„Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung“ – Stefanie Rösch, 2013

Ihr Suchbegriff Einbruch und PTBS

Leserfrage: Einbruch und PTBS

14.03.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Kann ein Hauseinbruch, bei dem der Bewohner selbst nicht im Haus war, bei diesem eine PTBS verursachen? Obwohl somit nicht lebensbedrohlich?

Foto von Visually Us von Pexels

Liebe Leserin,

Ihre Frage wirft verschiedene weitere Fragen auf.

  1. Ihre Frage wirft die Frage nach dem Traumakriterium auf. Eine Posttraumatische Belastungsstörung gehört zu den wenigen psychischen Störungen, für deren Diagnose ein auslösendes Ereignis notwendig ist. Wie lautet dieses Kriterium und fällt ein Hauseinbruch, bei dem der Bewohner nicht daheim ist, darunter?
  2. Eine zweite Frage betrifft das Thema von psychischer Belastung durch Einbrüchen.
  3. Und eine dritte Frage ist, warum brauchen wir überhaupt Diagnosen?

Warum brauchen wir Diagnosen?

Grundsätzlich gibt es zwei Systeme, nach denen wir psychische Störungen diagnostizieren. Das eine heißt Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD = International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Das ICD wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben.

Und das andere heißt Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen (DSM). Das DSM wird von der Amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft (APA) herausgegeben.

In Deutschland ist für das Gesundheitssystem das ICD das entscheidende Klassifikationssystem. Wann immer die Krankenkassen eine Leistung übernehmen, hat irgendeine Fachperson einen ICD Code vergeben. Das ist ein Grund für eine Diagnose.

Wir brauchen Diagnosen auch, um uns als Fachleute schnell über komplexe Sachverhalte unterhalten zu können. So können wir viele Informationen austauschen, die sich alle hinter einer Störungsbezeichnung verbergen. Zum einen über die Entstehung einer Störung, über deren häufige Beschwerden, deren Verlauf und auch über deren Behandlungsmöglichkeiten.

Diese Klassifikationssysteme werden laufend anhand aktueller Erkenntnisse weiter ausgearbeitet und angepasst. Im Abstand von mehreren Jahren kommen Revisionen heraus. Insofern gibt es aktuell das DSM in seiner fünften Überarbeitung und beim ICD steht die elfte Überarbeitung vor der Tür. In beiden Versionen wurde das Traumakriterium für die Neufassung geändert.

Posttraumatische Belastungsstörung: Das Traumakriterium

Foto von Caleb Kwok von Pexels

Um eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren zu können, müssen verschiedene Beschwerden (Symptome) erfüllt sein. Darunter auch das Erleben eines auslösenden Ereignisses. Das ist das Traumakriterium.

Schauen wir uns die beiden Klassifikationen für das Traumakriterium im Vergleich an.

Das Traumakriterium im ICD

ICD 10: Posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)ICD 11: Posttraumatische Belastungsstörung (F 6B40)  
Die PTBS entsteht als eine verzögerte oder über einen längeren Zeitraum andauernde Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß,

die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.  
Die PTBS entsteht als Reaktion auf ein extrem bedrohliches oder katastrophales Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen.





Tabelle 1: Das Traumakriterium im ICD, alte Fassung gegenüber neuer Fassung

Im ICD-10 wurde noch berücksichtigt, dass Menschen ganz unterschiedlich auf belastende und bedrohliche Ereignisse reagieren. In der Neufassung wurde das subjektive Erleben herausgelassen. Hier geht es nur noch um ein „objektives“ Kriterium. Denn wer legt fest, was extrem bedrohlich oder katastrophal ist? Hier maßen sich Fachpersonen an, sie wüssten wie jemand ein bestimmtes Ereignis erlebt. Die Anmaßung liegt natürlich bei den Fachleuten, welche diese Kriterien festlegen. Aber auch bei denen, die im Alltag Menschen unterstützen wollen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen machen mussten. Diese Fachleute müssen sich an die Diagnose-Kriterien halten und deswegen eine Einschätzung festlegen.

Das Traumakriterium im DSM

DSM-IV: Posttraumatische BelastungsstörungDSM-V: Posttraumatische Belastungsstörung
Die Person wurde mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert, bei dem die beiden folgenden Kriterien vorhanden waren: Konfrontation mit tatsächlichem oder drohendem Tod oder ernsthafter Verletzung oder Gefahr der körperlichen Unversehrtheit durch ein oder mehrere Ereignisse
(1) Selbst erlebtes Ereignis: der eigenen Person oder
(2) Beobachtetes Ereignis: anderer Personen

Die Reaktion der Person umfasste intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen.  



Konfrontation mit tatsächlichem oder drohenden Tod, ernsthafter Verletzung oder sexueller Gewalt auf eine (oder mehrere) der folgenden Arten
(1) Direktes Erleben eines oder mehrerer traumatischer Ereignisse
(2) Persönliches Erleben eines oder mehrerer traumatischer Ereignisse bei anderen Personen
(3) Erfahren, dass einem nahen Familienmitglied oder einem engen Freund ein oder mehrere traumatische Ereignisse zugestoßen sind (Unfall / Gewalt)
(4) Erfahrung wiederholter/ extremer Konfrontation mit aversiven Details von einem oder mehreren traumatischen Ereignissen. Beachte: Konfrontation durch TV und Medien erfüllen das Kriterium 4 nicht, es sei denn es ist berufsbedingt.  
Tabelle 2: Das Traumakriterium im DSM, alte Fassung gegenüber neuer Fassung

Im DSM hat man in der Neufassung ebenfalls das subjektive Erleben der belastenden Erfahrung weggelassen. Auch hier entscheiden letztendlich Fachpersonen darüber, ob etwas traumatisch war oder nicht. Unabhängig vom subjektiven Erleben.

Ich bin der Meinung, dass diese Veränderungen in den Diagnosekriterien das fehlende Störungsmodell für die PTBS wiederspiegelt. Die Kriterien werden anhand von klinischen Beobachtungen oder wissenschaftlichen Befragungen zusammengestellt. So versuchen wir als Fachleute, Gruppen von Beschwerden zusammenzufassen, um anhand von Diagnosen entsprechend wirkungsvolle Therapieangebote machen zu können. So der Plan.

Mein Stressmodell (Video in meinem YouTube-Kanal) erklärt, wie es zu einem Erleben kommt, dass in der Folge zu PTBS-Symptomen führen kann. Aus meiner Erfahrung ist das Kriterium für das erhöhte Risiko einer PTBS nach einer belastenden oder bedrohlichen Lebenserfahrung die subjektive Begegnung mit dem Tod. Ich nenne das, dem Tod ins Gesicht sehen. Dieser Moment entscheidet darüber, ob das Gehirn in einen Ausnahmezustand (Notabschaltung) gerät, in dem die Erinnerungen an das Ereignis so abgespeichert und verarbeitet werden, wie PTBS-Betroffene es dann erleben: Als Warnreaktion mit belastenden Fehlalarmen in Form von sich aufdrängenden Erinnerungen als der Beschwerde, die am meisten belastet.

Folgen von Einbrüchen in Wohnungen und Häuser

Foto von Kendall Hoopes von Pexels

Gerade Wohnungseinbrüche stellen eine Gruppe von Ereignissen dar, die subjektiv sehr unterschiedlich erlebt werden können.

Natürlich würde man erstmal davon ausgehen, dass wenn der Einbruch in Abwesenheit der Bewohner stattgefunden hat und damit keine direkte, lebensbedrohliche Situation entstanden ist, keine PTBS-Symptomatik entstehen sollte. Andere Beschwerden mit Bezug auf den Einbruch kann es trotzdem geben, aber eben keine Posttraumatische Belastungsstörung. Sehr wohl können Ängste entstehen, auch Ängste die man als psychische Störung diagnostizieren kann (Anpassungsstörung oder Phobie als Beispiel).

Wenn es eine PTBS-Symptomatik gibt, also sich aufdrängende Erinnerungen, dann würde ich das erstmal als Hinweis sehen, dass die betroffene Person durchaus eine subjektiv lebensbedrohliche Erfahrung gemacht hat. Ich würde mich dafür interessieren und versuchen herauszufinden, worin die Lebensbedrohung bestand, durch die es zu den sich aufdrängenden Erinnerungen kommt. Dabei sind die Erinnerungen das zentrale Symptom. Alle anderen Beschwerden leiten sich daraus ab. (–> Meine PTBS-Reihe mit ausführlichen Erklärungen finden Sie hier.)

Das heißt, wenn es sich aufdrängende Erinnerungen gibt, dann ist das das zentrale Symptom der PTBS. Dann geht es im Grunde darum zu verstehen, was genau die betroffene Person als lebensbedrohlich erlebt hat. Denn aus meiner Erfahrung heraus, entstehen Erinnerungsattacken nur dann, wenn die Person dem Tod ins Gesicht gesehen hat. Es geht also nicht in erster Linie um das Ereignis, sondern um die Erinnerungsattacken in der Folge.

Andere, belastende Folgen von Wohnungseinbrüchen

Sieht man von der PTBS als Folge von Wohnungseinbrüchen ab, dann wird schnell deutlich, dass ein Wohnungseinbruch ein sehr belastendes Ereignis sein kann. Wollinger und andere (2014) befragten für das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN) knapp 1400 Personen aus fünf Großstädten. Die Ergebnisse können Sie im Bericht Wohnungseinbruch: Tat und Folgen / Ergebnisse einer Betroffenenbefragung in fünf Großstädten nachlesen. Der Bericht enthält spannende Informationen über typische Tatabläufe von Wohnungseinbrüchen. In nur 20% der Einbrüche war überhaupt ein Bewohner im Haus . Einbrecher wollen also lieber einbrechen, wenn niemand da ist.

Die Untersuchung befragte ihre teilnehmenden Personen auch, welche psychischen Folgen der Einbruch hatte. Betroffene schildern unter anderem folgende Beschwerden, die auch noch Monate nach dem Einbruch bestehen können:

„Dreiviertel der Befragten (75,3 %) fühlten sich aufgrund der Tat in ihrer gewohnten Umgebung unsicher. Bei fast der Hälfte(46,5 %) hielt dies längere Zeit an. Gefühle der Macht- und Hilflosigkeit wurden ebenfalls von über der Hälfte der Betroffenen berichtet, wobei diese ebenfalls recht häufig langfristig bestanden. Weiterhin wurden häufig Stress und Anspannung als Folge des Erlebten angegeben. Der Wohnungseinbruch löste daneben bei zwei von fünf Befragten starke Angstgefühle aus. Auch Schlafstörungen wurden in vergleichbarer Häufigkeit berichtet. Des Weiteren wurde angegeben, sich aufgrund des Erlebten geekelt und erniedrigt gefühlt zuhaben. Versuche, nicht über die Tat nachzudenken, berichtete ein Viertel der Betroffenen. Ein ähnlicher Anteil der Befragten gab das Erleben von Albträumen an. Seltener wurde berichtet, im Umgang mit anderen Menschen unsicher geworden zu sein. […] Die Ergebnisse zu den emotionalen Folgen zeigen zum einen, dass ein (versuchter) Wohnungseinbruch weitreichende Folgen wie Gefühle der Hilflosigkeit, starke Angstgefühle und Anspannung auslösen kann. Andererseits gibt ein nicht unerheblicher Teil der Befragten an, nicht bzw. nicht langandauernd unter den jeweiligen Folgen gelitten zu haben. Insgesamt gaben 10,0 % aller Betroffenen an, keiner der […] aufgeführten emotionalen Folgen erlebt zu haben.“

Wollinger und andere, 2014 / S. 53 ff

Die Beantwortung Ihrer Frage

Foto von Sindre Strøm von Pexels

Es ist denkbar, wenn auch unwahrscheinlich, dass unter den genannten Umständen eine PTBS entsteht. Ein erster Hinweis sind sich aufdrängende Erinnerungen an den Einbruch. Erinnerungen zeigen an, was als bedrohlich erlebt wurde. Nur ein Ereignis, das von der betroffenen Person als lebensbedrohlich erlebt wurde, kann meiner Meinung nach eine PTBS verursachen.

Unabhängig von einer PTBS kann ein Wohnungseinbruch ein sehr belastendes und auch krankmachendes Ereignis sein.

Für Ihren Weg wünsche ich Ihnen viel Kraft,

Stefanie Rösch

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Ihre Stefanie Rösch

Trauma-Informations-Zentrum

Leserfrage: Warum ist die PTBS eine Krankheit, obwohl es immer heißt, es sei eine normale Reaktion auf eine abnormale Situation? (Teil1)

26.03.2022 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Hallo Frau Rösch,

Ihre Beiträge zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sind sehr gut verständlich. Aber ein Aspekt fehlt mir irgendwie.

Es heißt doch, die PTBS sei eine normale Reaktion auf eine abnormale Situation. Warum wird die PTBS dennoch als Krankheit geführt?

Liebe Leserin,

herzlichen Dank für Ihre freundlichen Worte und die spannenden Fragen.

Ganz grundsätzlich definieren wir eine Psychische Störung am empfundenen Leid. Also eher an der Tatsache, dass Betroffene selbst den Eindruck haben, dass etwas nicht mit ihnen stimmt und dass sie unter ihren Beschwerden leiden. Zu diesen Beschwerden gehören ständige Erinnerungen an das Erlebte mit den dazugehörigen belastenden Gefühlen. Dazu gehören auch Alpträume, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme, welche das Familienleben oder die Ausübung eines Berufes stark und dauerhaft beeinträchtigen. Das ausgeprägte Vermeidungsverhalten hindert Betroffene an einem freien Leben. All das verursacht für Betroffene Leid und ein Gefühl von Belastung. Das ist der Grund, warum die PTBS als psychische Störung bezeichnet wird. In der Regel heutzutage nicht mehr als Krankheit.

Ja, ich schreibe von einer gesunden Reaktion auf eine bedrohliche Situation, aus der es kein Entkommen gibt.

Normal“ finde ich persönlich ein unglückliches Wort.

Schließlich ist es durchaus normal, dass im Grunde fast jeder Mensch einmal in seinem Leben eine Erfahrung macht, die traumatisch wirken könnte. Insofern dürften wir das Wort „normal“ in diesem Zusammenhang nicht mehr benutzen. Normal heißt in der Psychologie ungefähr zwei Drittel von 100%. Also wenn zwei Drittel von 100% der Bevölkerung ein bestimmtes Verhalten zeigen, dann gilt das als „normal“. Das ist ein mathematischer, in diesem Fall ein statistischer Begriff.

Natürlich benutzen wir das Wort auch, wenn etwas für uns selbstverständlich oder sehr nachvollziehbar ist. Über Rot zu gehen ist dagegen durchaus normal, weil man es selbst auch schon oft getan hat.

Ich denke, dass diese Formulierung der Versuch von Wissenschaftlern war, dem Eindruck von Betroffenen zu entsprechen. Wenn Sie Opfer einer Straftat werden, dann finden Sie das nicht normal, weil es Ihnen in der Regel das erste Mal passiert ist.

Sie merken, das ist ein schwieriger Begriff in diesem Zusammenhang.

Deswegen sollten wir vielleicht genauer sagen, eine PTBS entsteht aus einer gesunden Reaktion auf eine bedrohliche Situation.

Die Diagnose der Posttraumatische Belastungsstörung wird in der Regel gestellt, wenn Sie als Betroffene sich so schlecht fühlen, dass Sie Hilfe dafür suchen.

Zum Thema Diagnosen stellen habe ich mich an anderer Stelle bereits ausgelassen.

Wir nennen Gruppen von psychischen Beschwerden (Schlafprobleme, Ängste, Erinnerungsattacken, Flashbacks…) inzwischen psychische Störung (PTBS, Depression, Psychose,…), weil wir die Ursache für diese Beschwerden im ungesunden / gestörten Ablauf psychischer Prozesse sehen. Gesund bedeutet dabei immer: So, dass es Ihnen damit gut geht.

Zum Beispiel geht es um psychische Prozesse wie die Ursachenzuschreibung.

Wenn wir als Menschen davon überzeugt sind, dass die Welt nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung funktioniert, dann sehen wir die Welt auch so. Also wenn ich von einer Spinne gebissen werde (Ursache) ist es natürlich, dass ich Angst habe (Wirkung). Ich komme gar nicht auf die Idee, dass ich die Angst zufällig haben könnte.

Wir gehen von einer Ursache (Biss)-Wirkungs (Angst)-Beziehung aus, beispielsweise weil der Biss weh getan hat. Vielleicht habe ich die Spinne gesehen. Ich habe den Schmerz wahrgenommen und zusammen mit der Vorstellung, dass die Spinne giftig sein und ich sterben könnte, habe ich dann Angst bekommen. Also finde ich es logisch, dass ich Angst vor der Spinne habe. Allerdings würde sich das Ergebnis in dem Beispiel schon ändern, wenn ich sicher weiß, dass es nicht die Spinne war, die mich gebissen hat, sondern die Biene war, die mich gestochen hat. Oder das Ergebnis ändert sich, wenn ich mir sicher bin, dass die Spinne kein tödliches Gift hat oder wenn ich weiß, was ich gegen den Biss tun kann, um ihn unschädlich zu machen. All diese anderen Gedanken verändern das Erleben des Schmerzes im Zusammenhang mit dem Biss einer Spinne und damit auch das Entstehen von Angst vor Spinnen.

Ob ich also auf Spinnen mit Angst reagiere, hängt nicht allein vom Biss ab, sondern von vielen anderen Faktoren, die ich in meinem Kopf in Ursache- und Wirkungsbeziehungen zueinander setze. Menschen sind sehr komplex. Meine Erklärung gilt für das Beispiel mit der Spinne, nicht aber für Gewalterfahrungen durch Mitmenschen. Da wird es noch deutlich komplexer.

Dazu nächste Woche mehr…

Bis dahin viel Kraft für die nächsten Tage, Ihre Stefanie Rösch

Trauma-Informations-Zentrum

Leserfrage: Wer kann die Diagnose Dissoziative Identitätsstörung (DIS) stellen?

01.06.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare
Foto von pixabay von Pexels

Hallo Frau Rösch,
können Sie mir zufällig sagen, wer die Diagnose DIS oder ähnliches stellen kann? Meine Therapeutin kann und möchte mich nicht weiterbehandeln und diese Diagnose nicht stellen. Ich brauche aber die Diagnostik, um zu wissen was und wie es mir besser gehen kann.
Ganz viele liebe Grüße

Trauma-Informations-Zentrum

Liebe Leserin,

Prinzipiell kann die Diagnose Dissoziative Identitätsstörung (DIS –> Mein Krankheitsmodell zur DIS) eine Psychiaterin/ ein Facharzt mit entsprechend Qualifikation oder eine psychologische Psychotherapeutin oder eine Psychotherapeutin mit Zulassung nach dem Heilpraktikergesetz stellen. Das sind die gesetzlich zugelassenen Heilberufe in diesem Bereich.

Verantwortungsvoll wird diese Diagnose in der Regel nach einem längeren Kennenlernprozess zwischen Ihnen und einer qualifizierten Therapeutin gestellt. Es ist eine anspruchsvolle Diagnose, die in der Regel nicht nach einem 20 minütigen Gespräch gestellt werden kann. Oft ist es so, dass Betroffene andere Diagnosen gestellt bekommen, bis irgendwann jemand bemerkt, dass eine DIS die beste Erklärung für die Beschwerden ist.

Diagnosen, die vorher öfter gestellt werden sind die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) oder Depression oder auch Borderline Persönlichkeitsstörung oder Dissoziative Störung nicht näher benannt oder wenn es dumm läuft, wird die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) mit einer psychotischen Störung verwechselt.

Da die DIS eine schwer zu diagnostizierende Störung ist, spricht es erstmal dafür, dass Sie eine verantwortungsvolle Therapeutin haben, wenn sie diese Störung nicht einfach so diagnostizieren will. Ich gehe davon aus, dass sie gute Gründe dafür hat.

Verdachtsdiagnose als Zwischenschritt

Im diagnostischen Prozess ist es immer möglich, erstmal eine Verdachtsdiagnose zu stellen. Das heißt, wenn ich mir als Therapeutin noch nicht ganz sicher bin, dann stelle ich eine psychische Störung mit dem Vermerk „Verdacht auf ….“ fest. Damit mache ich deutlich, dass ich noch nicht ausreichend Informationen habe, um mich auf eine konkrete Störung festlegen zu können. Das könnte auch hilfreich sein, wenn Sie zum Beispiel in eine Klinik gehen. Wenn es eine Verdachtsdiagnose mit einer entsprechenden Beschreibung von Beschwerden gibt, dann müssen die Behandelnden in einer Klinik und Sie nicht von vorne anfangen. Da bei einer Traumafolgestörung das Thema Vertrauen ganz häufig ein zentrales Thema ist, könnte das die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen in einer Klinik deutlich erleichtern. Das ist ein Grund für Diagnosen: Kommunikation zwischen Fachleuten.

Diagnosen werden auch benötigt, damit die Krankenkassen oder andere Versorger im Gesundheitssystem die Behandlungskosten übernehmen. Eine Verdachtsdiagnose sollte ausreichen, um eine Therapie begründen zu können.

Ist eine Diagnose wichtig für den Behandlungserfolg?

Foto von Johannes Plenio von Pexels

Sie schreiben, dass Sie die Diagnose brauchen, damit es Ihnen besser gehen kann. Ich kann nachvollziehen, dass eine Hürde oder eine Herausforderung greifbarer und besiegbarer erscheint, wenn man seinen „Gegner“ kennt. Das sehe ich auch so.

Auf der anderen Seite wird eine DIS wie jede andere psychische Störung nur dann geheilt, wenn Sie als Betroffene den Kampf auf einer täglichen Basis kämpfen. Das heißt: üben, üben, üben. Was es zu üben gilt, hängt von Ihren Beschwerden im Alltag ab.

Das größte Problem bei Traumareaktionen ist die Angst.

Todesangst ist ein großer Gegner. Aber genau darum geht es bei einer DIS. Es gibt ganz viel Angst, die jeden Tag wieder neu angeschaut und besiegt werden will.

Die gesunde Reaktion auf eine Gefahr (Säbelzahntiger) ist Angst (Video: Wie entsteht ein Trauma ?). Angst bewirkt, dass wir einen Bogen um die Gefahr (den Säbelzahntiger) machen. Wenn man keinen Bogen um die Gefahr (Täter/Angreifer) machen kann und man über viele Situationen hinweg die Gefahr (Anwesenheit des Täters/Angreifers) bestehen bleibt, dann kann es sein, dass das Hirn die Seele dadurch schützt, dass es innere Distanz zwischen der Todesangst (innere Reaktion auf die Gefahr) und der Gefahr (Anwesenheit des Täters/Angreifers) in der Situation herstellt. Das nennt man dann Dissoziation.

Eine Dissoziative Identitätsstörung ist eine besondere Form von innerer Distanz und eine besondere Form von Überlebensstrategie. Aber im Kern geht es immer um die Angst und hinter jeder Angst steht eine Todesangst.

Eine Therapie bringt Ihnen bei, mit der Angst umzugehen

Das bedeutet für Sie, eine erfolgreiche Therapie wird Ihnen beibringen, mit ihrer Angst umzugehen. Angst ist Ihre ungeliebte Freundin. Sie soll und will uns vor Gefahr schützen. Sie fühlt sich nur nicht so an wie eine Freundin, sondern unangenehm. Deswegen vermeiden wir alles, was uns dieses Gefühl bringen könnte. Das hilft aber nicht. Stattdessen geht es darum, neue Verhaltensweisen zu lernen, um anders mit unserer Angst umzugehen. Dazu gehört zu wissen, was man macht, wenn man einem Täter/Angreifer begegnet. Man lernt wie man den Kontakt zu Menschen abbrechen kann, mit denen man nichts mehr zu tun haben will, weil sie einem nicht guttun. Es geht darum zu lernen, wie man vertrauenswürdige Menschen von Tätern unterscheiden kann. Man lernt auch, wie man die Körperreaktion, die zur Angst dazugehört, direkt beeinflussen kann und noch viele andere Dinge.

Ein großes Problem ist, dass jemand mit einer Dissoziativen Identitätsstörung wie in einem anderen Land großgeworden ist und deshalb gelernt hat, wie man in diesem anderen Land redet und sich angemessen verhält. Wenn man jetzt hier bei uns – sozusagen – leben will, dann heißt das, dass man viele Dinge neu lernen muss. Die Sprache will gelernt werden, aber auch die „kulturellen“ Gepflogenheiten. Das dauert seine Zeit. In meinen Augen wird Ihnen eine gute Therapie auch das beibringen. Allerdings brauchen Sie dafür viel Geduld – mit sich selbst und mit anderen. Es ist gut, Leute zu haben, die einen anfeuern. Denn der Weg ist lang und anstrengend – wie bei einem Marathon. Und wenn Sie noch mehr dazu erfahren möchten, was in einer Traumatherapie passiert, können Sie hier auf den Link klicken.

Viel Kraft und Ausdauer für Ihren Weg.

Ihre Stefanie Rösch

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Leserfrage: Wie kann ich meine Ängste bewältigen?

28.04.2021 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Ich bin 20 Jahre alt und leide seit Jahren unter den Folgen von jahrelangem Mobbing und emotionalem Missbrauch durch meinen Vater.
Therapie habe ich schon viele Stunden gemacht und war einmal teilstationär in einer Klinik, dennoch stieß ich immer wieder auf Rücksichtslosigkeit und Unverständnis.
Vor Jahren zeigte ich schon die ersten Anzeichen, die für eine PTBS typisch sind (Flashbacks, Albträume, Dissoziation etc.) dennoch wird das bis heute ignoriert.
Mit den Jahren verschlimmerte sich alles immer mehr und ich habe das Gefühl, die Kontrolle über mein Leben zu verlieren.
Ich möchte gerne weiterhin Ausbildung machen und mich sozial einbringen doch ich werde von den Ängsten verfolgt und bin nur noch zu Hause.
Dazu kommt noch dass ich zutiefst depressiv und unter schlimmen Panikattacken leide. Wie kann ich nur diese Ängste bewältigen?

Trauma-Informations-Zentrum

Liebe Leserin,

was ich höre ist, dass Sie viele Jahre wiederholt Situationen erlebt haben, die Sie als sehr verletzend erlebt haben. Sie haben versucht, mit diesen Situationen umzugehen, so wie es unter den Umständen möglich war. Aus diesen Bewältigungsversuchen heraus sind die Beschwerden entstanden, die Ihnen jetzt das Leben schwer machen.

Sie haben an verschiedenen Stellen Hilfe gesucht, fühlen sich aber von diesen Stellen nicht ernst genommen. Wie es dazu kam, weiß ich nicht.

Insofern kann ich Ihre Frage nur ganz allgemein beantworten.

Was passiert, wenn man wiederholt bedrohliche Situationen erlebt?

Foto von Craig Adderley von Pexels

Angst ist ein Gefühl, dass wir bekommen, wenn wir in einer gefährlichen Situation nicht mehr handeln können. Die Angst sagt uns: Nichts wie weg hier.

Wenn wir in dieser Situation gefangen sind und die Bedrohung immer schlimmer wird, kann es zur Notabschaltung kommen. Wenn das passiert, ist es möglich, dass daraus typische Traumareaktionen entstehen, die man als PTBS bezeichnet.

Notabschaltung bedeutet, dass das Hirn einen wichtigen Funktionsbereich abschaltet. Daraus entsteht dann die Schreckstarre oder die Panik oder die emotionslose Reaktion. Das ist eine Form der Dissoziation.

Was auch passieren kann ist, dass man einer Situation immer wieder ausgesetzt ist, die man als verletzend und extrem unangenehm empfindet, aber nie an den Punkt kommt, an dem es zu einer Notabschaltung kommt. Trotzdem muss man mit der Bedrohlichkeit der Situation umgehen. Eine Möglichkeit, das zu tun ist, sich wegzubeamen, also innerlich zu flüchten. Das ist auch eine Form der Dissoziation.

Eine weitere Folge von wiederkehrenden, belastenden Situationen ist die Veränderung von wichtigen Überzeugungen. Wenn man wieder und wieder einer beängstigenden Situation ausgesetzt ist, die man nicht ändern kann, kann daraus die Überzeugung entstehen, dass man keinen Einfluss auf sein Leben hat. Das Gehirn neigt dazu, Überzeugungen zu verallgemeinern. Wenn wir also die Erfahrung machen, dass wir an einer Situation nichts ändern können, glaubt das Hirn irgendwann, dass wir gar keine Kontrolle oder gar keinen Einfluss mehr haben. Das stimmt natürlich nicht.

Was können Sie tun, damit es Ihnen wieder besser geht?

Foto von Anand Dandekar von Pexels

Zuerst ist es wichtig, dem Eindruck entgegen zu treten, dass Sie die Kontrolle über Ihr Leben verlieren. Das können Sie tun, indem Sie sich bewusst machen, welche Entscheidungen, Sie jeden Tag treffen können. Entscheidungen sind Momente der Kontrolle in unserem Leben.

Vielleicht wollen Sie sich eine Liste anlegen, auf der Sie alle Entscheidungen sammeln, die Sie jeden Tag fällen. Das sind oft kleine Dinge wie, was Sie frühstücken wollen oder was Sie an diesem Tag anziehen wollen. Aber wenn Sie jeden Tag aufschreiben, was Sie entscheiden, dann werden Sie sich immer daran erinnern, dass Sie Einfluss haben im Leben, auch wenn es sich mal nicht so anfühlt.

Wie geht das mit der Angst?

Foto von Life Of Pix von Pexels

Angst entsteht durch Gedanken. Angstgedanken. Angstgedanken sind Sätze im Kopf oder Vorstellungen oder Erinnerungen, die mit Gefahr zu tun haben. Also zum Beispiel die Vorstellung, dass jemand in mein Haus einbricht. Wenn ich mir das intensiv vorstelle, also eine Angstvorstellung in allen Details habe, dann denkt das Hirn irgendwann, die Gefahr ist echt und reagiert mit einer Stressreaktion. Der geben wir den Namen Angst oder Panik.

Bei Erinnerungen ist es so, dass die Bilder einer bedrohlichen Erinnerung uns daran erinnern sollen, dass gleich wieder etwas Bedrohliches geschieht. Belastende Erinnerungen sind also Teil einer Warnreaktion.

In beiden Fällen ist es gut, auf die Angstgedanken zu reagieren und zu entscheiden, sich etwas anderes vorzustellen, etwas, das nicht so bedrohlich ist. Man darf seiner Phantasie einfach freien Lauf lassen und sich etwas vorstellen, das mit Sicherheit zu tun hat. Also beim Einbruch könnte man sich vorstellen, wie die Nachbarn die Polizei rufen, der Einbrecher geschnappt und abgeführt wird. Es würde auch reichen, sich vorzustellen, wie Superman hereingeflogen kommt und dem Einbrecher die Ohren langzieht und der schreiend davonrennt. Wenn man sich das vorstellt, wird man sich wieder sicher fühlen und die Angst wird weniger und kann wieder verschwinden.

Aber am wichtigsten….

Foto von Jess Vide von Pexels

… ist es, niemals aufzugeben und weiter Hilfe und Unterstützung zu suchen. Auch wenn es bisher niemanden gab, der Ihnen das Gefühl geben konnte, dass Sie ernst genommen werden, gibt es diese Person in diesem Land. Was Ihnen helfen kann, diese Person zu finden, ist offen und ohne Erwartungen in ein Erstgespräch zu gehen. Sagen Sie, was Sie brauchen und sagen Sie, wenn Sie sich nicht ernst genommen fühlen. Seien Sie bereit, Verantwortung für Ihre Symptome zu übernehmen. Niemand außer Ihnen kann die Beschwerden verändern. Eine Psychotherapie ist ein Ort, an dem Sie etwas lernen dürfen. Sie dürfen lernen, anders mit bedrohlichen Situationen umzugehen als bisher. Dazu gehört zum Beispiel, sich von angstmachenden Personen fernzuhalten. Oder nein zu sagen, wenn man etwas nicht möchte. Hilfe anzunehmen und bei einem Vorschlag immer alles daran zu setzen, es ernsthaft auszuprobieren. Nur so finden Sie heraus, ob ein Vorschlag vielleicht doch eine Veränderung bringt, auch wenn Sie sich nicht vorstellen können, dass etwas hilft. Bleiben Sie dran!! Aufgeben ist keine zulässige Möglichkeit. Nur Mut, Sie schaffen das!

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Grundbedürfnisse, Teil 3: Sicherheit

11.11.2013 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle 0 Kommentare

Der Kreislauf des Grundbedürfnisses Sicherheit lässt sich wie folgt wiedergeben:

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Die Spannung entsteht darüber, dass Sie Sich am Leben bedroht fühlen.
Drohende sexuelle und körperliche Gewalt lassen diese Spannung wieder und wieder entstehen. Der beste Weg damit umzugehen ist, vor dem Angreifer zu flüchten. Wenn Sie von der Gefahr/dem Angreifer weit genug entfernt sind, können Sie Sich wieder sicher fühlen. Die Zwickmühle an dieser Stelle kann zum Beispiel sein, dass ein Kind dieser Gefahr kaum aus eigener Kraft entkommen kann. Es erlebt also immer wieder, dass es am Leben bedroht ist und nichts dagegen tun kann. Es lernt, hilflos zu sein. Ja erlernte Hilflosigkeit gibt es wirklich! Hierbei handelt es sich um ein erlerntes Denkmuster indem sich die Person stehts als hilflos ansieht. Einmal erlernt, wird die betroffene Person auch dann keine Hilfe suchen oder sich selbst helfen, wenn diese eigentlich möglich wäre (Link erlernte Hilflosigkeit). Alles, was ihm bleibt, ist die Hilflosigkeit zu ertragen. Das ist ein Weg in die Depression, immer wieder hilflos zu sein und keine Möglichkeit zu haben, etwas dagegen tun zu können. Das Gleiche gilt auch für Sie als erwachsene Person. Auch Ihnen kann es passieren, dass Sie eine gefährliche Situation nicht einfach verlassen können.

Ein weiteres Problem ist, dass Ihr Warnsystem immer wieder anschlägt (siehe PTBS 2 ff), wenn Sie häufig in Lebensgefahr waren. Für das in seiner Abhängigkeit gefangene Kind bedeutet das, es erlebt neben der Machtlosigkeit ständig, dass das Warnsystem anschlägt, wenn die nächste Gefahr droht und oft genug schlägt es auch an, wenn keine Gefahr ist. Wenn die Warnreaktion eine echte Gefahr anzeigt, erlebt das Kind „sehenden Auges“, dass das Warnsystem nichts nützt, weil es der Gefahr nicht entgehen kann. Ein weiterer Grund, depressiv zu werden, oder andere schwerwiegende Folgen zu entwickeln, zum Beispiel eine Posttraumtische Belastungsstörung (PTBS).

Wenn ein Kind im Außen nicht flüchten kann, dann flüchtet es im Innen, z.B. indem es sich vorstellt, in der Wand zu verschwinden oder sich in die Ritze am Bett zu zwängen, oder indem es beginnt, alle möglichen Dinge zu zählen, die sich gerade in seinem Blickfeld befinden. Eine weitere Möglichkeit der inneren Flucht ist, sich innerlich von der lebensbedrohlichen Erfahrung zu distanzieren, Teile der Erinnerung abzuspalten (zu dissoziieren) und so vielleicht sogar eine DIS, eine Dissoziative Identität (früher Multiple Persönlichkeit) zu entwicklen. Die innere Flucht kann in der Therapie in Form eines sicheren Ortes gezielt eingesetzt werden.

Die innere Flucht funktioniert auch in einer echten Bedrohungssituation. So schilderte mir eine Seminarteilnehmerin einmal, dass ihre Mutter ihr als Kind abends immer von einer Blumenwiese erzählt hatte mit Schmetterlingen und gutem Wetter: Ein sicherer Ort mit der fürsorglichen Mutter anwesend. Als erwachsene Frau musste sie einmal zehn Minuten in einer Höhle zurückbleiben, ohne Licht, bis ihre Kollegen sie wieder abholten. Haben Sie einmal versucht, 10 Minuten in vollkommener Dunkelheit auszuharren? Ihr Gehirn wird sehr schnell anfangen, Ihnen Wahrnehmungen vorzugaukeln und Sie werden Angst, wenn nicht Panik bekommen. Deswegen ist Dunkelhaft als Art der Sinnesdeprivation eine Foltermethode. Was diese Frau jedoch tat war, sich hinzusetzen und sich auf ihre Wiese aus der Kindheit zu denken. Sie sah die Schmetterlinge, hörte das Brummen der Bienen, spürte die laue Brise und hörte die Stimme ihrer Mutter. So konnte sie sich weiter sicher fühlen bis ihre Kollegen sie wieder abholten. Die innere Flucht, das Sich-Wegdenken aus der bedrohlichen Situation an einen inneren sicheren Ort kann tatsächlich eine gute Möglichkeit sein, die eigene Hilflosigkeit auf ein Minimum zu beschränken, wenn man im Außen einer Situation nicht entgehen kann. Deswegen kann ich nur jedem empfehlen, sich einen inneren, sicheren Ort zuzulegen. Hier steht, wie es geht.

Eine andere Möglichkeit, mit Gefahren umzugehen, ist den Angreifer abzuwehren oder zu vernichten. Wenn es den Angreifer nicht mehr gibt, oder der Angreifer wegläuft, weil er Sie als stärker akzeptiert, dann kann auch wieder Ent-Spannung eintreten. Dann werden Sie Sich wieder sicher fühlen. Bis zur nächsten Bedrohung.

Wie können Sie nun dauerhaft für Ihre Sicherheit sorgen?

Es wird immer Situationen geben, in denen Sie nicht für Ihre Sicherheit sorgen können. Dazu spielen zu viele Faktoren eine Rolle dabei, ob Sie in Gefahr geraten oder nicht.

Das Risiko für lebensgefährliche Gefahren lässt sich jedoch klein halten. Vor allem, indem Sie auf Ihr Bauchgefühl hören, Ihre Intuition, Ihr Gefahrenradar. Wenn Ihr Bauchgefühl Ihnen sagt, eine Situation zu verlassen, dann folgen Sie diesem Gefühl! In all den Jahren meiner Tätigkeit habe ich nur eine Geschichte gehört, in der es dieses Gefühl vorher nicht gab. In allen anderen Geschichten hatte es die Warnung gegeben und die Person hat dieses Gefühl ignoriert.

Beschäftigen Sie Sich einmal mit dem Thema Sicherheit und tun nicht nur so, als könne einem nichts passieren. Damit meine ich nicht, dass Sie in ständiger Angst leben sollen, es könnte etwas passieren. Es ist gut und gesund zu glauben, dass wir die Welt unter Kontrolle haben und dass uns schon nichts passiert. Beschäftigen Sie Sich trotzdem einmal mit den wichtigsten, für Sie gefährlichen Situationen. Machen Sie einen Plan wie Sie sich verhalten wollen und spielen Sie diesen Plan dann im Kopf ab und zu durch (Mentales Training), damit Sie ihn parat haben.

Dazu gehören so einfach Dinge wie, Abstand von Menschen zu halten, die Sie unangenehm finden. Menschen, die rumschreien, aus dem Weg zu gehen oder ihnen zumindest nichts entgegen zu setzen, sondern sie ausschreien zu lassen.
Oder auf der Autobahn bei einer Baustelle lieber die rechte Spur zu nehmen, weil die meisten Unfälle im Übergang auf die linke, schnellere Spur passieren. Halten Sie Abstand, damit Sie und der Ihnen folgende Verkehr Zeit haben zu reagieren (Schrecksekunde). Sie können Sich überlegen, welche Wege Sie nehmen, wenn Sie in der Dunkelheit unterwegs sind und entscheiden, lieber einmal ein Taxi zu nehmen oder einen Umweg zu laufen, auf dem Sie Sich sicherer fühlen. Es kann auch hilfreich sein, einen Selbstschutzkurs zu besuchen oder eine Selbstverteidigungstechnik zu trainieren. Oder sich in Fragen Sicherheit von der Polizei beraten zu lassen (Einbruch).

An dieser Stelle ein Wort in eigener Sache. Zusammen mit einem Kollegen habe ich ein Buch für Mitarbeiter von Behörden geschrieben, in denen wir solche Pläne für 26 stressige und gefährliche Situationen zusammengestellt haben. Den Link finden Sie wie immer unten.

Also denken Sie darüber nach, welche Situationen Sie als gefährlich erleben, die Ihnen Angst machen und dann suchen Sie Sich die Informationen oder den Fachmann/Fachfrau, die Ihnen helfen können, einen guten Plan für Ihre Sicherheit zu entwickeln. Anschließend stellen Sie Sich genau vor, wie Sie reagieren wollen (Mentales Training). So trainieren Sie Ihren neuen Plan.

Weiter bei Grundbedürfnisse 4.

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