"Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung" – Stefanie Rösch, 2013

Posts zum Tag "Wiedererleben"

Rezension: Ratgeber – Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung

08.10.2014 Veröffentlicht von Lesestoff 0 Kommentare

„… man [kann] sich das Gedächtnis wie einen Schrank vorstellen. Alltägliche Erinnerungen werden in diesem Schrank abgelegt, in dem sie zunächst ordentlich gefaltet (d.h. verarbeitet) und dann an den passenden Ort eingeordnet (d.h. mit ähnlichen Erinnerungen und relevanten Informationen verbunden) werden. Daher können diese Erinnerungen bei Bedarf wieder hervorgeholt werden, sie fallen aber nur selten von alleine aus dem Schrank heraus. Die Speicherung der Traumaerinnerung im Gedächtnis kann hingegen mit der Situation verglichen werden, dass viele Dinge ungeordnet ganz schnell in diesen Schrank hineingeworfen werden, so dass man die Tür nicht ganz schließen kann. Die Tür wird daher häufig aufgehen, und die Dinge werden wieder aus dem Schrank herausfallen.“ (S. 28)

Genau das ist es, was Menschen nach einem Trauma immer und immer wieder berichten und erleben. Dass dieser Schrank, der in Momenten des Entsetzens und der Verzweiflung mit unzähligen Wahrnehmungen, Eindrücken, Gedanken und Empfindungen „vollgestopft“ wurde, immer wieder aufplatzt und alles herausfällt. Genauso ungeordnet, wie es „hineingestopft“ wurde. Ohne Zeitplan und oft ohne jede Vorwarnung.

Was bezeichnet man als Trauma? Wie reagieren wir, wenn wir etwas extrem Belastendes erlebt haben? Wie kommt es dazu, dass etwa 8% der Gesamtbevölkerung irgendwann im Laufe ihres Lebens eine Posttraumatische Belastungsstörung haben?

Diese Fragen und mehr beantworten Ehring und Ehlers in ihrem kleinen Ratgeber. Sie richten sich gezielt an Betroffene und erklären auf einfühlsame Weise, wie sich die seelischen Folgen eines Traumas äußern; zu welchen Reaktionen es kommen kann und warum manche von diesen Reaktionen nicht von alleine weggehen. Sie geben hilfreiche Tipps, verwenden viele gute Beispiele und berufen sich auf aktuelle Forschungsergebnisse.
Der Ratgeber ist in vier Kapitel unterteilt und gut strukturiert. Die ersten drei Kapitel beschäftigen sich damit zu erklären, (1) was eine Posttraumatische Belastungsstörung ist, (2) wie sie entsteht und warum sie nicht von alleine weggeht, und (3) was man dagegen tun kann. Das vierte Kapitel richtet sich direkt an Angehörige und gibt hilfreiche Tipps, wie man Freunde oder Familienmitglieder bestmöglich in einer solch schwierigen Zeit unterstützen kann. Auf den letzten Seiten verweisen die Autoren auf hilfreiche Einrichtungen, Informationsmöglichkeiten, Internetseiten und andere empfehlenswerte Bücher.

Besonders gut hat mir gefallen, dass die Beispiele von anderen Trauma-Überlebenden klar vom Fließtext abgegrenzt sind. So kann der Lesende entscheiden, ob er den Abschnitt überspringen möchte, wenn er Gefahr sieht, dass das Beispiel den eigenen „Erinnerungs-Schrank“ wieder aufreißen könnte. Außerdem gibt es immer wieder kurze Zusammenfassungen, die in Stichworten die wichtigsten Informationen zusammenfassen.
Ehring und Ehlers schaffen es, dem Leser immer wieder Mut zu machen und betonen, dass eine Posttraumatische Belastungsstörung gut behandelbar ist. Wie eine Behandlung aussehen kann, ob medikamentös oder psychotherapeutisch, beschreiben sie ausführlich im dritten Kapitel. Die Informationen über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten sind sehr hilfreich, jedoch hätte ich mir gewünscht, dass die Autoren noch näher darauf eingehen, wo und wie man am besten einen geeigneten Therapeuten finden kann (dazu gibt es im hinteren Teil ein paar wenige Hinweise).

Alles in allem vermittelt dieser Ratgeber auf gerade mal 70 Seiten hilfreiche Informationen, praktische Tipps und fundiertes Wissen auf einfühlsame, leicht verständliche Art und Weise. Er bietet Betroffenen, sowie Angehörigen einen guten Überblick über Traumafolgen und mögliche nächste Schritte, ohne dabei zu vergessen, dass jeder Mensch und jedes Trauma verschieden sind. Nicht zuletzt erinnert er Betroffene und Angehörige immer wieder daran, dass es Hoffnung gibt und der „Erinnerungs-Schrank“ auch wieder aufgeräumt werden kann. Dabei darf man sich gerne helfen lassen.

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Ehring, T., & Ehlers, A. (2012). Ratgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung: Informationen für Betroffene und Angehörige (Vol. 25). Hogrefe Verlag.

PTBS, Teil 12: Belastende Erinnerungen in die richtige Form bringen, Teil 2

19.10.2013 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Gestern haben Sie alles aufgeschrieben, woran Sie Sich noch erinnern konnten, so wie es Ihnen gerade eingefallen ist. Heute werden Sie Ihre Erinnerung ordnen.

Erinnerungen ordnen

  1. Schreiben Sie ihre Geschichte noch einmal auf, aber diesmal halten Sie Sich genau an die zeitliche Reihenfolge, in der die Handlungen passiert sind, die Ihnen widerfahren sind. Sortieren Sie die Tatsachen entlang der Zeit, die verging. Erst wenn Sie diesen Teil so gut Sie es heute können fertig haben, gehen Sie weiter zu Punkt 2.
  2. Jetzt überlegen Sie genau, wann Sie bemerkt haben, dass Sie in Gefahr sind. Also wann die belastende Situation begann. Wann genau im Ablauf Ihrer Erinnerung war das? Woran haben Sie gemerkt, dass „es“ jetzt losgeht? War es ein Gedanke? Ein Gefühl? Eine Körperempfindung? Etwas, das jemand getan hat? Etwas in Ihrer Umgebung?
  3. Und so wie es angefangen hat, war „es“ auch irgendwann vorbei. Bei wiederkehrenden Belastungs- und Gefahrensituationen meine ich den Moment, in dem Sie wussten, dass es „für jetzt“ vorbei ist. Woran haben Sie gemerkt, dass Sie jetzt wieder sicher sind? Oder vorerst sicher sind (bei wiederkehrenden Situationen)? War es etwas in Ihrer Umgebung? Ein Gedanke? Ein Gefühl? Eine Veränderung in der Situation? Welches Signal haben Sie bekommen, so dass Sie wussten, jetzt ist es vorbei und ich bin erst mal wieder sicher? Wenn Sie Anfang und Ende Ihrer Belastungssituation kennen, können Sie zum nächsten Punkt gehen.
  4. Schreiben Sie über den Schlimmsten Moment. Was war der schlimmste Moment? Warum war genau dieser Moment der schlimmste? Welche Gedanken hatten Sie? Welche Gefühle waren da? Geben Sie diesen Gefühlen oder diesem einen Gefühl einen Namen, z.B. Atemlose Angst (weil Sie keine Luft mehr bekommen haben und Angst hatten zu sterben) oder brennende Hilflosigkeit (weil Sie sich nicht bewegen konnten, aber Ihre Beine brannten wie Feuer). Sprechen Sie diese Gefühlswörter ruhig auch einmal laut aus. So haben Sie Sich gefühlt!
  5. Wenn Sie den schlimmsten Moment benannt haben, überlegen Sie, ob es einen zweitschlimmsten Moment gab. Wann war der zweitschlimmste Moment? Warum war es so belastend? Welche Gedanken dachten Sie? Welche Gefühle empfanden Sie? Geben Sie den Gefühlen Namen.
  6. Gibt es noch andere, besonders belastende Momente in Ihrer Erinnerung? Schreiben Sie auf, wann diese Momente waren, was Sie dachten und fühlten und geben Sie den Gefühlen eindeutige Namen. Die Namen sind wichtig, damit Sie das Gefühl im Alltag wiedererkennen können, wenn Ihr Hirn die Warnreaktion ablaufen lässt, obwohl gerade keine Gefahr ist (PTBS 2 und PTBS 5).

Jetzt hat Ihre Erinnerung die richtige Form. Bravo!

Genug getan für heute! Das war schwere Arbeit! Vor allem, wenn die Erinnerung eine starke Überlebens-/Stressreaktion auslöst (PTBS 5). Sorgen Sie für Sich! Tun Sie Sich etwas Gutes! Wenden Sie Ihre Stressbewältigungsstrategien an (PTBS 3, 4, 5, 6 und 7)!

Weiter mit PTBS 13.

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Im Download finden Sie eine Anleitung für das Ausdrucksschreiben inspiriert von einem Text (Writing & Health) von Professor James W. Pennebaker. [wpdm_package id=’1158′]

PTBS, Teil 11: Belastende Erinnerungen in die richtige Form bringen, Teil 1

18.10.2013 Veröffentlicht von Strategien 0 Kommentare

Wenn Sie entschieden haben, Ihren Erinnerungen nicht aus dem Weg zu gehen, wenn Sie gelernt haben, Ihre Erinnerungsattacken zu steuern und weniger gestresst zu sein, dann wird es Zeit, dass Sie Ihre Erinnerung in die richtige Form für Ihr Gedächtnis bringen, in die richtige Form für Ihr Gehirn.

Die richtige Form ist die Form einer Geschichte. Eine gute Geschichte hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Wir verstehen eine Geschichte am schnellsten, wenn sie in der Reihenfolge erzählt wird, in der sie geschah (chronologisch). Unser Gehirn fühl sich am wohlsten, wenn wir unsere Lebenserfahrungen in der Reihenfolge erzählen, in der wir etwas erlebt haben und wenn wir dem Ganzen auch Bedeutung geben. Bedeutung heißt hier, wie wir eine Situation wahrgenommen haben, wie wir sie bewertet haben und schließlich auch, welchen Platz die Erfahrung in unserem Leben hat.

Ein Beispiel: „Als der Säbelzahntiger auf mich zu gerannt kam, dachte ich, der bringt mich um und war wie erstarrt, aber dann kamen die anderen mit ihren Speeren und schrien laut und dann blieb der Tiger stehen und sah ganz verunsichert aus. Als die anderen dann noch mehr rumschrien, konnte ich mich wieder bewegen und mitschreien und dann lief der Säbelzahntiger davon. Der hatte Angst. Wir haben ihn besiegt. So ein Glück.“

Das ist eine Geschichte:

  • Anfang: Der Säbelzahntiger greift an und ich erstarre. Bedeutung: Ich denke, er bringt mich um und erstarre aus Angst.
  • Mittelteil: Die anderen kommen dazu und schützen mich mit Speeren und Geschrei. Der Säbelzahntiger bleibt stehen. Bedeutung: Der Säbelzahntiger sah verunsichert aus.
  • Ende: Der Säbelzahntiger läuft davon, und ich bin wieder sicher. Bedeutung: Der Säbelzahntiger hatte Angst und wir waren Sieger. Das war Glück.

So in etwa. Auf die gleiche Art können Sie Ihre Erinnerung erzählen und aufschreiben. Aufschreiben hat sich bewährt. James W. Pennebaker heißt der Professor, der das Konzept des therapeutischen Schreibens entwickelt und beforscht hat.

Wenn Sie Sich mit Ihrer belastenden Erinnerung beschäftigen, werden Sie wahrscheinlich die Stressbeschwerden wieder erleben (PTBS 2). Deswegen haben Sie geübt und gelernt, wie Sie Sich wieder auf die Gegenwart konzentrieren können (PTBS 3 und PTBS 4). Das heißt, Sie entscheiden, wie viel Stress Sie Sich zumuten wollen! Sie können jeder Zeit aufhören zu schreiben. Schreiben Sie in Einheiten, die Sie bewältigen können. Aber bleiben Sie dran!

Ganz konkret

Schaffen Sie Sich einen Raum und eine Zeit, in der Sie ungestört sind. Wenn wir in der Therapie mit den traumatischen Erinnerungen arbeiten, dann bevorzuge ich einen Vormittag an einem Tag, an dem meine Klientin keine weiteren Termine hat. Gut ist auch ein Freitag, früher Nachmittag. So aktivieren Sie die Stressreaktion nicht kurz vor dem Schlafengehen und haben Zeit, die aufgewühlten Gefühle und die Körperreaktion im Lauf des Tages und des Wochenendes aktiv wieder abzubauen, zum Beispiel durch Bewegung (PTBS 6 und PTBS 7).

Sie können mit Papier und Bleistift schreiben oder direkt am Computer. Sollten Sie nicht schreiben können oder wollen, dann können Sie Ihre Geschichte auch erzählen und aufzeichnen.

Und dann beginnen Sie, die Geschichte aufzuschreiben. Schreiben Sie einfach alles, was Ihnen noch einfällt, egal in welcher Reihenfolge. Schreiben Sie ALLES auf, woran Sie Sich erinnern: Personen, Handlungen der Person/en, Farben, Formen, Gegenstände, Details, Geräusche, Töne, Stimmen, Gerüche, Düfte und Körperwahrnehmungen, Geschmack, Schmerz, Druck, Oberflächen, Untergründe, ein Brennen irgendwo im Körper, Ihren Atem. So viele Details wie Ihnen einfallen. Dazu gehören auch Ihre Gedanken und Ihre Gefühle.

Es kann sein, dass Sie schon während des ersten Aufschreibens das Gefühl haben, Sie müssten die Einzelteile ordnen. Oder Sie merken, dass Sie sich an bestimmte Momente nicht erinnern. Schreiben Sie einfach weiter. Ordnen und ergänzen können Sie später. Schreiben Sie in einem Fluss, ohne auf Rechtschreibung oder Satzbau zu achten. Das kommt alles später.

Einfach schreiben, schreiben, schreiben. Bis alles draußen ist, woran Sie Sich im Moment erinnern.

Und dann haben Sie genug getan für diesen Tag! Das war schwere Arbeit! Vor allem, wenn die Erinnerung besonders belastend war und eine starke Überlebens-/Stressreaktion auslöst (PTBS 5). Sorgen Sie jetzt für Sich! Tun Sie Sich etwas Gutes! Wenden Sie Ihre Stressbewältigungsstrategien an (PTBS 3, 4, 5, 6 und 7)!

Und kommen Sie morgen wieder für den zweiten Teil.

Weiter mit PTBS 12.

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