"Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung" – Stefanie Rösch, 2013

Posts zum Tag "Buch"

Lesestoff: Natascha Kampusch: 10 Jahre Freiheit

19.10.2016 Veröffentlicht von Lesestoff 1 Kommentare

Nachdem Sie mit 3096 Tage über die Zeit ihrer Gefangenschaft berichtete, erzählt Frau Kampusch nun über ihre ersten 10 Jahre in Freiheit.

Mich hat auch dieses zweite Buch sehr berührt, weil es meine Erfahrung als Traumatherapeutin bestätigt, dass starke Opfer es besonders schwer haben.

Ein „starkes Opfer“ ist ein Mensch, der etwas Grausames überlebt hat und alles daran setzt, das hinter sich zulassen und ein gesundes und freies Leben zu leben.

Keine leichte Aufgabe bei all der Neugier der Medien im Fall von Frau Kampusch. In anderen Fällen sind es die Täter (ja, Mehrzahl!!), die Betroffene nicht in Ruhe lassen, oder aber der Kampf mit den Behörden um die Anerkennung und damit Entschädigung für das Erlittene, die einen Gesundungsprozess behindern.

Frau Kampusch beschreibt sehr eindrücklich, dass man sich nicht aufhalten lassen muss. In Ihrem Buch schildert sie, welche grotesken Formen das mediale Interesse annehmen kann und wie viele „dumme Menschen“ es gibt, um es mit den Worten von Herrn Dr. Piper zu sagen. Herr Piper, Traumaexperte, sagte dies über all die Menschen, die Frau Kampusch anfeinden und ach so gerne ihr Los mit ihr tauschen würden, um 8 Jahre eingesperrt, immer wieder gedemütigt, missbraucht und in Lebensgefahr gebracht zu werden, um sich dann mit Menschen herumschlagen zu müssen, die weiterhin über ihren Kopf hinweg entscheiden, besser wissen, was gut für einen ist, um Geld für etwas zu bekommen, dass man nicht kaufen kann: Eine freie, unbeschwerte Kindheit mit normalen Problemen und Erfolgen, im Kreise einer Familie und umgeben von Freunden.

Es geht mir immer wieder zu Herzen, wenn das Umfeld so gar nicht einschätzen kann, welchen Mut jemand wie Frau Kampusch jeden Tag aufbringen muss, um den Alltag zu überstehen.

Natürlich kann ich all dies nur vermuten und ziehe diese Vermutungen aus den beiden Büchern und vergleiche ihre Aussagen mit den Aussagen meiner Klienten. Ich hoffe, ich tue ihr damit nicht genauso Unrecht wie so viel andere.

Aber wenn man dieses Buch mit offenem Herzen liest und nicht mit der Unzufriedenheit über das eigene Leben und entsprechendem Neid, dann ist es das Zeugnis einer wirklich starken Frau, die mir immer wieder Mut macht, meine Klienten weiter zu begleiten, auch wenn es manchmal schwer ist – für uns beide. Immer wieder zu fragen, was Ihnen gut tut anstatt über sie zu bestimmen und immer wieder darin zu bestärken, dass die eigenen Wahrnehmungen und Entscheidungen gut sind, weil sie einzigartig sind und Eigenverantwortung bedeuten. Nicht unbedingt, weil sie immer das gewünschte oder erhoffte Ergebnis bringen.

Danke, Frau Kampusch, für Ihre Offenheit und für den Mut, uns alle an Ihrer Geschichte soweit teilhaben zu lassen, wie Sie es für richtig halten. Bleiben Sie sich weiter so treu wie bisher und geben Sie nicht auf!

Insofern kann ich beide Bücher nur allen empfehlen, die ein klein bißchen nachvollziehen wollen, welche Herausforderungen das Ausgeliefertsein mit sich bringt und wie man darin überleben kann.

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Leserfrage: Ist Malen für Flüchtlingskinder gefährlich?

06.10.2015 Veröffentlicht von Leserfragen 0 Kommentare

Ich arbeite in meiner Freizeit mit Flüchtlingskindern, d.h. wir malen, puzzlen und spielen. Speziell beim Malen entstehen nicht nur Bilder mit „Heilewelt“-Motiven. Meine Frage wäre: Sehen Sie eine besondere Gefahr z.B. einer Retraumatisierung beim Malen mit Flüchtlingskindern? Würden Sie andere Spiele vorziehen? Was kann ich beachten?

Lieber Leser,
erstmal mein ganz persönlicher Dank, dass Sie sich ehrenamtlich engagieren. Das finde ich immer wieder großartig weil zeigt, wie viele wunderbare Menschen dieses Land hat.

Zu Ihrer Frage kann ich Ihnen das Buch von Dorothea Weinberg empfehlen: Verletzte Kinderseele – Was Eltern traumatisierter Kinder wissen müssen und wie sie richtig reagieren. Einen Link finden Sie am Ende des Artikels.

Grundsätzlich ist gut, wenn Kinder Ihren Gefühlen in dieser Form Ausdruck verleihen. Wenn es möglich ist zu kommunizieren, können Sie sich die Bilder erklären und davon erzählen lassen. Helfen Sie den Kindern, die Geschichten positiv zu Ende zu erzählen. Es ist traurig, jemanden verloren zu haben oder zurücklassen zu müssen, aber es steckt auch viel Liebe darin, wenn Eltern ihre Kinder in Sicherheit bringen wollen. Es ist nicht nur ein Abschieben oder Wegschicken, sondern der Versuch, Leben zu retten. Darin steckt viel Liebe der Eltern für ihre Kinder. Dann gibt es Gott (egal ob der Christliche oder der Muslimische, wenn Sie das Wort Gott verwenden, verstehen Kinder sicher, was Sie meinen, die meisten werden Kontakt mit dem Glauben haben, mehr als wir hier oft). Gott hat dafür gesorgt, dass sie jetzt hier sind, ein Dach über dem Kopf haben und sicher sind und zu essen und warm, und dass es jetzt ganz viele Menschen wie Sie, lieber Leser, gibt, die alles dafür tun, damit das so bleibt und die Kinder trotzdem möglichst bald wieder mit Ihren Familien zusammen sein können. Da alle nur Menschen sind, kann es sein, dass das nicht gelingt, aber jeder wird jeden Tag aufs Neue sein Bestes geben.

Frau Weinberg stellt tolle Techniken und Strategien vor, wie man mit Stofftieren arbeiten kann. Das Buch ist eine gute Fundgrube an Fallbeispielen und guten Erklärungen.

Malen und spielen ist gut. Wenn es zu belastend wird, kann man immer als Helfer fragen, ob man mitspielen darf. Dann kann man den Helfer spielen, der das Kind vor dem „Bösen“ im Spiel beschützt. Das war in der Realität nicht so, aber es ist jetzt im Spiel so. Und irgendjemand hat geholfen, sonst wäre das Kind jetzt nicht hier. Und was immer in der Vergangenheit passiert ist, ist vorbei. Auch wenn jetzt noch keine vollständige Sicherheit gegeben ist.

Körperkontakt, wenn von den Kindern gesucht oder freiwillig genommen, ist vor allem für die Jüngeren auch eine wichtige Größe, um wieder Sicherheit und das Gefühl von Schutz herzustellen. Aber immer darauf achten, dass Sie es nur anbieten und niemals aufzwingen.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft und Engagement für Ihre Arbeit.
Herzliche Grüße
Stefanie Rösch

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Rezension: Ratgeber – Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung

08.10.2014 Veröffentlicht von Lesestoff 1 Kommentare

„… man [kann] sich das Gedächtnis wie einen Schrank vorstellen. Alltägliche Erinnerungen werden in diesem Schrank abgelegt, in dem sie zunächst ordentlich gefaltet (d.h. verarbeitet) und dann an den passenden Ort eingeordnet (d.h. mit ähnlichen Erinnerungen und relevanten Informationen verbunden) werden. Daher können diese Erinnerungen bei Bedarf wieder hervorgeholt werden, sie fallen aber nur selten von alleine aus dem Schrank heraus. Die Speicherung der Traumaerinnerung im Gedächtnis kann hingegen mit der Situation verglichen werden, dass viele Dinge ungeordnet ganz schnell in diesen Schrank hineingeworfen werden, so dass man die Tür nicht ganz schließen kann. Die Tür wird daher häufig aufgehen, und die Dinge werden wieder aus dem Schrank herausfallen.“ (S. 28)

Genau das ist es, was Menschen nach einem Trauma immer und immer wieder berichten und erleben. Dass dieser Schrank, der in Momenten des Entsetzens und der Verzweiflung mit unzähligen Wahrnehmungen, Eindrücken, Gedanken und Empfindungen „vollgestopft“ wurde, immer wieder aufplatzt und alles herausfällt. Genauso ungeordnet, wie es „hineingestopft“ wurde. Ohne Zeitplan und oft ohne jede Vorwarnung.

Was bezeichnet man als Trauma? Wie reagieren wir, wenn wir etwas extrem Belastendes erlebt haben? Wie kommt es dazu, dass etwa 8% der Gesamtbevölkerung irgendwann im Laufe ihres Lebens eine Posttraumatische Belastungsstörung haben?

Diese Fragen und mehr beantworten Ehring und Ehlers in ihrem kleinen Ratgeber. Sie richten sich gezielt an Betroffene und erklären auf einfühlsame Weise, wie sich die seelischen Folgen eines Traumas äußern; zu welchen Reaktionen es kommen kann und warum manche von diesen Reaktionen nicht von alleine weggehen. Sie geben hilfreiche Tipps, verwenden viele gute Beispiele und berufen sich auf aktuelle Forschungsergebnisse.
Der Ratgeber ist in vier Kapitel unterteilt und gut strukturiert. Die ersten drei Kapitel beschäftigen sich damit zu erklären, (1) was eine Posttraumatische Belastungsstörung ist, (2) wie sie entsteht und warum sie nicht von alleine weggeht, und (3) was man dagegen tun kann. Das vierte Kapitel richtet sich direkt an Angehörige und gibt hilfreiche Tipps, wie man Freunde oder Familienmitglieder bestmöglich in einer solch schwierigen Zeit unterstützen kann. Auf den letzten Seiten verweisen die Autoren auf hilfreiche Einrichtungen, Informationsmöglichkeiten, Internetseiten und andere empfehlenswerte Bücher.

Besonders gut hat mir gefallen, dass die Beispiele von anderen Trauma-Überlebenden klar vom Fließtext abgegrenzt sind. So kann der Lesende entscheiden, ob er den Abschnitt überspringen möchte, wenn er Gefahr sieht, dass das Beispiel den eigenen „Erinnerungs-Schrank“ wieder aufreißen könnte. Außerdem gibt es immer wieder kurze Zusammenfassungen, die in Stichworten die wichtigsten Informationen zusammenfassen.
Ehring und Ehlers schaffen es, dem Leser immer wieder Mut zu machen und betonen, dass eine Posttraumatische Belastungsstörung gut behandelbar ist. Wie eine Behandlung aussehen kann, ob medikamentös oder psychotherapeutisch, beschreiben sie ausführlich im dritten Kapitel. Die Informationen über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten sind sehr hilfreich, jedoch hätte ich mir gewünscht, dass die Autoren noch näher darauf eingehen, wo und wie man am besten einen geeigneten Therapeuten finden kann (dazu gibt es im hinteren Teil ein paar wenige Hinweise).

Alles in allem vermittelt dieser Ratgeber auf gerade mal 70 Seiten hilfreiche Informationen, praktische Tipps und fundiertes Wissen auf einfühlsame, leicht verständliche Art und Weise. Er bietet Betroffenen, sowie Angehörigen einen guten Überblick über Traumafolgen und mögliche nächste Schritte, ohne dabei zu vergessen, dass jeder Mensch und jedes Trauma verschieden sind. Nicht zuletzt erinnert er Betroffene und Angehörige immer wieder daran, dass es Hoffnung gibt und der „Erinnerungs-Schrank“ auch wieder aufgeräumt werden kann. Dabei darf man sich gerne helfen lassen.

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Hier das Amazonpartnerlink zum Ratgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung
Ehring, T., & Ehlers, A. (2012). Ratgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung: Informationen für Betroffene und Angehörige (Vol. 25). Hogrefe Verlag.

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