"Überwundene Angst bringt Freiheit und Verantwortung" – Stefanie Rösch, 2013

Leserfrage: Wie kann ich meiner Partnerin helfen, nicht mehr zu flüchten?

10.11.2017 Veröffentlicht von Leserfragen 2 Kommentare

Seit der Geburt unserer Tochter tauchte schleichweise die komplexe PTBS bei meiner Partnerin auf. Sie liebt mich und ich sie und gemeinsam lieben wir unsere Tochter. Wir wollen beide eine gemeinsame Zukunft leben.

Jedoch schmiss sie inzwischen sehr oft sie die ganze Beziehung hin und wollte vor allem flüchten. Jetzt wurde ihr einmal mehr bewusst wie sehr sie ein Uns möchte. Aber die Angst vor der Flucht ist bei mir deutlich vorhanden. Gibt es Möglichkeiten dies „einfach“ in den Griff zu bekommen, so dass sie nicht mehr die Flucht ergreifen möchte? Wie kann ich ihr helfen? Wie kann sie sich helfen? Und wir uns? Ich habe ihr bereits angeboten sie zu Traumatherapiesitzungen zu begleiten, was sie sich wünscht. Unser oberstes Ziel ist es, eine glückliche Familie zu werden und dass sie gesund wird.

Lieber Leser,

Einfache Lösungen gibt es natürlich nicht. Auch wenn wir sie uns immer wünschen.

Es gibt nur ein „Es-immer-wieder-Probieren“ und ein „Nicht-Aufgeben“. Wenn die Liebe da ist, dann sind Heilungswege für mich so etwas wie Laufen-Lernen. Bestimmt haben sie das Bild von einem Kind im Kopf, welches das erste Mal an den Händen eines Elternteils steht? Unsicher, wackelig. Es zieht sich selbständig an Stühlen und Sofas hoch, um stehen zu üben. Plumst immer wieder auf den windelgeschützten Popo und versucht es gleich wieder. Unterbrochen wird dieses Üben von frustrierten Wutausbrüchen und Tränen, aber auch von freudigem Lachen, wenn es gelingt und die Eltern sich sichtbar freuen und loben.

Irgendwann macht es die ersten Schritte, oft auf die ausgestreckten Arme der Eltern zu. Zuerst einen oder zwei, später mehr, dazwischen Hinfallen, ein Stück Krabbeln, dann wieder aufstehen und noch ein Versuch. Es dauert lange. Es braucht viele Stürze und jedes Mal ein neues Aufstehen.

Mit verletzten Menschen ist es genauso. Es braucht viele Versuche, dem Leid auf die Spur zu kommen und dann das eigene Denken und verhalten zu ändern. Dazwischen gibt es Unterbrechungen, die wir oft als Fehlschlag oder Flucht erleben oder auch als Scheitern. Aber im Grunde ist es nur eine Unterbrechung, eine Pause vielleicht, vor dem nächsten Aufstehen und dem nächsten Schritt.

Es macht natürlich Sinn, sich auf die Suche nach dem Grund für die „Flucht“ zu machen. Hilfreiche Fragen können sein: Was geht einer Flucht unmittelbar voraus? Ein äußeres Geschehen? Eine Erfahrung? Oder sind es Gedanken? Eine Erinnerung, die Angst macht, ausgelöst durch einen schwer zu erkennenden Reiz?

Wenn Sie den Auslöser für die Flucht erkennen können, dann ist ein wichtiger Schritt getan. Denn wenn ich den Auslöser kenne, kann ich lernen, nicht mehr mit dem gleichen Verhalten (der Flucht) darauf zu reagieren. Ich kann ein neues Verhalten trainieren, z.B. zu sagen, was gerade in mir vorgeht: dass da wieder diese Erinnerung ist und die Angst, dass es wieder so sein wird wie früher.

Ein Partner kann dann helfen, die Unterschiede zwischen damals und heute besser sichtbar zu machen. Hilfreiche Fragen dafür sind: Was sieht heute anders aus? Welche Personen waren damals beteiligt, welche heute? Was wurde damals gesprochen, wie heute? Welche Gerüche gab es damals, welche Geräusche, welche Körperempfindungen und wie ist es heute?

Das kann helfen zu erfahren, dass die Erinnerung alt und das damals hilfreiche Verhalten der Flucht heute nicht mehr notwendig ist. Heute gibt es mehr Möglichkeiten, die Situation in der Beziehung zu beeinflussen und für Sicherheit zu sorgen, für Austausch und damit für gute Lösungen und Freiheit von Angst.

Ich finde es hilfreich und notwendig, dass alle Beteiligten verstehen, was Trauma bedeutet, insofern empfehle ich Ihnen, die Seiten „Inhalte kompakt: Posttraumatische Belastungsstörung“ (LINK) zu lesen. Dort finden Sie auch viele Strategien, die Sie gemeinsam mit Ihrer Partnerin ausprobieren können. Desweiten, wenn es um die Depression geht, sind oft „Giftige Gedanken“ (LINK) eine mögliche Ursache. Auch dort könnten Sie hilfreiche Anregungen finden.

Ich wünsche Ihnen Kraft und Ausdauer für Ihren Weg.

Herzliche Grüße

Stefanie Rösch

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2 Kommentare

  1. Karin bird sagt:

    Hallo, ich habe im Dezember 2016 PTBS Typ2 und mittelgradige bis schwere Depression diagnostiziert bekommen. Der eigentliche Grund dafür liegt 30 Jahre zurück. Viele einschneidende Erlebnisse sorgten dafür, das ich körperlich und seelisch der Belastung nicht mehr Stand halten konnte/immer noch nicht kann. Es liegen laut Therapeutin mehrere Traumas vor, welche irgendwie zusammenhängen. Ich war 4 Wochen in einer multimodalen Schmerzklinik und 10+4Wochen in einer Traumaklinik. der 2. Aufenthalt Krisenintervention, kurz vor Selbstaufgabe. Ich bin völlig überfordert von den Flashbacks, dissotiativen Störungen, Schlaflosigkeit… Es kam zu Selbstverletzung und auch zu Suizidgedanken, was aber nach der Krisenintervention besser wurde. Ich weiß nicht, wann es endlich wieder aufwärts geht, arbeiten geht gar nicht mehr, es haben sich viele Ängste entwickelt, z.B. in Menschenmengen, meide Großstädte und bin am liebsten allein. Wegen den Medikamenten habe ich starke Einschränkungen. Seit Januar mache ich eine Psychotherapie. Wie lange soll das so weitergehen? Kaum geht es mir etwas besser, läuft mir ein Trigger über den Weg und ich falle wieder tief. Klar habe ich in der Klinik viel gelernt, aber es fällt mir sehr schwer, dass in die Praxis umzusetzen. Wie sehen die Erfahrungswerte aus? Die Seite ist sehr informativ. Vielen Dank Vorab und freundliche Grüße Karin

    1. Stefanie Rösch sagt:

      Hallo Karin,
      es ist tatsächlich ein langer, langer Weg raus aus den Beschwerden. Aus meiner Erfahrung hilft es nur, sich im Alltag jemanden zu suchen, der einen unterstützt, die Skills zu üben. Es hilft, weiter Traumatherapie zu machen, um die Erinnerungen auszusortieren, um mehr in der Gegenwart zu leben. Aber das wichtigste ist, nicht aufzugeben, sonderne jeden Tag einen Schritt zu gehen. Einfach jeden Tag weiterzumachen. Dafür wünsche ich Ihnen viel Kraft.

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