße Folter, weil die Foltermethode keine körperlichen Spuren hinterlässt. Die psychischen Folgen sind jedoch verheerend. Wenn der Folterer, also derjenige, der seinem Opfer Schmerz/Leid zufügt, auch die Person ist, die das Opfer hinterher versorgt, sich kümmert und freundlich ist, dann bezeichnet man dieses Vorgehen als Weiße oder Psychologische Folter. Das Opfer kann sich nicht mehr auf menschliche Beziehungen verlassen. Das Vertrauen in die Menschheit wird gebrochen, es entsteht völlige Abhängigkeit vom Folterer. Das Opfer wird versuchen, es dem Folterer Recht zu machen, um weiterer Gewalt zu entgehen. Aber die Gewalt ist nicht zu beeinflussen. Depression und nicht selten Suizid sind die Folge.

Außerhalb von Disney zieht diese Art der Misshandlung, die es auch einfach in Familien gibt, schwere psychische Schäden nach sich. Wenn Kinder ständig in dieser Zwickmühle leben müssen, z.B. mit solchen Aussagen wie „Ich muss Dich bestrafen, weil ich Dich lieb habe.“ Oder „Ich muss Dich bestrafen, weil Du böse warst.“, dann hinterlässt das in vielen Fälle schwere Störungen der Selbstwahrnehmung des Kindes. Das Kind wird sich wertlos fühlen, denn schließlich muss es ja „böse“ sein, um so oft bestraft zu werden. Wütend auf den Elternteil zu sein, der aus ganz egoistischen Gründen gegenüber dem Kind gewalttätig ist, ist als Kind unmöglich und selbst im Erwachsenenalter für viele Betroffene nur unter großer Angst und Mühe lernbar. Das Limbische System kann, weil diese Situationen so lebensbedrohlich waren, nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart (Ich-Zustände) unterscheiden, sondern „überlebt“ einfach, indem es alte Strategien des Überlebens, oft eine Form der Unterordnung, wiederholt, wiederholt, wiederholt.

Gut, dass Rapunzel trotz allem so gesund und innerlich so stark ist, dass sie ihrem Herzen folgen kann.

Alles in allem ein lustiger Film mit einem interessanten psychologischen Moment.

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Achtung Gott: Psychologie und Film: The Grace Card – Trauma, Vergebung und Gott

27.10.2013 Veröffentlicht von Achtung Gott!, Psychologie und Film 0 Kommentare

Der Polizist Mac McDonald verliert seinen 5 jährigen Sohn Tyler durch einen Verkehrsunfall. 15 Jahre später ist er verbittert, rassistisch und von seiner Familie entfremdet.

Sein Vorgesetzter will Mac aus dessen Einzelgängertum herausholen und dessen Einstellung zu seiner Arbeit ändern. Deswegen befiehlt er Mac und den gerade beförderten Sam Wright bis zu Sams Versetzung als Team zu arbeiten. Mac ist frustriert, weil er bei der Beförderung wieder übergangen wurde und das ausgerechnet wegen Sam, der halb solange Polizist ist wie er und schwarz. Beide sind nicht begeistert von der Vorstellung zusammen arbeiten zu müssen. Sam bemüht sich um eine Beziehung zu Mac, während der ihn wieder und wieder abblitzen lässt.
Macs Frau sucht Hilfe bei einer Familientherapeutin, um die Familie zu retten. Blake, Macs 17 jähriger Sohn, der noch ein Baby war, als sein Bruder Tyler ums Leben kam, kann es seinem Vater nicht recht machen und wendet sich den falschen Freunden zu.
Sams Traum ist es, eine Kirche aufzubauen. Er möchte Pastor sein, hat bereits damit begonnen, aber die Gemeinde will nicht so recht wachsen, so dass er auf seinen Job als Polizist angewiesen bleibt. Er fragt sich, was Gott von ihm will und warum er ausgerechnet Mac McDonald in sein Leben gestellt hat, der für ihn der einzige Mensch ist, dem er nicht mit Nächstenliebe begegnen kann.

Und dann schießt Mac bei einem Einsatz seinen Sohn Blake nieder, der als Einbrecher unterwegs ist.

Auf der psychologischen Ebene ist dies ein Film über einen traumatisierten Polizisten. Einen Vater, der zusehen musste, wie sein 5 jähriger Sohn von einem schwarzen Dealer totgefahren wird. In seinem Schmerz und in seinen Schuldgefühlen wird er Polizist, um dieses Leid für andere zu verhindern. Er hat Flashbacks, wenn er mit schwarzen Straftätern zu tun hat oder Rettungswagen. Er ist wütend auf Gott, von dem er sich verlassen fühlt. Er sieht sich als Opfer in jedem Augenblick seines Lebens, er fühlt sich allein und verhält sich entsprechend ablehnend gegenüber den Menschen, die ihn lieben. Er glaubt, seinen Schmerz als Strafe zu verdienen und betäubt ihn gleichzeitig mit Alkohol. Er verliert mehr und mehr die Kontrolle über sein Leben. Erst in völliger Ohnmacht erreicht Sam ihn. In seiner dunkelsten Stunde kann er sich Gott zuwenden.
Dem Autor ist es gelungen, die Folgen dieses Unfalls auf die Familie realistisch darzustellen. Dank der großartigen Schauspieler sind der Schmerz und dessen zerstörerische Kraft in jeder Entscheidung, in jeder Geste, in jeder Emotion zu spüren.

Die zweite Ebene des Films ist die spirituelle. Der Film entstand als Projekt einer christlichen Gemeinde. Alle Jobs, einschließlich der Schauspieler waren Christen und Laien. Michael Joiner, der Mac spielt, ist der einzige Schauspiel-Profi in diesem Projekt.
Nicht-Christen mögen diesen Film kritisieren, weil es ihnen zu viele Zufälle gibt. Genau das macht diesen Film zu einem tollen Beispiel dafür, wie Gott wirkt: Für uns nicht vorhersehbar. Erst im Nachhinein können wir diesen für uns bestimmten Teil seines Plans erkennen. Wir können sehen, dass Gott Mac nie aufgegeben hat, dass er auch Blake nicht aufgeben wird, sondern dass er noch bevor es zu dem Unfall kommt, für die Rettung gesorgt hat.
Erst als Mac nichts mehr unter Kontrolle hat, kann Gott ihm zeigen, dass er immer noch in Kontrolle ist. Alles, was Mac tut ist, sich Gott wieder zuwenden.
Gott wirkt durch Menschen wie Sam und dessen Großvater, der ihm sagt, dass der Dienst für Gott nicht in einer Kirche stattfindet, sondern auf den Straßen, mitten im Leben. Dieses Bild hat mir sehr gefallen, zumal ich es neulich in einer Predigt hörte: Es geht nicht darum zu sagen, dass man Christ ist, sondern als Christ zu leben.

Persönlich hat mich dieser Film auch deswegen so berührt, weil ich in meiner Arbeit als Traumatherapeutin die Macht der Vergebung, wie sie hier ganz am Ende des Films gezeigt wird, schon erlebt habe. Es gibt nichts Heiligeres und Heilsameres als wenn Täter echte Verantwortung für ihre Taten übernehmen, die vollen Konsequenzen für ihr Handeln tragen und ihre Opfer dann um Vergebung bitten. Wenn die Vergebung vom Verletzten gewährt werden kann, dann kann es echten Frieden zwischen Täter und Opfer geben.

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Psychologie und Film: Black Bird – So sollten Psychotherapeuten sein!

15.10.2013 Veröffentlicht von Psychologie und Film 0 Kommentare

Mit der Reihe Psychologie und Film werde ich von Zeit zu Zeit Filme besprechen, die mir aus psychologischer Sicht interessant erscheinen. Es wird um psychische Störungen gehen und wie sie in Filmen dargestellt werden. Ich werde Filme vorstellen, die ich aus anderen Gründen für psychologisch interessant halte, z.B. über die Art und Weise wie Menschen Ursachen zuschreiben oder traumatisierte Superhelden. Schauen Sie rein! Wir können von den heutigen Spielfilmen viel lernen. Die Überzahl an amerikanischen Produktionen an dieser Stelle entsteht aus der in meinen Augen höheren Qualität der Figurenentwicklung in amerikanischen Produktionen und aus meiner profanen Vorliebe für das Hollywood-Popcorn-Wohlfühl-Kino. Aber lassen Sie Sich dadurch nicht täuschen, Hollywood hat immer wieder mehr Tiefe anzubieten als man beim ersten Hinschauen so denkt.

Ich eröffne diese Reihe mit einem amerikanischen Fernsehfilm, den ich schon lange auf meiner „Will ich noch sehen“-Liste hatte. Viel Spaß!

Der Tod hinter der Maske (1995)

Helen McNulty (Überzeugend: Laura Dern) ist Kriegsberichterstatterin und wird mit ihrem Partner Jan zusammen entführt.

Ein Jahr später trinkt sie viel Alkohol und kann sich kaum auf ihre Arbeit in der Redaktion konzentrieren. Sie schafft es, Ihren Chef davon zu überzeugen, ein Interview über Anna Lenke (Großartig: Vanessa Redgrave) machen zu dürfen, die eine Klinik für Folteropfer ins Leben gerufen hat und selbst Folteropfer der Nazis wurde.

Die erfahrene Therapeutin Anna erkennt sofort, wen sie vor sich hat. Helen will nicht als Klientin, sondern nur für das Interview in die Klinik kommen. Anna besteht darauf, dass Helen als Klientin in die Klinik kommt oder gar nicht. Da in der Klinik alle nur mit Vornamen angesprochen werden, kann jeder selbst entscheiden, wie viel er von sich preisgibt. Gleichzeitig mit Helen reist auch Tomas Ramirez (Raul Julia in seiner letzten Rolle, ebenfalls großartig) an, der von drei dunklen Gestalten verfolgt wird, vor denen er offensichtlich davon läuft.

Im Verlauf der Geschichte, erfahren wir mehr darüber, was Helen passiert ist, und warum Tomas in der Klinik ist.

Der Film ist ab 16 freigegeben und das ist gut so. Die Darstellung der Gewalthandlungen halten sich in Grenzen, nichtsdestotrotz ist es übelste Gewalt, Folter eben.

Warum ich diesen Film empfehle ist, weil Anna einfach eine tolle Therapeutin ist, wie ich mir viele wünsche. Das dargestellte therapeutische Konzept ist für mich sehr schlüssig. Anna hat ein großes Haus auf einem großzügig angelegten Grundstück, in dem jeder sein eigenes Zimmer mit Bad hat. Auf diesem Gelände können ihre schwer traumatisierten Klienten Sicherheit finden und eine liebevolle Umgebung, in der sie viel darüber lernen, was die erlebte Gewalt mit ihnen macht. Anna lebt ebenfalls auf diesem Gelände. Es gibt eine strukturierte Gesprächsgruppe, in der auch das Zitat fällt: Um den Drachen zu töten, müssen wir zunächst einmal anerkennen, dass es ihn gibt. Ein für mich ebenfalls zentraler Punkt auf dem Heilungsweg: Anzuerkennen, dass man nicht heil ist, sondern Hilfe braucht.

Alle anderen Gespräche finden im Alltag statt, am Schwimmbad, während gemeinsamen Ausflügen, zwischen den Patienten, bei einem Spaziergang über das Gelände. Anna ist da, sehr klar, hat klare Regeln, an die sich alle halten müssen, ist keine Freundin von Medikamenten, beobachtet, tastet sich vor, lässt Raum, bietet an und kann auch lachen. Sie hat keine Angst, etwas von sich Preis zu geben. Sie hat sehr überzeugend überlebt und gibt auf bescheidene Art und Weise ihr Wissen mit klarem Ziel weiter: Die Foltererfahrung beeinträchtigt vor allem die Fähigkeit, mit andern Menschen Beziehungen zu haben. Die Therapie hat das Ziel, Vertrauen und Nähe zu anderen Menschen wieder erfahren und leben zu können.

Die Liebe zu ihren Klienten ist in jeder ihrer Handlungen spürbar.

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Die DVD ist unter dem Titel „Black Bird – Silver Edition“ in Deutschland veröffentlicht.
Der Originaltitel lautet „Down Came a Blackbird“.
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Leserfrage: Wie kann ich „meine“ Mutter Gothel loswerden? Wie geht vertrauen?

06.01.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo,
ich habe vor kurzem mit meiner Tochter den Märchenfilm Rapunzel gesehen und er hat mich sehr berührt. Jetzt lese ich auf Ihrem Blog über den Film Rapunzel – neu verföhnt. Ich habe genau das erlebt, was Sie Weiße Folter nennen. Viele Jahre habe ich gebraucht, um mich von meiner Mutter zu lösen und ihr „Spiel“ zu durchschauen. Ich bin durch Rapunzels „Wüste“ gegangen, als mir bewusstwurde, dass ich eigentlich keine Mutter habe. Seit meiner Kindheit leide ich an Angstzuständen und Depressionen. Laut verschiedener Therapeuten habe ich aber kein „richtiges“ Trauma erlebt, weil es eben „weiß“ war. Ich denke, deswegen haben auch verschiedene Therapien bei mir nicht funktioniert. Ich fühle mich sehr traumatisiert und habe auch viele Symptome. Es tut gut bei Ihnen zu lesen, dass meine Gefühle eine Berechtigung haben. Ich habe genau das, was Sie beschreiben: Ich kann mich nicht auf menschliche Beziehungen verlassen. Ich bin immer verschlossen. Auch bei Therapeuten ist es für mich kaum möglich, ihnen zu vertrauen. Ich habe mich sozusagen von Frau Gothel gelöst und sitze jetzt in meinem Turm und traue mich nicht raus. Haben Sie einen Vorschlag, was ich tun kann? Herzlichen Dank für Ihre Seite!

Wie geht Vertrauen in einer feindlichen Welt?
Foto von Amine M’Siouri von Pexels

Liebe Leserin,

ich glaube, Rapunzel berührt Sie und andere Menschen, weil sie trotz ihres Schicksals soviel Lebensfreude und Lebensmut behalten hat. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem Sie überlegt, wieder zurück zu gehen. Doch dann hält sie nichts mehr auf. Auch nicht der Versuch von Ryder, sie ins Hässliche Entlein zu bringen, wo sämtliche Verbrecher von einem besseren Leben träumen.

Was erstaunlich ist, und eben Film, dass Rapunzel trotz all der schlechten Behandlung durch ihre Entführerin einen positiven Blick auf das Leben behalten hat.

Wie das möglich ist?

Rapunzel akzeptiert ihre Umwelt so wie sie ist

Sie macht das Beste daraus. Sie lebt in der Gegenwart. Sie verschwendet keinen Gedanken an die Vergangenheit. Das macht sie zu einer Comicfigur.

Rapunzel akzeptiert die Umwelt so wie sie ist. Sie lebt in der Gegenwart und schaut nicht zurück.
Danke Pixaby auf Pexels für das Foto

Was diese Entführerin 17 Jahre lang mit Rapunzel gemacht hat, geht an einem echten Menschen nicht so spurlos vorbei. Ein echter Mensch hat keine andere Möglichkeit als die Sichtweisen der Mutter Gothel ungeprüft zu übernehmen. Mutter Gothel bringt Rapunzel nicht bei, ihre Behauptungen an der Realität zu prüfen. Ist die Welt wirklich so gefährlich? Hockt wirklich hinter jedem Strauch ein Bösewicht? Rapunzel durfte den Turm gar nicht verlassen. Sie ist nie an einem Strauch vorbeigegangen, um zu schauen, ob dahinter ein böser Bube sitzt.

Sie, liebe Leserin, mussten andere Strategien entwickeln, um in der Welt ihrer „Mutter Gothel“ überleben zu können.

Was ist ein „echtes“ Trauma?

Es gibt dazu unterschiedliche Definitionen. Der Begriff Trauma bedeutet erst mal nur „Verletzung“. Und so wie es sich anhört, haben Sie einige Verletzungen erfahren. Die Verletzungen sind durch bedrohliche Situationen oder bedrohliches Verhalten von anderen entstanden, in ihrem Fall von Ihrer „Mutter Gothel“.

Es gibt aber auch die Definition, dass Trauma eine „objektiv“ lebensbedrohliche Erfahrung sein muss. „Objektiv“ meint dann so Erfahrungen wie Opfer von Kriegshandlungen zu sein, sexueller oder körperlicher Gewalt, Folter, schweren Verkehrs- und anderen Unfällen, sowie diese Erfahrungen beobachten zu müssen. Einzige Ausnahme bildet die Arbeit von polizeilichen Ermittlern, die entsprechend belastendes Videomaterial (Kinderpornografie) anschauen müssen. Denen wird auch zugestanden, traumatisiert zu werden, obwohl es keine „objektive“ Bedrohung für den Ermittler gibt.

Aus meiner Erfahrung spielt allein das subjektive Erleben von Lebensbedrohung eine Rolle, ob jemand traumatisiert wird. Jedenfalls definiere ich Trauma so: Es sind die Folgen, die entstehen, wenn man dem Tod ins Gesicht sieht. Ob man traumatisiert ist oder nicht, kann man aber frühestens 4 Wochen nach dem Ereignis sagen, manchmal auch erst sehr viel später. Letztendlich kann man nur anhand der Beschwerden sagen, ob jemand traumatisiert ist oder nicht. Die typischste Folge einer traumatischen Erfahrung ist die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Aber das bedeutet nicht, dass wenn man keine PTBS hat, man nicht schlimme Verletzungen erlebt hat. Ich glaube, es spielt am Ende keine Rolle, wie wir es nennen. Wichtig ist, die Folgen zu erkennen und etwas dagegen zu unternehmen, um sich davon zu befreien.

Psychische Beschwerden sind Ausdruck des Versuchs in einer lebensfeindlichen Umgebung zu überleben
Foto von Nacho Juárez von Pexels

Psychische Beschwerden sind Ausdruck des Versuchs in einer lebensfeindlichen Umgebung zu überleben

Depression ist häufig Ausdruck der Überzeugung, dass man keinen Einfluss im Leben hat. Betroffene haben den Eindruck, sie können nichts bewirken, sich nicht wehren und sind für alles verantwortlich, vor allem für Dinge, über die sie keine Kontrolle haben, wie zum Beispiel die Gefühle von anderen. Diese dauernde Überforderung macht müde und lässt einen irgendwann resignieren. „Ich kann ja sowieso nichts ändern“, ist dann eine fast unausweichliche Überzeugung.

Ängste zeigen an, dass man keine Handlungsmöglichkeiten mehr hat und das Hirn die Situation als lebensgefährlich einschätzt. Aber auch erwarteter Schmerz, vorweggenommenes Versagen oder die Vorstellung von Einsamkeit können zu Angst führen. Unser Hirn macht da keinen großen Unterschied zwischen Vorstellung und Gegenwart. Die Vorstellung von eine Angstsituation reicht aus, um auch eine Angstreaktion im Körper zu verursachen, die wir als unangenehm, eben als Angst oder Panik bezeichnen. Je nachdem, was wir gelernt haben.

Angst macht vorsichtig und deswegen einsam

Wenn ich wiederholt von jemandem bedroht oder abgewertet werde. Wenn ich immer wieder Lebenserfahrungen aufgezwungen bekomme, die mir Angst machen, dann werde ich vorsichtig. Das ist mal grundsätzlich eine natürliche und gesunde Reaktion. Wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass ein Säbelzahntiger gefährlich ist, dann ist es gut vorsichtig zu sein, wenn ich einem Säbelzahntiger begegne. Bei einem Zebra macht das erstmal keinen Sinn. Aber so ist unser Hirn.

Wenn wir von unserer Mutter schlecht behandelt wurden, dann geht unser Hirn davon aus, dass auch andere Menschen gefährlich sind. Wir werden vorsichtig, was andere Menschen angeht. Und wenn es sehr vorsichtig ist, nennen wir das misstrauisch. Vorsichtig zu sein, ermöglicht uns, Kontakt mit anderen zu haben, auch wenn wir nicht wissen, was wir vom anderen erwarten sollen. Wenn wir misstrauisch sind, unterstellen wir dem anderen „negative Absichten“, wir erwarten, wieder verletzt zu werden, obwohl wir den anderen gar nicht kennen. Diese Haltung behindert den Kontakt zu anderen. Vorsicht ist okay, Misstrauen hindert am Leben und macht einsam.

Mutige Entscheidungen zu vertrauen sind die Lösung
Foto von James Wheeler von Pexels

Mutige Entscheidungen zu vertrauen sind die Lösung

Eine Klientin fragte mich neulich: Was ist kühnes Vertrauen? Was für ein tolle Frage.

Und genau die Antwort für Sie, liebe Leserin. Um gesund zu werden und sich von den Auswirkungen einer „Mutter Gothel“ zu befreien braucht es das kühne Vertrauen einer „Rapunzel“. Kühnes Vertrauen meint mutiges Vertrauen. Mutig zu vertrauen ist eine Entscheidung.

Vertrauen ist kein Gefühl, keine Empfindung, sondern eine Entscheidung, die wir die meiste Zeit unbewusst, sprich ohne darüber nachzudenken fällen. Wenn man wie Sie viele Enttäuschungen und Verletzungen erlebt hat, bleibt einem nur die bewusste Entscheidung übrig. Es bedeutet, wie diese Klientin immer wieder sagt: „Alles auf eine Karte zu setzen“ und trotz Misstrauen zu vertrauen, gerade zum Trotz gegen die innere Stimme, die einem Angst machen will. Nur so kann man nach und nach Erfahrungen und damit Erinnerungen sammeln, die der Überzeugung „Menschen sind hinterhältig oder böse“ entgegenstehen. Nur so kann man die liebevollen und zugewandten Erfahrungen machen, die notwendig sind, um diese Tiefen Gräben zwischen sich und der Welt zu überwinden.

Es ist ein anstrengender Weg und nur für mutige Menschen gemacht. Dass Sie mir geschrieben haben, ist für mich der Beweis, dass ich es mit einer mutigen Person zu tun habe. Sie haben immer wieder Hilfe in der Therapie gesucht. Das ist auch ein Beweis dafür, dass Sie ein mutiger Mensch sind. Ihr Wille zur Heilung und zur Freiheit zeigt sich mir darin, dass Sie sich von Ihrer „Mutter Gothel“ gelöst haben.

Mein Vorschlag

Bleiben Sie dran. Schauen Sie, was Sie nicht können und suchen Sie sich jemanden (Therapeutin), die Ihnen hilft, diese Dinge zu lernen. Vertrauen kann man lernen. Beziehungen zu führen kann man lernen. Man kann lernen, sich zu schützen und zu wehren. Alles was es braucht, sind mutige Entscheidungen und den Willen durchzuhalten. Ich bin davon überzeugt, dass Sie beides haben.

Für Ihren Weg wünsche ich Ihnen viel Kraft.

Ihre Stefanie Rösch

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Nur Sie sind die Heldin in Ihrem Leben 🙂

Du bist die Heldin in Deinem Leben
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Ohnmacht überwinden? Ja, mit dem Blick auf das Mögliche

19.12.2020 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Ein neuer Lockdown hat uns alle fest im Griff. Vielleicht gehören Sie auch zu den Menschen, die das als belastend und einschränkend. Vielleicht kennen Sie auch jemandem, dem es so geht.

Gerade traumatisierte Menschen können sich besonders ohnmächtig fühlen. Eine Übung, die dabei helfen kann, diese Ohnmachtsgefühle zu regulieren, möchte ich Ihnen im Folgenden vorstellen.

Sich ohnmächtig zu fühlen bedeutet, einem Problem oder einer Bedrohung gegenüber zu stehen und erstmal keine Lösung oder keinen Ausweg zu haben. Wir sind gefangen in der Situation und sehen nur, dass es nichts gibt, was wir tun können, um unsere Situation zu verbessern.

Besonders schlimm ist dieser Zustand, wenn uns Leid und Gewalt droht.

Wenn wir den Eindruck haben, dass wir keinen Einfluss mehr auf unser Leben haben, wie in diesen Zeiten, dann neigt unser Hirn dazu, sich genau auf das zu konzentrieren, was nicht geht. Damit verstärken wir den Eindruck von Einschränkung. Dabei gibt es noch so viele Dinge, die wir beeinflussen und sogar kontrollieren können.

Danke an Josh Sorenson von Pexels

Folgende Übung kann Ihnen dabei helfen, den Blick wieder auf die beeinflussbaren Momente zu richten.

Schreiben Sie eine Liste: Ich entscheide, …

Nehmen sie einen Zettel und einen Stift und schreiben sie einfach drauf los. Sie wollen sich auf das Mögliche konzentrieren. Welche Entscheidungen haben Sie heute schon getroffen? Um einen Anfang zu finden, bietet es sich an, mit ganz einfachen Entscheidungen anzufangen. Beispielsweise kann ich morgens entscheiden, ob ich aus dem Bett aufstehe oder nicht. Ich kann entscheiden, ob ich duschen gehe oder nicht. Ich kann entscheiden, mir einen Kaffee oder Tee zu machen. Ich kann entscheiden, ob ich Müsli oder Marmeladenbrot essen möchte oder ob ich jetzt oder später etwas esse.

Ich finde es hilfreich, im flüssigen Schreiben zu bleiben. Daher kann es auch mal zu Wiederholungen kommen oder die Punkte variieren nur leicht in der Formulierung. Das macht überhaupt nichts. Falls Sie nicht wissen, wo Sie anfangen sollen, dann entscheiden Sie JETZT, dass Sie diese Übung probieren wollen

  1. Ich entscheide, diese Übung zu machen.
  2. Ich hole mir ein Blatt Papier.
  3. Ich entscheide, mir einen Stift zu holen.
  4. Ich entscheide, jetzt weiterzulesen.

Oder Sie denken an Ihren letzten Morgen und beobachten, was Sie da gemacht haben-

  1. Ich habe entschieden aufzustehen.
  2. Ich kann entscheiden zu duschen.
  3. Ich entscheide, Zähne zu putzen.
  4. ???

Es gibt viele Handgriffe, bei denen Sie nicht den Eindruck haben, dass Sie sich aktiv dazu entschieden haben, diese zu tun. Das sind dann möglicherweise Gewohnheiten, die Sie im Autopiloten machen. Bei mir ist es beispielsweise der Knopfdruck, mit dem ich den Wasserkocher einschalte, direkt nachdem ich aufgestanden bin. Das habe ich schon so oft gemacht, dass es keine bewusste Entscheidung mehr erfordert. Dennoch habe ich vor einiger Zeit, als ich diese Routine entwickelt habe, die Entscheidung selbst getroffen. Deshalb darf es auch auf die Liste.

Danke an Simon Matzinger von Pexels

Schreiben Sie eine Liste: Strategien, um die Stimmung zu stabilisieren

Vielleicht gibt es Strategien, die Sie bereits eingeübt haben. Sie sind frei in der Entscheidung, diese Strategien anzuwenden. Sie können frei auswählen, was gerade für Sie funktioniert.

  1. Ich kann entscheiden, einen Spaziergang zu machen.
  2. Ich kann entscheiden, Yogaübungen zu machen.
  3. Ich kann Musik hören oder Fernsehen.
  4. Ich kann mich in meiner Wohnung frei bewegen.
  5. Ich kann ein Bad nehmen oder mir eine Wärmflasche machen.
  6. Ich kann etwas basteln. Ich finde ganz viele Anregungen auf YouTube, z.B. Weihnachtskarten mit aufklappbaren Weihnachtsbäumen
  7. Ich kann entscheiden, neue Themen zu erkunden, z.B. Bahnreisen auf YouTube verfolgen oder ein neues Rezept auszuprobieren oder eben auch nicht
  8. Ich kann entscheiden, mit einer Freundin oder einem Freund zu telefonieren oder auch nicht.
  9. Ich kann entscheiden, Schlüsselanhänger zu stricken und damit etwas Sinnvolles zu tun, oder frustriert darüber nachdenken, wann ich wieder mal ein Seminar mit echten Menschen machen darf, anstatt auf einen Bildschirm zu starren.
  10. Ich kann entscheiden, einen Blogartikel zu schreiben.
  11. Ich kann entscheiden ….

Ich entscheide, dass ich mich an allgemeine Regeln halte

Natürlich gibt es auch Dinge, die gegeben sind. Gesetze und allgemeine Regeln des Anstands. Unsere Gesetze sind der Gesellschaftsvertrag, der größtmögliche Freiheit für maximal viele Menschen ermöglicht. Ich entscheide mich, jeden Tag wieder neu, mich an diese Regeln zu halten, zum Wohle aller. Und Sie?

  1. Ich entscheide, das unangenehme Gefühl zu ertragen, das sich habe, wenn ich eine Maske trage.
  2. Ich entscheide, wenn ich keine Maske tragen will, zu Fuß zu gehen und nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.
  3. Ich entscheide, Abstand zu andere zu halten, auch wenn ich fest davon überzeugt bin, selbst gesund zu sein.
  4. Ich entscheide, es zu respektieren, dass es Menschen gibt, die aus medizinischen oder traumatischen Gründen keine Mund-Nase-Bedeckung tragen können.
  5. Ich entscheide, mich an Regeln und Gesetze zu halten, die mir nachvollziehbar und sinnvoll erscheinen.
  6. Ich entscheide, ohne Meckern die Konsequenzen zu tragen, wenn ich mich gegen eine Regel entschieden habe, erwischt werde und deswegen eine Strafe zahlen muss oder sonstigen Ärger bekomme.
  7. Ich entscheide …. Ärger aus dem Weg zu gehen.

Auch wenn Sie eine Regel nicht einhalten oder in abgewandelter Form anwenden, ist das eine Entscheidung, die Sie für sich treffen. Von QuerdenkerIn bis VirologIn kann man jede Variation der Regelanwendung bei anderen Menschen beobachten. Das ist so, weil diese Menschen für sich eine Entscheidung getroffen haben.

Der Moment der Entscheidung ist der Moment der Kontrolle in unserem Leben. Danach ist alles nur Illusion von Kontrolle.

Zuflucht.Vision

Egal was Sie tun, es ist Ihre Entscheidung

Jeder Tag ist voller Entscheidungen, ob Sie diese Entscheidungen Ihren Eltern nachgemacht und nie bewusst gefällt haben oder vor langer Zeit getroffen haben und heute gewohnheitsmäßig wiederholen. Dazu kommen all die bewussten Entscheidungen entsprechend Ihrer Vorlieben und Vorurteile, Ihrer Persönlichkeiten und Bedürfnisse. Vom Aufstehen und den Tag gestalten, über Essen und Trinken und Körperhygiene, bis hin zu Freizeitaktivitäten und Abendritualen. Es ist so viel möglich, auch wenn viele Dinge im Moment nicht gehen.

Persönlich schaue ich mir die Verordnungen an und überlege, ob mich der einzelne Punkt wirklich betrifft. Restaurants geschlossen – betrifft mich nicht. Natürlich betrifft es den Restaurantbesitzer, für den der Lebensunterhalt in Frage steht. Keine Veranstaltungen mit mehr als zwei Haushalten – das betrifft mich und meinen Lebensunterhalt. Nicht ins Kino gehen können – betrifft mich zwar, weil ich gerne Filme schaue, aber der Fernseher ist ein akzeptabler Ersatz.

Auf diese Weise mache ich mir bewusst, wo ich Einfluss habe und übe diesen Einfluss so oft es geht aus. Damit geht es mir dann besser und ich bleibe handlungsfähig und werde nicht traurig oder verzweifelt.

Die Liste ist für jeden Menschen ganz individuell

Schreiben Sie die Liste nur für sich selbst, Sie müssen sie keinem anderen Menschen zeigen. Jede und jeder trifft jeden Tag individuelle Entscheidungen, weil für verschiedene Menschen unterschiedliche Strategien funktionieren. Jeder Mensch hat andere Gewohnheiten.

Wenn die Ohnmachtsgefühle häufiger auftreten, ist es empfehlenswert, die Übung regelmäßig zu wiederholen. Man kann sie in den Alltag integrieren, indem man zum Beispiel jeden Morgen 10 Minuten lang eine Liste schreibt. Oder jeden Morgen 20 Entscheidungen auflistet, die man am Vortag getroffen hat. Hier wollen Sie ein Maß finden, das sich gut in Ihrem Alltag umsetzen lässt.

Danke an James Wheeler von Pexels

Warum funktioniert die Übung?

Machen Sie die Übung regelmäßig, bahnen Sie in Ihrem Gehirn Wege für die Gedanken, die zeigen, dass Sie frei entscheiden können. Diese Übung lenkt die Gedanken auf Ihren Entscheidungsfreiraum. Sie macht sichtbar, an wie vielen Stellen Sie im Alltag freie Entscheidungen treffen.

Wenn Sie sich ohnmächtig fühlen, entsteht der Eindruck, dass Sie keine freien Entscheidungen treffen können. Vielleicht gibt es automatische Gedanken wie „Ich kann an meiner Situation eh nichts ändern“ oder „Ich kann das nicht“ oder „Ich schaff das nicht“ oder „Ich bekomme sowieso keine Hilfe“.

Es lohnt sich, diesen Gedanken zu prüfen. Stimmt das wirklich? Schauen Sie auf Ihre Liste und prüfen Sie, ob diese Annahme noch haltbar ist. Eine Liste voller Entscheidungen lässt sich mit dem Gefühl von Ohnmacht schwer vereinbaren. Sie zeigt genau das Gegenteil auf: Sie treffen Entscheidungen. Sie sind nicht machtlos.

Sie haben die Möglichkeit und die Verantwortung, Ihr Leben zu gestalten. Sogar während einer Pandemie.

Ich wünsche Ihnen viele gute Entscheidungen für die kommenden Tage und einen guten Blick für das Beeinflussbare in Ihrem Leben.

Ihre Stefanie Rösch

p.s. Vielen Dank für die Idee und Vorarbeit zu diesem Artikel an Clara B.

Danke an Tobias Bjorkli auf Pexels

Leserfrage: Was ist mit mir los? Ich höre vier verschiedene Stimmen in meinem Kopf.

12.05.2020 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo,
ich bin Frank, 25 Jahre aus Hamburg. Ich bin bereits mit einer Dissoziativen Störung diagnostiziert worden, allerdings wegen Krampfanfällen und einer Sensibilitätsstörung.
Letztens ist mir bewusst geworden, dass ich Stimmen höre und das schon seit Jahren. Ich dachte immer, das wäre ganz normal aber anscheinend nicht. Es handelt sich um vier verschiedene „Stimmen“, die nicht nur reden, sondern auch mein Handeln beeinflussen können, wenn ich stark dissoziiere.
Mein Psychiater kann mir leider nicht mehr weiterhelfen und sagen, was das genau ist, deswegen wende ich mich mal an diese Stelle.
Ich möchte endlich wissen, was das ist :/
Schöne Grüße Frank

Lieber Frank,
können Sie mir noch ein bisschen erzählen, was diese vier Stimmen machen, wenn sie Ihr Handeln beeinflussen? Wie merken Sie das, dass die das machen?
Danke für ihren Mut, mir zu schreiben. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort.
Herzliche Grüße Stefanie Rösch

Hallo Frau Rösch,
es ist unterschiedlich. Ich höre die Stimmen eigentlich immer in mir und fühle auch, dass sie da sind, auch wenn sie nichts sagen.
Meistens ist es so, dass eine Stimme in den Vordergrund rutscht und quasi das komplette Handeln von mir übernimmt und ich währenddessen wie im Film zugucken muss. Manchmal ist es auch so extrem, dass ich keine Erinnerung mehr daran habe was passiert ist und ich von der stimme komplett weggeschoben wurde.
Ich habe mehrere Stimmen die unterschiedlich agieren und sich verhalten. Die meisten hören auch auf meinen Namen. Aber es gibt halt auch eine „aggressive Stimme“ die mir Bilder und Gedanken in den Kopf setzt, die für mich sehr unangenehm sind. Meistens kurz vor Flashbacks oder danach.
Ich hoffe, das hilft Ihnen weiter aber es ist wirklich sehr unangenehm mit einer fremden Person darüber zu reden. Aber ich weiß halt nicht mehr was ich tun soll.
Schöne Grüße Frank

Wenn Sie sich den Artikel von mir vorlesen lassen wollen, klicken Sie auf das Bild.

Sie haben einen gesunden Weg gewählt, als Sie mir geschrieben haben.

Lieber Frank,

es ist sehr mutig, dass Sie mir davon erzählen. Bleiben Sie da dran. Suchen Sie sich eine Person, die das kennt. Es gibt Therapeuten, die Ihnen da weiterhelfen können. Sie brauchen dafür einen Psychologischen Psychotherapeuten, der sich mit Traumafolgestörungen auskennt. Finden können Sie so jemanden über eine der Möglichkeiten, die ich auf meiner Internetseite zusammengestellt habe.

Es gibt noch mehr Menschen, die Stimmen in ihrem Kopf haben und es wahrscheinlich ähnlich empfinden wie Sie. Ich glaube sofort, dass es unangenehm ist, mit einer fremden Person darüber zu reden. Oft hat zumindest ein Teil der Stimmen etwas dagegen und bewirkt dann, dass es sich schlecht anfühlt darüber zu reden. Vielleicht versucht die Stimme Ihnen sogar Angst zu machen, wenn Sie mit jemandem darüber reden wollen. Lassen Sie sich nicht einschüchtern! Sie haben einen gesunden Weg gewählt, als Sie mir geschrieben haben.

Hausbesetzer wissen, dass es verboten ist, Häuser zu besetzen

Wenn andere Betroffene mir davon erzählt haben, dann hörte es sich für mich immer ein bisschen wie Hausbesetzer an. Die Hausbesetzer wollen nicht, dass man über sie spricht, weil sie wissen, dass es verboten ist, Häuser zu besetzen. Aber es ist ja Ihr Haus, das besetzt wurde. Warum sollten Sie also nicht darüber reden? Schließlich ist es Ihr Kopf und ist Ihr Körper, in dem die anderen Stimmen sich eingenistet haben. Zumindest diejenigen, die nicht wollen, dass Sie mit jemandem darüber reden.

Für mich sind Sie der Chef, der Hausbesitzer. Die Person, die das Hausrecht hat, weil ihr das Haus gehört. Es ist Ihr Körper. Aber irgendwie ist es den Hausbesetzern gelungen, bei Ihnen einzubrechen und sich Ihrem Körper/ Kopf/ Haus einzunisten. Wenn das in der Außenwelt passieren würde, würden Sie wohl die Polizei holen, oder? Wenn da einfach jemand Ihr Haus besetzt hält und auch noch so rumpöbelt, dass Sie sich in ihrem eigenen Haus nicht mehr wohl fühlen?

Allerdings braucht es viel Mut, sich mit diesen Hausbesetzern auseinander zu setzen. Im Kopf ist das noch schwieriger, weil die Hausbesetzer, also diese Stimmen ziemlich unangenehm werden können. Das wissen Sie vielleicht.

Dissoziative Identitätsstörung könnte die Erklärung sein

Als Traumatherapeutin fällt mir bei Ihren Schilderungen zuerst die Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) ein. Eine kompetente Kollegin oder ein kompetenter Kollege kann mit Ihnen zusammen herausfinden, ob meine Vermutung stimmt oder auch nicht.

Dissoziative Identitätsstörung hört sich vielleicht erstmal krass an. Aber wenn man die Ursache kennt, also wenn man weiß, was es ist, kann man was dagegen tun. Das ist die gute Nachricht. Es gibt Hilfe. Es gibt Unterstützung. Es gibt Heilung.

Was mich zu dieser Vermutung bringt sind folgende Punkte, die Sie genannt haben: Bereits diagnostizierte, dissoziative Beschwerden / Stimmen, die ein Eigenleben führen / das Phänomen wie aus der zweiten Reihe oder in einem Film zuzuschauen / zweitweise völliger Erinnerungsverlust / der Eindruck „komplett weggeschoben“ zu werden / dass es unangenehm ist, mit einer fremden Person darüber zu reden / Flashbacks sind der Hinweis auf traumatische Erfahrungen, welche die häufigste Ursache für eine DIS ist.

Die gute Nachricht ist, dass es Hilfe gibt

Insofern ist die gute Nachricht: es gibt sicher eine nachvollziehbare Erklärung für Ihre Stimmen und damit auch die Möglichkeit, Ihnen zu helfen, sich gegen diese Stimmen durchzusetzen, damit Sie wieder selbst über Ihr Leben/ Haus/ Ihren Körper bestimmen können.

Die nicht ganz so gute Nachricht ist, dass es meistens sehr anstrengend ist, Psychotherapie zu machen. Wenn man es auf der untersten, körperlichen Ebene anschaut, wollen Sie in einer Psychotherapie Veränderungen im Gehirn vornehmen. Ich spreche davon, neue Nervenzellen aufzubauen und andere nicht mehr zu benutzen, wodurch sie dann abgebaut werden. Wie bei einem Muskel, den man trainiert. Das ist körperlich anstrengend. Aber wenn Sie dranbleiben, und sich da durchbeißen und fleißig trainieren, wird es sich großartig anfühlen.

So eine Sanierung (Psychotherapie) ist anstrengend

Wenn meine Vermutung stimmt, dann werden Sie den Großteil ihres Hauses (Gehirns) sanieren wollen. Die Hausbesetzer (Stimmen) sind schon länger da und haben sich sehr breit gemacht, deswegen können die auch einfach an die Türe gehen und Sie in einem Zimmer einsperren, so dass Sie gar nichts mitbekommen. Sie werden entscheiden, welche Einrichtungsgegenstände (Verhaltensweisen, Denkmuster, Stimmen, Handlungen) Sie behalten wollen, welche Sie in ein anderes Zimmer stellen und welche Sie entsorgen wollen. So eine Entrümpelung ist anstrengend. Aber wenn Sie nach der Sanierung ihr nach frischer Farbe riechendes Haus mit den hellen, freundlichen Zimmern betreten, in denen Sie sich sicher, wohl und zuhause fühlen, dann werden Sie wissen, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat.

Die Arbeit in der Therapie wird darin bestehen, sich immer wieder mit der Angst auseinanderzusetzen und diese Angst Tag für Tag, Situation für Situation, Erinnerung für Erinnerung zu besiegen. Ich bin davon überzeugt, dass Sie das schaffen werden.

Insofern wünsche ich Ihnen viel Kraft für Ihren Weg und viel Mut alle Führungsaufgaben zu übernehmen, die jetzt anstehen in Ihrem inneren Haus, sprich Kopf.

Herzliche Grüße, Ihre Stefanie Rösch

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Wenn Ihnen mein Blog oder die Videos weiterhelfen, freue ich mich über eine freiwillige Gabe. Wie das funktioniert, lesen Sie hier nach. Danke!

Leserfrage: PTBS mit mehreren Traumata

15.05.2019 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo, ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich leide seit fast 10 Jahren unter Dauerangst. Die PTBS wurde erst vor kurzem erkannt. Dazu habe ich eine Fluchtwegphobie mit Sozialkomponente und eine Depression. Die Depression habe ich, weil bei meiner Mutter während der Schwangerschaft Krebs im Endstadium festgestellt wurde. In der Schulzeit wurde ich gemobbt, deswegen habe ich die Phobien. Als mein Vater mich in einem Wutanfall versucht hat zu erwürgen, konnte ich mich dadurch retten, dass ich Kampfsporterfahrung hatte. Aber das Bild meines Vaters bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf. Ich weiß, dass ich eine Therapie machen muss und stehe auch schon auf einer Warteliste. Aber ich verliere langsam den Mut? Wie kann ich den wiederfinden? Jürgen

Lieber Jürgen,

das glaube ich, dass Zehn-Jahre-Angst-haben anstrengend sind. Angst ist deswegen so anstrengend, weil wir ständig auf der Hut sein müssen. Ständig den Drang haben, wegzulaufen. Ständig in Alarmbereitschaft sind. Angst als Gefühl beinhaltet einen Bewegungsimpuls weg von der wahrgenommenen Gefahr. Der Körper stellt eine Handlungsbereitschaft her (Stress), denn Gefahr macht schnelles Handeln notwendig. Das ist grundsätzlich eine gesunde und lebenserhaltende Reaktion.

Wenn es aber keine gegenwärtige Gefahr gibt, sondern die Gefahr durch Sorgen im Kopf entsteht, dann ist die ganze Stressreaktion umsonst. Sorgen sind Gedanken, die mit möglichen Gefahren spielen: Was wäre wenn ein Feuer ausbricht und ich flüchten muss, aber die Fluchttüre verschlossen ist? Was wäre, wenn …. und dann werde ich verletzt. Was wäre, wenn …. und ich komme nicht weg? Was wäre, wenn … und ich sterben muss? Solche Gedanken bewirken, dass der Körper Alarmbereitschaft herstellt (Stress). Das ist über die Zeit hinweg extrem anstrengend und macht uns krank. Und alles völlig unnötig.

Eine erste Maßnahme kann sein, diese Sorgen oder katastrophisierenden Gedanken immer wieder positiv zu Ende zu denken: Was wäre, wenn ein Feuer ausbricht und ich zur Fluchttüre renne und merke, dass die verschlossen ist? Dann drehe ich mich um und sehe, dass 5 Meter daneben ein Feuerlöscher steht und eine Löschdecke hängt. Ich nehme die Löschdecke, knote sie über meine Schultern fest und schnappe mir den Feuerlöscher. Mit dem Feuerlöscher sprühe ich mir den Weg frei, bis ich draußen an der frischen Luft stehe. Ich fühle mich gut, weil ich mir selbst geholfen und selbst für meine Sicherheit gesorgt habe.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Vorstellung realistisch oder umsetzbar ist. Es geht allein darum, dass ich mir vorstelle, wie ich der Gefahr entkomme. Die Vorstellung endet damit, dass ich in Sicherheit bin. Der Körper wird dann den zur Sicherheit passenden Zustand herstellen: Entspannung. Entspannung und Angst können gleichzeitig nicht sein. Das ist der Grund, warum es auch hilfreich sein kann, ein Entspannungsverfahren wie zum Beispiel die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson zu lernen.

Depression ist auch anstrengend. Depression ist unter anderem so anstrengend, weil man glaubt, man sei für Dinge verantwortlich, auf die man keinen Einfluss hat. Zum Beispiel glauben viele Menschen mit Depression, sie wären dafür verantwortlich, dass es anderen gut geht. Aber jeder kann nur selbst dafür sorgen, dass es ihm oder ihr gut geht. Dinge erreichen zu wollen, die wir nicht zuverlässig bewirken können, gibt uns das Gefühl von Ohnmacht. Zuviel Ohnmacht führt zu Depression. Erschöpfung.

Und jetzt zum Mut und zum Durchhalten. Es lohnt sich durchzuhalten, weil all diese Probleme verändert werden können. Sie können Ihre Art zu denken verändern.

Sie werden lernen, auf gesunde Art zu denken, so dass das Leben leichter und immer leichter und freier wird. Gesunde Gedanken sind zum Beispiel: „Ich bin nur für mich selbst verantwortlich.“ „Jeder ist für seine Gefühle und sein Befinden selbst verantwortlich.“ „Ich bin unschuldig am Tod meiner Mutter.“ „Ich darf meine Gefühle ausdrücken.“ „Ich bin frei.“ „Ich bin wertvoll.“ Und noch viele andere gesunde Gedanken. Giftige Gedanken, die uns krankmachen, kann man durch gesunde Gedanken ersetzen.

Sie werden es schaffen. Da bin ich sicher. Solange Sie es versuchen, solange Sie dranbleiben, werden Sie es schaffen. Der Therapieplatz kommt. In der Zwischenzeit fangen Sie einfach mit den Übungen an oder lesen hier die verlinkten Texte weiter nach. Es gibt immer etwas, was man schon jetzt tun kann, um anzufangen. Vor allem, sich weiter zu informieren und etwas zu lernen. Wenn Sie etwas über giftige Gedanken lernen wollen, dann können Sie hier im Blog nachlesen oder aber das Buch von Dr. Caroline Leaf lesen. Den Link dazu finden Sie am Ende dieses Artikels. Oder Sie lesen zum Thema Depression weiter. Auch dazu eine Leseempfehlung am Ende. Sie müssen nicht warten. Sie können heute anfangen, Ihr Leben zu ändern. Schreiben Sie sich ein paar gesunde Gedanken auf und lesen Sie sie jeden Tag durch. Suchen Sie sich inspirierende Filme oder Bücher oder lassen Sie sich von Freunden Mut zu sprechen, aber vor allem anderen FANGEN SIE AN! Heute! Jetzt!

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihren Weg, Ihre Stefanie Rösch

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Leserfrage: Was ist der Unterschied zwischen giftigen Gedanken und Täterintrojekten?

24.06.2017 Veröffentlicht von Leserfragen, Strategien 4 Kommentare

Liebe Frau Rösch, ich habe viele Ihrer Artikel in diesem Blog gelesen, vor allem das Thema giftige Gedanken berührt mich sehr. Ich habe eine Frage und hoffe, dass Sie vielleicht weiterhelfen können. Ich habe eine Traumkonfrontationstherapie gemacht, jedoch nicht erfolgreich. Die Therapeutin sagte, ein zu starkes Täterintrojekt würde die Zusammenarbeit unmöglich machen. Jetzt bin ich etwas ratlos, wie wird das behandelt? Ich weiß, dass diese giftigen Gedanken sehr stark sind und kämpfe dagegen an wo ich kann. Gibt es dabei eine Möglichkeit zur Unterstützung für mich? Seit dem Abbruch der Therapie habe ich fast jeden Tag Panikattacken und weiß nicht mehr weiter.

Liebe Leserin,

könnte es sein, dass Ihre „Panikattacken“ im Grunde Flashbacks sind (–> Erinnerungsattacken/Fehlalarme des Hirns)? Dann könnte alles helfen, was bei Flashbacks hilft (–> Was hilft gegen Flasbacks, weitere Möglichkeiten).

Dringender scheint mir jedoch die Frage nach den giftigen Gedanken und dem Täterintrojekt zu sein. Dazu möchte ich zuerst versuchen zwischen giftigen Gedanken und einem Täterintrojekt zu unterscheiden.

Giftige Gedanken, sind negative Gedanken, die im Autopiloten (–> Was ist der Autopilot?) in unserem Hirn unterwegs sind und uns meist, indem sie Angst auslösen, daran hindern frei zu sein. Aber es sind nur Gedanken. Wenn man sie entdeckt hat, dann reicht als Gegenmaßnahme, den Autopiloten „neu zu programmieren“, was aus meiner Erfahrung in erster Linie durch blanke Wiederholung erreicht werden kann (–> Giftige Gedanken). Hilfreich ist es, wenn man noch subjektive Beweise für den neuen, gesunden, positiven Gedanken finden kann.

Ein Beispiel: Wenn ich denke „Ich bin wertlos“, dann ist das ein giftiger Gedanke, der mich daran hindert frei zu sein. Bei allem, was ich tue, flüstert dieser Gedanke im Hintergrund, dass ich es nicht schaffe, weil ich wertlos bin. Wenn ich diesen Gedanken entlarvt habe (1), dann entscheide ich zuerst, dass ich in Zukunft „Ich bin wertvoll“ über mich selbst denken will (2), oder vielleicht auch „Ich liebe und akzeptiere mich so wie ich gerade bin“ (2). Dann wiederhole ich den Satz, täglich über mindestens 3 Wochen (3). Aus der Sportpsychologie weiß man, dass es ein paar Tausend Wiederholungen braucht, um einen Bewegungsablauf automatisch abrufen zu können. Für giftige Gedanken kann man sich das einfach genauso vorstellen. Wenn man jetzt noch dazu aufschreibt, was dafürspricht, dass man wertvoll ist (4), z.B., weil es Freundin A und B gibt, oder mein Hund sich freut, mich zu sehen, oder die Verkäuferin freundlich gelächelt hat, dann kann man den neuen Gedanken in den Autopilotenzustand (unbewusst/automatisiert) bringen.

Ein Täterintrojekt, wie ich es verstehe und meine, wenn ich in meinem Blog darüber schreibe, ist ein Bündel von Gedanken, das ein intensives Eigenleben führt. Im Grunde wie eine eigene Person (auch Ich-Zustand genannt). Meist sind diese inneren Anteile in ihrer Zeit (Zeitpunkt einer traumatischen Erfahrung) eingefroren. Sie können auf unterschiedliche Weise in Erscheinung treten. Bis dahin, dass sie das Handeln der Person übernehmen wie bei der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS –> Definition und Beschreibung).

Täterintrojekt werden diese Erinnerungs- /Ich-Zustände genannt, weil sie Verhalten und Forderungen eines Täters in unseren Köpfen weiterleben lassen (Introjekt = im Inneren abgebildet = wie eine Kopie des Täters in unserem Kopf). Man kann mit ihnen sprechen. Mit einem giftigen Gedanken kann man nicht sprechen, es ist nur ein einzelner Gedanke. Wie eine Haltung oder eine Erwartung. Ein Täterintrojekt ist komplexer. Mehrere Gedanken, Erwartungen und Haltungen, die täterfreundlich sind oder sich verhalten, um einem Täter zu gefallen, weil das mit weniger Gewalt oder Geschenken oder sonst wie belohnt wird. Sie beschützen die Täter durch ihr Verhalten.

Täterintrojekte behandle ich wie eigenständige Menschen, wie eine Person im Kopf meiner Klienten. Ich rede mit ihnen und versuche herauszufinden, was sie wollen. Manchmal verraten sie es und manchmal zicken sie rum. Wenn Sie rumzicken oder schaden wollen, zum Beispiel durch selbstverletzendes Verhalten, dann ermutige ich die Klientin, sich im Kopf zu wehren. (–>Täterintrojekte, das Recht auf Notwehr)

Damit das klappt, so meine Erfahrung, braucht es äußere Sicherheit. Also Sicherheit für den eigenen Körper. Es braucht eine stabile Beziehung (die Therapeutin), die zur inneren Notwehr ermutigt und Ideen liefert, wie das gehen kann. Die Therapeutin hilft zu erkennen, dass nichts passieren kann, wenn man sich gegen die Stimmen im eigenen Kopf wehrt. Täterintrojekte versuchen, Ihnen Angst zu machen. Lassen Sie das nicht zu! Was auch immer es ist, zum Zeitpunkt der Therapiesitzung ist es vorbei und Sie sind sicher. Davon gehe ich jedenfalls aus, denn sonst wäre die Therapeutin/der Therapeut Täter.

Alles, was in Ihrem Kopf stattfindet, können Sie lernen zu beherrschen. Machen Sie sich bewusst, wer da unterwegs ist und was derjenige von Ihnen will. Bisher habe ich den Eindruck, dass das nur mit einem furchtlosen Gegenüber (Therapeutin) geht, das Sie unterstützt und manchmal vorlebt, wie man sich wehrt.

Das kann ein sehr langer Prozess sein, aber man kann sich auch von hartnäckigen Täterintrojekten befreien. Bisher konnten meine Klienten und ich in meinen Therapien noch jedes Täterintrojekt in die Knie zwingen und rauswerfen.

Auch wenn es ein ziemlicher Kampf sein kann. Ja, ein Kampf. Immer ein innerer und manchmal auch äußerer Kampf, wenn zum Beispiel das Täterintrojekt meint, es muss den Therapieraum verlassen, um die Therapie abzubrechen. Für diese Fälle habe ich mit der Klientin dann VORHER abgesprochen, dass ich es daran hindere, seinen Plan auszuführen, indem ich mich zwischen Tür und Täterintrojekt im Körper der Klientin stelle und so verhindere, dass das Täterintrojekt gehen kann. Gleichzeitig spreche ich wie vereinbart mit der Klientin und sage ihr, dass sie jeder Zeit gehen kann, wenn sie will, aber sie muss es mir selbst sagen. Von Täterintrojekten lasse ich mir nichts sagen 🙂

Wenn die Introjekte durch rituelle Gewalt entstanden sind, dann mögen sie es gar nicht, wenn man laut ein Gebet spricht oder ein Lobpreislied singt und sie dann wegschickt. Aber auch Lieder wie „Die Gedanken sind frei“ haben sich schon als hilfreich herausgestellt. Manchmal passiert dann so etwas wie im Filmausschnitt am Ende bildlich dargestellt: Die Böse Hexe des Westens (unser Täter) schmilzt (verschwindet aus dem Kopf) nachdem Dorothy versehentlich einen Eimer Wasser über sie kippt (sich gewehrt hat/Notwehr) als Sie ihren Freund Vogelscheuche retten will, den die Hexe in Brand gesteckt hat (Letztendlich retten Sie sich selbst).

Ich hoffe, Sie finden jemanden, der diesen Kampf gegen das Täterintrojekt wieder mit Ihnen aufnimmt und an Ihrer Seite kämpft und Ihnen Mut macht, sich zu wehren. Ich weiß, dass Sie die Macht haben, das Täterintrojekt zu besiegen. Sie können es rauszuwerfen oder innerlich töten, wenn es sein muss. Auch wenn Sie das noch nicht glauben können. Ich bin mir sicher, dass Sie die Kraft dafür haben werden.

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14.02.2017 Veröffentlicht von 0 Kommentare

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