"Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung" – Stefanie Rösch, 2013

Posts zum Tag "Bindung"

Grundbedürfnisse, Teil 2: Liebe und Bindung

07.11.2013 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle, Strategien 0 Kommentare

Da psychische Grundbedürfnisse wie körperliche funktionieren, ist der Kreislauf grundsätzlich der gleiche, jedoch die Folgen sind andere.

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Der Spannungszustand hinsichtlich des Grundbedürfnisses Bindung/Liebe entsteht, wenn wir über eine gewisse Zeit keine Rückmeldung darüber haben, dass wir geliebt werden und zu einer Familie oder einer Gruppe von Menschen dazugehören, die uns lieben. Dann fühlen wir uns zunehmend „ungeliebt“ (Mangelzustand).

Für einen Säugling kann dies sogar zu einem lebensbedrohlichen und tödlichen Mangel werden. Es gibt Beobachtungen, dass Säuglinge, obwohl sie gefüttert und gewickelt werden, sterben, wenn sie keine emotionale Zuwendung bekommen.

Die Frage ist nun, wie Ihre Bewältigungsstrategien aussehen, was Sie gelernt haben, um diese Spannung wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wissen Sie, was Sie tun, um Sich geliebt zu fühlen? Was Sie brauchen, um Sich geliebt zu fühlen?

Was haben Sie gelernt? Wie war das in Ihrer Familie? Haben Sie gesagt bekommen, dass Sie geliebt werden? War es spürbar, dass Sie geliebt werden? Wurden Sie in den Arm genommen? Hatte jemand Zeit für Sie? Hat Ihnen jemand geholfen, wenn Sie Hilfe brauchten? Bekamen Sie kleine Herzensgeschenke? Wurden Sie gelobt und bekamen Anerkennung selbst für Kleinigkeiten?

Gary Chapman hat das Konzept der 5 Sprachen der Liebe entwickelt. Demnach haben wir alle eine Muttersprache der Liebe. Die fünf Muttersprachen, die es gibt, nennt er:

  • Lob und Anerkennung
  • Zeitgeschenke / Zweisamkeit
  • Geschenke, die von Herzen kommen
  • Hilfsbereitschaft
  • Zärtlichkeit / Körperkontakt

Spricht jemand Ihre Muttersprache der Liebe, dann fühlen Sie Sich geliebt. Wissen Sie, welche Liebessprache Ihre ist? Falls nicht, können Sie auf dieser Seite einen kostenlosen Test machen, welches Ihre Liebessprache ist. Es gibt auch eine Version für Singles.

Finden Sie heraus, was Ihre Liebessprache ist. Aber wichtiger noch, finden Sie heraus, welche Liebessprachen die Menschen in Ihrem Umfeld sprechen. Sie können dann jeden auf dieser Ebene ansprechen und ihm oder ihr das Gefühl geben, geliebt zu werden. Das ist ein Anfang: Liebe schenken.

Wenn Sie Sich geliebt fühlen, ist dadurch das innere Gleichgewicht hergestellt.

Das Gute an diesem Bedürfnis ist, dass wir uns so eine Art Liebes-Fettpolster oder Liebes-Winterspeck zulegen können. Dr. Chapman nennt es unseren Liebestank. Die Vorstellung dahinter ist, dass Sie wie bei anderen Bedürfnissen auch, eine Weile ohne Liebesbekundungen von außen auskommen können, weil Sie durch das Immer-wieder-Auffüllen Ihres Liebestanks vor allem in der Kindheit gelernt haben, dass Sie liebenswert sind.

Auf Dauer jedoch benötigen wir als soziale Wesen die Rückmeldung von anderen.

In einer Zeit des Wartens, also wenn Sie auf Ihren Liebes-Winterspeck angewiesen sind, können Sie das Gefühl, liebenswert zu sein, aufrechterhalten, indem Sie Dinge unternehmen, die Ausdruck Ihrer Selbstliebe sind.

Je nach Liebesmuttersprache können das unterschiedliche Maßnahmen sein.

  • Lob und Anerkennung: Loben Sie sich laut selbst. „Gut gemacht!“, gönnen Sie Sich eine Belohnung.
  • Zeitgeschenke/Zweisamkeit: Schenken Sie Sich eine Beratung, eine Psychotherapie, suchen Sie Sich Leute, mit denen Sie Ihre Freizeit gestalten können, oder gönnen Sie Sich Einzelunterricht in etwas, das Sie schon immer mal lernen wollten.
  • Geschenke, die von Herzen kommen: Erfüllen Sie Sich einen kleinen oder großen Traum, schenken Sie Sich selbst Kleinigkeiten, achten Sie auf die Schönheit am Wegrand.
  • Hilfsbereitschaft: Gönnen Sie Sich Hilfe: fragen Sie jemanden um Unterstützung oder schenken Sie Sich eine Putzhilfe, wenn Sie die Möglichkeit dazu haben.
  • Zärtlichkeit/Körperkontakt: Gönnen Sie Sich Massagen oder bitten Sie eine Freundin oder einen Freund, Sie in den Arm zu nehmen, oder suchen Sie Sich eine Kuschelgruppe (z.B. Kuschelpartie).

Seien Sie erfinderisch, wie Sie gut zu sich selbst sein können, um Ihre Liebe zu Sich selbst auszudrücken.

Ich würde mich freuen, von ein paar weiteren Ideen zu hören.

 

Und was passiert, wenn es schief geht? Wenn wir niemanden hatten, der uns das Gefühl gab, geliebt zu sein?

Da es sich um ein überlebensnotwendiges Bedürfnis handelt, entwickeln Kinder ganz unterschiedliche Strategien, um sich ein bisschen geliebt fühlen zu dürfen. Sprechen die Eltern die Liebessprache des Kindes nicht, oder sind einfach aufgrund Abwesenheit oder Unfähigkeit nicht in der Lage, ihrem Kind zu zeigen, dass sie es lieben, dann werden Kinder kreativ.

Eine verbreitete Überlebensstrategie ist es, herauszufinden, was der andere braucht oder will und das gegen „Liebe“ einzutauschen. Kinder machen den Haushalt, Kinder räumen ihr Zimmer auf, Kinder sind immer brav, Kinder trotzen und machen Ärger, Kinder werden aggressiv, Kinder sind gut in der Schule, weil es dafür Zuwendung gibt, Kinder sind für Ihre Eltern da, kümmern sich um deren Bedürfnisse und später dann um nur um die Bedürfnisse von anderen. Mädchen lernen, Sex mit Liebe zu verwechseln. Auch das ist relativ verbreitet. Kinder lernen also, dass sie etwas dafür tun müssen, um geliebt zu werden. Das ist meist anstrengend und selten befriedigend. Am Ende dieser ungünstigen Bewältigungsstrategien können schwerwiegende psychische Störungen wie Depression oder Persönlichkeitsstörungen stehen.

Ideal wäre es, wenn Sie Sich um Ihrer Selbst wegen geliebt fühlen dürften. Wenn Sie so sein dürfen, wie Sie gerade sind und trotzdem von jemandem geliebt werden. So sollte es zwischen Eltern und Kindern sein. Leider haben wir in diesem Land immer noch zu viele verletzte und deswegen unfähige Eltern und damit reichlich Kinder, die sich nicht liebenswert finden.

Umso wichtiger ist es, für sich selbst zu sorgen, sich selbst zu lieben oder zu lernen, sich selbst zu lieben, wenn es sonst schon keiner tut oder getan hat, und sich selbst so zu akzeptieren, wie man gerade ist. Das ist eine Haltung sich selbst gegenüber, die in meiner Arbeit sehr zentral ist. Ein Glaubenssatz, den viele meiner Klienten üben, üben, üben dürfen (siehe auch à Giftige Gedanken), um kindliche Überlebensstrategien mit erwachsene Bewältigungsstrategien ersetzen zu können.

Ich liebe und akzeptiere mich, so wie ich gerade bin.

Weiter bei Grundbedürfnisse 3.

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Hier geht es zur Homepage der 5 Sprachen der Liebe (auf Englisch)
Link zu 5 Sprachen der Liebe auf Wikipedia.
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Grundbedürfnisse, Teil 1: Was ist das denn?

05.11.2013 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle 0 Kommentare

Jeder Mensch hat Grundbedürfnisse. Grundbedürfnisse sind Bereiche in unserem Leben, die für unsere körperliche und seelische Gesundheit überlebensnotwendig sind. Gesund sind wir und wohl fühlen wir uns, wenn wir im Gleichgewicht sind. Allerdings sind diese Bereiche in unserem Leben einem ständigen Wandel unterworfen. Die Schwankungen entstehen, weil wir Energie verbrauchen, körperliche Energie aber auch psychische Energie.

Es gibt körperliche Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlaf, Freiheit von Schmerz und Wärme. Psychische Grundbedürfnisse sind Sicherheit und Orientierung, Zugehörigkeit und Bindung, Wertschätzung und Selbstwert und viertens Neugier und Freude. Grundbedürfnisse sind überlebensnotwendig. Sie müssen erfüllt werden. Wenn sie nicht immer wieder befriedigt werden, dann hat das schwerwiegende Folgen für den Menschen bis hin zum Tod. Für psychische Grundbedürfnisse gelten die gleichen Abläufe wie für körperliche Grundbedürfnisse.

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Der allgemeine Kreislauf sieht folgendermaßen aus: Sie verbrauchen Energie, wodurch ein Mangelzustand entsteht. Diesen erleben Sie als innere Spannung. Spannung ist unangenehm, deswegen werden Sie etwas unternehmen, um die Spannung kleiner werden zu lassen. Sie setzen eine Ihrer Überlebensstrategien oder Bewältigungsstrategien ein. Das führt dazu, dass die Spannung sich ent-spannt und Sie Sich wieder wohl fühlen. Ihr inneres Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Dadurch, dass Sie Energie verbrauchen, steigt die Spannung dann nach einer gewissen Zeit wieder an und der Kreislauf beginnt von neuem.

Hier ein Beispiel für einen körperlichen Prozess, der diesem Kreislauf unterliegt:

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Sie haben Hunger. Ihre Bewältigungsstrategie ist, etwas zu essen. Dadurch stellt sich in einem gesunden Körper das Gefühl „Ich bin satt“ ein. Die Nahrung wird im Körper wieder in Energie umgewandelt, die Sie für Bewegung einsetzen, zum Denken oder die der Körper braucht, um seine Temperatur zu halten. All das verbraucht Energie und deswegen sind Sie nach einer Weile wieder hungrig.

Jedem ist klar, dass wir verhungern, wenn wir der Spannung „Hunger“ dauerhaft nicht nachgeben. So ist es mit den körperlichen Grundbedürfnissen Essen, Trinken, Schlaf, Freiheit von Schmerz und Wärme. Wenn dem Körper die Befriedigung dieser Bedürfnisse über einen längeren Zeitraum verweigert wird, nimmt er schwerwiegenden Schaden oder der Mensch stirbt sogar nach einer Weile.

Ständig Schmerzen haben, kann einen ziemlich zermürben. Ohne Flüssigkeit sind Sie in wenigen Tagen tot, auf feste Nahrung können wir je nach körperlichen Reserven recht lange verzichten ohne Schaden zu nehmen. Das Heilfasten nutzt den Verzicht auf feste Nahrung sogar, um Gesundungsprozesse im Körper in Gang zu setzen. Nicht schlafen zu können oder wie z.B. in manch einer Foltersituation, am Schlafen gehindert zu werden, bewirkt innerhalb weniger Tage den völligen Zusammenbruch eines Menschen mit starken Störungen von Denkprozessen. Naja, und wenn wir es nicht ausreichend warm haben, erfrieren wir innerhalb weniger Stunden.

Das Nicht-Erfüllen von körperlichen Grundbedürfnissen führt über kurz oder lang zum Tod.

Welche Folgen das Nicht-Erfüllen von psychischen Prozessen hat und was Sie für Ihre psychische Gesundheit tun können, darum soll es in den nächsten Artikeln gehen.

Weiter bei Grundbedürfnisse 2.

Psychische Störung oder Überlebensstrategie?

22.08.2013 Veröffentlicht von Erklärungsmodelle, Psychotherapie 0 Kommentare

Unser heutiges Denken, Fühlen und Verhalten ist das Ergebnis eines Überlebensmechanismus. Nicht nur der Körper will überleben, sondern auch unsere Seele.

Ums Überleben geht es, wenn unsere Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden. Wenn wir nichts zu essen bekommen, werden wir verhungern. Wenn es nötig ist, werden wir auch stehlen, um zu überleben. Ein weiteres Beispiel ist Wärme. Unser Körper braucht eine gesunde Temperatur, wenn wir die nicht mehr halten könne, werden wir vielleicht irgendwo einbrechen, wenn wir keine andere Möglichkeit sehen, nicht zu erfrieren.

Das Gleiche gilt für psychische Grundbedürfnisse wie Sicherheit/Kontrolle, Bindung/Liebe, Selbstwert und Vermeidung von Unlustempfindungen. Dass Bindung ausgedrückt in Körperkontakt für einen Säugling überlebensnotwendig ist, weiß man daher, dass man beobachtet hat, dass Säuglinge sterben, wenn sie dieses Grundbedürfnis nicht erfüllt bekommen, obwohl man sie füttert und ihnen die Windeln wechselt, jedoch alles ohne emotionale Zuwendung. Das heißt, wenn einem Kind Zuwendung und Aufmerksamkeit verweigert werden, dann wird dieses Kind einiges tun, um sich wenigstens ein bisschen geliebt zu fühlen. Zum Beispiel könnte es versuchen, alle Wünsche der Eltern zu erfüllen und ständig lieb und angepasst zu sein. Wenn das nichts nützt, könnte es auch aufmüpfig und aggressiv werden, um sich bemerkbar zu machen. Oder es könnte auch einfach viele Freunde haben oder eine Oma, die ihm das gibt, was es braucht.

Es gibt so viele Möglichkeiten, wie die Lebensumstände dazu führen, dass ein Kind seine Bedürfnisse nicht erfüllt bekommt und nun irgendwie versucht, doch noch dran zu kommen. Man kann all diese Versuche und das daraus entstehende Denken, Fühlen und Verhalten als Überlebensstrategie sehen. Schließlich geht es genau darum, manchmal um das körperliche, oft genug um das psychische Überleben.

Diese Überlebensstrategien waren zu irgendeinem Zeitpunkt, meist früh im Leben hilfreich. Aber da der Mensch an sich ein „faules“ Wesen ist :-), merken wir nicht, dass manche Strategien nicht mehr aktuell, heute nicht mehr hilfreich sind. Teilweise sind sie veraltet, weil sich die äußeren Umstände geändert haben oder aber, weil uns als erwachsenen Menschen andere und bessere Strategien zur Verfügung stehen als als Kind.
Zum Beispiel könnte es sein, dass man als Kind die Schläge vom Vater/Mutter einstecken musste und trotzdem mit ihm/ihr kuscheln oder in den Arm genommen werden wollte, weil Bindung/Liebe zu diesen existentiellen Bedürfnissen gehört.

Später im Leben merken wir dann nicht, dass wir keine Schläge mehr einstecken müssen, sondern andere Strategien nutzen könnten (rechtzeitig aus der Situation gehen/sich wehren/Polizei holen/Selbstschutztechnik anwenden), weil wir erwachsen sind. Aber oft fühlen wir uns immer noch genauso ausgeliefert wie als Kind und handeln auch genauso.

Daraus entstehen dann die verschiedenen Beschwerden, mit denen wir Psychologinnen Psychische Störungen beschreiben. Wenn man genau hinschaut, kann man in den meisten Lebensgeschichten in einer Therapie sehen, dass diese Beschwerden die Folge dieser alten, überholten, oft kindlichen Bewältigungsstrategien sind.

Insofern kann man sagen, dass eine Psychische Störung daraus entsteht, dass ein Mensch versucht, den Herausforderungen des Lebens mit den bisher erlernten Strategien zu begegnen, die aber veraltet oder unpassend sind und deswegen nicht das gewünschte Ergebnis erzielen.

Es bedeutet auch, dass Sie das Problem haben. Sie dürfen ihre Strategien überdenken und neue lernen, um sich wieder gesund fühlen zu können. Das wäre dann der richtige Zeitpunkt, professionelle Hilfe, sprich eine Psychotherapie aufzusuchen. (siehe auch: Was ist Psychotherapie?)

 

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